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oliveriq
oliveriq (Rang: Student)

Warum ist "Der Vorleser" so beliebt?

Warum ist der Vorleser so beliebt und wurde in so viele Sprachen übersetzt worden? Ist er im Ausland auch so gut angekommen?

3 Antworten

339
SteveB79

SteveB79

Rang: Einsteiger (135)

6 Minuten nachdem die Frage gestellt worden ist (16.01.2006 14:40)

1

Auszug aus http://de.wikipedia.org/wiki/Der_Vorleser kopieren

"Kritik:
Ein Großteil der literarischen Kritik äußerte sich lobend zum Vorleser. Hervorgehoben wurde vor allem der präzise Stil Schlinks, die direkte Erzählweise und außergewöhnliche Art und Weise der Vergangenheitsbewältigung.

Rainer Moritz (Die Welt, 15. Oktober 1999) betonte, der Roman führe "den künstlichen Gegensatz zwischen Privatheit und Politik ad absurdum". Werner Fuld (Focus, 30. September 1995) schrieb in Hinblick auf den Vorleser, man müsse "große Themen nicht breit auswalzen, wenn man wirklich erzählen kann".

Für seine Methode der Beschreibung der NS-Verbrechen wurde Schlink von anderer Seite stark kritisiert und in Zusammenhang mit Geschichtsrevisionismus und Geschichtsfälschung gestellt. Jeremy Adler hob in der Süddeutschen hervor, Schlink betreibe "Kulturpornographie", indem in seinem Buch die "entscheidenden Motive von Schuld und Verantwortung sowie die Frage nach dem Verhältnis von persönlicher und staatlicher Macht" an Bedeutung verlören. Schlink "vereinfache" die Geschichte und zwinge zu einer Identifikation mit eigentlich schuldigen Tätern der NS-Zeit."

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54
IRehburg

IRehburg

Rang: Einsteigerin (203) | deutsch (15), Literatur (7)

57 Minuten nachdem die Frage gestellt worden ist (16.01.2006 15:30)

2

Unter http://pauker.at/deutsch/Diplomarbeiten/Bernhard+Schlink/Rezeptionsforschung.htm... kopieren
findet man u.A. Folgendes:

"Als Autor war Schlink lediglich Krimifreunden ein Begriff, und sein Roman "Der Vorleser" war alles andere als leichte Kost: Das heikle Thema Auschwitz wird darin mit einer gewagten Liebesgeschichte gekoppelt und zudem aus ungewohnter Perspektive erzählt. (Hage, 1999).

Doch das Buch entwickelt sich zum Verkaufsschlager. Seit seinem Erscheinen auf dem Buchmarkt 1995 ist es in 25 Sprachen übersetzt worden. Die deutschsprachige Auflage liegt über 500.000 Stück, in Frankreich erreicht die Auflage 100.000, in Großbritannien sogar 200.000 Stück (vgl. Kühner, 1999). Bemerkenswert ist der Erfolg des "Vorlesers" allerdings in den USA. Die im September 1998 erschienene, vergleichsweise bescheidene Erstauflage von 26.000 Stück ist in kurzer Zeit vergriffen. Grund dafür ist die Empfehlung des Buches durch die amerikanische Talkmasterin Oprah Winfrey. Diese hat vor vier Jahren in ihrer täglich ausgestrahlten Nachmittagssendung, mit der sie durchschnittlich acht Millionen Zuschauer erreicht, einen TV-Buchklub gegründet, um den Amerikanern das Lesen wieder näher zu bringen (vgl. Junghans, 1999). Ende Februar 1999 kündigt sie ihren neuen Tipp des Monats an: Der Vorleser "sei ein "Roman über Liebe und Geheimnisse" im Nachkriegsdeutschland, der nicht enttäuschen werde,..." (Winfrey zit. n. Junghans, 1999). Auf diese Vorankündigung hin schnellen die Verkaufszahlen in die Höhe, wie es zuvor auch schon bei den anderen Empfehlungen Winfreys der Fall gewesen ist. Am 30. März 1999 folgt der Auftritt von Bernhard Schlink in Oprahs Sendung, bei der er sich an einer Diskussionsrunde über sein Buch beteiligt (vgl. Hage, 1999). Durch die Wahl zum Buch des Monats in Winfreys Readers Club kann "Der Vorleser" den ersten Platz auf der New York Times- Bestsellerliste erringen (vgl. Krause, 1999).

Wenn der Durchbruch in den USA auch maßgeblich durch die Hilfe Oprah Winfreys herbeigeführt worden ist, so rechtfertigt die Qualität des Buches durchaus diesen Erfolg. Denn auch "die deutsche Literaturkritik zeigte sich für ihre Verhältnisse von dem flüssigen Erzählwerk äußerst angetan, das Buch wurde von begeisterten Lesern weiterempfohlen..." (Hage, 1999)."

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265
Marc-Pentermann

Marc-Pentermann

Rang: Einsteiger (203) | deutsch (38), Literatur (18), lesen (11)

8 Stunden nachdem die Frage gestellt worden ist (16.01.2006 21:44)

3

Ich wage mal eine sehr provokante These:
Der Vorleser ist deshalb so beliebt, weil er eine Erklärung und eine Rechtfertigung für die Täter des Holocaust liefert, von der man sich persönlich nicht angesprochen fühlt.

Das bedarf sicherlich einer Erklärung. Die (Mit-)Täterschaft Hanna Schmitz wird durch ihren Analphabetismus erklärt. Ihr brutales Verhalten wird nur in Verbindung mit ihrem Analphabetismus deutlich. So schlägt sie Michael in einer Szene mit einem Gürtel, weil er fort war und ihr einen Zettel hinterliess, den sie nicht lesen konnte. Im Konzentrationslager liess sie diejenigen ermorden, die von ihrem Analphabetismus wußten. Erst ihre Überwindung des Analphabetismus während ihrer Haftzeit ermöglicht ihr die Tragweite ihrer Tätigkeit als KZ-Wärterin zu erkennen und sie zu bewerten. Ist nun der Leser (!) des Buches somit eben nicht in der Lage, solche unvergleichlichen Verbrechen zu begehen? Ist er daher nicht "befreit" von der Möglichkeit ebenfalls solche Verbrechen zu begehen? Und bietet nicht die sympathische Schilderung der geläuterten Hanna im letzten Kapitel des Buches eine Identifikation mit ihr erst an, bei gleichzeitigem Beschreiben der Unfähigkeit Michaels darauf zu reagieren?

Wie sehen die Figuren im letzten Kapitel aus? Hanna ist geläutert, sie sühnt durch ihren Freitod und das Stiften ihres Knast-Arbeitslohns für eine Holocaust-Überlebende. Eben diese wird in keinster Weise symphatisch dargestellt, sowohl Michael als auch der Leser erleben sie als distanziert, kühl, berechnend und unpersönlich. Michael bleibt als trauriger Verlierer, der unfähig ist eine Beziehung einzugehen und immer noch in Erinnerungen an die frühe Beziehung mit Hanna schwelgt.
Als positive Idenfikationsfiguren bietet sich im letzten Kapitel eigentlich nur die geläuterte Hanna an, die als größtes Sühneopfer ihr eigenes Leben darbringt.

Wie gesagt, diese These ist sehr provokant und blendet gerade im letzten Kapitel auch die Beziehung zwischen Hanna und Michael aus, aber ich halte sie dennoch für wenigstens diskussionswürdig.

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