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hhuelsmann
hhuelsmann (Rang: Nobelpreisträger)

Political Correctness. Wo und wann nervt sie Euch, wo und wann ist sie Euch wichtig?

Gesucht sind konkrete Beispiele.

Top ist nur, wer ein konkretes Beispiel für beide Fälle (die "gute" und die "doofe" political correctness) geben kann.

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2 Antworten

31404
Labradorine

Labradorine

Rang: Chien-Shiung Wu (8.451) | Sprache (1.209), Political Correctness (18)

26 Stunden nachdem die Frage gestellt worden ist (10.07.2007 00:00)

1

Hallo hhuelsmann!

Eine feine Frage, denn über political corectness habe ich heute noch drüber nachgedacht!

Mich nervt political correctness dann, wenn ich den Eindruck gewinne, dass sie aufgesetzt ist, also beispielsweise bestimmte sprachliche Ausdrücke nur verwendet werden, um vor den Bürgern als potentiellen Wählern auch möglichst gut dazustehen.

Manche politisch korrekten Begriffe empfinde ich als künstlich und aufgesetzt.

Mein Lieblingsbeispiel ist in diesem Zusammenhang die Verwendung der Begriffe "Mensch mit Behinderung" oder "behinderter Mensch", was sich für mich unnatürlich und salbungsvoll anhört. Da ich behinderte Freunde habe, weiß ich, dass diese sich durchaus an behindert ansehen und sich auch als Behinderte bezeichnen.

Ich persönlich würde daher meine Freunde nicht als "Menschen mit Behinderung" betiteln. Zum einen klingt das so, als sei die Behinderung irgendwie an die Person "angeklebt", zum anderen würde ich mich mit dieser salbungsvollen Sprache unwohl fühlen und meine Freunde würden mich ggf. auch komisch angucken.

Als gutes Beispiel kann ich nicht einfach etwas in den Raum stellen, denn gute Beispiele für politische Korrektheit (schreibt sich einfacher als "political correctness") sind meiner Ansicht nach immer situationsbezogen.

Wenn ein Redner beispielsweise von "Sehr geehrte Bürger und Bürgerinnen" spricht, so halte ich das für durchaus sinnvoll und gut, wenn in dem Raum Männer und Frauen anwesend sind und man den Eindruck bekommt, dass er diese Anrede auch ernst meint (und nicht nur wegen der politischen Korrektheit benutzt). Ich bin keine Feminististin und fühle mich auch mit "Bürger" angesprochen, doch mittlerweile denke ich - im Gegensatz zu früher - dass man ab und zu auch durchaus mal sprachlich bewusst machen kann, dass das weibliche Geschlecht auch mit von der Partie ist. Man muss es sprachlich ja nicht übertreiben.
Früher kam es bei Gremien vor, dass auch dann von "Kandidaten" gesprochen wurde, obwohl nur Frauen bei der Wahl antraten. So etwas muss nicht sein.
Allerdings muss man, wie gesagt, auch nicht übertreiben. Ohnehin zeichnet sich im Sprachgebrauch mehr und mehr folgender Trend im politisch korrekten Sprachgebrauch in Bezug auf das Geschlecht ab:
Sind konkrete Personen gemeint, so heißt es beispielsweise "Es waren mehrere Lehrer und Lehrerinnen anwesend.", geht es hingegen um die Rolle, so wird nur die männliche Form genannt: "Der Lehrer an sich ist eine Respektsperson." (Ist nur ein Beispiel...)

Viele Grüße
Labradorine

2 Kommentare

802
hhuelsmann
hhuelsmann

Hi Lbradorine. Die Behinderten als ein Beispiel für bevorzugte Objekte der political correctness finde ich super.

Ich habe lange nebenher in Bethel (Dir ein Begriff?) in einem Heim für mehrfachschwerst-Behinderte gearbeitet. Früher waren die Leute da "Patienten". Als ich anfing, waren sie schon zu "Bewohnern" aufgestiegen (Was ich noch gut finde. Schließlich wohnen die da und sollen nicht kuriert werden). Dann wurden sie innerhalb weniger Jahre erst zu "Klienten" und nun zu "Nutzern". Im Gegenzug zur Adelung als autonome "Bethel-Nutzer" (So heißt das wirklich!), was an sich schon ein Popanz ist, da diese Menschen eben nicht autonom in ihren Entscheidungen sind und keine Wahlmöglichkeiten haben (Die haben höchstens die gesetzlichen Betreuer und nehmen sie praktisch nicht wahr), sind dafür die Stellen für das Betreuungspersonal innerhalb weniger Jahre locker um 30% reduziert worden.
Toller Tausch für die "Nutzer"!

31404
Labradorine
Labradorine

Hallo hhuelsmann!

Ja, Bethel ist mir ein Begriff.

Das Schlimme ist noch, dass gerade Heimbewohnern mitunter diese neuen Begrifflichkeiten eingetrichtert werden. Schon alleine durch ihr Leben im Heim - sie sind also fast immer von denselben Menschen und somit auch denselben Gedanken umgeben - können sie sich gar nicht damit auseinandersetzen, ob sie das Wort "Behinderter" selbst so schlimm finden.

Natürlich kann dies auch nicht jeder Behinderte intellektuell reflektieren, doch denen, die es könnten, wird die Möglichkeit durch die "Indoktrination" der Betreuer genommen, weil man ihnen immer nur die eine Sicht darstellt. Da heißt es dann zwar "Nutzer" oder "Mensch mit Behinderung", aber im Prinzip sind viele behinderte Menschen in Heimen immer noch Objekte, die nur eine neue Wortwahl kennen, aber keine praktischen Verbesserungen dadurch. Es ist krass, was in manchen Heimen in Deutschland abgeht. Ich bin nicht grundsätzlich gegen Heime, denn es gibt ja auch gute und für manche Leute werden Heime geeignete Lebensmöglichkeiten bieten. Diese soll man ihnen nicht nehmen (zumindest nicht ohne vernünftige Alternativen!). Aber gerade aufgrund des niedrigen Personalschlüssels ist das Klima in manchen Heimen oft mies und es reicht doch nur für rasche Arbeit und "satt und sauber".

Kennst du "People First", den Verein für selbstbestimmtes Leben von geistig Behinderten, in denen sich geistig Behinderte selbst vertreten? Seit einigen Jahren wird dort propagiert, geistig behinderte Menschen als "Menschen mit Lernschwierigkeiten" zu titulieren. Ich habe dies auf der Website gesehen und fand diese Bezeichnung völlig schwachsinnig. Für mich ist das zu nah an den Lernbehinderten (bzw. in der Schule heißt es politisch korrekt: Schüler und Schülerinnen mit dem Förderschwerpunkt Lernen). Zudem fand ich den Begriff "geistige Behinderung" nie negativ, wenngleich das natürlich nicht gerade die tollste Bezeichnung ist.

Ich habe mal durch Zufall ein schönes Stichwort in der Wikipedia gefunden, der genau das ausdrückt, was ich meine - die "Euphemismus-Tretmühle":
http://de.wikipedia.org/wiki/Euphemismus-Tretm%C3%BChle kopieren

Mit der Zeit nutzt sich alles wieder ab...

Da hätten wir im Angebot:
- ******* (von der Krüppelbewegung etc. auch durchaus positiv benutzt/umdefiniert) - Behinderter - Mensch mit Behinderung/behinderter Mensch

- Hilfsschule - Sonderschule - Förderschule
- verhaltensgestört/verhaltensauffällig/erziehungsschwierig - verhaltensoriginell (habe ich mal so in einer Stellenanzeige gesehen) - Schüler mit dem Förderschwerpunkt soziale und emotionale Entwicklung
- etc.

Manche Wörter sind einfach zu lang, so dass die Leute doch wieder die alten Bezeichnungen nehmen oder die neuen nicht mehr verstehen (siehe letztes Beispiel). Und außerdem werden sich auch die neuen Begriffe wieder abnutzen, denn Behinderung ist nun mal immer "weniger" oder zumindest "anders" als eine Nichtbehinderung.

Ich nehme immer ein Mix von Begriffen - ich will nichts verkünsteln und stocken, sondern rede so, wie es mir gerade einfällt. Sa sage ich mal "behindert", mal "Behinderung" oder "Behinderter" oder auch mal "behinderter Mensch" oder "Mensch mit Behinderung". Nur "*******" sage so gut wie nie. Dieser Begriff ist mir unangenehm und ich finde, wenn ihn ein Behinderter "mag", dann kann er ihn nur selbst verwenden.

Viele Grüße
Labradorine

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30544
MichelGausS

MichelGausS

Rang: Bachelor (844) | Sprache (7)

3 Tage nachdem die Frage gestellt worden ist (11.07.2007 09:11)

2

Interessant. Ich glaube, das mich Political correctness meistens nervt. Aber das liegt wahrscheinlich daran, das ich vieles, was als pc betitelt wird einfach als Heuchelei empfinde. Man sagt Dinge, die man nicht meint oder man sagt Dinge nicht, von denen man überzeugt ist, nur damit man vor anderen Leuten gut dasteht. Dabei geht es gar nicht darum, ob es richtig ist oder nicht, sondern man macht es einfach nicht.
Pc hat für mich über die Jahre hin die Bedeutung bekommen: Ja nur nicht anecken. Und sowas finde ich schwach. Wenn ich eine Meinung habe dann sollte ich dazu stehen, und wenn ich keine Ahnung habe, dann bin ich halt mal ruhig und sage nichts.
In diesem Sinne finde ich pc wirklich schlecht und sie stört mich, gerade wenn Politiker dem Volk mal wieder Honig ums Maul schmieren.

Was anderes ist es natürlich, wenn man die Höflichkeit betrachtet. Und ich denke, hier ist der Unterschied zwischen Labradorines Ansichten und meiner. Für sie ist pc ungefähr das, was für mich wahrscheinlich die Höflichkeit ist. Und diese finde ich meistens sehr angenehm. Sie nervt mich nur dann, wenn in einer Situation alle richtig Höflich sein wollen und sich dann im Wege steht. Z.B. wenn man vor einer Tür steht und keiner geht hinein, weil jeder dem anderen den Vortritt lassen will (Hab ich schon erlebt). Oder wenn man so höflich ist, das keiner mehr sagt was er wirklich denkt, wobei wir dann schon wieder bei pc wären.
Man könnte also sagen, das mich Höflichkeit immer dann nervt, wenn sie aufgesetzt oder überzogen ist. Ansonsten kann ich mich weitgehenst Labradorine anschließen.

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