Ade“ hast Du sicher schon gehört: Wenn Du im Südwesten von Deutschland wohnst, ist dieser Gruß beim Abschied recht alltäglich; in Norddeutschland hingegen klingen „Ade“ oder gar „Adele“ heute doch sehr nach fremdem Dialekt, und auch „Adieu“ kommt uns irgendwie ein wenig exotisch daher. Aber handelt es sich bei „Ade“ nicht einfach um eine mundartliche Abwandlung von „Adieu“? Und haben „Ade“, „Adieu“ und „Adele“ nicht sowieso dieselbe Bedeutung? Zweimal nein! Es gibt Unterschiede nicht nur zu anderen Abschiedswörtern, sondern sogar untereinander. Warum klingt „Ade“ in unseren Ohren immer auch ein wenig wehmütig, „Adele“ eher jugendfrisch und „Adieu“ dagegen etwas gehoben-literarisch? Alle drei Ausdrücke haben ihre eigene, ereignisreiche und auch abenteuerliche Geschichte. Es ist zugleich ein Stück Kulturgeschichte. Und die kann man noch heute in ihren unterschiedlichen Bedeutungen finden.

Die Entstehungsgeschichte von „Ade“

Unterschiedliche Herkunft von „Adieu“ und „Ade“

Beginnen wir mit der Herkunft von „Adieu“. Erst im 17. Jahrhundert gelangte „Adieu“ in den deutschen Sprachgebrauch. Es stammt aus französisch „adieu“. Das wiederum kam aus dem altfranzösischen Abschiedssegen „a Dieu“. Und das stammt aus dem Lateinischen „ad deum“. Daher leitet sich auch die ursprüngliche Bedeutung all dieser Ausdrücke ab, nämlich „zu Gott“, also sinngemäß „Gott befohlen“. Aus einem religiösen, lateinischen Abschiedssegen wurde also ein weltlicher Abschiedsgruß. Heutzutage empfindet kaum jemand eine solche Verabschiedung mit „adieu“ als besonders religiös.1

Der Minnegesang transportierte Geschichten, Bilder und Sprache grenzübergreifend in Europa
Schon mit dem Minnegesang des Mittelalters gelangte „Ade“ in den deutschen Sprachraum

Aber „Ade“ stammt nicht von diesem „Adieu“ ab.2Ade“ gelangte schon fast ein halbes Jahrtausend früher in die deutsche Sprache, nämlich schon in das Mittelhochdeutsche. Und zwar über das nordfranzösische „adé“, mit selber Ursprungs-Bedeutung. „Ade“ ist sogar der älteste im Deutschen überlieferte Abschiedsgruß überhaupt, nachgewiesen um 1210 in der Aufzeichnung eines Minnegesangs. Dort ist er noch ein religiöser Abschieds-Segen.3

Gesellschaftlicher Hintergrund

Wie sah es zu dieser Zeit im deutschen Sprachraum aus? Die Frage ist sinnvoll, um zu verstehen, warum und in welchen Bevölkerungsgruppen sich „ade“ hier ausbreitete. Die Zeit des Mittelhochdeutschen, etwa 1050 bis 1350, ist geschichtlich die Periode des Hochmittelalters. Das war eine sehr dynamische Epoche mit vielen Neuerungen und Umbrüchen. Auf dem Land wuchs die Bevölkerung stark an. Die Lehensherren und meist abhängigen Bauern intensivierten die landwirtschaftliche Produktion mit verbesserten Methoden. Und sie schufen massiv neue Anbauflächen – nicht zuletzt auf Kosten der Wälder, die ca. 4/5 der Fläche bedeckten. Auch die Städte wuchsen und erstarkten. Dort entwickelten und organisierten sich die Handwerkszünfte und der Handel, auch über die Grenzen des deutschen Sprachraums hinaus. Klosterschulen und gar erste Universitäten wurden gegründet. Vermehrt wendete man die Erkenntnisse der Mechanik an, zum Beispiel beim Bau der Mühlen.

Realitätsferne Inszenierung der Eroberungskriege / Kreuzzüge als romantischer Aufbruch und Abschied
Kreuzzug – hier nachträglich romantisch als Aufbruch und Abschied inszeniert. Die von den Überfällen betroffenen Länder sehen das bis in die heutige Zeit deutlich anders.

Durch das Handwerk und den erweiterten Handel gewann Geld an Bedeutung. Es verdrängte, selbst auf dem Land, die Bezahlung in Naturalien. Der große Verlierer dieser Entwicklung war der Stand der Ritter, der auf und von dem Land lebte, vornehmlich von Abgaben. Er verlor an materiellem Reichtum, an sozialem Ansehen und an Einfluss auf das Geschehen des Landes. Daher versuchte der Ritterstand, seinem Abstieg materiell und ideell entgegenzuwirken. Materiell durch Kreuzzüge,4 ideell vor allem durch den Minnegesang. Der Minnegesang war ebenfalls ein Import aus dem französischsprachigen Raum. Grenzüberschreitend fahrende Sänger trugen ihre jeweils örtlich angepassten Verse an den ritterlichen Höfen vor. Sie priesen dort vornehmlich Tugend und Schönheit der Damen. Die Ritter wurden in diesen Liedern und Erzählungen zu einem feinfühligen, edlen und kulturtragenden, eben „ritterlichen“ Stand stilisiert. In den Gesängen bewiesen sie zu Ehren der Damen in Abenteuern mit Drachen und Menschen Mut und Gesinnung. Klar, dass diese Minnelieder nicht nur Inhalte und Geschichten, sondern, ebenso wie die Händler, auch Wörter und Wendungen wie eben das „Ade“ in die Länder des deutschsprachigen Raums mitbrachten.5

Werdegang von „Ade“: von der Hochsprache zum regionalen Ausdruck

Entwicklung einer allgemeinen deutschen Hochsprache

Buchdruck als Medium der massenhaften Verbreitung von Texten
Buchdruck und Bibel gelten als Grundstock für eine einheitliche Hochsprache

Damals und noch viele Jahrhunderte später gab es keine allgemeingültige, einheitliche deutsche Hochsprache, wie sie heute etwa von Tagesschausprecherinnen oder Callcentern verbreitet wird. Sondern es gab viele regionale Sprachvarianten und Dialekte. Erst das 16. Jahrhundert brachte einen großen Schub für die Vereinheitlichung der „gebildeten“ Hochsprache. Damals übersetzten Luther und seine Mitarbeiter die Bibel aus dem Griechischen (Neues Testament) bzw. Hebräischen und Aramäischen (Altes Testament) ins Deutsche. Zuvor stand den Gläubigen nur eine lateinische Fassung der Bibel zur Verfügung.6 Durch die Erfindung des Buchdrucks konnte man die deutschsprachige Bibel ungleich weiter verbreiten als alle Bücher zuvor. Für den deutschen Bibeltext verwendeten Luther und seine Mitarbeiter die „Wettiner (Wittenberger) Kanzleisprache“. Sie war als Verwaltungssprache schon fast im gesamten deutschen Sprachgebiet bekannt – bis auf den äußersten Süden. Aber dahin gelangte dann auch die Luther’sche Bibel kaum. Bislang war dieses Kanzleideutsch in vielen kaiserlichen und kurfürstlichen sowie städtischen Verwaltungsorganen gebräuchlich, vor allem in der Schriftsprache. Mit der Bibel gelangte diese Einheitskanzleisprache auch in viele Häuser der einfacheren Leute.7

„Ade“ und „Adieu“ als französische Botschafter in der deutschen Kultursprache

Unser „Ade“ wurde noch zur Zeit von Goethe und Schiller, also der literarischen deutschen Klassik (18. bis Anfang 19. Jahrhundert), ganz selbstverständlich benutzt. Es war überregional und in allen Schichten verbreitet, als bodenständiger Ausdruck des Abschieds zwischen vertrauten Personen. So verwendete Goethe z.B. gern „ade“ in seinen privaten Briefen an die ausgesprochen gebildete Charlotte von Stein, eine herzogliche Hofdame.

Aber schon vorher, im 17. Jahrhundert, bekam das mehr volkssprachliche „Ade“ auch Konkurrenz: durch das so ausdrücklich französisch ausgesprochene „Adieu“.8 Damals erstarkte das Bürgertum als gesellschaftliche Klasse. In diesen Kreisen galt Französisch als Beweis höherer Bildung. Und so bediente man sich im gepflegten Gespräch häufig und gern des Französischen. Damit konnte man sich „kultiviert“ vom einfachen Volk abgrenzen und seine gehobene soziale Stellung betonen. Das Deutsche oder gar Mundartliches galt dort eher als grobschlächtig.9 Nicht zuletzt war das Französische ein probates Mittel, in seinen Gesprächen – etwa über delikate Familiendinge – von den Dienstboten nicht verstanden zu werden. Diese Blütezeit des Bürgertums war auch die Blütezeit des „Adieu“ im Deutschen.10

Kriegerischer Nationalismus schickt „Ade“ mit seiner Cousine „Adieu“ in die Verbannung

Aber mit dem gutbürgerlichen „Adieu“ hatte es 1914 ein disruptives Ende: Als das Deutsche Reich im 4. Jahrzehnt nach seiner Gründung den Ersten Weltkrieg begann, wollte man auch die sprachlichen Elemente des verhassten Feindes Frankreich ausmerzen. Vorher gebräuchliche Bezeichnungen wie Café, Coiffeur, Trottoir, verschwanden fast über Nacht aus dem Straßenbild und dem Sprachgebrauch. Sie und viele andere galten nun offiziell als Ausdruck „undeutscher“ Gesinnung. Und besonders gegen das „Adieu“ gab es eine regelrechte Kampagne unter dem Motto „Deutsch sei der Gruß“.

Ein Propaganda-Vers spielte auf ein schon damals weit verbreitetes Volkslied an. In ihm verbindet sich noch das volkssprachliche „Ade“ mit „Scheiden tut weh“11: „Als Abschiedsgruß sag nie „Adieu“, das tut dem deutschen Herzen weh“, verbreitete man etwas geknittelt sogar auf Postkarten.12

Abschied in den Krieg, verharmlost als lustige Puppen-Inszenierung (Käthe Kruse)
Abschied in den Krieg – „lustige“ Propaganda-Postkarte von Käthe Kruse13

Als politisch korrekt wurde nun dagegen das förmliche „auf Wiedersehen“ etabliert, daneben noch das altertümelnde „Lebewohl“ propagiert. im Zuge dessen wurden als korrekte Begrüßung übrigens „Grüß Gott“ und das zackig-preußische „Guten Tag“ auf den Schild gehoben.14

„Ade“ und „Adieu“ als Flüchtlinge einer fremdelnd-konservativen Sprachpolitik

Schon vor Reichsgründung und Krieg gab es Versuche, die deutsche Sprache von „fremden“ Elementen zu reinigen. Außerdem wollte man ihre Entwicklung vor einem unterstellten „Sprachverfall“ bewahren. Das erstarkte im 19. Jahrhundert, im Zuge des aufkommenden Nationalismus. Daran beteiligte sich auch die Sprachwissenschaft. Ein erstes Großprojekt dazu war das Wörterbuch der Gebrüder Grimm.15 Auch mittels der als objektiv ermittelten allgemeinen Entwicklungsgesetze der Sprache kämpfte die Sprachwissenschaft gegen den „Sprachverfall“. Die dabei induktiv aufgestellten Gesetze der Laut- und Formen-Entwicklung führten jedoch, zu Ende gedacht, zu einem äußerst unangenehmen Resultat. Mit ihnen muss man nämlich feststellen, dass schon die Sprache der deutschen Klassik, etwa bei Goethe und Schiller, Opfer des „Sprachverfalls“ gewesen wäre. Die Klassik aber wurde literarisch als Maß aller Dinge verehrt.16

Im richtigen Leben aber gibt es keine Sprache ohne Entwicklung. Es gibt keine Sprache ohne ständiges Entstehen und also auch Vergehen in Bedeutungen und Formen. Dazu gehört immer auch Austausch und die Aufnahme neuer Wörter und Wendungen.17 Eine tatsächlich unveränderte, inhaltlich und formal gleichbleibende Sprache wäre klinisch tot. Ihre Sprecher wären, falls noch vorhanden, geistlose Papageien, unfähig zu jeglichem kreativen Denken und Fortschritt.18

Das nationalistisch-konservative Ideal, dass es eine einheitliche, mundartfreie Sprache gebe, die überall in Deutschland gesprochen und verstanden werde, haben erst die Massenmedien wie Rundfunk und Fernsehen seit Mitte des 20. Jahrhunderts mehr oder weniger realisiert. Aber auch sie spiegeln natürlich den ständigen Wandel und die Auseinandersetzung mit der Welt mittels ständig neuer Begriffe.19

Ideologie: Bedrohung durch das Fremde. Realität: In der Fremde bedrohlich
Deutsche Kriegsbesatzung im französischen Harville 1916. Noch siegreich, fühlt man sich durch das Fremde keineswegs bedroht, sondern bedroht selbstverständlich selbst: Man(n) achte auf die Körpersprache!

Durch den kriegsbedingten Nationalismus (oder auch nationalismusbedingten Krieg)20 wurde auch das ehedem gutbürgerliche „Adieu“ fast bis heute aus dem hochsprachlichen Sprachgebrauch in die Nischen verbannt. Das volkssprachliche „Ade“ war schon vorher auf dem Rückzug. Ehedem Teil der Hochsprache, war es vor dem anschwellenden Nationalismus in die Regionalsprachen des Schwäbischen und Badischen zurückgewichen. Also dahin, wo vordem schon die amtliche und lutherische Kanzleisprache nur geringe Chancen hatte. Aber gerade dort, in der regionalen Mundart, konnte das kleine „Ade“ um so vitaler gegenüber einer zentralen, konservativ-nationalistischen Sprachpolitik überleben.

Die besondere Bedeutung von „Adeim Vergleich

Vergleicht man das „Ade“ mit dem formellen „Auf Wiedersehen“, klingt es viel privater, vertrauter, nach Gemeinschaft. Obwohl „Ade“ doch eigentlich fast lateinisch-hart gesprochen wird („ad deum“ nur zusammengezogen und ohne die lateinisch grammatische Endung -um), wirkt es vielen sogar noch vertrauter als das vokalreich geschmeidig-singende „Adieu“. Zudem beinhaltet „Ade“ für die meisten Sprachbenutzer etwas Wehmütiges und Endgültiges. Es schwingt mit, dass man sich vielleicht so bald nicht wiedersieht, vielleicht auch nie.

Abschied als zeitloses Motiv in Verbindung mit Wanderschaft und Wald
Zeitloses „Ade“ in passender Umgebung

Setzt man „Ade“ auf das eine Ende einer Bedeutungsskala mit anderen persönlichen, also nicht-förmlichen Abschiedsworten, so stehen dort am anderen Ende etwa

  • Ciao“, südeuropäisch-locker, jugendlich gebraucht seit etwa den 1970ern
  • bis bald“ oder „bis morgen“, das statt Abschied das Wiedersehen betont, ohne irgendeine persönliche Nähe zum Partner kundzutun
  • oder gar neuerdings das globale, auch digital coole „see you“/ C U.21

Als unpersönlicher Gegenpol zum persönlichen „Ade“ könnten auf einer anderen Skala stehen

  • auf Wiedersehen“, preußisch-korrekt und wohlerzogen
  • Guten Tag“ als Abschied und Gesprächsende. Das macht dann auch klar, dass ein Wiedersehen oder überhaupt eine persönliche Beziehung weder erwartet noch erwünscht ist.

„Ade“ im U-Boot des Volkslieds

Warum empfinden wir „Ade“ als ein wenig wehmütig und endgültig? Warum erinnert es uns eher an eine vergangene, irgendwie harmonische Zeit? Das liegt auch an den Erinnerungen, die ein Wort mit sich bringt und die als Bestandteil jeglicher Bedeutung mitschwingen.22 Die meisten Sprachnutzer heute werden „Ade“ literarisch nicht von Goethes Briefen oder gar den Minneliedern kennen, sondern eher noch aus den Volksliedern. Deren Texte, zumindest die Anfangszeilen, sind seit Jahrhunderten verbreitet. Sie sind vermutlich auch heute noch bekannter als die meisten Staatsoberhäupter der deutschen Geschichte.

● Das gilt in besonderem Maße für das Lied „Ade zur guten Nacht“.23 Im 19. Jahrhundert wurde es bereits mit zahlreichen Varianten aufgezeichnet (war also damals schon weit verbreitet) und weitergetragen. Das Lied wurde durch alle Staatsformationen der deutschen Geschichte hindurch und in allen gesellschaftlichen Gruppierungen in Liederbüchern abgedruckt und weitergegeben. Unverwüstlich überlebte es zahllose Gesangsvereine, Singegruppen, öffentliche und private Veranstaltungen in allen Größenordnungen. Der Text „Ade zur guten Nacht … da ich muss scheiden…“ verbindet mit dem Abschiedswort das Scheiden-Müssen als altertümlich-traurigen Ausdruck einer schicksalhaft unvermeidlichen Trennung. Der gesamte Text vereint die zentralen Bedeutungskreise: Abschied für immer, zumindest für einen Jahreszeitraum oder Epoche, gemischt mit Wehmut und Enttäuschung, unerfüllt entsagende Liebe und schicksalhafte Unabwendbarkeit.24

Abschied ist ein zentrales Thema der Romantik (hier eine Buch-Illustration bei Theodor Storm, ca. 1900)
Abschied ist ein zentrales Thema in der Romantik
(Buch-Illustration bei Theodor Storm, ca. 1900)

● Ähnliche Inhalte transportiert das auch immer noch bekannte Lied „Nun ade du mein lieb Heimatland“.25 Seine mehrfache Wiederholung der Eingangszeile in umgekehrter Wortreihung „lieb Heimatland ade!“ wird so zur zentralen, das Lied prägenden Formel 26. Sie stellt die Verbindung von „Ade“ und „Heimatland“ in den Mittelpunkt. Der Begriff „Heimat“ signalisiert Ursprung und Geborgenheit; die Trennung davon ist, im Gegensatz zu einem einfachen Ortswechsel, existenziell. Das Teilwort „-land“ betont dabei die örtliche Bindung, etwa gegenüber einer auch personellen. So ist in „Heimatland“, zumal in der Verbindung mit „lieb“, eine tiefere, persönliche, voraussetzungslose und selbstverständlich klingende Bindung enthalten als etwa im bedeutungsverwandten „Vaterland“: Jenes kommt autoritär und von außen daher, gebunden an die traditionell hierarchische Stellung des Vaters. Es beinhaltet Opfer und Pflicht. – Und es ist, spätestens nach zwei Weltkriegen in dessen Namen, für denkende Menschen ohnehin „verbrannt“, jeglicher positiver Mitbedeutung beraubt.

● Nicht mehr so bekannt, aber noch wirkungsmächtig ist das Volkslied „Ade du lieber Tannenwald27: Hier geht „Ade“ die Verbindung mit dem Wald ein, im romantischen deutschen Denken und seinen Texten geradezu die Metapher für Heimat, Ursprungszustand, Geborgenheit und ehrfürchtige Bedeutungstiefe.

● Eine Sonderstellung nimmt das ungebrochen populäre, vorgebliche Kinderlied „Winter ade“ ein: Auch hier verbindet der Text „Ade“ sich mit „Scheiden tut weh“. Diese Verbindung wird einprägsam am Anfang und Ende jeder Strophe wiederholt. Dazwischen aber thematisiert das Lied den Gegensatz zur Wehmut. Es richtet den Blick nach vorne, zur Freude auf eine Wendung zum Besseren (Aber dein Scheiden macht/ Daß mir das Herze lacht). Eine merkwürdige Gegenüberstellung. Was steckt dahinter? Es gibt gute Gründe, diesen Text hoch politisch zu interpretieren. Nämlich dass er unter dem Mantel des Kinderliedes und gängiger Phrasen, versteckt vor einer allmächtigen Zensur, eine Brücke schlägt vom gerade stattgefundenen vorrevolutionären Hambacher Fest (1832) zur kommenden deutschen Revolution von 1848. So war ein bekanntes Symbol jener revolutionären Bewegung des so genannten „Vormärz“ der Kuckuck. Der droht in der Schluss-Strophe dem Winter (auch damals verbreitete Metapher für die erstarrten Verhältnisse): „Gehst du nicht bald nach Haus,/ Lacht dich der Kuckuck aus!“ 28 In anderen Gedichten wird der Autor Hoffmann von Fallersleben politisch expliziter.29

Volkslieder prägen nichtg nur unsere Bilder und unsere Sprache, sondern überleben alle Epochenwechsel, Revolutionen, Kriege als Zentrum von Gesangsvereinen und Chören und ehedem Inhalt schulischen Singens
Volkslieder wurden nicht nur in Liederbüchern und den offiziellen pädagogischen Einrichtungen weitergegeben, sondern sie überleben auch zäh zahllose Gesangsvereine, Liedertafeln, Freizeitchöre…

Das Volkslied als Ausdruck und Bezugspunkt der Romantik

Alle oben genannten Volkslieder stammen aus der Romantik des 19. Jahrhunderts und haben sich bis heute populär erhalten. Heutzutage verbindet sich mit ihnen und ihrem Schlüsselwort „ade“ ein wehmütiger Rückblick auf vergangene, vermeintlich harmonischere Zeiten.

Die allerdings gab es so nie. Gerade das 19. Jahrhundert ist geprägt durch eine dramatische Industrialisierung. Die brachte zumindest für die Mehrheit Zwang, Kinderarbeit, Ausbeutung und Elend mit sich. Politisch herrschte in den deutschen Ländern ein starrer, hierarchisch-autoritärer Konservativismus und Unterdrückung aller bürgerlich-progressiven Bestrebungen. Viele Menschen flohen nach Amerika oder suchten zwecks Meinungsäußerung Zuflucht in Kinder- und anderen Versen oder gar im erzwungenen oder freiwilligen ausländischen Asyl.30 Nach vielen Aufständen in den Fürstentümern, insbesondere in Baden, war die Revolution von 1848/49 letztlich politisch gescheitert. Ihre Ziele nicht nur der nationalen Vereinigung in Freiheit, sondern auch in sozialer Gleichheit und Brüderlichkeit, blieben trotz Nationalversammlung unerfüllt. In der Folge triumphierte die ständestaatliche Reaktion. Auch in Reaktion darauf suchte man in der Epoche der Romantik zumindest im Geiste zu bewahren, was real nicht zu finden war oder durch die Zweckrationalität des erstarkenden Industrialismus verdrängt zu werden drohte.31

Mond, Nacht, Stille, Schweigen: zentrale Topoi der Romantik
Mond und die Stille der Nacht: zusammen mit Abschiedswehmut zentrale Bedeutungsfelder der deutschen Romantik

Geradezu ein Manifest der Romantik könnte das Lied Der Mond ist aufgegangen sein. Es heißt die eintretende trauliche Stille des Abends willkommen, als Erlösung von „des Tages Jammer“. Es verweist darauf, dass das Ganze und Schöne mehr sei als das Sichtbare und Messbare und sieht die Menschen als „Brüder“, einschließlich des nicht leistungsfähigen Kranken.32 Gleichwohl war die Romantik durchaus in einer bestimmten Weise national gesinnt. Sie bezog sich auf die (deutsche) Heimat als Wurzel und das idealisierte Volk als Einheit. Auch dazu stellen „Ade“ und das Volkslied gleichermaßen den Bezug her.

Zweierlei Heimatbezogenheit

Dennoch geriet auch das volksbezogene „Ade“ zusammen mit dem so französisch klingenden „Adieu“ in Konflikt mit dem imperialistisch-kriegerischen Kaiserreich des 1. Weltkriegs. Das ist kein Wunder. Das Kaiserreich propagierte obrigkeitsstaatlich die nationale Pflichterfüllung als Lebenszweck. Die erforderte Opfer. Ein weit verbreiteter Leitspruch im Kaiserreich war das Bismarck-Zitat: „Wir sind nicht auf der Welt, um glücklich zu sein, sondern um unsere Pflicht zu tun“.33 Da ist für besinnlich-zögerliche Romantik und Empfindsamkeit kein Platz. Nach Harmonie und Innerlichkeit strebender Heimatbezug im Geiste von Brüderlichkeit34 ist mit der für den Krieg geforderten bedingungslosen Aggressivität, dem Mords-Hass und dem auch im Zivilleben herrschenden zackigen Kadavergehorsam nicht unbedingt kompatibel. Heimatromantik mag gar im Kriegs- und Mobilisierungszustand als zeitweiliger Rückzugsort, gleichsam als Lazarett für die nationalistische Seele geduldet werden, aber sie bleibt verdächtig wie die dortigen Kranken und Traumatisierten als Simulanten.35

Flucht als schmerzlichste Form des Abschieds, oft prägend erlebt als Verhängnis, dessen (kriegerische) Ursachen oft verdrängt werden
Flucht als endgültiger Abschied: eine unabwendbar erscheinende Folge fast jedes Krieges und auch in Deutschland in vielen Familiengeschichten präsent

Vor diesem Hintergrund schwingt in dem Gruß „Ade“ noch heute jene Sehnsucht nach einer wohlgeordneten, untereinander gleichen, harmonischen Gemeinschaft mit, ohne soziale Kämpfe und Unterschiede. Wo statt Konkurrenz und Warenpreisen die ideellen Werte Vorrang haben, die Qualität der Dinge vor der Quantität. Wo auch Empfindung ihren ihr zukommenden Platz neben dem Schaffen habe. In „Ade“ klingt allerdings auch die romantische Haltung an, die diese Harmonie und Geborgenheit wehmütig in einer nicht verortbaren Vergangenheit sucht. Die Romantik hat sich auch davon verabschiedet, ihre Werte, wie etwa 1848/49, für Gegenwart und Zukunft real anzustreben. Wie stark oder schwach die romantische Mitbedeutung bei heutigen Sprachbenutzern auch immer anklingen mag: Das kleine Wort „Ade“ hat vermutlich ein wenig dazu beigetragen, jene Sehnsucht lebendig zu halten.

„Adele“, die kleine Schwester von „Ade“

Selbst als Nicht-Schwäbin hast du vielleicht auch schon einmal die Abwandlung „Adele“ (mit Betonung auf der Silbe „-de-“) gehört. Besonders wenn du aus dem Schwabenland stammst, hast du diesen Abschiedsgruß vielleicht auch schon übernommen. „Adele“ aber ist so jung, dass es in altehrwürdigen Wörterbüchern noch gar nicht vorkommt. Dennoch hat diese schwäbische Pflanze über ihre Region hinaus eine gewisse Bekanntheit erlangt. Was aber soll „Adele“ bedeuten, und wo ist der Unterschied zu dem althergebrachten „Ade“?

„Adele“ als Verkleinerungsform

Zunächst ist „Adele“ ein Abschiedsgruß wie „Ade“ auch: persönlich und zugewandt , unter Gleichen verwendet. Dabei ist „Adele“ unschwer als Verkleinerungsform36 von „Ade“ zu erkennen. Allerdings ist das Anhängen von -le eine schwäbische Sonderform.37 Normalerweise bildet man die Verkleinerungsform, indem man an ein Wort ein „-chen“ oder „-lein“ anhängt.38 In der Verkleinerungsform erscheint ein Gegenstand oder eine Person nicht nur kleiner, sondern, je nach Fall und Zusammenhang, auch harmloser, niedlicher und/oder unwichtiger.39 Die Verkleinerung durch -le nimmt dem schwermütigen Mit-Sinn von „Ade“ die romantische Tiefe, befreit es damit von seiner Endgültigkeit und macht das Wort nutzbar für den zeitgenössisch lockeren, nach vorne gerichteten Alltagsgebrauch.

„Adele“ als kleine Freiheit

Aber bei „Adele“ kommt noch etwas Zweites hinzu: Nach den Regeln der Hochsprache gibt es Verkleinerungsformen eigentlich nur für Hauptwörter (Substantive). Die Verkleinerungsform bei anderen Wörtern40 macht sich immer auch ein wenig über hochsprachliche Korrektheit lustig. Es nimmt sich die Freiheit, kreativ Regeln zu überschreiten, und stellt damit eine besondere Verbundenheit zur/zum Adressatin/en her: Wenn man sich gut versteht, braucht es keine Regeln. Sie besagt gleichsam auch: „Ich bin sicher, dass du mich wegen des Verstoßes gegen eine offizielle Regel nicht kritisierst, verpfeifst oder sozial minder achtest.“41

„Adele“ als Bekenntnis zur Vielfalt

Und noch etwas macht „Adele“ besonders: Der schwäbische Dialekt ist bekannt für seine Vielzahl von Verkleinerungen, natürlich alle mit -le. Daher darf man das Anhängen an ein Nicht-Hauptwort auch als augenzwinkerndes Bekenntnis zum schwäbischen Dialekt verstehen. Denn der, so das Klischee, „hängt ja an jedes und alles ein verkleinerndes -le“, sogar an das „so“ („sodele“). Und jetzt sogar an das eigene, sowieso schon schwäbische „Ade“. Es ist ein zusätzliches Signal, den Abschiedsgruß zusammen mit der eigenen Herkunft mehr lustig als bedeutungsschwer zu sehen. Es verspottet damit auch leise jegliche Volkstümelei und Zugehörigkeitsbedeutung. „Adele“ bekennt sich locker zur Freiheit des Sprachgebrauchs und zum Dialekt gegenüber offiziellen Regeln der „richtigen“, korrekten Sprache. Damit befindet sich „Adele“ in der langen Tradition der Opposition zu jeglicher Kanzleisprache. Und nachdem die Schwäbinnen und Schwaben den Schock über das Eindringen des norddeutsch kurz angebundenen „Tschüs“42 überwunden hatten, bildeten sie gar schwäbisch-selbstbewusst „tschüssle“: Sie eignen sich die neue Ausdrucksform kreativ an. Statt sich abzugrenzen, schaffen sie auch hier souverän eine neue Verbindung.43

Fazit

In „Ade“ und „Adele“ verbinden sich Tradition und kreative Freiheit: Das lateinisch-altfranzösisch ehrwürdig daherkommende „Ade“ verweist auf wahrhaft europäische, übernationale Wurzeln. Es bezeugt einmal mehr, dass deutsche Kultur ohne zumindest europäische44 nicht denkbar ist. Durch deutschtümelnde Reglementierung in das Asyl der Regionalsprachen abgedrängt, erwies sich dieser volkssprachliche Abschiedsgruß als ausgesprochen lebensfähig und wird heute wieder offensiv zu einem jugendlichen und persönlichen Ausdruck für alle und zum Bekenntnis für – auch sprachliche – Vielfalt.

Erläuterungen, Quellen und weiterführende Links

  1. Den heutigen Sprachnutzer erinnert „adieu“ literarisch vermutlich am ehesten an das märchenhaft-philosophische, noch immer sehr populäre Buch „Der kleine Prinz“ des französischen Schriftstellers  Antoine de Saint-Exupéry, erschienen 1943: Mit „adieu“ verabschiedet sich dort der kleine Prinz vom Ich-Erzähler in den Tod.
  2. Kurze Einlassung zur Wissenschaftlichkeit (Vorsicht, nicht zum Lesen gedacht): Im vorliegenden Artikel folgt die Definition der sprachlichen Herkunft (Etymologie) der Wörter ade, adieu und seiner Verwandten dem bei Sprachwissenschaftlern maßgeblichen „Etymologischen Wörterbuch“ von Kluge, 22. Auflage. Dort und in dieser Auflage wird besonders streng zwischen Vermutung und wissenschaftlichem Nachweis unterschieden. Viele Texte zur Herkunft von Wörtern, auch und gerade im Netz, folgen hingegen gerne einfach der Plausibilität nach Maßgabe der Sinnstiftung, ohne dass die behauptete Herkunft anhand von Textnachweisen belegbar und ableitbar wäre. In diesem Fall vermutet man dann „ade“ häufig fälschlich als Ableitung von „adieu“, weil beides ähnlich und „adieu“ halt französischer, also noch fremder klingt. Derlei „falsche Etymologien“ (so der Fachausdruck für solche sinngeleiteten Vermutungen) unterstellen, was sie beweisen wollen: nämlich dass sich Wörter und wesentlich auch Sprachen von einem Ursprung aus geradlinig bis zur Jetztzeit entwickelt und verbreitet hätten. Das entspricht nicht der Realität des Sprachgebrauchs, wie wir sie aus Texten erkennen können. Einen „Ursprung“ von Wörtern kennen wir sowieso nicht: Gemeinerweise haben uns weder Ötzi noch die Neandertaler bzw. deren entfernte Vorfahren Sprachmaterial aus den Anfängen der Sprache überlassen. Eine irgendwie wahrere ursprüngliche Bedeutung erübrigt sich damit auch. Es ist eher normal, dass Wörter im Verlauf ihres Gebrauchs häufiger ihre Bedeutung ändern. [Im Kontext wird die sprachbezogene Darstellung vor allem ergänzt durch einen soliden Artikel von Helmut Berschin im „Merkur“ über bayrische Abschiedsgrüße.]
  3. Zum ersten mal taucht „ade“ nämlich bei „Tristan und Isolde“ des Minnesängers Gottfried von Straßburg auf. Da verabschieden sich zwei Pilger mit „ade“ voneinander.
  4. Bei den immer wieder ausgerufenen Kreuzzügen handelte es sich um Raubzüge gegen Ungläubige unter religiösen Parolen. Sie hatten oft, aber nicht immer, die Eroberung von Jerusalem als proklamierte Zielsetzung. Dadurch wurden diese Unternehmungen und ihre Betreiber immer wieder von Mächtigen gesponsert, natürlich auch aus Kirchengeldern. Teilnehmende waren neben bzw. unter den Rittern zahllose arme Leute, die durch die wirtschaftliche Entwicklung entwurzelt und ohne Perspektive waren. Diese Kriegsunternehmungen boten so auch einen Abfluss für die wachsende Überbevölkerung; die Kreuzzügler waren für Jahre außer Landes, und viele sagten „ade“ für immer.
  5. Aus dieser frühen literarischen Blütezeit des Hochmittelalters stammt übrigens auch die erste Verschriftlichung des mündlich tradierten Nibelungen-Lieds: natürlich nicht in Runen, sondern in lateinischen Buchstaben, und mehr als ein halbes Jahrtausend nach dem Niedergang der Germanen.
  6. Die so genannte Vulgata (= „Volkstümliche“), die durch das 4. bis 7. Jahrhundert hindurch aus verschiedenen, vielfältig handschriftlich weitergereichten Teil-Übersetzungs-Texten unterschiedlicher Qualität und Interpretation zusammengestellt worden war. Mehr oder minder des Lateinischen mächtige Dorfpfarrer vermittelten daraus (und diversen Erbauungstexten) dem Volk seine Religion, namentlich in Form von anschaulichen Geschichten und Lehrsätzen. Sprache und Relevanz der einzelnen „Ursprungstexte“ des Wortes Gottes sind bis heute leidenschaftlich und mit religiösem Eifer umstritten. Das hat einen bedeutsamen geschichtlichen Hintergrund.
  7. Man schätzt, dass dann schon Mitte des 16. Jahrhunderts ca. jede/r 70. Deutsche oder jeder 10. Haushalt eine Lutherbibel besaß. Inwieweit darin auch gelesen wurde oder die Bibel nur als Zeichen des Wohlstands (etwa als Hochzeitsgeschenk) und der Frömmigkeit, zum Einschüchtern, Schwören oder Bildergucken gebraucht wurde, ist nicht bekannt. Schriftkenntnisse waren nur bedingt verbreitet. (Eine Pflicht, Kinder zu unterrichten, setzte sich erst im 18. Jahrhundert regional mehr oder weniger durch. Zur gesetzlichen Norm wurde die allgemeine Schulpflicht erst 1919 in der Weimarer Republik). Auch nach der Gründung des Deutschen Reichs (1871) verständigte sich das einfache Volk in Alltag und Kirche mittels Regionalsprachen und Dialekten. Zumindest für ländliche, „ungebildete“ Menschen war es noch Anfang bis Mitte des 20. Jahrhunderts äußerst schwierig, sich mit Deutschen aus entfernt anderen ländlichen Regionen zu unterhalten. Keiner von beiden sprach fließend „Hochdeutsch“. Erst die modernen Medien wie Rundfunk und Fernsehen verdrängten diese Sprachvarianten in die Dialekte und diese in ein Schattendasein. Dialekte werden ca. seit den 1950er Jahren nur noch von einigen Menschen zu bestimmten Anlässen gesprochen und bewusst gepflegt. [Zu Entstehung, Verbreitung und Sprache der Lutherbibel siehe hier. Zur Bedeutung und Entwicklung der Kanzleisprache siehe hier.]
  8. „Adieu“ verbreitete sich im deutschen Sprachraum also etwa ein Jahrhundert vor der deutschen Klassik, aber erst ein Jahrhundert nach der Verbreitung einer Hochsprache durch die Bibel und gar ein halbes Jahrtausend nach der ersten Verwendung von „ade“ im deutschen Sprachraum. [Siehe oben, im ersten Abschnitt, „Entstehungsgeschichte…“, 1. Absatz]. Auch der Held von Goethes jugendlichem Briefroman Werther (1774) verabschiedet sich mit „adieu“ in seinen Freitod. [Siehe die folgende Anmerkung].
  9. Die Literatur des „Sturm und Drang“ (18. Jahrhundert) dagegen nutzte das vom Volk gesprochene, auch mundartliche Deutsch dann wieder gern als Ausdruck der Rebellion gegen das damalige Establishment. Für derlei bewusst mundartlich-jugendliche Elemente in seinem Briefroman „Werther“ handelte sich beispielsweise der junge Rebell Goethe 1774 bissige Kritik und allerlei Persiflagen des etablierten Literaturbetriebs ein. Das bürgerliche Establishment befand sich, mangels bürgerlich-demokratischer Strukturen, vornehmlich in den fürstlich dirigierten Kanzleien und Ämtern und arbeitete dort gehorsam an seiner Karriere. Für Werther (und seinen Autor) war die dortige Atmosphäre geistig und emotional erstickend. Auch Schillers Jugendwerk „Die Räuber“ ist durch bewusst mundartliche Elemente für uns heute nicht gerade einfacher zu lesen.
  10. Viele der zahlreichen französischen Lehn- und Fremdwörter aus dieser Zeit finden sich noch heute im alltäglichen deutschen Sprachgebrauch. Sie bezeugen auch eine grenzüberschreitende kulturelle Verbundenheit und Verflechtung des selbstbewusst gewordenen Bürgertums. Übrigens nicht nur in Deutschland, sondern z.B. auch in Russland. Bei Lew Tolstoi etwa (Anna Karenina, insbesondere aber in Krieg und Frieden) befinden sich ganze Passagen direkter Rede im Original in Französisch.
  11. „Winter ade, Scheiden tut weh“ Dieses und andere Lieder stellten gar das ebenfalls verdächtige „Ade“ ins Zentrum der so deutsch empfundenen Abschiedswehmut. „Ade“ befand sich damals aber schon im Rückzug aus der Hochsprache. [ausführlicher unten im Text, in den beiden Abschnitten zum Volkslied].
  12. Postkarten waren damals aufgrund des Fortschritts bei der Reproduktion und Vervielfältigung der Fotografie auf Papier gerade das angesagte, moderne Kommunikationsmittel unter den Bürgern – etwa wie kürzlich die SMS und heute die Posts in den Social Media.
  13. Käthe Kruse gilt noch immer als international bekannteste deutsche Puppen-Produzentin und vorbildlich erfolgreiche Unternehmerin, die die Puppenstuben vieler Kinder-Generationen mit ihren „natürlich“-kindlichen Gesichtern geprägt hat. Diese (auch andere, ähnliche) Postkarten standen zeitlich am Beginn ihrer Karriere und waren so zugleich Reklame für den Krieg als auch für ihr Unternehmen.
  14. [Informationen aus Helmut Berschin im „Merkur“, siehe oben]
  15. Das umfangreich angelegte Wörterbuch der Gebrüder Grimm sollte, mehr noch als ihre Märchensammlung, nach ihren eigenen Worten zum „’Schatzhaus’ der Deutschen“ werden und „dem Volk seine ureigene Sprache, seine Geschichte und seine Identität wieder(geben)“ [Zitate z.B. nachzulesen bei Lucie Wettstein, Das deutsche Wörterbuch der Gebrüder Grimm.] Bei anderen trieb diese Anstrengung schon zuvor gar wunderliche Blüten. Bekannteste, weil erheiternde Beispiele des bis heute anhaltenden, unermüdlichen Kampfes gegen die „Welschsucht“ (Turnvater Jahn) sind: die geforderte Ersetzung von „Pistole“ durch „Meuchelpuffer“ (auch „Mord“ hat ja leider eine lateinisch-französische Wurzel), von „Fenster“ (lat. „fenestra“/ franz. „fenêtre“) durch „Winderker“, „Schornstein“ durch „Dachschnauber“ und viele mehr. In der Weimarer Republik, 1929, stellte dann immerhin der Duden fest, dass sein 1880 eingeführter Begriff „Selbstverkäufer“ für den Automaten doch nicht mehr benutzt werde, und entfernte ihn wieder.[Wolf Schneider, Wörter machen Leute, Berlin 1976 u.ö.]
  16. Eine irgendwie geartete unverfallene Idealsprache wäre nach diesen sprachwissenschaftlichen Gesetzen in einer Zeit zu suchen, wo verschiedene mitteleuropäische Volksgruppen in verstreuten kleinen Dörfern mit strohgedeckten Familienhütten sich mühsam von Ackerbau und Viehzucht ernährten, Weltmeister wohl nur im Biertrinken waren, ihre Energie und ihre Religion darauf konzentrierten sich gegenseitig zu überfallen, und faktisch keinerlei kulturrelevante schriftliche Überlieferung besaßen. Dabei handelte es sich um äußerst unterschiedliche, nebeneinander und wechselhaft auftretende Stämme und Sippen. „Germanen“ war ein Sammelbegriff, den sie selbst nie verwendeten. Die Bezeichnung hatte ihnen lediglich der römische Eroberer Caesar übergestülpt – ähnlich wie die europäischen Eroberer Amerikas die Bezeichnung „Indianer“ den dortigen Stämmen und Völkern. Caesar benutzte das Wort „Germanen“ summarisch für die von ihm nicht unterworfenen Volksgruppen östlich des Rheins. Durch die Sammelbezeichnung erschienen sie kleiner und unbedeutender. Die verschiedenen Stämme der Gallier hingegen differenzierte Caesar gleich am Anfang seines Buchs über seinen Gallischen Krieg als drei völlig unterschiedliche Völker aus, um die Größe seiner Eroberungen zu betonen. Der Einheits-Begriff „Germanen“ ist also in gewisser Weise ein Marketing-Narrativ aus dem 1. vorchristlichen Jahrhundert.[Eine ausführliche und dennoch gut verständliche Darstellung der Wissenschaft von der Sprachgeschichte und ihrer Methoden bietet das Buch von Guy Deutscher, Du Jane, ich Goethe, Deutsch 2008].
  17. Eine kleine Vorstellung von den Problemen einer statisch angelegten Sprache bekommt man, wenn man sich die aktuelle Anwendung der chinesischen Schriftsprache zu Gemüte führt. Sie ist, im Gegensatz zu den gesprochenen Sprachversionen, relativ feststehend. Das Problem dabei: Die Schrift besteht nicht, wie die unsere, aus Lautzeichen, mit denen man im Prinzip jedes neue, auch unbekannte Wort schreiben kann. Es sind vielmehr althergebrachte Bedeutungs-Zeichen, die in ganz China einheitlich geschrieben, allerdings regional verschieden ausgesprochen werden. Die (immer konkreten) Teilbedeutungen der Zeichen werden dann gegebenenfalls zu (auch abstrakten) Begriffen kombiniert (z.B. „Wasser“+“grün“=“Stille“). Der Sprachnutzer ist also gezwungen, mit diesen überkommenen Bedeutungszeichen und Bausteinen ständig neue Wörter, Begriffe, Dinge und Umstände zu beschreiben (z.B. „Flugzeug“, „Internet“,“Style“, „Influencer“ usw.). Das ist im Prinzip möglich, aber mühsam und im Resultat manchmal missverständlich und häufig auch komisch. Aber noch immer muss man, um sich überhaupt schriftlich ausdrücken zu können, im Minimum Hunderte, für anspruchsvollere Texte und etwa für ein Studium Tausende von Zeichen beherrschen. Lernen ist dort traditionell immer auch wesentlich das Lernen von alten Zeichen und Reproduktion von Bedeutungen. Für die junge Generation, die in atemberaubendem technischen Wandel groß wird, bietet die elektronische Kommunikation eine Alternative, nämlich die Umschrift via ASCII im Mobilphon, wie sie dort von jedermann/frau z.B. in den Social Media benutzt wird. Die Tasten der elektronischen Geräte sind natürlich nicht mit den Tausenden von alten Schriftzeichen belegt, sondern mit einem Alphabet-ähnlichen System der Umschrift. Die jüngste Entwicklung der elektronischen Alltags-Kommunikation via Smartphone könnte dort einerseits das Schriftwesen demokratisieren, andererseits aber auch zu einem rapiden „Verfall“ der traditionellen Schriftsprache samt der von ihr hergestellten Einheitlichkeit der Bedeutungen in ganz China führen (von den Sprachen der nicht-chinesischen Minderheiten wie den Tibetern und Uiguren ganz zu schweigen). In einer Gesellschaft, die sich schon lange nicht mehr auf irgend eine Vorstellung von Sozialismus oder andere Werte gründet, sondern – wie das deutsche Kaiserreich – primär auf zentralistischen, aggressiven (Han-)Nationalismus, könnte ein solcher Verfall eines fixierten, einheitlichen Bedeutungs-Systems durchaus interessante Probleme zeitigen. [Einblicke in diese Entwicklung bietet die Reihe des TV-Senders arte, „Geschichte der Schrift“, zum Umbruch von Chinesischen Zeichen zu ASCII vor allem in Folge 3.]
    Zwecks Ausgewogenheit und zur Veranschaulichung: Auch das Latein im Vatikan-Staat muss bei der Bezeichnung für neue Dinge mit einem feststehenden, amtlich verwalteten Wortschatz klarkommen. Da wird dann der Fernseher zur „imaginum transmissio per electricas undas“ (etwa: „der Bilder Übermittlung durch elektrische Wellen“). Da dürfte der Spielfilm nach seiner Benennung schon angefangen haben.[Quelle: Schneider, Wörter, s.o.]
  18. Jede Jugendsprache jeglicher Generation widerlegt eine solche konservative Ansicht von Mensch und Sprache. Und deren beste Elemente gehen regelmäßig in die Alltagssprache ein.
  19. Heute erscheint die internationale Verflechtung unserer Kultur weniger in den hergebracht lateinischen, arabischen oder neueren europäisch-französischen Wendungen als vielmehr in global verbreiteten englischen Wörtern und gar in Anleihen bei der englischen Grammatik. Aktuell ist m. E. beispielsweise die Bedeutungsverschiebung von „realisieren“ von ehemals „Umsetzen einer Idee“ zu „wahrnehmen“; „du warst richtig“ anstelle von „du hattest Recht“; „(einen Inhalt) kommunizieren“ statt „kommunizieren über…“ oder „verbreiten“ u.v.m. Natürlich werden solche Neuwörter (Neologismen) nicht nur kreativ und klärend gebraucht. Oft werden sie, wie schon immer in der Geschichte, propagandistisch und als Herrschaftsmittel eingesetzt. Früher konnte das lateinische Fremdwort oder Zitat durch exklusive Wissenschaftlichkeit oder kirchliche Autorität einschüchtern. Heute tut dies oft der englische Ausdruck. Er dient als Beweis, auf dem neuesten Stand der Erkenntnis und Norm zu sein. Verstehst du es nicht, bist du der Loser. In diesem Sinne ist jegliche Kampagne gegen „undeutsche“ Sprache jedoch nicht das Gegenteil, sondern ebenfalls ein Versuch, Sprache zu besetzen, die Deutungshoheit zu erlangen und damit den gesellschaftlichen Diskurs zu beherrschen. Viele deutsche Neuwörter sind da nicht weniger gefährlich und dienen dem gleichen Zweck. Gegen beides hilft nur geduldige Begriffsklärung („Was genau meinst du damit“) und Aufdecken von Nebelwerferei. [Eine Darstellung des sprachpflegerisch abwertenden, oft auch etymologisch falschen „Denglisch“ mit Beispielen, Überprüfungen und Abwägungen findest du hier]
  20. Okay, genauer: durch die Kulmination der Konkurrenz der Nationalstaaten um die kolonialistisch-imperialistische Vormachtstellung in der Welt in einem europäischen Krieg
  21. Den verschieden Möglichkeiten, im Englischen Goodbye zu sagen zu sagen, ist hier auf Cosmiq ein eigener Artikel gewidmet.]
  22. Diese Erinnerungen und Mitbedeutungen (Konnotationen) müssen, je nach Herkunft oder Erfahrung, nicht bei allen Sprachbenutzern exakt gleich oder gleich stark sein. Aber sprachliches Verstehen setzt voraus, dass die Gesprächspartner zumindest eine gemeinsame Schnittmenge von Bedeutungen für ein Wort haben. Diese setzt sich in ihrem Gebrauch überindividuell ständig und erneuert fort. Zudem hängt Bedeutung auch immer von der Sprechsituation ab. Das alles macht Kommunikation mitunter schwierig, aber auch spannend und gewinnbringend. (Genauso wie die Sprach- und Kommunikationswissenschaft, die sich damit beschäftigt.;-))
  23. [vollständiger Text u.a. im Volkslkiederarchiv]
  24. Die Zeile mit der Erwähnung der Wiederkehr wurde übrigens erst in späteren Varianten eingefügt. [Weitere Einzelheiten zur Interpretation und Geschichte des Liedes findest du hier ]
  25. [vollständiger Text u.a. in der Liederkiste]
  26. neudeutsch zur „Key Phrase“ oder „Hookline“
  27. [vollständiger Text im Liederarchiv]
  28. Auch bei ihrem Autor Hoffmann von Fallersleben war „Winter“ nachweislich eine häufige Metapher für die damaligen, reaktionär erstarrten politischen Verhältnisse. Mit diesem Liedtext unter dem Titel „Winters Abschied“ schrieb er ein älteres Volkslied um. Das geschah drei Jahre nach dem „Hambacher Fest“ (1832). Diese anfangs studentisch geprägte Versammlung bildete gleichsam den Aufbruch zur 1848er Revolution gegen Fürstentümer und Kleinstaaterei, für nationale Einigkeit, Gleichheit und Demokratie unter den neuen Farben Schwarz-Rot-Gold.
    Gleichwohl ging das Lied mit diesem Text in zahlreiche Schulbücher als schön naives Kinderlied ein. Schon im Kaiserreich war es verbindlicher Bestandteil des Schulunterrichts. Und noch in den 1960er Jahren war es in deutschen Erziehungseinrichtungen allgegenwärtig (die 1848er-Revolution in den Geschichtsbüchern dagegen so gut wie kein Thema). Sein Absingen war Ritual wohlerzogen-gesitteter Jahreszeiten-Erziehung wie in einem chinesischen Kindergarten. Das war so aufdringlich, dass sich allenthalben Kinder versteckt-subversiv dagegen zur Wehr setzten, indem sie, etwa hinter dem Rücken des Vordermanns, das d im Wort Scheiden durch ein ß ersetzten. [Text und Interpretation findest du ebenfalls im Volksliederarchiv.]
  29. Klartext redet Hoffmann von Fallerleben (bekanntlich auch Verfasser des Textes der deutschen Nationalhymne) z.B. in seinem „Auswanderungslied“, eine bittere Rückschau auf zerplatzte revolutionäre Hoffnungen nach dem Sieg der ständestaatlichen Reaktion 1848: Es prangert den Wortbruch der Fürsten von 1848 an (in Plusquamperfekt/Vorzeitigkeit), spricht von der nachfolgenden, (gegenwärtigen/Präsens) allseitigen und zunehmenden Unterdrückung, so dass es nunmehr „Freiheit nur im Liede“ gebe – und eben im Auswandern aus dem Vaterlande auf Nimmerwiedersehen. Es heißt in dem Lied u.a.: „Unsre Fürsten hatten viel versprochen/Doch das Halten schien nicht ihre Pflicht//…//Schweigen ist nur unser einzig Recht/…//Unsre Brüder werden ausgewiesen,/
    Mehr als alles Recht gilt Polizei…// Deutsche Freiheit lebet nur im Liede,/ Deutsches Recht, es ist ein Märchen nur…“
    Diese eindeutig parteiliche Lied gegen den Sieg der Reaktion in der Folge von 1848 allerdings schaffte es nicht in die Charts der Herrschenden und der Schulbücher. Von der politischen Rechten wird diese empörte Anklage gegen die Konterrevolution heutzutage übrigens gerne in eine larmoyante nationale Dauerzustandsbeschreibung umgemünzt. Das „funktioniert“ allerdings nur bei sehr oberflächlicher Betrachtung des Textes, in Unkenntnis der deutschen Grammatik, namentlich der Zeiten (Plusquamperfekt/ Vorzeitigkeit und Gegenwart/ Präsens) und bei geschichtlichem Unwissen: Bei diesen Vertretern und deren Geschichtsverständnis wird auch die erste freiheitlich-demokratische Revolution von 1848 lieber gleich ganz ausgeblendet, als hätte sie nie stattgefunden.
  30. [siehe dazu und zum Folgenden Anm. 29]
  31. Natürlich lässt sich die Romantik nicht auf eine Reaktion auf die gescheiterte bürgerliche Revolution in Verbindung mit dem erstarkenden Kapitalismus reduzieren. Aber wiederholtes Scheitern des Versuchs, sich einer überkommenen Obrigkeit zu entledigen, war prägend für mehrere Generationen und die besondere, von vielen als sehr deutsch empfundene Innerlichkeit dieser Strömung und Haltung. In der ökonomisch zweckrationalen, alle Werte gefährdenden Ausbreitung industriellen Handelns und Denkens, dem nur noch das Messbare und der Preis einer Sache real sei, auch in der Zerstörung tradierter sozialer Bezüge durch die Bildung einer in städtischen Massenquartieren zusammengezogenen Industriearbeiterschaft sah sie vor allem die Gefahr eines Verlusts an Werten und Empfindungsfähigkeit.
  32. Zentral darin die Zeilen „Seht ihr den Mond dort stehen/ er ist nur halb zu sehen/ und ist doch rund und schön. // So sind gar manche Sachen/ die wir getrost belachen/ weil unsre Augen sie nicht sehn“: gegen die Tendenz, nur das Sichtbare, quantifizierbare und naturwissenschaftlich Nachweisbare als real anzuerkennen und „So legt euch denn ihr Brüder/ in Gottes Namen nieder/ kalt ist der Abendhauch“: Gegen die aufkommende, kalte Bedrohung steht die Zuflucht derer, die sich als Brüder im Namen eines Höchsten, zweckrational nicht Fassbaren zusammenfinden. Abend und Nacht stehen für die ersehnte, trauliche Stille und das Vergessen von „des Tages Jammer“, allerdings auch ohne Perspektive eines Morgens oder Aufbruchs.
  33. Diese Parole prangt z.B. auch im Film „Mädchen in Uniform“ zentral über den Köpfen der Internats-Schülerinnen.
  34. Mit Phantasie könnte man die Antwort der Romantik auf das Bismarck-Zitat etwa so formulieren: „Wir sind nicht auf der Welt, um austauschbare Nummern zu sein, sondern um nach dem verloren gegangenen Glück zu suchen und ihm nachzutrauern. Das macht uns menschlich“.
  35. Einige Kulturkritiker allerdings sehen jene, als sehr deutsch angesehene, Form der Romantik mit ihrer Betonung der Innerlichkeit, die darin enthaltene Todessehnsucht, die Unterwerfung unter ein als unabwendbar empfundenes Schicksal einerseits und die Gewalt- und Zerstörungs-Ausbrüche mit Hang zu Allmachtsphantasien andererseits als explosive Mischung aus ein und derselben Quelle, nämlich aus jeglicher gescheiterter (bürgerlicher) Revolution und daher stark hierarchisch-autoritär organisierter Gesellschaft und autoritär-repressiver Psycho-Struktur, die immer wieder in Fremd- und Selbstkasteiung mündet.
    Diese explosive Mischung drückt sich für jene Kritiker etwa in Wagner-Opern aus, aber auch in der Philosophie eines Nietzsche. Das Umschlagen von Verlust und Abschiedsschmerz in Todessehnsucht findet sich beispielhaft in dem Lied des Romantikers Joseph von Eichendorff, „In einem kühlen Grunde“, jenem unverwüstlichen Smash Hit aller Männerchöre bis in die Gegenwart, namentlich in dem verstörenden Schlussvers: „Ich möcht‘ am liebsten sterben/dann wär’s auf einmal still“.
    Im realen Leben aber schlage die Schicksalsergebenheit immer wieder um in aggressive, kriegerische Ausbrüche mit todessehnsüchtigen, kadavergehorsamen Soldaten. Diese Kritiker drohen allerdings zu übersehen, dass seelische Unterwerfung unter als übermächtig erlebte Obrigkeit und auch der Hang zu Aggression und Kriegen bedauerlicherweise bei weitem keine exklusiv deutschen Spezialitäten sind. Demnach gibt es dafür auch keinen exklusiv deutschen Ausweg.
  36. für Grammatik-Freaks: Diminuitiv
  37. [Eine kleine Einführung in schwäbische Diminuitive findest du in den Stuttgarter Nachrichten]
  38. Exakter: Wenn möglich, wird dabei auch der vorangehende betonte Vokal zum Umlaut (Kind/ Kindchen oder Kindlein; Bein/Beinchen; Haus/ Häuschen; Bauch/Bäuchlein; Kerl/Kerlchen; Katze/ Kätzchen usw.
  39. etwa Problemchen, Wewehchen, Hündchen, Schusselchen, Schwänzchen, manchmal auch abwertend (Früchtchen, Dämchen, Bürschchen)[Genaueres zu Bildung und Bedeutungen des Diminuitiv findest du hier]
  40. Grammatisch exakt: Bei ade und anderen Grußwörtern wie hallo, tschüs usw. handelt es sich nach der gängigen lateinbasierten Grammatik etwas unbeholfen um „Interjektionen“ wie „Oh“, „aha“, „nanu“ usw.
  41. Häufige Formeln des Kontakts wandeln Sprachnutzer besonders gerne ab, um sie persönlicher zu machen und sich selbst origineller. Daher gibt es so viele verschiedene Grußformeln, die alle aus dem offiziellen Höflichkeitsritual und -Regelwerk ausbrechen. Oft werden sie auch verniedlicht und damit inoffiziöser und harmloser: Hallöchen, Schalömchen, und nicht nur Tschüs, sondern auch Tschüssi . [Das gibt es übrigens in allen Sprachen. Varianten zu Goodbye im Englischen findest du hier bei Cosmiq zusammengestellt . Auch für das sich aus Norddeutschland ausbreitende informelle „Moin moin“ findest du hier bei Cosmiq einen eigenen Artikel.]
  42. Das vorwiegend norddeutsche Tschüs hat vom französischen „à dieu“ noch einen anderen Weg in deutsche Länder genommen. Nämlich über das wallonische „Adjuus“ (Wallonien ist heute ein Teil von Belgien mit eigener Hochsprache im Gegensatz zum belgischen Flämisch). Eisern traditionsbewusste Plattdeutsche sagen übrigens noch heute vielerorts nicht „tschüs“, sondern „atschüs“.
  43. Für Engels- und Hegel-Nerds: Man kann „Tschüssle“ sauber als Synthese aus südlichem „Adele“ (These) und nördlichem „Tschüs“ (Antithese) ableiten.
  44. Aber auch übereuropäische Bestandteile: Unser Zahlensystem wurde aus dem Indischen durch Araber nach Europa gebracht, unsere Schrift entstand auf einer orientalischen Baustelle und wurde durch dortige Fremdarbeiter zunächst in das nordafrikanische Phönizien importiert, bevor die Griechen und Römer sie übernahmen. Die Grundlagen unserer Mathematik stammen zum Teil aus Indien. Sie und die der angewandten Naturwissenschaften wurden auch in Griechenland, aber weit mehr noch in Arabien gelegt bzw. zusammengetragen, unsere Philosophie und Literatur wäre ohne persische Einflüsse und Elemente, angefangen bei Homers Ilias, eine andere, zumindest unvollständig usw. usf. Die Liste ließe sich endlos bis in den Alltagsgebrauch fortsetzen.