Anzeige




Neueste Antworten

817637
nikoweird
nikoweird (Rang: Juniorprofessor)

Was ist der Unterschied zwischen Moderne und Postmoderne?

Was ist an der Postmoderne anders als an der Moderne? Und was sind die Maßstäbe, die eine Abgrenzung zulassen?
Es wäre schön, wenn die Antwort nicht zu lang ist, sondern einsichtig.
Danke

3 Antworten

835946
Unihocker

Unihocker

Rang: Einsteiger (20)

7 Tage nachdem die Frage gestellt worden ist (03.04.2010 01:20)

1

Die Moderne:

Die Moderne, wie wir sie hier verstehen, umfasst eine Epoche von ca. 500 Jahren, nämlich die Zeit von der Renaissance (Beginn des 16. Jahrhunderts) bis rund zum Ende des 20. Jahrhunderts. Was kennzeichnet nun die Moderne?


Kennzeichen des „modernen" Zeitalters:

Universale Wahrheit und Objektivität

Die Moderne - vor allem die Aufklärung ging davon aus, dass es universale Wahrheiten gibt, die für jeden gelten, egal ob sie nun naturrechtlich oder theologisch begründet werden. Diese Wahrheit kann objektiv erkannt werden, wenn sie klar genug dargestellt bewiesen wird. Das Ziel ist Übereinstimmung der Erkenntnis.


Rationalität und Wissenschaftlichkeit:

Die Welt ist begreiflich und vernünftig. Das Hauptorgan der Erkenntnis ist der Verstand. Er ist zu objektiver Erkenntnis fähig und muss immer mehr daraufhin trainiert, d.h. von störenden Faktoren befreit werden. Das ist vor allem die Aufgabe der Wissenschaft als Schiedsrichter der Wirklichkeit; das Wissen, das sie hervorbringt, ist wahr (bzw. nähert sich der Wahrheit maximal an). Wertfreiheit und Objektivität sind ihre Ideale.


Klassische Logik:

Die Logik der Moderne ist gradlinig und eindimensional und lebt vor allem vom Entweder-Oder: Zwei Aussagen können nicht gleichzeitig richtig sein, wenn sie sich widersprechen. Man muss immer versuchen, Widersprüche aufzuheben und zu versöhnen


Der Glaube an eine Ordnung und an Gesamtentwürfe:

Es gibt eine Ordnung, die sich z.B. im Recht niederschlägt. Eine große Aufgabe der Moderne ist es darum, das Chaos zu ordnen und zu befrieden. Ebenfalls glaubt sie an große Ziele und Gesamtentwürfe, die die Gesellschaft teilt (wie z. B. Ehre, Vaterland usw.) Die Moderne, vor allem das 19. Jahrhundert, ist darum die Zeit der Ismen: Rationalismus, Humanismus, Marxismus, Sozialismus, Faschismus, Liberalismus, Kapitalismus, Nationalismus - alles Lehren, die davon ausgehen, dass sich die Wirklichkeit unter einem Aspekt befriedigend erklären und ordnen lässt.
Singularität



In der Moderne gilt das eine große Ding. Leadership, der eine Sänger, die eine Wahrheit. Man weiß zwar, dass man Dinge auch anders sehen könnte, verteidigt aber das Eine, das man selbst sieht. Worüber hat die Kirche sich in den letzten 500 Jahren gestritten? Es waren vor allem Lehrfragen. Man glaubt das Rechte, und in der Praxis bedeutet das: Es gibt nur eine richtige Art, das zu glauben. Wenn du nicht glaubst wie ich, müssen wir das irgendwie klären.


Der Glaube, dass Sprache rational und transparent ist:

Die Sprache bedeutet in der Moderne genau das, was sie sagt. Exakte Kommunikation ist möglich bzw. wird angestrebt. Wenn wir uns nur von allen störenden - d.h. subjektiven Faktoren reinigen, sollten wir uns objektiv verstehen können.


Dauerhaftigkeit:

Was der Mensch erbaut und erstellt, muss dauerhaft sein, seien es Gedankengebäude, Strukturen oder Häuser. Weil Wahrheit ewig und immer gleich ist, müssen auch die irdischen Ausdrucksformen davon von Dauer sein. Weil „objektive Wahrheiten" universal gültig sind, ist es ein Ziel der Moderne, dass z. B. Gebäude oder Marken überall auf der Welt gleich sind. Die Häuser Le Corbusiers sollten überall stehen können. Und McDonalds ....


Ergänzung vom 03.04.2010 01:25:

Die Postmoderne ab ca. 1970:

Der Begriff bezeichnet eine neue Denkweise, die den Optimismus, die Vernünftigkeit, die Einheit und die Ziele der modernen Kultur kritisch hinterfragt und zum Ergebnis kommt, dass das alles nur „Konstruktionen" sind. Die Wirklichkeit ist anders: zersplittert, widersprüchlich, subjektiv, chaotisch. Die postmoderne Wirklichkeits-Schau ist darum zunächst eine „Dekonstruktion" der selbstverständlichen Denkvoraussetzungen der Moderne. Warum soll der Mensch eine Einheit sein? Warum sollen wir große, gemeinsame Ziele anstreben, wenn doch die nächste Ferienreise vor der Tür steht? Schon Brecht stellte fest „erst kommt das Fressen, dann die Moral".

Und warum sollten wir annehmen, was uns die Politiker, Wissenschaftler und andere Weltverbesserer versprechen - dass nämlich die Welt besser wird? Wer weiß überhaupt, was besser ist? Die Moderne hat auf diese Fragen keine Antwort.

Die Postmoderne macht die Not der Moderne zur Tugend: Jeder muss / darf / soll in jedem Augenblick selbst entscheiden, was für ihn richtig ist. In einer globalisierten Welt mit Dutzenden von Kulturen, die miteinander im Austausch stehen und in denen wir uns abwechselnd bewegen, geht es nicht mehr an, dass eine Kultur die allein gültigen Antworten gibt. Wir können nicht mehr fragen „wer hat recht und wer nicht". Postmoderne fragen stattdessen eher „welche Ansätze geben mir die besseren Antworten?" Im Folgenden sind einige deutliche Unter schiede zwischen der Postmoderne und der Moderne aufgeführt, die nicht zuletzt für die Gestaltung unseres christlichen Lebens und Arbeitens von Bedeutung sind:

Das Subjekt ist entscheidend - wenig Interes se an Objektivität:

Ich bin der, der die Welt auf eine bestimmte Art wahrnimmt. Das ist das einzig Wichtige. Die Postmoderne macht mit der Tatsache Ernst, dass zu einer Botschaft immer drei Dinge gehören: der Sender, die Botschaft und der Empfänger. Der Empfänger entscheidet, was ihm wichtig ist. Damit hat in der Postmoderne der Einzelne viel mehr Verantwortung, welche Wahrheit er für sich annehmen will.

Weiter interessiert ihn nicht nur, was jemand zu sagen hat, sondern vor allem, in welcher Situation diese Botschaft entstanden ist und wie der Redende sich jetzt fühlt. Er hat ein Ja zu der (nicht neuen) Erkenntnis, dass alle Wahrheiten (auch z. B. theologische Aussagen) einen Sitz im Leben haben und davon wesentlich mitbestimmt werden. Er ist aber auch bereit, zu geben, d. h. aktiv zu etwas beizutragen. Darum sind partnerschaftliche Beziehungen statt einseitiger Abhängigkeiten wichtig.


Keine Große Erzählung mehr:

Der postmoderne Mensch glaubt nicht mehr an die eine Ordnung oder den einen Gesamtentwurf. Große Worte und Pathos sind ihm zutiefst verdächtig. Sämtliche Ismen (zu denen auch das Christentum gezählt wird) als einziges Erklärungsmodell lehnt er ab. Er braucht viele Erzählungen, um die Wirklich keit auf vielerlei Art zu beleuchten.

Skepsis statt Optimismus:

Im letzten Viertel des 20. Jahrhundert hat der Otimismus der Moderne einer tiefen Skepsis Platz gemacht. Professioneller Optimismus, Glaube an Fortschritt und Perfektion ist verdächtig, ebenso allzu strahlend vorgebrachte Überzeugungen; man traut denen nicht mehr, die behaupten, für alles gäbe es eine Lösung.

Neue Logik:

Im Denken des postmodernen Menschen werden Widersprüche bis zu einem gewissen Grad durchaus integriert. Die Logik ist nicht mehr das einzige Kriterium für Wahrheit. Das Paradoxe als Teil unserer Wirklichkeit wird geschätzt. Nicht die Unterschiede, sondern die Gemeinsamkeiten werden betont.


Ergänzung vom 03.04.2010 01:28:

Ablehnung von Negativem:

Postmoderne Menschen betonen das Recht, eine ganz andere Meinung zu haben. In einer Zeit nach dem Holocaust verstehen sie, dass Subkulturen und Volksgruppen ausgerottet werden können, wenn sie nicht geschützt werden. Da, wo der moderne Mensch kämpferisch für eine Idee eintritt, ist der postmoderne tolerant bis zum Extrem. Das bedeutet nicht, dass postmoderne Menschen keine Absoluta mehr haben (ein häufiges Missverständnis). Ihre Ethik ist nur anders als die der Moderne. Versuchen Sie einmal, einen geschützten Baum umzusägen oder eine Kanne Altöl am Strand auszuleeren, und schauen Sie, wer protestiert.

Ein dynamisches Weltbild:

Statt eines Standpunktes spricht ein postmoderner Mensch eher vom Weg, auf dem er ist.

Die Pilgerreise - inklusiv der Erfahrung des
Unterwegs-Seins - ist das Symbol des Glaubens eines postmodernen Menschen.

Spiritualität und Rationalität:

... sind keine Gegensätze. Der postmoderne Mensch weiß, dass der Verstand allein die Welt nicht adäquat erfassen kann und ist darum sehr offen für spirituelle Führer. Man lebt viel ganzheitlicher als der rationalistisch geprägte Mensch der Moderne. Erfahrbarkeit ist wichtiger als rationelle Einsichtigkeit. Der postmoderne Mensch ist intelligent, aber nicht unbedingt im rationalistischen Sinn.

Mit dem Chaos leben:

Statt Ordnung um jeden Preis herzustellen, lernen postmoderne Menschen, das Chaos zu surfen. Wer diese Kunst beherrscht, wird kaum untergehen. Wer Ordnung als höchstes Lebensprinzip hat, wird zunehmend in Stress geraten.

Gemeinschaftlichkeit:

Der Mensch der Moderne ist Individualist, der postmoderne Mensch Individualist in Gemeinschaft. Beziehungen sind entscheidend wichtig. Der postmoderne Mensch ist in der Regel erst bereit, jemandem zuzuhören, wenn er eine Beziehung zu ihm hat. Auch bei einer Rede oder einer Predigt fragt er, in welcher Situation der Redende jetzt steht bzw. diese Rede abgefasst hat. Unschwer erkennbar sind die meisten Ausdrucksformen des evangelikalen Christseins - einschließlich dessen, was man landläufig „Gemeinde" nennt - ein Produkt der Moder ne. Es ist daher völlig verständlich, dass viele Werte der Postmoderne als Bedrohung der etablierten Christlichkeit empfunden werden. Es scheint mir für die Kirche überlebenswichtig, den postmodernen Wertewandel als Chance zu begreifen (und zwar durchaus prophetisch-kritisch) und neue Ausdrucksformen des Glaubens zu entwickeln, die übrigens in vielem erstaunlich den ganz alten ähneln.

3 Kommentare

321986
gelaX
gelaX

Jetzt fehlt nur noch die Quellenangabe.
Oder ist der Text von Dir?

835946
Unihocker
Unihocker

http://bibelarbeit.privat.t-online.de/themen/p_Moderne%20und%20Postmoderne_%20wo... kopieren


sry hab ich vergessen in der eile gestern abend

Mfg
unihocker

wie man merkt und sieht bin ich komplett neu hier ich bitte um nachsicht...

321986
gelaX
gelaX

Kein Problem... das passiert des öfteren.
Sollte nur keine Gewohnheit werden ;-)

Dein Kommentar zu dieser Antwort

Noch nicht registriert bei COSMiQ?
Melde dich hier an!

Bewertung:

hilfreich

Gute Antwort meinen:

letzte 10 Meinungen:

[Fenster schließen]
3

Als gute Antwort bewerten

Kommentare zur Antwort:

3

3 Kommentare

321986
gelaX

gelaX

Rang: Mileva Einstein5 (69.323) | Geschichte (998), Philosophie (458), Wissenschaft (85)

65 Minuten nachdem die Frage gestellt worden ist (27.03.2010 01:55)

2

Man kann es ganz einfach und kurz so sagen:
Die Moderne ist prinzipiell auf die Zukunft ausgerichtet.
Die Postmoderne reflektiert das Hier und Jetzt.

0 Kommentare

Dein Kommentar zu dieser Antwort

Noch nicht registriert bei COSMiQ?
Melde dich hier an!

Bewertung:

hilfreich

Gute Antwort meinen:

letzte 10 Meinungen:

[Fenster schließen]
2

Als gute Antwort bewerten

Kommentare zur Antwort:

0

Kommentar abgeben

706515
illegat

illegat

Rang: Clara Schumann (7.809) | Geschichte (100), Philosophie (22), Wissenschaft (7)

29 Minuten nachdem die Frage gestellt worden ist (27.03.2010 01:18)

3

0 Kommentare

Dein Kommentar zu dieser Antwort

Noch nicht registriert bei COSMiQ?
Melde dich hier an!

Bewertung:

hilfreich

Gute Antwort meinen:

letzte 10 Meinungen:

[Fenster schließen]
1

Als gute Antwort bewerten

Kommentare zur Antwort:

0

Kommentar abgeben

Diese Frage ist bereits geschlossen, daher sind keine Antworten mehr möglich. Du kannst jedoch einzelne Antworten kommentieren oder einen Kommentar hinterlassen.

Diese Frage:

  • Kommentare

 

Das könnte Dich auch interessieren:

Nicht gefunden wonach Du suchst?

Dann stelle Deine Frage doch schnell und kostenlos!