Ich schließe mich dem Urteil des Spiegels an. Religion stellt eine evolutionäre Fehlanpassung dar. Die Ressourcen jeder Art sind derart knapp bemessen - jedes Individuum muss Feinde, Beute und Paarungspartner sicher auseinander halten. Nicht existente Fantasiewesen zu ersinnen - dazu fehlt einfach die Zeit.
Und trotzdem. Die Ursprünge der Religion liegen eindeutig bei den Haustieren; den Tieren, die ein Mehr an Sicherheit für Anpassung an den Menschen eingetauscht haben. Unsere Katze beklagte sich bei uns, wenn sie Hunger hatte und wenn sie raus wollte. Die Gestik war aber genau die gleiche, wenn sie von uns verlangte, wir sollten als Wettermacher ' den Regen weg machen ' Und was anderes ist denn Religion als eine unzulässige Verallgemeinerung? Ein vorwissenschaftliches Denken - einer Katze würde man wissenschaftliche Abstraktion wohl am Letzten zutrauen - so nach dem Motto
"Es muss einen Gott geben, sprach der Goldfisch. Wer erneuert mir sonst das Wasser?"
Aber die Ursachen liegen ja weit näher. Wer im Glashaus sitzt.
Was tun denn Kinder, wenn sie spielen? Das Selbe wie in der heiligen Wandlung. In einem Akt der Transsubstantiation werden völlig leblose, unverbünftige Gegenstände zu belebten Personen. Bereits hier könnte man den berühmten Abendmahlsstreit aufwerfen. Wenn ich ein Kind fragen würde: ' ist ' die Babypuppe das Baby; oder ' bedeutet ' sie das Baby bloß? Die Übergänge sind durchaus dynamisch fließend.
Religion ist eine schwere Bürde; eine ökonomische Last. Natürlich wäre es besser, könnte man Kinder gleich vom ersten Tag an zu produktiver Arbeit anhalten. Es wäre unmenschlich; es geht eben nicht. Und genau da liegen die Wurzeln der Religion.
Dass das Spiel pädagogisch erwünscht ist, ist ja ein Gemeinplatz. Inzwischen haben psychologische Forschungen aber enthüllt, dass auch Träume ein unterstützender Faktor beim Lernen sind.
Und jetzt gehts ans Eingemachte. Ihr alle kennt die Story von Jeanne d ' Arc, der der hl. Michael den Auftrag gab, Frankreich zu befreien. Ich weiß heute, wie sich Johanna ' von Innen ' anfühlt. Ich habe zwei schwere schizofrene Schübe hinter mir.
Diese Erkrankung besteht genau darin, dass dir in Gestalt der Stimmen virtuelle Personen begegnen, die mit dir debattieren. Und aus dieser Erfahrung weiß ich eben: Denken könnte ja irgendwie gehen. Tut es aber nicht. Interne geistige Vorgänge vollziehen sich ausschließlich dialogisch. Comic oder Lenorwerbung:
"Wer bist denn du?" "Ich bin dein Gewissen."
Das heißt, diese virtuellen Wesen ' helfen ' auch dem geistig Gesunden bei der Entscheidungsfindung. Heinz Erhardt:
"Und da fragte ich mich: wie können Sie so etwas tun? Sie müssen nämlich wissen; ich bin mit mir immer per Sie."
Der Mensch geht wie alle Tiere ganz naiv aus von der Unterstellung einer objektiven Wahrheit der Sinneseindrücke und unterliegt damit Täuschungen. Es fällt eben vielen Menschen durchaus schwer, Gott als eine Abspaltung ihres psychischen Innenlebens zu begreifen. Gleich Kampffischen, die auf den Tod ihr eigenes Spiegelbild bekämpfen, ist es dem Menschen wohl nicht gegeben, Götter als bloß virtuelle Personen, als Spiegelungen des eigenen Unterbewusstseins, zu entschleiern.