Bei allen Kriegen fragen Beteiligte und Beobachter nach den Kriegsursachen und danach, was den Kriegsverlauf bestimmt. Man will wissen, wie es dazu kommen konnte, warum der Krieg so und nicht anders verläuft, was man ändern oder künftig vermeiden kann. Warum Krieg so leicht und Frieden so schwer ist. Beispiele aus der Geschichte können dabei helfen. Ein bis heute beispielhaftes Modell für eine systematische Betrachtung liefert Thukydides in seinen Schriften über den Peloponnesischen Krieg im antiken Griechenland. Dabei unterschied Thukydides als erster grundsätzlich zwischen Ursache und Anlass eines Krieges. Nicht der Anlass erklärt den Krieg, sondern die Ursache. Die Ursache ist die Grundlage für die Frage, wie dieser Krieg verläuft, wonach die Kriegsparteien handeln und wie er beendet werden kann. Viele von Thukydides‘ Aussagen über den Krieg, seine Ursachen, die Gründe der Handelnden und damit die Handlungslogik seines Verlaufs sind (leider) noch immer brandaktuell. Der folgende Artikel schildert modellhaft den Peloponnesischen Krieg in der Darstellung und Analyse des Thukydides. Die aktuellen Bezüge sind vielfältig, offenkundig und hilfreich für das Verständnis aktueller Kriege und Konflikte.

Contents

Warum der Peloponnesische Krieg zum Beispiel und Modell wurde

Bevor wir uns der konkreten Untersuchung und der Schilderung des Peloponnesischen Krieges zuwenden, möchten wir die allgemeinen Bestimmungen vorstellen, durch die dieser Krieg zum Modell werden konnte.

Ausmaß des Krieges

Der Peloponnesische Krieg dauerte – mit kurzen, erschöpfungsbedingten Unterbrechungen – 27 Jahre, nämlich von 431 v. bis 404 v. Chr. Er erstreckte sich faktisch über die gesamte griechische Welt, damals das politische und kulturelle Zentrum Europas.

Der Zeitgenosse Thukydides war überzeugt, dass dieser Krieg bedeutend für ganz Griechenland sei und auch darüber hinaus. Denn der Krieg fand nicht nur zwischen den griechischen Hauptmächten statt, sondern er zog alle Teile Griechenlands mit hinein und betraf direkt oder indirekt auch andere Länder im Mittelmeerraum.

Das war seinen Mit-Zeitgenossen nicht von Anfang an klar. Für sie handelte es sich zunächst um mehrere, aufeinanderfolgende und sich überschneidende Konflikte und Kriege mit wechselnder Beteiligung. Krieg schien halt häufig und immer wieder normal zu sein. Thukydides zeichnete die Ereignisse auf und zeigte ihren inneren Zusammenhang.1 Anhand der Kriegsursache als „rotem Faden“ des Kriegsverlaufs konnte er auch deutlich machen, dass es sich wesentlich um einen Krieg mit vielen Einzelkonflikten, „Mitspielern“ und Schauplätzen handelte.

Kriegsleid: Tod, Vertreibung, Verwüstung

Für Thukydides und seine Zeitgenossen war der Peloponnesische Krieg heftiger und brutaler als alle vorangegangenen Kriege, selbst als die vorherigen, schon zum Mythos gewordenen Perserkriege. Und er trägt alle Merkmale eines „modernen“ Krieges:

„Leiden häuften sich über Griechenland wie niemals sonst in einem gleichen Zeitraum. Nie wurden so viele Städte eingenommen und verwüstet … manche [Städte] mussten nach ihrer Einnahme gar die Bewohner wechseln. Nie wurden so viele Menschen aus ihrer Heimat vertrieben. Und nie wurden so viele Menschen entweder bei den Kämpfen selbst oder bei den inneren Unruhen [Bürgerkriegen] umgebracht.“2

Krieg im eigenen Land: Bruderkrieg?

Dieser Krieg fand nicht irgendwo in der Ferne statt, sondern mitten in Griechenland selbst und verursachte Leiden und Tod im eigenen Land. Und dieser Krieg ging nicht gegen irgend eine ferne Macht, sondern hier kämpften fast 30 Jahre lang Griechen gegen Griechen, mit einer gemeinsamen Geschichte und Kultur. Mit der schon damals zum Mythos gewordenen gemeinsamen Abwehr gegen das Persische Reich,3 mit einer gemeinsamen Schrift und sogar mit einer gemeinsamen Sprache (mit unterschiedlichen Dialekten). Am Ende gab es eigentlich nur Verlierer. Um so mehr brauchten die Beteiligten eine Erklärung, was da eigentlich mit ihnen passierte, wie das alles so kommen konnte. Diese Erklärung bot Thukydides seinen Zeitgenossen.

Krieg und Tod
Krieg Griechen gegen Griechen – oder auch „Soldaten sind sich alle gleich…“ (W. Biermann)

Der Geschichtsschreiber Thukydides war ein Athener aus begüterter und angesehener Familie. Zur Hauptzeit des Krieges befand er sich im Exil außerhalb Athens.4 Gut vernetzt in beiden Kriegslagern, erhielt er Berichte von vielen Gewährsleuten von allen Seiten. So konnte er von Anfang an beide Seiten des Konflikts betrachten. Dabei sah er es als Aufgabe des Historikers an, Berichte miteinander zu vergleichen und sie auf ihren Wahrheitsgehalt zu prüfen.

Allgemeine begriffliche Modelle: Anlass, Ursache und Verlauf

Thukydides erläuterte den Unterschied: Unmittelbare Anlässe von Kriegen empören meist als Skandal oder Schandtat die Gemüter und lösen den Krieg aus.5 Emotional besetzt, sind den Beteiligten die Anlässe von Kriegen in der Regel gegenwärtig. Oft werden sie als Begründung für den Krieg vorgeschoben, manchmal werden sie sogar extra geschaffen, um Kriegsbereitschaft zu erzeugen.6 Aber nach Thukydides erklärt nicht der Anlass den Krieg, sondern seine Ursache. Denn aus der Kriegsursache erschließt sich die Logik der Handelnden und damit erklärt sich der Kriegsverlauf. Die Ursachen aber sind den Beteiligten oft gar nicht so bewusst. Sie liegen tiefer und müssen meist erst analytisch, auch aus der Vorgeschichte und der Frontstellung des Krieges, herausgearbeitet werden.7

Thukydides Analytiker der Kriegsursachen
Thukydides (römische Büste ca. 100 v.Chr.)

Dasselbe gilt für die Logik des Kriegsverlaufs. Im Mittelpunkt der Wahrnehmung der Zeitgenossen stehen – oft empörende – Aktionen des Kriegsgegners und die eigenen Reaktionen darauf. Angriff, Siege und Niederlagen in Schlachten, Eroberungen und Verluste, Zerstörung und zivile Opfer. Der Krieg selbst erscheint als Kette von Aktionen und Reaktionen, die ihren Grund nur in sich findet. Gewicht und Bedeutung einzelner Kriegshandlungen und Entscheidungen und ihr Zusammenhang untereinander zeigen sich aber erst in der Analyse mit dem Blick auf Ursachen, Ziele und das Ende eines Krieges. Thukydides lehnte es ab, mit seiner Beschreibung etwa eingängige Erzählungen oder Narrative für die eine oder andere Seite zu liefern. Sondern er wollte – bei aller Analyse im einzelnen – dauerhafte Lehren für künftige Konflikte ziehen. Er schreibe für denjenigen, der „wissen will, wie es wirklich gewesen ist und also, bei der Natur des Menschen, in Zukunft so oder ähnlich zugehen wird“.8

Gründe und Hintergrund des Peloponnesischen Krieges

Die Ursache des Krieges

In einem Vertrag von 445 v. Chr. hatten die Großmächte Athen und Sparta zuvor ihre beiderseitigen Interessen abgegrenzt. Diesen „Dreißigjährigen Frieden“ kündigten nun beide Seiten auf. Das war ein Indiz dafür, dass sich das damals ausgehandelte Gleichgewicht für beide Seiten verschoben hatte. Thukydides beschreibt das, und er beschreibt auch die dahin führenden Konflikte Schritt für Schritt.9 Aber er fügt ausdrücklich hinzu, das alles seien nicht die eigentlichen Ursachen. Diese schildert er vielmehr in einem eigenen langen Abschnitt10 etwa so:

Das Bündnissystem Athens, der „Attische Seebund“, wurde immer größer und mächtiger. 50 Jahre zuvor noch ein freiwilliges Verteidigungsbündnis freier griechische Städte gegen die Perser, war es nun ein System, das vor allem der wirtschaftlichen und politischen Vormachtstellung Athens in der griechischen Welt diente. Neue Bündnispartner traten prinzipiell freiwillig bei, aber es gab nun auch erzwungene Mitgliedschaften und gewaltsam verhinderte Austrittsversuche.

Dadurch sah sich Sparta – die andere Großmacht in Griechenland – zunehmend bedroht. Das Wachstum Athens und seines Bündnisses schien grenzenlos. Um die weitere Ausdehnung zu stoppen, hielt Sparta letztlich einen Krieg für unvermeidlich. Athen wiederum sah sich gezwungen, die politische und wirtschaftliche Grundlage seiner Existenz und seines Wohlstands zu verteidigen, nämlich die Ausweitung seines verzweigten Handelssystems im Mittelmeerraum.

Der „wahrste Grund“

Und hier liegt für den Athener Thukydides die grundlegende Ursache des Krieges, der „wahrste Grund“: Nicht etwa Boshaftigkeit, Wahnsinn oder Dummheit waren ursächlich für den Krieg, sondern das Wachstum des Athener Bündnis- und Handelssystems und die Angst! Die Angst Spartas vor der wachsenden Macht Athens – auch wenn niemand das aussprach: „Den wahrsten Grund freilich, zugleich den meistbeschwiegenen, sehe ich im Wachstum Athens, das die erschreckten Spartaner zum Krieg zwang.“11 Sparta stand in dem legendären Ruf, alltäglich in fest zusammen lebenden Kohorten für den Kampf zu trainieren und die härtesten Krieger heranzuziehen: In diesem so männlichen (Selbst-)Bildnis war für Erschrecken und Angst kein Platz.

Ursache des Krieges als seine Erklärung – vor zweieinhalb tausend Jahren von Thukydides

Aus dieser Ursache heraus entwickelt Thukydides die nahezu unerbittliche Logik des Krieges in seinem Verlauf. Zugleich zeigt er die Wendepunkte auf, an denen die Handelnden beider Seiten sich anders hätten entscheiden können. Und er lässt uns die Gründe erkennen, warum sie es dennoch nicht taten.

Die Frontstellung zwischen den Staaten und Bündnissen

Sparta forderte schließlich ultimativ von Athen, es solle seinen Bündnispartnern ihre Autonomie (Eigenständigkeit) zurückgeben. Das aber wäre faktisch das Ende der politisch-wirtschaftlichen Vorherrschaft Athens und seiner Lebensgrundlagen gewesen. Durch die Abgaben (Steuern/Tribute) und die vorteilhaften Handelsbeziehungen im Bündnis wuchs der Wohlstand vieler Athener Bürger. Und so wurde laut Thukydides in Athen Geldgewinn zum Antrieb des Einzelnen, von Gruppen und von der Bevölkerung insgesamt. In Handel und Gewerbe reich geworden, gewannen neue Personen und Gruppierungen soziales Gewicht gegenüber dem alten Landadel. Sie setzten demokratisch besetzte Ratsversammlungen, Gerichte und Verwaltungen durch. Diese Verfassungsrechte ermöglichten prinzipiell allen wehrfähigen Männern der Stadt die politische Teilnahme. Dadurch wiederum wurde das Streben nach Reichtum auch für die staatliche Politik zu einem handlungsleitenden Motiv.12

Vor allem das erstarkende Handelsbürgertum profitierte von einer Ausdehnung der Bündnis- und Handelspartnerschaften. Für die kleineren Bauern hingegen bedeutete eine Ausdehnung des athenischen Bündnis-Systems zunehmende Konkurrenz durch importierte Nahrungsmittel. Zwangsabgaben und Zwangsbedingungen der „Bündnispartner“ ließen die Importe zusätzlich steigen und die Preise sinken. Im Krieg litten dann die Bauern außerdem unter der alljährlichen und systematischen Verwüstung ihrer Felder. Dies wiederum führte bei Athen zu vermehrten Importen von Nahrungsmitteln.13

Spartas Wohlstand hingegen beruhte wesentlich nicht auf Ausdehnung und Außenhandel, sondern auf der gewaltsamen Unterdrückung und Ausbeutung von einer Art Staats-Sklaven (Heloten). An ihren Ort gebunden, sorgten sie vor allem in der Landwirtschaft für den Unterhalt ihres Herrscher-Volks. Es gab in Sparta also weniger Anreiz, die demokratische Teilnahme auszuweiten. Sparta hatte weiterhin eine komplizierte, aber eher oligarchisch geprägte Mischverfassung für seine freien Bürger.14 Das Sicherheitsinteresse Spartas lag vor allem darin, die Staatssklaven /Heloten weiter gefügig zu halten. Sparta steckte noch der jüngste Heloten-Aufstand in den Knochen, der sich damals rasch auf weitere unterworfene „Verbündete“ ausweitete und den Sparta nur mit Mühe und Verlusten niederschlagen konnte.15 Soziale Änderungen, Unruhen oder gar eine handelspolitische Zwangsöffnung wären da eher gefährlich gewesen.

Allerdings wäre ein Bild, das Athen zu Befreiern von unterdrückten Sklaven stilisieren wollte, völlig falsch. Private Sklaven waren in beiden Machtblöcken wirtschaftlich grundlegend und zahlreich in Unternehmen und Haushalten vorhanden.16

Ideologie und Narrative der Kriegsparteien

Athen sah sich so: Wir verteidigen unsere demokratische Lebensart. In ihr wird nämlich erst in Rede und Gegenrede abgewogen, bevor der Staat demokratisch seine Maßnahmen beschließt. Im Gegensatz dazu steht ein oligarchisches System in Sparta, das seine Entscheidungen nicht rational begründet und bestimmt. Unsere kulturelle Vielfalt und die Freiheit, ja der Ansporn, persönlichen Wohlstand anzustreben, steht gegen den Geist der Unterordnung und des Kollektivismus Spartas.17 Zur Freiheit gehört auch die Freiheit jedes kleinen Stadtstaats, sich einem großen Bündnis anzuschließen.

Das eher oligarchische Sparta wiederum hatte ein hoch entwickeltes, in festen Gemeinschaften strukturiertes Gemeinwesen. Für Sparta sah es so aus: Wir haben eine reiche, traditionsbewusste Kultur mit ganz eigenen sozialen Strukturen. Wir sind kriegerisch, aber auch umsichtig. Beides beruht auf unserer engen Bindung zur kosmischen Ordnung. Wir sind die Verteidiger der Bündnisfreiheit, vor allem der Freiheit, sich einem Bündnis nicht anzuschließen. Wir sind die Bewahrer der althergebrachten Handlungsautonomie und Unabhängigkeit freier griechischer Stadtstaaten. Wir stellen uns mit unserem Peloponnesischen Bund gegen die grenzenlose, aggressive Ausdehnung der Macht Athens, das unter der Flagge des „Bündnisses“ ganz Griechenland unterwerfen will.

So ergab sich eine merkwürdige, fast ironische Gegenüberstellung: das oligarchische Sparta sieht sich als Freiheitsbewahrer gegen das demokratische Athen! Im Hintergrund dieser Frontstellung stand unausgesprochen ursächlich auch: die Macht des Ackerbaus mit alt-adliger Grundherrschaft gegen die neue Macht des Handels; Dynamik gegen Bewahrung.18 Beide Seiten sahen sich selbstredend als Kämpfer für die Freiheit – im gerechten Kampf gegen die (jeweils andere) finstere Macht, die die gesamte griechische Welt ihrem Willen und ihrer Willkür unterwerfen wolle.

Heldentum im Krieg als Schicksalhaftes Leiden
Der Krieger Achill: Ideal-Held der Griechen – Krieg als Bestimmung und Schicksal

Vorangehende Konflikte und ihr sozialer Hintergrund

Konflikte zwischen einzelnen Stadtstaaten gab es schon vorher. Und innerhalb vieler Städte gab es vermehrt Kämpfe zwischen einem neu entstehenden Handelsbürgertum und altem Adel. Für beide Arten von Konflikten suchte man nun Unterstützung bei einem der beiden mächtigen Bündnissysteme. Wenn die eine Stadt sich an das eine Bündnis wandte bzw. dem Bündnis beitrat, dann drängte die andere Stadt das andere Bündnis zur Unterstützung und zum kriegerischen Eingreifen in den Konflikt. Gleiches gab es für soziale Frontstellungen innerhalb der Städte: Athen wurde für demokratische Bewegungen zu Hilfe gerufen, Sparta im Gegenzug für oligarchische Bestrebungen. Beide Großmächte nutzten diesen Mechanismus, um ihr Bündnissystem zu erweitern, indem sie zum einen als Garanten für kleinere Staaten auftraten, zum anderen als Unterstützer für jeweilige Gruppierungen innerhalb der Stadtstaaten, die ihnen genehm waren. In dieser Entwicklungslogik hatten die „Kleinen“ in allen Konflikten kaum eine Chance, wenn sie nicht einem Bündnis der „Großen“ beitraten. Und innerstaatliche Auseinandersetzungen um eine demokratischere Verfassung oder um einen Ausgleich ihrer sozialen Gruppen wurden durch „Hilfe“ der Großmächte zum Krieg.19

Ein Beispiel für die Taktik, soziale Bewegungen für den eigenen Krieg zu nutzen, bietet im späteren Kriegsverlauf auch der Eroberungsfeldzug Athens gegen Sizilien. In seiner Rede für diese aufwändige „Expedition“ argumentiert sein Stratege Alkibiades vorher: Es gebe in vielen sizilischen Städten umkämpfte Verfassungen. Das sei eine Chance für Athen, dort weitere Bündnispartner zu gewinnen, um ganz Sizilien zu unterwerfen. Nachträglich nennt Thukydides als einen Grund für die katastrophale Niederlage der Athener im Sizilien-Feldzug: Dort seien schon viele Städte demokratisch verfasst gewesen; daher seien sie nicht mehr für einen Krieg und ein Bündnis mit Athen zu gewinnen gewesen.20

Der Anlass des Krieges

Vor Beginn des bewaffneten Konflikts zwischen den beiden Großmächten gab es viele Resolutionen, schärfer werdende Drohungen und Erklärungen. Und es gab auch schon einzelne militärische Aktionen von Bündnispartnern beider Seiten. Athen griff in die Streitigkeiten zwischen Korinth und Kerkyra (Korfu) um die Stadt Epidamnos (heute Durrës in Albanien) ein. Gewaltsam hinderte Athen die korinthische Kolonie Poteidaia am Austritt aus seinem Attischen Seebund.

Sparta und die Bedenken des Archidamos

Unmittelbarer Anlass für die direkte Konfrontation der beiden Großmächte aber wird schließlich ein Handelsembargo. Athen sperrte die Häfen seines Seebundes für die Schiffe aus Megara, mit dem es seit längerem im kalten Krieg stand. Damit wollte es den Handel Megaras verhindern. Megara wandte sich an Sparta um Hilfe. Sparta wiederum geriet aufgrund der entstandenen Konflikt-Landkarte der Städtebündnisse nun endgültig in Zugzwang. Zuvor hatte man dort gezögert. Noch 432 v.Chr. riet ihr Staatschef Archidamos21 trotz des Drängens der eigenen Bündnispartner gegen überstürzte Entscheidungen: Ein Krieg der beiden Supermächte ist nochmal etwas ganz anderes als die bisherigen Konflikte zwischen einzelnen Städten. Einzelstreitigkeiten kann man beheben. Aber ein Krieg der beiden Supermächte samt ihrer Verteidigungs-Bündnisse, der wegen solcher Einzelinteressen begonnen wurde, ist in Verlauf und Ende kaum absehbar; das ist ein nur schlecht kalkulierbares Risiko. Archidamos wurde jedoch nun von den Kriegsbefürwortern Spartas überstimmt. Diese hielten den „unabwendbaren“ Krieg gegen Athens Expansionismus für unaufschiebbar, bevor Athen seinen Einflussbereich noch weiter ausdehne, noch mächtiger und schließlich unbezwingbar werde.22

Athen und die Gründe des Perikles

In Athen hingegen drängte der Stratege und faktische Staatschef Perikles nun zum Krieg. In seiner Rede für den Krieg argumentierte er: Athen ist den Spartanern an Reichtum, Rüstung und politischer Kultur weit überlegen. Auch wenn Sparta vielleicht den Ruf als stärkste Landmacht haben mag, so sind die Athener aufgrund ihrer demokratischen Verfassung ungleich motivierter; denn sie tragen die Entscheidungen zum Krieg mit. Für die Spartaner hingegen sind die Entscheidungen ihrer Führung undurchschaubar. Er sah voraus, Sie (Spartas Bund) werden natürlich unsere Felder verwüsten, um uns zu schädigen.23 Aber das sah Perikles als strategischen Vorteil Athens: Die Vernichtung der Ernte trifft uns weniger hart als sie; wir können den Ernteausfall durch Importe ersetzen, weil wir reich sind, weite Handelsbeziehungen und Schiffe haben. Sparta hingegen muss sich mit dem begnügen, was es im eigenen Land selbst aufbringen kann. Sparta wäre nie in der Lage, eine Kriegs- und Handelsflotte aufzubauen, die es mit dem Attischen Seebund aufnehmen könnte. Daher könne Sparta auch die verbündeten Inseln und Kolonien von Athen nie ernsthaft gefährden.24

Auch der Embargo-Beschluss gegen Megara wurde dann in Athen vom faktischen Staatschef Perikles betrieben. Damit löste Perikles bewusst den Krieg aus. Innenpolitisch sah Perikles damals gerade seine führende Stellung bedroht. Ein von ihm betriebenes, gigantisches öffentliches Bauprojekt auf der Akropolis lief nämlich finanziell gerade aus dem Ruder. Perikles fürchtete daher, in eine Untersuchung wegen Unterschlagung von Staatsgeldern hineingezogen, entmachtet oder/und gar selbst angeklagt zu werden. Angesichts des nun losgetretenen Krieges kam es dazu nicht mehr; Perikles wurde als Stratege und Staatslenker gebraucht.25

Kriegsverlauf

Feldzüge im Verlauf des Krieges: Kaum etwas sagt weniger über Ursachen und Verlaufslogik eines Krieges als das Medium der Landkarte (und die Sandkästen der Generäle)

Friedensverhandlungen als vertane Chance

Spartas Argumente für den Frieden

Relativ bald, 425 v. Chr., bot Sparta den Athenern Friedensgespräche an. Seine Abgesandten argumentierten: Noch könnten beide Parteien einen ausgewogenen Frieden aushandeln, der beider vitale Interessen berücksichtigt. Einen Vertrag, mit dem sie beide gut leben könnten und mit dem beide das Gesicht wahren. Ein solcher freiwilliger Friedensvertrag zum beiderseitigen Vorteil wäre also dauerhaft, weil ihn beide wollen. Je länger aber der Krieg sich hinzieht, desto mehr wird der Hass zunehmen und einen vernünftigen Frieden unmöglich machen. Denn dann wird das Motiv des Handelns zunehmend nur noch Rache sein und die Vernichtung des Gegners.

Wenn die eine Seite schließlich der anderen einen Friedensvertrag durch Niederlage militärisch aufzwingt, wird ein solcher Diktatfrieden nicht von Dauer sein. Denn vor allem die unterlegene Seite wird die andere hassen. Und sie wird bei der nächstbesten Gelegenheit versuchen, den Frieden und seine Bedingungen wieder rückgängig zu machen. Sparta gab noch zu bedenken, dass sich das Kriegsglück unvermutet schnell wenden kann.26

Athens Ablehnung

Athen schlug dieses Angebot Spartas aus. Es hatte selbst gerade ein wenig überraschend eine Schlacht gewonnen und hoffte, mit seinem neuen, skrupellos volkstümelnden Strategen Kleon den Krieg bald siegreich zu beenden. Drastischer noch als Thukydides schildert Aristophanes die Ablehnung des Friedensangebots als Folge populistischer Politik. Zu deren „Öffentlichkeitsarbeit“ gehörten nämlich auch gelegentliche Preissenkungen für Bedarfsgüter und ab und zu Lebensmittel-Spenden für die „sozial Schwachen“. Damit konnten die politisch Mächtigen die Bevölkerung bei Laune halten, die durch den Krieg mehr und mehr in wirtschaftliche Schwierigkeiten geriet. In Aristophanes‘ Komödie werden Preissenkungen bei dem Grundnahrungsmittel Sardellen in Aussicht gestellt. Daraufhin schreit das Volk den Friedensbefürworter nieder: „Was, Frieden jetzt? Du Spinner! Jetzt, wo sie merken, dass die Sardellen billig sind bei uns?“27 Thukydides sah in dieser Ablehnung des Friedensangebots frevelhaften Hochmut28 und ein Beispiel für eine vertane Chance durch kurzsichtiges politisches Handeln. Die unerwartete Niederlage Athens bestätigte diese Einschätzung am Ende dann schlagend.

Verträge als taktische Mittel

Der Krieg wurde durch mehrere Waffenstillstands- und Friedens-Vereinbarungen unterbrochen. Jedoch, so stellt Thukydides fest, schlossen beide Seiten solche Verträge eigentlich nur, wenn sie beide gerade kriegerisch oder finanziell nicht mehr weiter konnten. Und sie brachen diese Vereinbarungen, sobald sich eine Seite wieder ein wenig gerüstet, erholt und im Vorteil sah. Für Lüge und Vertragsbruch schämt sich keine der beiden Seiten. Der Erfolg gibt einem Recht, und man ist sogar noch stolz auf seine Tricks. Lieber will man ein Arschloch, aber clever sein, als naiv, wenn auch ein Ehrenmann. Als Gutmensch zu gelten ist einem peinlich; mit Lug und Betrug aber gibt man öffentlich an.29

Schon bald nach Kriegsbeginn war Athen durch Kriegsflüchtlinge überfüllt, und 430 v. Chr. brach eine verheerende Seuche aus,30 an der auch der Staatschef Perikles starb. In der Folge kam es innerhalb der Demokraten zu Streitigkeiten. Meinungsführer waren der eher friedensbereite Nikias auf der einen Seite und der auf Kampf gebürstete Emporkömmling Kleon auf der anderen Seite. Kleon konnte sich auf die Händler, die Gewerbetreibenden, aber auch die im Krieg verarmten Bürger stützen, die sich von einer Ausweitung des Handels und der Eroberungen persönliche Gewinne versprachen.31 Er setzte sich zunächst mit seiner radikalen Kriegspolitik durch. Der Krieg wurde erneut mit heftigen Angriffen auf beiden Seiten fortgesetzt.

Zugespitzt formuliert, trugen gerade die verarmten Opfer des Krieges dazu bei, die Chance auf einen baldigen Frieden zunichte zu machen. Sie sorgten mit den Kriegspolitikern und Kriegsgewinnlern zusammen für eine allgemeine Kriegsstimmung in der Öffentlichkeit. Diese wurde so beherrschend, dass abweichende Meinungen äußerst aggressiv eingeschüchtert und laut Thukydides fast unmöglich wurden.

Der „Nikiasfrieden“ als Wende und Modell?

Aber im Jahr 422 v. kam es dann zu einer Art Regime Change. Der Feldherr Kleon fiel und Athen musste eine größere Niederlage einstecken. In der Folge konnte sich Nikias mit seiner Friedensinitiative durchsetzen. Dieser „Nikiasfriede“ hielt mehr oder weniger einige Jahre an, zumindest zwischen den Großmächten.

Interne „Stärkung“ der Bündnissysteme

Doch schon bald starteten beide Seiten neue Kriegsaktivitäten, zunächst aber eher im jeweils „eigenen“ Bündnis-Lager. In Spartas Peloponnesischem Bund kam es zu Auflösungserscheinungen. Viele Bündnispartner wollten austreten, weil sie keine Bedrohung durch Athen mehr sahen. Und so musste Sparta sie friedlich und unfriedlich zum Bleiben bewegen. Und Athen wurde z.B. kriegerisch aktiv, um die neutrale Insel Melos vor der Südküste des Peloponnes auf seine Seite zu zwingen. Das sollte nicht zuletzt seinen Bündnispartnern, die vom Bündnis abfallen wollten, als warnendes Beispiel dienen. Und selbst das Massaker an Mykalessos fand formell noch während des Nikiasfriedens statt.32

Die Chance des Nikiasfriedens wurde mithin verspielt, indem beide Seiten, auch mit kriegerischen Mitteln, ihre Bündnisse festigten und gar kriegerische „Spezialoperationen“ starteten, ohne aber die gegnerische Großmacht direkt anzugreifen. Beiden Seiten schien der Ausbau ihres jeweiligen Bündnissystems wichtiger als der Abbau von Angstpotenzial, etwa auch durch schrittweise Lockerung der Bündnisverpflichtungen im Zuge einer Stabilisierung des Friedens. Fortgesetzte Drohung statt Verstehen. Anders gesagt: Man nutzte den Nikiasfrieden nicht, um die Kriegsursache, „den wahrsten Grund“ zu verkleinern, sondern um die Ursache des Krieges sogar noch zu verstärken und zu erneuern.

Die sizilianische „Expedition“: Expansion contra Frieden

Das gilt insbesondere für den Feldzug Athens gegen Sizilien. Auch der richtete sich zunächst zwar keineswegs direkt gegen die Großmacht Sparta, aber er zielte auf die Erweiterung der eigenen wirtschaftlichen Macht ab. Athen war von zwei verbündeten sizilischen Städten nach bekanntem Muster gegen andere Städte auf Sizilien zu Hilfe gerufen worden. In Athen gab es eine Debatte: Gegen diese „Hilfe“ sprach, dass Athen sich wirtschaftlich und militärisch noch immer von der Schwächung des vorangegangenen Kriegsverlaufs erholte. Für diese „Hilfe“ sprach vor allem die Aussicht auf satte Beute und Stärkung der eigenen Position auf Sizilien. Sizilien galt im Altertum als die „Kornkammer“ im Mittelmeerraum.33

Dabei gelang Alkibiades ein beachtliches politisch-„sophistisches“ Kunststück. Zuerst, als Stratege Athens, mobilisierte er erfolgreich Athen für den Angriff auf die sizilischen Städte. Er versprach dabei auch in kreativem Umgang mit der Wahrheit, dass es möglich sei, ganz Sizilien zu erobern. Nachdem Alkibiades von Athen dann doch noch, einige Zeit nach seiner Abreise, abgesetzt und zum Tode verurteilt worden war,34 wechselte er die Seiten und mobilisierte dann das oligarchische Sparta zum erneuten Krieg gegen Athen. Scharfsinnig erkannte er dabei den „wahrsten Grund“ des Krieges und bespielte virtuos Spartas unausgesprochene Ängste. Erfolgreich erzählte Alkibiades den Spartanern, dass sich Athen natürlich nicht mit Sizilien begnügen wolle. Vielmehr werde es von da aus die nordafrikanische Großmacht Karthago (nahe dem heutigen Tunis/Tunesien) unterwerfen, sodann das sagenumwobene Spanien am anderen Ende der damals bekannten Welt mit seinen mythisch grässlichen Kriegern. Und dann, sozusagen nach der Eroberung der gesamten Mittelmeer-Welt, werde Athen, derart gestärkt, natürlich unaufhaltsam auch Sparta und ganz Griechenland plattmachen. Alkibiades hatte die Spartaner richtig getriggert, und als athenischem Insider glaubte man ihm allzu bereitwillig – entgegen aller realistischen Einschätzung der begrenzten Mittel Athens, aber auch seiner grundlegend wirtschaftlichen Motive.35 Und so griff Sparta auch noch in Sizilien ein – der direkte Kampf der Großmächte war wieder in vollem Gange.

Leiden im Verlauf des Krieges zu allen Zeiten
Der Verlauf des Krieges bringt Leiden – zu allen Zeiten und überall

Brutalisierung im Krieg und Kriegsverbrechen (Beispiele)

Der Krieg zersetzt bekanntlich die Moral aller Beteiligten. Das, so meinte Thukydides, liege in der Natur des Krieges und der Menschen. Er schildert eindringlich mehrere Grausamkeiten, die auch damals gegen Sitten und Gesetze verstießen und nach seiner Meinung bislang beispiellos waren:36

Moralverfall nach innen

Die Verrohung des Krieges wirkt nicht nur nach außen, sondern auch in die innerstaatlichen Verhältnisse.

● In Athen kam es kriegsbedingt zu ungesetzlichen Massenprozessen.37 Und man gewöhnte sich schon bald nach Kriegsausbruch auch an Massenhinrichtungen und andere Auflösungen althergebrachter Gesetze und religiöser Grundsätze.

● In Kerkyra (Korfu) zog das Peloponnesische Bündnis ab und das Attische heran. Die einen waren von den Anhängern der Oligarchen, die anderen von den Verfechtern einer demokratischen Verfassung zu Hilfe gerufen worden. Letztere ergriffen die Gelegenheit, alle erreichbaren Parteigänger der Oligarchen zu erschlagen, sogar im geheiligten Tempelbezirk.38 Sieben Tage brauchten die demokratischen Parteigänger, um alle ihre wirklichen und vermeintlichen (oft auch eher persönlichen oder wirtschaftlichen) Gegner abzuschlachten. Eine solche Verrohung des sozialen Kampfes um die politische Ordnung hatte es laut Thukydides zuvor in Griechenland noch nie gegeben.39

Die Warnung der Melier und ihre Auslöschung

● Mitten im Nikias-Frieden unterwarf Athen in einer „Strafaktion“ die Insel Melos (heute Milos), weil sie im schwelenden Konflikt der Großmächte neutral bleiben und nicht tributpflichtig dem Attischen Seebund beitreten wollte. Sämtliche Männer der Insel wurden hingerichtet, alle Frauen und Kinder versklavt. Anschließend wurde die Insel Melos, südlich des Peloponnes gelegen, von Athen mit „eigenen“ Leuten besiedelt und damit zum athenischen Einflussgebiet.
Thukydides schildert die Ausgangsposition der beiden Seiten im berühmten „Melier-Dialog“.40 Demnach ließ Athen moralische Argumente ausdrücklich nicht gelten: Warum sollten wir es nicht tun, wenn wir es doch können. Ihr müsstet uns schon überzeugen, dass der Einmarsch auf die Insel für uns unvorteilhaft wäre. Daraufhin gaben die Melier zu bedenken: Natürlich könnt ihr uns platt machen. Aber damit würdet ihr die anderen neutralen Städte, die „Kleinen“, auch noch in das Bündnissystem eurer Gegner treiben. Denn die müssten dann fürchten, dass ihr mit ihnen genauso umspringt. Damit hättet ihr all die bisher neutralen Staaten dann auch noch gegen euch. Mit Blick auf Thukydides‘ „meistbeschwiegene“ Kriegsursache könnte man spiegellogisch hinzufügen: Damit würde sich vielleicht auch eure ganz geheime Furcht realisieren: ein bedrohliches Wachstum des gegnerischen Bündnisses. Die Athener aber erwiderten: Gerade bei zwischenstaatlichen Beziehungen wie auch bei der Herrschaft über das eigene Bündnis ist Abschreckung wichtiger und zuverlässiger als Vertrauen. Wir haben die Macht und die Mittel dazu, unsere Hegemonie mittels Furcht zu erhalten. Und hofft nicht darauf, dass Sparta euch helfen wird: Auch die Großmacht Sparta wird nur das tun und richtig finden, was nützlich für sie selbst ist.

Zerstörung, Feuer im Krieg. Hier Vietnam
Zerstörung der Städte, Dörfer und Felder und der Ernten/ Nahrungsmittel ist von jeher Teil des Krieges. (Beispielbild Vietnam).

Massaker der Söldner: Mykalessos

● Auch das Massaker von Mykalessos hat Thukydides überliefert: Als den Athenern langsam das Geld knapp wurde, entließen sie eine thrakische Söldnertruppe und führten sie nach Hause. Auf dem Rückweg sollte sie dem Feind noch möglichst viel Schaden zufügen. Und so überfielen die Söldner das ahnungs- und wehrlose Städtchen Mykalessos in Böotien. Dort metzelten sie alle Einwohner nieder, die sie finden konnten – Männer, Frauen und Kinder. Beim allgemeinen Plündern drangen sie auch in die größte Schule des Ortes ein und ermordeten alle Schulkinder, die sich dort gerade zum Unterricht versammelt hatten.41

Das Ende des Krieges und der Stadtstaaten

Modell Abnutzungskrieg

Wie von Perikles vorhergesagt und von Archidamos befürchtet, zog sich der Krieg mit wechselnden Erfolgen wesentlich als Abnutzungskrieg dahin. Zum einen als Wirtschaftskrieg mit Embargos und Ernte-Vernichtungen, zum anderen als direkte Kämpfe an verschiedenen Fronten. Keine der beiden Seiten konnte aus sich heraus einen entscheidenden Schlag landen. Die auf dem Land starken Spartaner fielen in der ersten Kriegsphase Jahr für Jahr in Attika ein. Dort verwüsteten sie die Ernte und erbeuteten Sklaven.42 Die attische Landbevölkerung musste sich hinter die Schutzmauern Athens flüchten. Von dort aus musste sie zusehen, wie ihre Gehöfte, ihre Felder und ihre Existenz in Flammen aufgingen. Athen setzte auf Embargo-Politik und ebenfalls auf wirtschaftliche Schädigung durch Ernte-Vernichtung: Es sperrte mit seiner überlegenen Kriegsflotte den Seehandel für den Peloponnesischen Bund und verwüstete mit Überfällen vom Wasser her die peloponnesische Landwirtschaft. Dieser Ermüdungskrieg verschliss auf beiden Seiten trotz Ersatzbeschaffungen und Erholungen in den Kriegspausen nach und nach die Kräfte: Geld, bezahlte Truppen, Ausrüstung und Waffen. Und er schwächte beide Seiten nicht nur wirtschaftlich, sondern auch sozial. Verarmte Bürger und entwurzelte Kriegsflüchtlinge bevölkerten ohne gesicherte Existenz und Zukunft die Städte. Nicht selten gab es politische Unruhen in beiden Bündnissen.

Kriegsende

Nach 27 Jahren endete der Krieg schließlich mit einem Sieg Spartas. Das geschah nicht unwesentlich mit Hilfe einer dritten Großmacht, die zu diesem Zeitpunkt niemand (mehr) so richtig auf dem Zettel hatte: Persien verschaffte Sparta die Mittel für eine mächtige Kriegsflotte – im Tausch gegen Gebietszusagen in Kleinasien (heutige Türkei). Nach seiner damaligen Niederlage gegen die vereinten griechischen Kräfte sah Persien nun seine ehemaligen Gegner durch den langen Krieg entkräftet. Es versprach sich insbesondere von einer weiteren Schwächung des Attischen Bundes und seiner Seemacht Vorteile im Dauerkonflikt um die griechischen Kolonien in Kleinasien.43

Kriegsfolgen

Neben Auflagen zur „Abrüstung“, z.B. Entfernung der uneinnehmbaren Schutzmauern bei und um Athen, wurden in Athen demokratische Einrichtungen schrittweise abgeschafft. In blutigen Säuberungen wurden die demokratischen Kräfte dezimiert und ausgeschaltet. Die Oligarchie Athens gelangte als Junta – als so genannte „Herrschaft der Dreißig Tyrannen“ – wieder in ihre ehemaligen Machtpositionen. Diesen Umschwung besorgten athenische Gruppierungen selbst, Schritt für Schritt, mit Gewalt und Einschüchterung. Sie stützten sich dabei auf zurückgekehrte Exilanten und auf den militärischen Schutz der spartanischen Besatzung.44

Für Athen bedeutete der verlorene Krieg letztlich das Ende seiner Existenz als Stadtstaat samt seiner beispielgebenden Demokratie. Aber auch für Sparta und die anderen griechischen Städte war die Zeit als unabhängige Stadtstaaten bald vorbei. Das Königreich Makedonien aus dem Norden übernahm die Herrschaft über das gesamte, ausgelaugte Griechenland. Die Kriegsziele beider Seiten – Stärkung der demokratisch verfassten Handelsmacht einerseits, politische und wirtschaftliche Eigenständigkeit der Stadtstaaten andererseits – hatten sich damit erledigt.

Der Peloponnesische Krieg als aktuelles Modell: Die „Thukydides-Falle“

In den 2010er Jahren warnte der Politologe Graham Allison vor der „Thukydides-Falle“, die er so beschreibt: Eine etablierte Großmacht (Sparta) hält den Krieg für unvermeidlich, weil sie Furcht vor dem Machtzuwachs einer anderen, aufkommenden Großmacht (Athen) hat. Daher beginnt sie den vermeintlich unvermeidlichen Krieg. Allison richtete seine Warnung an die bisherige Weltmacht USA im Hinblick auf die aufkommende Großmacht China. Die „Thukydides-Falle“ wurde zu einem konflikt-theoretischen Ansatz, erörtert anhand vieler vergangener Kriege. Er verbreitete sich vor allem im englischsprachigen Raum. 2014 verwendete auch der chinesische Präsident Xi Jinping den Begriff und sagte, dass die Thukydides-Falle vermieden werden müsse.45 Auch die Parallele in bezug auf Russland und Europa/NATO mit dem aktuellen Krieg in der Ukraine scheint auf der Hand zu liegen.46

Thukydides analysiert die Ursachen und die Handlungslogik des Krieges. Er hielt ihn und seinen Verlauf aber nicht für unvermeidlich. Denn Menschen können in jeder Situation Folgen abschätzen und klug oder weniger klug handeln. Entsprechend stellt er immer wieder die handelnden Menschen in den Mittelpunkt seiner Darstellung, auch wenn er die Ursachen und die Logik der Abläufe samt handlungsleitender Interessen klarsichtig analysiert. Großen Raum nimmt dabei die Wiedergabe der verschiedenen Reden und Debatten auf beiden Seiten ein: für oder gegen den Kriegseintritt; Abwägung der unterschiedlichen Interessen, der einzelnen Unternehmungen und Reaktionen; Argumente, Bedenken, Demagogie, Überheblichkeit, Verblendung und vertane Friedensmöglichkeiten bis zum gemeinsamen Ende.

Thukydides-Falle zwischen USA und China, aus der Sicht von Hong Kong
Die „Thukydides-Falle“ aus der Sicht von Hong Kong

Anhänge: Die Gesellschaftsformen

Anhang I: Kurzer Abriss zur Demokratie in Athen

Entstehung

Die demokratische Verfassung Athens wurde 508 v. Chr. von Kleisthenes erstmals ausgearbeitet47 und in den folgenden Jahrzehnten ausgebaut bis zu ihrer Neufassung unter Perikles. Sie löste Schritt für Schritt und unter sozialen Machtkämpfen die zuvor ständische Herrschaft des Adels (Oligarchie) zu Gunsten eines wirtschaftlich erstarkenden Stadtbürgertums ab.

Die Besetzung der Ämter

Die Demokratie des Stadtstaats Athen war bis dahin beispiellos und ist bis heute beispielgebend. Dem entsprechend war und ist sie bis heute umkämpft und umstritten und hat natürlich selbst eine bewegte Entwicklungsgeschichte.

Es gab eine allgemeine Volksversammlung. Ihr gehörten prinzipiell alle männlichen Stadtbürger an. Sie trat mindestens einmal im Monat zusammen und regelte die grundlegenden Fragen durch Mehrheitsbeschluss, auch z.B. über Krieg und Frieden. Darüber stand für die Einzelheiten die geschäftsführende, ständige Ratsversammlung/ Senat, bestehend aus 500 Delegierten. Dafür schickten die 10 Stadtteile freiwillige Kandidaten ins Rennen. Unter diesen wurden die Ämter – 50 pro Stadtteil – öffentlich ausgelost.
Auch die vorherrschenden Organe der Rechtsprechung (Volksgerichtshöfe und Appellationsgericht) wurden per Los besetzt. Sie sollten übrigens prinzipiell innerhalb eines Tages ein Urteil fällen.
Los oder Wahl entschied über die Besetzung der meisten (kleinteilig differenzierten) Verwaltungsämter . Diese waren jedoch nach Wichtigkeit gestaffelt und weiter „oben“ nur für höhere Einkommensklassen zugänglich (Genaueres im folgenden Abschnitt).
Perikles führte für die Amtsinhaber eine Besoldung (Diäten) ein. Sie sorgte dafür, dass sich im Prinzip jedermann die Freistellung zur öffentlichen Aufgabe leisten konnte. Die Versammlungs-, Rats- und Justiz-Posten waren auf ein Jahr begrenzt. Verwaltungs-Ämter dauerten oft kürzer, teilweise gar nur einen Tag (z.B. die Marktaufsicht).
Eine Wiederwahl war nur bei den höchsten Ämtern möglich, in die Ratsversammlung/ Senat konnte man immerhin zweimal gelost werden.
Zusammen mit den stadtteilbezogenen Selbstverwaltungen waren so außerordentlich viele Staatsbürger aktiv in das Gemeinwesen einbezogen. Dennoch gab es nie einen Mangel an Kandidaten, die diese Verantwortung übernehmen wollten.

Soziale Staffelung der Ämter

Es gab gesetzliche Abstufungen: In die wichtigen Ämter konnten nur Angehörige höherer Klassen gewählt werden, in die wichtigsten Positionen nur angehörige der vermögendsten Klasse.
Das betraf zum einen das oberste Finanzamt („Schatzverwalter“). Allerdings haftete dieser „Finanzminister“ bei Fehlern auch mit seinem persönlichen Vermögen.

Vom Strategen zum Staatschef

Insbesondere aber war das politisch höchst einflussreiche Amt eines Strategen (Heerführer bis Oberbefehlshaber) den obersten Klassen vorbehalten. Formell wurden davon jeweils 10 gleichzeitig gewählt mit unbegrenzter Möglichkeit zur Wiederwahl. Das war die entscheidende Karrieremöglichkeit. Für die verschiedenen kriegerischen und politischen Vorhaben wurden einzelne Strategen von Volksversammlung und Senat mit der Planung und Durchführung betraut. Mit zunehmender Erfahrung und Vernetzung konnte man in dieser Funktion an politischem Einfluss zulegen. Und so konnte man durch immer mehr und neue Aufgaben bis hin zum langjährigen faktischen Staatschef aufsteigen.

In der Zeit des Peloponnesischen Krieges war das zum Beispiel zunächst noch Perikles (er betrieb den Kriegseintritt). Nach dessen Tod 430 v. kam der neureiche „Emporkömmling“ Kleon (er starb auf dem Schlachtfeld) und dann Alkibiades (ein Neffe und Ziehsohn des Perikles und wie dieser Mitglied einer alteingesessenen, mächtigen und reichen Familie, der im Krieg die Seiten wechselte). Beide hatten in Nikias ihren gemäßigten Gegenspieler.

Es liegt auf der Hand, dass Bewerber und vor allem Wiederbewerber für dieses Amt des Strategen in ihren politischen Positionen und Reden nicht gerade von tiefem Pazifismus durchdrungen waren: Nur im Kriegszustand hatten sie ein Höchstmaß an Bedeutung und Karrieremöglichkeit. Allerdings gehörte für solche Kriegsführer der Tod auf dem Schlachtfeld zum Berufsrisiko, ebenso die Verbannung wegen zu großer Machtanhäufung.

Politische und militärische Klassen

Die politischen Klassen waren verfassungsmäßig festgelegt. Sie gliederten sich wesentlich entsprechend den Ständen im Krieg:
● Die Reiter/ Ritter: Sie waren reich genug, zur Schlacht ein Pferd samt entsprechender Rüstung beizubringen. Häufig entstammten sie dem Landadel mit Großländereien und Bodenschätzen (z.B. Silberminen), aber auch reichen Handels- und Fabrikationsbetrieben
● die so genannten Schwerbewaffneten (Hopliten). Sie konnten sich eine Rüstung mit Schwert und Schild leisten. Im Krieg kämpften sie in der infanteristischen, strategisch zentralen Formation der Schlachtreihe (φάλαγξ /Phálanx).
● und schließlich die eher besitzlosen sogenannten Leichtbewaffneten (Theten). Sie wurden staatlich oder privat ausgerüstet, zogen notfalls aber auch mit Steinen, Stöckern und Ackergeräten in den Kampf. Die Theten aber waren von den Verwaltungsämtern gänzlich (später fast ganz) ausgeschlossen.

Die Mehrheit der Bevölkerung war ausgeschlossen

So einmalig und revolutionär die demokratische Verfassung war, so war doch schon rein zahlenmäßig die Mehrheit der Bewohner*innen Athens auch formell überhaupt nicht beteiligt. Zu Wahl und Ämtern waren nämlich grundsätzlich nur freie männliche Stadtbürger über 30 berechtigt.

Mithin waren von den demokratischen Einrichtungen und Willensbildungsprozessen ausgeschlossen:
● alle Frauen, egal aus welcher Einkommensklasse
● die zahlreichen Sklaven in den Haushalten, Bauernhöfen und Fertigungsstätten. Ihre Stellung und Lebenssituation konnte höchst unterschiedlich sein: vom Hausbediensteten oder dem Helfer eines Kleinbauern über Arbeitsheere auf Plantagen und in fabrikartigen Fertigungsstätten, in Steinbrüchen und Bergwerken oder gar als Galeeren-Ruderer – in dieser Reihenfolge mit abnehmender Lebenserwartung.
● alle „Fremdstämmigen“, die so genannten Metöken („Mitbewohner“). Das waren meist Griechen, Bürger anderer Städte, aber sie konnten keine athenischen Eltern vorweisen. Sie blieben „Fremdstämmige“ ohne politische Bürgerrechte, auch in den Folgegenerationen. Dennoch waren sie steuer- und wehrpflichtig, durften aber kein Land erwerben. Daher bestritten diese Metöken ein Großteil des Handels und des Handwerks. Im Zuge des Krieges gab es zudem immer mehr Kriegsflüchtlinge aus dem näheren und weiteren Umland. Diese versuchten sich dann als Gelegenheitsjobber und Kleinsthändler durchzuschlagen.
● die Bewohner des Umlands. Das betraf also in der Regel auch die meisten Bauern, sofern sie (noch) auf dem von ihnen bewirtschafteten Land wohnten. Während das wohlhabende Handelsbürgertum eher der Gewinner einer expansiven Kriegspolitik war, so waren die Bauern von vornherein eher die Verlierer: Jahr für Jahr wurden ihre Felder vor der Stadt systematisch durch Spartas Truppen verwüstet. Und zunehmender Nahrungsmittel-Import verschlechterte ihre Chancen und Preise am heimischen Markt. So füllte sich die Stadt auch mit verarmten Bauern ohne festes Einkommen.

Bewohner ohne Stadtrechte nahmen an Kriegszügen oft als staatlich oder auch privat finanzierte Söldner teil. Wenn es gut lief, konnten sie sich dabei Hoffnung auf eine neue Existenz als Berufssoldaten und auf Bereicherung durch Plünderungen machen.

Informelles Machtgefälle

In diesem formell gleichen System hatten noch immer der ländliche Adel und die im Handel erstarkten, begüterten Athener Familien ungleich größere Steuerungs- und Einflussmöglichkeiten. Aus ihren politischen Klassen stammten nicht nur die Amtsträger und Entscheider in den Spitzenpositionen, sondern auch die weiteren politischen Influenzer in den politischen Organen und in der Öffentlichkeit der Volksversammlung und des Marktplatzes. Sie waren untereinander gut vernetzt. Und sie und ihre Söhne hatten eine umfangreiche Ausbildung und Bildung durchlaufen, namentlich in angewandter Logik und der hoch angesehenen „Rhetorik“ (Redekunst).

Durch ihre finanzielle Unabhängigkeit hatten sie das Wissen und die Zeit,  politische Prozesse zu gestalten. Zunehmend gelang es vermögenden Athenern auch durch Wahlgeschenke oder Wohltätigkeits-Kampagnen, die Meinung der Ärmeren zu ihren Gunsten zu beeinflussen.
Die Ausbildung in Logik und Rhetorik betrieben häufig so genannte Sophisten. Das waren oft gelehrte Reisende mit einem speziellen Schul-Geschäftsmodell: Sie boten auf dem athenischen Markt Proben ihrer Denk-Kunst. Dabei rühmten sie sich etwa, zu jedem möglichen Thema sowohl die eine Position als Wahrheit zu vertreten, als auch deren Gegen-These schlüssig beweisen zu können. Damit warben sie für ihre hochbezahlten Seminare und Schulen für die Söhne der Bessergestellten.

So entstand die Herrschaft der „Sophistik“ und „Rhetorik“ in der neuartigen öffentlichen Meinungsbildung – heute würde man sagen: die professionelle Entwicklung von Kommunikationsstrategien, Narrativen, Framings, Wordings und mehr oder minder alternativen Wahrheiten. Dagegen war die noch junge Demokratie recht hilflos. Es gab kaum Erfahrung, Mechanismen und institutionalisierte Medien des öffentlichen Diskurses, ihr zu begegnen. (Keine erfahrenen Zeitungsredaktionen, keine Nachrichten- und Feature-Sender, keine digitalen Foren und Social Media.) In seiner Komödie „Die Wolken“ unterzog Aristophanes schon frühzeitig derlei Wahrheits-Akrobatiker und Begriffs-Jongleure samt deren „sophistischen“ Lehrmeistern einer ätzenden Kritik. Und auch Sokrates nahm sie und ihre Sprechblasen immer wieder gern auseinander. Er stellte sie auf dem Marktplatz live zu seinen berühmten Diskussions-Battles, umringt von einer oft jugendlichen Fangemeinde. Das fanden die Betroffenen und auch die Mächtigen überwiegend nicht witzig.48

Sozialer Hintergrund des Demokratie-Modells

Die demokratischen Regelungen wurden schrittweise dem alten, auf Landbesitz sich gründenden Adel von einem aufsteigenden Bürgertum abgerungen. Und oft mussten sie gegen Gegenreform-Versuche verteidigt werden.

Eine Entstehungsbedingung für die Durchsetzung der demokratischen Beteiligungen war von Anfang an, dass sich Athen meist im kalten oder heißen Krieg befand, wo man letztlich – neben allen Söldnern und bezahlten Hilfskräften – auf die Mitwirkung aller männlichen bewaffneten und waffenfähigen Stadtbürger angewiesen war.

Aufstieg des Handelsbürgertums

Das städtische Bürgertum gelangte durch den Ausbau von Handelsbeziehungen, durch zunehmenden Import und Export zu Wohlstand und Reichtum. Dazu trug insbesondere Athens „Attischer Seebund“ nach den Perserkriegen bei. Diese Macht sicherte nicht nur ein verzweigtes Netz von Handelswegen (von Sizilien und Unteritalien über die heutige Ukraine, die ägäischen Inseln bis zum Bosporus und nach Kleinasien). Sie schuf durch den abgabenpflichtigen Anschluss vieler Städte und Inseln auch die Möglichkeit zu günstigen Importen. Die Mitglieder dieser neu erstarkten Handelsschichten orientierten sich persönlich auf sozialen Aufstieg und politisch eher auf Expansion als auf Bewahrung der Verhältnisse.

Interessenkoalitionen

Die nach Macht strebenden Strategen konnten sich dabei vor allem auf das emporgekommene Handelsbürgertum stützen. Zugespitzt und pauschal formuliert: In den demokratischen Abläufen gab es oft eine „natürliche“, zumindest naheliegende Interessenkoalition, die zum Krieg neigte: nämlich zwischen
● den Strategen, die ihre Karriere leichter im Krieg ausbauen konnten,
● den Handelsbürgern, die durch Expansion des Bündnis- und Handelssystems reich wurden und noch mehr zu gewinnen hofften. Sie begleiteten z.B. den sizilischen Feldzug mit eigenen privaten Schiffen und eigenem Söldnerpersonal, weil sie sich davon unmittelbar Mengen von Waren versprachen.
● und, tragischerweise, den nicht zuletzt durch den Krieg vertriebenen und verarmten Schichten. Diese setzten ihre wirtschaftliche Hoffnung auf Langzeit-Sold bzw. Berufssoldatentum, Plünderung und „Armenspenden“ aus den Kriegsbeuten der Mächtigen.
Ebenfalls zugespitzt aus Thukydides zu entnehmen: In dieser Gemengelage verkörperte der alte, seit jeher reiche Landadel oft eher den pazifistischeren Flügel, auch in Entscheidungssituationen.49

Stärken und Schwächen der Athener Demokratie

Vorsicht: Unser Wissen über die demokratischen Einrichtungen und Abläufe ist begrenzt. Die Quellen sind unvollständig, oft aus späteren Jahrhunderten und – insbesondere bezüglich der revolutionär neuen Demokratie – alles andere als unparteiisch. Geschrieben haben fast ausschließlich Angehörige der obersten Klassen, die nicht dem täglichen Broterwerb nachgehen mussten und häufig kein Interesse am Ausbau der demokratischen Prinzipien hatten.

Demokratie und Führung

So war schon damals das Verhältnis von Demokratie und Führerschaft, von Aufklärung, Verführung und Verführbarkeit der Massen als Problem erkannt und hochumstritten. Der dem Adel entstammende Geschichtsschreiber Thukydides sah es so: „Die Masse ist in ihren Auffassungen unstet und wetterwendisch, für ihre Fehlleistungen macht sie andere verantwortlich, vor allem die Politiker, mitunter die Wahrsager. So sind vernünftige Beschlüsse nicht zu erwarten, wenn das Volk den Entscheidungsprozess beherrscht und die Politiker in Furcht vor ihm leben. Da dies aber oft genug der Fall ist, geben nicht sachgerechte Kriterien immer wieder den Ausschlag.“ [Thuk., I] Es sei daher die Aufgabe der führenden Männer, das Volk weitblickend durch Überzeugung zum Richtigen und Besseren zu bewegen.

Opportunistische Volkstümelei und Entscheidungsschwäche bei den Politikern verachtete Thukydides genau so sehr wie den autokratischen Populismus eines Kleon. Über dessen Vorgänger, den Staatschef Perikles, und seine Zeit (Perikles lebte um 490 v. bis 422 v. Chr.) hingegen schrieb er bewundernd : „Es war dem Namen nach eine Demokratie, in Wirklichkeit die Herrschaft des Ersten Mannes.“[Thuk. II]. An mehreren Wendepunkten gibt Thukydides der emotionalen, kurzsichtigen Haltung des Volkes bzw. der Volksversammlung eine Mitschuld an dem opportunistischen, taktischen oder auch großsprecherischen Verhalten der Politiker. Und plastisch schildert er, wie sich das Volk zuerst durch gewagte Bereicherungsversprechen bedenkenlos bereitwillig zum Krieg gegen Sizilien mitreißen lässt – und wie es nach der katastrophalen Niederlage von dem eigenen Entschluss nichts mehr wissen will und lieber woanders nach Schuldigen sucht.

„Vertrauen ist gut, Kontrolle ist besser“

Auf der anderen Seite bestand ein tief sitzendes Misstrauen gerade des einfacheren Volkes gegenüber Großmannssucht, Machtkonzentration und Machtmissbrauch bei seinen politischen Führern. So zum Beispiel bei den aus dem Ruder gelaufenen Baukosten für das Großprojekt auf der Akropolis. Die daraus entstehende Gefährdung seiner Karriere motivierte Perikles dann auch, den Krieg zu zünden.50 Und auch hinter dem Frevel-Vorwurf gegen Alkibiades51 stand dessen protziges Leben mit sexuellem Freistil, riesigem Rennstall, ausufernden Parties und zahllosen „Amigos“ aus allen Eliten [auch ohne Brioni-Anzüge und Cohiba-Zigarren;-)]. Eine solche Ego-Zurschaustellung war bis dahin unüblich und verpönt. Und es nährte den Verdacht, dass das Wohl des Athener Staates bei diesem Politführer nicht unbedingt an erster Stelle stünde.

In beiden Fällen wurde das Misstrauen zu einem berechtigten. Und in der Geschichte gab es wiederholt blutige Erfahrungen mit Initiativen mächtiger Männer und Bündnisse zur Wiedereinführung einer oligarchischen (Adels-)Verfassung oder zur Einführung einer diktatorischen „Tyrannis“. Dieses Misstrauen des Volkes wird – nicht nur von Thukydides, sondern auch von anderen Geschichtsschreibern aus den oligarchischen Kreisen – gleichwohl gerne als unangebracht, politisch irreführend oder zumindest übertrieben angeprangert.

Platons Gegenmodell

Der bis heute berühmteste Kritiker der Demokratie im alten Athen war der idealistische Philosoph und Staatstheoretiker Platon (428 – 348 v. Chr.). Er entwarf zunächst einen Idealstaat, in dem die „Besten“ und Weisen als Staatslenker und „Wächter“ fungieren sollten. Diese sollten zuvor sorgfältig herangezüchtet und (philosophisch) erzogen werden. Mit zunehmendem Alter musste Platon jedoch feststellen, dass die von ihm unterstützten, für würdig befundenen Staatsführer in den verschiedenen Stadtstaaten sich dann regelmäßig spätestens mit der Übernahme von Macht und mit der Loslösung von demokratischer Kontrolle als weder gute noch weise Menschen erwiesen, sondern als ganz banale, macht- und geldgierige Autokraten.

Daher änderte er seinen Ansatz für einen Idealstaat: In seinem umfangreichen Spätwerk plädierte er nun sozusagen als „zweitbeste“ Lösung für allgemeine Gesetze, die, unabhängig von einzelnen Menschen, für alle – also für Beherrschte und Herrscher – gleich gelten sollten.52

Im richtigen Leben lief es allerdings anders: In Rom ließen sich die Nachfolger Caesars, die Kaiser, zwar aus ursprünglichen Wahlämtern heraus legitimieren (Consul in Kombination mit Volkstribun). Aber dann ließen sie sich lebenslänglich gar als göttlich verehren. Ihr Vorbild war dabei der Grieche Alexander der Große (erzogen vom Platon-Schüler Aristoteles).53 Damit galten die „normalen“ Gesetze für sie schonmal gar nicht. Auch in den nachfolgenden zwei Jahrtausenden sind Herrscher, die gemäß dem frühplatonischen Ideal selbstbescheiden nur dem Schönen-Guten-Edlen nachstreben, äußerst rar. Viele von ihnen sind hingegen durch Maßlosigkeit, Kriege und skrupellose Machtausweitung nach außen und innen in die Geschichte eingegangen.

Machtbegrenzung durch Institutionen

Schon der frühere Verfassungsreformer Kleisthenes (vielleicht sogar schon Solon) hatte hingegen vorhergesehen, dass auch in der Demokratie einzelne Menschen zu viel Macht anhäufen und damit der Demokratie selbst gefährlich werden könnten. Daher wurde zum einen die Wiederbesetzung für die meisten Posten begrenzt (die Strategen sollten ja eigentlich nur für den Ausnahmefall des Krieges eine Funktion haben). Zum anderen wurde die Möglichkeit eingerichtet, Personen auf Zeit in Verbannung zu schicken, wenn diese zu mächtig oder machtbesessen erschienen. Das geschah demokratisch durch regelmäßige Abstimmungen. Diese Abstimmungen wurden „Scherbengerichte“ genannt, weil die Namen der „Gewählten“ in Tonscherben geritzt wurden.54

Zur Kritik des Thukydides an demokratischen Entscheidungen

Nach dem Tod des Perikles und einer bürgerkriegs-artigen Rebellion der Oligarchen kam es schließlich 411. v. Chr. zu einer reformierten demokratischen Verfassung, die die politische Willensbildung, namentlich in Volksversammlung und Senat, stärker institutionalisierte und personell eingrenzte.55 Diese mehr regulierende Verfassung war für den adligen Thukydides „ein vernünftiger Ausgleich zwischen den Wenigen [Adligen / Oligarchie] und den Vielen [allen (freien) Bürgern / Demokratie] und hat aus misslich gewordener Lage die Stadt zuerst wieder hochgebracht.“ Allerdings wurde diese neue Demokratie nach knapp 10 Jahren durch die Oligarchen mittels der „Tyrannis der 30“ bei Gelegenheit und in Folge des Krieges wieder beseitigt.56

Bei Thukydides gibt es viele Stellen, an denen er das Zustandekommen von (schlechten) Entscheidungen kritisiert. Wenn man diese Kritiken zusammenführt und sie zu Forderungen umformuliert, ergäbe sich in etwa:
1. Die verantwortlichen, in Macht befindlichen Politiker müssten der Versuchung widerstehen, durch anbiedernde Rhetorik, durch billige Gesten wie gelegentliche Preissenkungen, durch kurzatmige Symbolpolitik und Befriedigung der Gier das Volk bei Laune und unmündig zu halten. Vielmehr müssten sie mutig erklären, was sie warum für nachhaltig und richtig halten, und damit in die Überzeugung gehen.
2. Das Volk sollte sich nicht denkfaul kurzsichtig nach dem (vermeintlichen) eigenen Vorteil ausrichten und leichtgläubig dem folgen, der das Meiste und das Angenehmste verspricht – um ihn dann, wenn seine Versprechen sich als Spruchblase erweisen, zugunsten des nächsten Populisten zu verdammen. Vielmehr sollte das Volk rational prüfen, welche Vorschläge und Strategien erfolgreich sein können und für alle zum Vorteil. Dann aber wären auch Misserfolge gemeinsam zu tragen, Fehler als gemeinsame zu erkennen und anzuerkennen, statt emotional bequem nach Schuldigen in Politik und Wahrsagerei zu suchen.
Kurz: Statt Populismus einerseits und Misstrauen andererseits die von Perikles als Athener Lebensart beschworene rationale, demokratische Abwägung der Argumente zwischen beiden Polen. Allerdings hielt Thukydides eine solche starke, aktive Demokratie angesichts der Schwäche der Menschen augenscheinlich eher für ein Ideal. Realistischer war ihm vermutlich jener 411 v. Chr. vorschnell gefeierte „Ausgleich“ zwischen Oligarchie und Demokratie – vielleicht, entgegen der späteren Einsicht des alten Platon, doch noch verbunden mit der Hoffnung auf die Wiederkehr einer übermenschlich klugen und edlen, perikleïsch verklärten Führungsfigur.

Die Utopie des Aristophanes

Der damals populärste Komödienschreiber Aristophanes war zugleich Kritiker und Radikalvertreter der Demokratie. Gnadenlos und schärfer noch als Thukydides prangerte er die Skrupellosigkeit der Politiker einerseits und die mäkelhafte Vordergründigkeit und Verführbarkeit des Volkes andererseits an (z.B. in Die Ritter), samt der Schwurbelei der Meinungsmacher in Verdrehung aller ethischen Prinzipien (etwa in Die Wolken). Aber besonders in seinen Komödien um den Krieg malte er immer wieder an die Wand, was denn wäre, wenn sich die Leidtragenden der herrschenden, aggressiv wachstumsorientierten Politik aktiv einmischten. Er setzte seine Hoffnung auf diejenigen, die in der damaligen demokratischen Verfassung (noch) gar nicht vorkamen: die kleinen Bauern und – radikal utopistisch – gar die Frauen. In seinem bis heute die Gemüter erregenden Stück Lysistrata schicken die Frauen die patriarchischen Politikmacher als Versager nach Hause; sie übernehmen den Diskurs und die Verantwortung und führen kompromisslos den Frieden herbei. Damit durchbrechen sie zugleich das ewige Gesetz, dass die Männer fern im Krieg Heldentaten und Kriegsverbrechen begehen, während die Frauen unsichtbar und schweigend zu Hause den Kriegs-Alltag bewältigen. Eine solch radikale Vorstellung von Demokratie, die die traditionell Nicht-Mächtigen aktiv mit einschließt, konnte damals nur als Utopie, in Form eines zum Schreien komischen Theaterstücks stattfinden.

Begriffsklärungen: „Oligarchie“ und „Demokratie“

„Oligarchie“ heißt übersetzt „Herrschaft der Wenigen“ (gemeint sind die Adligen und/oder Reichen); „Demokratie“ meint hingegen die Herrschaft des (verfassten) Volkes, also der „Vielen“.
Für die anderen Nerds unter uns im einzelnen: ὀλίγοι /oligoi) heißt „wenige“; ἀρχή /arché zu „-archie“ ist die ursprüngliche, hergebrachte „Herrschaft“/Führung (eigentlich „der Ursprung“/ „Urgrund“); ὀλιγαρχία / „Oligarchie“ bedeutet also genauer die hergebrachte Herrschaft von Wenigen. -kratie“ aus κρατία / kratía = „Kraft, Stärke, Herrschaft“, meint die verfasste, institutionalisierte Herrschaft. Als δῆμος/„Demos“ bezeichnet man das in Institutionen verfasste Volk, ursprünglich die selbst organisierte Gemeinde. Das Volk als Masse / Bevölkerung hingegen wäre λαός / „Laos“ – davon abgeleitet im Deutschen der „Laie“.

Anhang II: Kurzer Abriss über die Gesellschaft in Sparta

Über Sparta wissen wir viel weniger als über Athen. Und alles, was wir über Sparta wissen, ist bruchstückhaft und entstammt feindlichen und/oder verklärend vereinnahmenden Quellen. Aus Sparta selbst gibt es so gut wie kein Schrifttum, nur kurze Zitate von anderen. Damals wie heute ist unser Bild von Sparta wesentlich geprägt von der kritiklosen Übernahme der Beschreibung des Atheners Aristoteles. Dieser zeichnete interessiert ein durchorganisiert militaristisches Bild von Sparta. Mit diesem Narrativ über den potentiellen Gegner unterstützte er die von ihm befürwortete Rüstungspolitik Athens.57

Mythen und Projektionen

Also Vorsicht! Weil so wenig und oft Krasses und interessiert Falsches überliefert wurde, eignet sich Sparta noch immer hervorragend als Mythos. Einerseits dient „Sparta“ als Negativ-Abschreckung: das angeblich „kommunistische“ Sparta – trotz aller Sklaven-Klassen. Sie beruhte auf der (falschen) Unterstellung, es habe in Sparta kein Privateigentum gegeben. Das aber traf nur für den Besitz an den Heloten-Sklaven zu. Allerdings galt privater Reichtum wohl weniger als automatischer Sozialstatus. Andererseits muss „Sparta“ oft als Urbild und Vorbild für alles Mögliche herhalten (etwa wie anderweitig „die Naturvölker“, die alles richtig gemacht haben). Schon Aristophanes spielt in „Lysistrata“ gekonnt mit den blühenden Mythen und Vorurteilen um das rätselhafte, unzugängliche Sparta: vom perfekten Body Shape Lampitos über undurchschaubare Entscheidungsprozesse bis zum wortkargen („lakonischen“) und befremdlichen Dialekt.58

Und noch heute dient „Sparta“ als ideologische Projektionsfläche für viele gesellschaftliche Randgruppen: für Aristokratie-Nostalgiker, die eigentlich Kaiser Wilhelm wiederhaben wollen (und insgeheim die anderen, namentlich die „Nicht-Einheimischen“ und die Sklaven, die Arbeit machen lassen wollen), über Endzeit-Prepper, Hardcore-Militaristen und Päderasten bis hin zu Fans maoistischer und nordkoreanischer Kindergärten.

Verfassung Spartas

Das tut den Spartanern dann doch Unrecht: Es gab zwar jeweils gleichzeitig sogar zwei „Könige“,59 deren Stand vererbt wurde. In Wirklichkeit aber hatten sie zunächst einmal rituelle Aufgaben und waren Heerführer im Krieg. Sie mussten sich gegenüber unanfechtbaren Aufsichtsbeamten60 rechtfertigen, gegenüber Ratsversammlungen und auch bei Volksversammlungen, und dort für ihre Politik Mehrheiten bekommen. Dabei setzte sich oft einer von beiden als faktischer Meinungsführer und Staatschef durch, wie bei den Strategen in Athen.61 „Könige“ konnten – z.B. wegen Bestechlichkeit – auch von der Ratsversammlung verurteilt und aus dem Land verbannt werden. Zustandekommen und Gestaltungs-Rechte der Rats- und Volks-Versammlungen sowie der Beamten waren allerdings wohl bei weitem nicht so demokratisch wie in Athen.

„Wer andere unterdrückt, kann selbst nicht frei sein“

Ein Mittel der Unterdrückung der Heloten/Staatssklaven war eine jedes Jahr wiederholte formelle Kriegserklärung an sie – so jedenfalls die nicht ganz zuverlässige Überlieferung. Dabei wurden regelmäßig, nur so zur Abschreckung vor Aufständen, einige Heloten getötet. Dennoch gab es in der Geschichte Spartas mehrere Heloten-Aufstände, den letzten, fast erfolgreichen, nur ca. 30 Jahre zuvor.[siehe Anm. 15] Nach dieser Logik lebten die herrschenden Spartaner nicht in Saus und Braus, sondern ihr Leben war ein permanenter, absolut spaßbefreiter Alarmzustand, in ständigen Wehrübungen und Abhärtungsritualen, um ihre Herrschaft im eigenen Land und ihrem Einfluss-Bereich abzusichern. Entgegen Aristoteles‘ Schilderung und dem Mythos von Sparta als einem einzigen großen „Militärlager“ dürfte aber auch für die Spartaner das Leben noch andere Seiten bereitgehalten haben. Ihre Alltagsstruktur samt Religion, Festkultur und Politik enthielt vermutlich sogar noch ungeklärte matriarchale Elemente.
Das schon im Altertum interessiert gestreute Gerücht, dass die Spartaner in öffentlicher Begutachtung schwächliche Neugeborene töteten (eine Form von Euthanasie also), lässt sich heutzutage aus Funden ziemlich eindeutig als Fake widerlegen.

„Fremdstämmige“ als Wirtschaftsfaktor

Beide Großmächte waren innerhalb ihrer Staatsgebiete von „Periöken“ bzw. „Metöken“ (d.h. Bei- bzw. Mitbewohnern) umgeben. Als „Fremdstämmige“, sozusagen als „Einwohner mit Migrationshintergrund“, hatten diese etwa so viele Rechte wie Frauen im extremistischen Islamismus (oder im Europa des 17. Jahrhunderts). Aber oberhalb der passiven Masse der Sklaven bildeten sie als abhängige und tributpflichtige/steuerpflichtige Bauern, Handwerker und Händler die wirtschaftliche Basis in beiden Staaten. In Sparta war es den Vollbürgern sogar offiziell verboten, einer Berufstätigkeit nachzugehen.

Anmerkungen, weiterführende Erläuterungen und Verweise

  1. Zum vorliegenden Text und den Quellen: Die Inhalte, insbesondere die kursiv geschriebenen Paraphrasen und Zusammenfassungen sowie die ungekennzeichneten wörtlichen Zitate dieses Artikels stammen aus den Schriften von Thukydides. Meist sind sie in verschiedenen Textauswahlen unter dem später hinzugefügten Titel Der Peloponnesische Krieg veröffentlicht. Die Zitate folgen den neueren Übersetzungen. Dabei wurde auf die Angabe von Seitenzahlen verzichtet und nur die Abschnitte („Bücher“ mit römischer Zählung) benannt, z.B. „Thuk. II“ für „Thukydides, Der Peloponnesische Krieg, Buch II“.
    Umfang- und materialreiche Zusammenfassungen bieten auch die Wikipedia-Artikel „Peloponnesischer Krieg“ und „Thukydides“. Aus ihnen stammen viele Inhalte und auch Zitate/Übersetzungen. Eine erhellende, pointiert zusammengefasste Darstellung des Krieges bietet auch die Online Universität Hamburg. In bezug auf die letzte Phase Krieges (etwa ab 410 v.Chr.) und seine Folgen ist man übrigens auf andere – durchaus widersprüchliche – Quellen angewiesen, insbesondere der Zeitgenossen Xenophon und Aristoteles.
    Zur Entstehung des vorliegenden Artikels: Nach einem Beitrag über Aristophanes‘ Komödie „Lysistrata“ und dann nach dem Einmarsch Russlands in die Ukraine (24.02.2022) hat der Autor nochmal den Text von Thukydides gelesen, und viele Parallelen erschienen ihm allzu schlagend, manchmal fast unheimlich.
  2. Thukydides, Buch I (im folgenden zitiert als Thuk. I), Einleitung
  3. In den Perserkriegen 490-479 v.Chr., unter anderem mit der legendären Schlacht bei Marathon 490 v. Chr. Da hatten die griechischen Stadtstaaten noch unter der gemeinsamen Führung von Athen und Sparta erfolgreich alle Versuche der persischen Könige abgewehrt, Griechenland – genauer: ursprünglich und eigentlich die aufständischen griechischen Kolonien in Kleinasien – dem persischen Reich anzuschließen. Die Perserkriege waren schon damals zum Mythos geworden: stilisiert als nationaler Freiheitskampf, als eine einzige, riesige Heldentat, an der sich jede Kritik verbot (ebenso wie an dem Staat, der sich auf diese Befreiungstat berufen konnte). Damit war auch der „Attische Seebund“ Athens, der aus den Perserkriegen entstanden war, jeder Kritik enthoben und auch jeder Krieg, der sich irgendwie darauf bezog. Ironisch lässt Aristophanes in seiner Komödie „Lysistrata“ die alten Männer ihren Mythos „Marathon“ beschwören, um den aktuellen Peloponnesischen Krieg gegenüber den Frauen zu rechtfertigen. [siehe im Beitrag zu Lysistrata, zum Chor der alten Männer, dort auch Anm. 9]. Damit hatten die Perserkriege und insbesondere „Marathon“ eine ähnliche ideologische Funktion wie etwa in Russland der „Große Vaterländische Krieg“ gegen den Überfall des faschistischen Deutschlands auf die Sowjetunion. Seine Mythisierung half nicht nur eine angemessene Kritik an Stalin zu verhindern, sondern auch an dem gegenwärtigen Regime. Das legitimiert sich und seinen Krieg mit dieser mythisierten „Tradition“ als grundlegend antifaschistisch und daher fundamental nicht kritisierbar. [ausführlich zu den Perserkriegen: wikipedia/Perserkriege]
  4. Der Zeitraum der Verbannung ist unklar. Zuvor war Thukydides auch ein Stratege Athens. Eine Vermutung lautet, dass Kleon seine Verbannung betrieb, da er ihn im Vergleich zu seinem Gegenspieler Nikias ziemlich kritisch geschildert hatte. [siehe unten].
  5. z.B. die Ermordung des österreichischen Kronprinzen in Sarajewo als Anlass des 1. Weltkriegs.
  6. So z.B. der von Nazi-Deutschland inszenierte „polnische“ Überfall auf den Sender Gleiwitz als Begründung für Deutschlands Überfall auf Polen. Ein jüngeres Beispiel: die Unterstellung einer massiven Aufrüstung mit A-B-C-Waffe des Iraks als Begründung für den Irakkrieg.
  7. So verortet die historische Forschung etwa die Ursachen für den 1. Weltkrieg (aus dem der 2. mittelbar, unter veränderten Umständen hervorging) unter anderem im expansiven Imperialismus der europäischen Großmächte und ihrer Konkurrenz untereinander um Vormacht und Kolonien – oft unter Einbezug der vorangegangenen dynamischen Entwicklung von Produktivität und Wirtschaft im erstarkenden Industrialismus. Die Ursachen für den Irakkrieg sind ebenfalls umstritten. Wenn man ihnen nachgeht, müsste man sich vermutlich mit dem wachsenden Erdöl-Bedarf insbesondere der USA angesichts begrenzter Fördermengen und zunehmender internationaler Verflechtung der Wirtschaft beschäftigen. Aber auch mit der damals neuen geostrategischen Stellung der USA als einzigartige globale Großmacht nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion und damit auch einem neu zu definierenden Verhältnis zu Europa. Auf der anderen Seite könnte die komplizierte Loslösung des Nahen Ostens aus der unmittelbaren Vormacht der Kolonialmächte eine Rolle spielen, die vielen Unabhängigkeitsbestrebungen der einzelnen so entstandenen Nationalstaaten mit und gegen die verschiedenen Hegemonialmächte, deren Verhältnis zueinander ebenfalls starken Veränderungen unterlag. [Eine (unvollständige) Diskussion verschiedener Ursachen findest du im Wikipedia-Artikel über die Begründungen des Irakkriegs.]
  8. „Wer wissen will, wie es wirklich gewesen ist und also, bei der Natur des Menschen, in Zukunft so oder ähnlich zugehen wird – Wenn so einer das Buch nützlich findet, so soll mir das genügen.“ (Thuk. I, Einleitung)
  9. (siehe unten, im Abschnitt „Anlass“)
  10. (v.a. Thuk. I, 88-103)
  11. [Thuk. I, Einleitung] Die nachfolgende Hintergrund-Info ist von Thukydides dort nicht benannt: Jeder wusste damals um die Stärke Spartas und seinen Nimbus. In seiner Rede für den Krieg [Thuk. I] geht Perikles ausführlich auf die daraus sich ergebenden Befürchtungen ein (Wir sind trotzdem stärker, weil wir die mächtigste Flotte und ein überlegenes Handelsnetz haben). [Thuk. I, siehe weiter unten]
  12. (ausführlich im Thukydides-Artikel bei wikipedia unter Bezugnahme auf den Altphilologen Wolfgang Will
  13. [Eine ausführliche Darstellung der politischen Verfassung und die soziale Gliederung Athens findest du im Anhang, Kurzer Abriss zur Demokratie in Athen]
  14. Soweit wir wissen. (Mehr Informationen findest du im Anhang, Kurzer Abriss über die Gesellschaft in Sparta.).
  15. Dieser Aufstand der Heloten fand wohl 464 v.Chr. statt. Dem schlossen sich die unterworfenen, aber noch nicht „helotisierten“ Messenier und weitere Periöken-Städte an. Sparta geriet so sehr in die Enge, dass es sogar den Rivalen Athen um Hilfe anflehte. Schließlich konnte der Aufstand unter der Führung von Archidamos mit Verlusten niedergeschlagen werden. Aber die permanente Furcht vor einem Messenier-/Heloten-Aufstand bestimmte laut Thukydides weiterhin das Handeln Spartas.
  16. Eine Parallele zur (ebenfalls mythisierten) Sklavenbefreiung im Amerikanischen Bürgerkrieg der 1860er Jahre zwischen Nord- und Südstaaten ist also ebenfalls nicht herstellbar. Noch Aristoteles, ein Schüler von Platon, meinte, dass Sklaven natürlich für die Kultur einer Gesellschaft unbedingt notwendig seien, „so lange sich der Stoff nicht von alleine webt…“. Als Dienerschaft für die Reiter und Schwerbewaffneten zogen die Sklaven auch mit in den Krieg. Und in der Hoffnung auf ein besseres Los liefen im Krieg die Sklaven der einen Partei auch schon mal zum „Feind“ über: Laut Thukydides [Thuk. VI] waren bis 413 v. Chr. bis zu 20.000 athenische Sklaven zu den peloponnesischen Truppen übergewechselt, die in Attika umherstreiften. In gleicher Größenordnung ergriffen Athener Sklaven später beim gescheiterten Feldzug Athens im fernen Sizilien die Gelegenheit zu entkommen.[Thuk.VII]
    Aristophanes spottet zu Beginn seiner Komödie „Die Wolken“, dass man ja seit Kriegsbeginn die Sklaven nachsichtiger behandeln müsse, damit sie nicht wegliefen. Und so wären sie mittlerweile morgens angeblich schwer aus dem Bett zu kriegen. In seiner Komödie „Lysistrata“ lässt Aristophanes eingangs die Hausfrau Kalonike klagen, dass auch noch das Wecken der Sklaven (neben der Wäsche, den Kindern und „es dem Mann zu besorgen“) zu ihren vielen Aufgaben gehöre (siehe den Artikel zu Lysistrata hier bei Cosmiq, dort auch Anm.11).
  17. Anschaulich und eindringlich findet sich dieses Narrativ in der von Thukydides wiedergegebenen Rede für den Krieg des Perikles [Thuk. I] und vor allem in der berühmten „Rede des Perikles für die Gefallenen“. [Thuk. II] Sie gilt als Beispiel vorbildlich vollendeter Redekunst und patriotischer Gesinnung. Seit Jahrhunderten wird sie deshalb in unzähligen Ausgaben und Sammlungen verbreitet – nicht zuletzt allerdings auch im Nationalsozialismus in der Übersetzung von R.G. Binding 1937. (Binding ist der Autor des Zitats im Film Das Boot, „Einmal vor Unerbittlichem stehen/ Wo keines Mutter sich nach uns umsieht,…“ usw. – ein Schwurbler für den Edelnazi mit literarisch gehobenem Anspruch sozusagen.)
  18. Vor allem die Seemacht Athen hatte Bündnispartner auf den zahlreichen griechischen Inseln, aber auch auf dem Festland. Darüber hinaus verfügte Athen deutlich mehr als andere über weit verstreute Kolonien und Handelspartner: von Unteritalien über Sizilien bis zur kleinasiatischen Küste (heutige Türkei). Das Gebiet der heutigen Ukraine war übrigens der wichtigste Getreide-Lieferant Athens auf dem Landweg. Sizilien galt in der Antike als die Kornkammer in Übersee.
  19. Bei Thukydides findet sich als Beispiel ausführlich der Konflikt um Kerkyra (Korfu) [siehe unten, im Abschnitt Brutalisierung und Kriegsverbrechen]. Deutlich wird diese soziale Frontstellung aber auch in der Auseinandersetzung um Mytilini (Lesbos) und als Argument von Argos und dessen Verbündeten. 411 v. kam Sparta einem oligarchischen Putsch im Stadtstaat Dekeleia zu Hilfe, das nur 20 km von Athen entfernt lag.
  20. Die Bedeutung von sozialem Umbruch und Kampf um demokratisch verfasste Rechte für den Krieg wird in der Geschichtsschreibung oft eher vernachlässigt: Auch heutige Altphilologen und Altertumsforscher sehen die antike Welt lieber modellhaft-statisch. Dabei bevorzugen sie eher die konservative Brille der damaligen, meist adligen Geschichtsbeschreiber und der überlieferten Philosophen. Auch heute sieht man Kriege mit Vorliebe eher „klassisch“, nämlich zwischen national zu definierenden Staaten bzw. ihren Bündnissen. Das entspricht eher der Tradition des Nationalismus aus dem 19. Jahrhundert, weniger der heutigen Wirklichkeit, die durch globale, regionale (und überregional gesponserte) und soziale Konflikte bestimmt erscheint. Thukydides weist dagegen schon in seinem Vorwort auf die Bedeutung der internen sozialen Konflikte für den Krieg und auch für dessen Elend hin. [siehe das Zitat aus seiner Einleitung oben im im 1. Abschnitt]. Und er erklärt das Verhalten der beiden „Großmächte“ immer wieder aus den Zwängen ihrer beiden Bündnissysteme und den Konflikt-Konstellationen der einzelnen Stadtstaaten im Zusammenhang mit der gesamten griechischen Welt.
  21. Archidamos war einer der beiden spartanischen „Könige“ (siehe den Abriss über die Gesellschaft Spartas im Anhang II)
  22. Gleichwohl war Archidamos dann standesgemäß als „König“ auch Stratege des Krieges und fiel 427 v.Chr.
  23. Und wirklich führte Sparta dann alljährlich zur Erntezeit ausgedehnte Feldzüge durch, um die Felder um das befestigte Athen herum zu verwüsten, unterbrochen nur durch das Seuchen-Jahr 430 v. Mit dieser antiken Variante von Wirtschaftskrieg wollte Sparta die Kriegskasse Athens schwächen, zumindest den Preis des Krieges erhöhen. Leidtragende dessen waren vor allem die kleinen Bauern, die mit der Ernte ihre Existenz verloren und als Kleinstgewerbetreibende und Gelegenheitsjobber in die Stadt strömten oder sich als Söldner verdingten.
  24. Thukydides stellt [in Thuk. I] die beiden Reden zum Krieg von Archidamos und Perikles ausführlich in direkter Rede gegenüber.
  25. Das Embargo wurde wohl noch 433 v. beschlossen. Jener politische Bau-Skandal in Athen drehte sich um monumentale, staatliche Tempelbauten auf der Akropolis. Dieses Projekt betrieb Perikles federführend. Der Bau wurde teurer als geplant [so etwas soll ja mitunter bei staatlichen Großbauprojekten vorkommen ;-)]. Perikles‘ Baumeister Phidias war wegen Unterschlagung verdächtigt und angeklagt worden. Schließlich kam er wegen frevelhaften Hochmuts („Hybris“, siehe unten Anm. 28) in Haft. Das Volk misstraute dem Gigantismus und argwöhnte (wieder einmal) Größenwahn oder jetzt gar Veruntreuung von Steuergeldern bei seinem mächtigsten Politiker. Aristophanes drückt das so aus: „Die Quelle des Unheils [des Kriegsbeginns] war der Skandal um Phidias [den Baumeister, wegen Unterschlagung] / daraufhin steckte Perikles, weil er fürchtete, ihn träfe das gleiche Unheil /weil er sich vor eurem [des Volkes] Zorn fürchtete, eurem bissigen Charakter / nur um sich abzusichern, unsere Stadt in Brand / warf hinein den kleinen Funken, das megarische Edikt“ (also den Erlass des Embargos gegen Megara als Zündfunke für den Flächenbrand des Krieges). [Zitat aus Aristophanes, Der Friede, 421 v. Chr. aufgeführt.]. Für den Adligen Thukydides ist diese Episode auch ein Lehrstück, wie ein allzu missgünstiges Volk politische Führer in die Ecke drängen könne. Das und die Furcht der Politiker vor den Wählern hätten daher indirekt so etwas wie eine Mitschuld am Kriegsbeginn. Heute würde man wahrscheinlich von schlechter Kommunikation der Regierung sprechen
  26. [Das Friedensangebot Spartas in Thuk. III.]
  27. Aristophanes lässt sarkastisch einen ultra-skrupellosen neuen Kandidaten (vermutlich abzielend auf Kleon) für die Staatsführung auftreten. Der verkündet dem Volk vom Hörensagen supergünstige Sardellen-Preise. Die Volksversammlung reagiert daraufhin wie gewünscht und einhellig. Sie entgegnet dem derzeit führenden Strategen (wohl alias Nikias), der einen Friedensboten aus Sparta mitgebracht hat: „Was, Frieden jetzt? Du Spinner! Jetzt, wo sie merken, dass die Sardellen billig sind bei uns? Nichts da von Frieden, lasst dem Krieg seinen Lauf!“ Und ganz ‚großzügig‘ spendet der Kandidat dann auch noch Kräuter zu den Fischen für die Armen. [Aristophanes, „Die Ritter“, 2. Szene, 424 v.Chr.]. Zum Verhältnis von Kleon und Nikias siehe auch den folgenden Abschnitt.
  28. Hochmut, in der antiken Form der „Hybris“, namentlich gegenüber Göttern und Schicksal, ist ein handlungsleitendes Motiv in der Mythologie und der Ethik im klassischen Griechenland. Genaueres im Cosmiq-Artikel über VW, Phaeton und den Klimawandel.
  29. Im traditional übersetzten O-Ton: „Eide, falls noch irgendein Vergleich [Abkommen, Vertrag] auf die Art bekräftigt wurde, waren geleistet in der Not, wenn beide [Kriegsparteien] sich nicht mehr zu helfen wußten, und galten für den Augenblick; wer aber bei günstiger Gelegenheit zuerst wieder Mut faßte, wenn er eine Blöße entdeckte, der nahm seine Rache lieber durch Verrat als in offenem Kampf, einmal zu seiner Sicherheit und dann, weil der ertrogene Triumph ihm noch den Siegespreis der Schlauheit hinzugewann. Denn im allgemeinen heißt der Mensch lieber ein Bösewicht, aber gescheit, als ein Dummkopf, wenn auch anständig; des einen schämt er, mit dem andern brüstet er sich.“
  30. Die so genannte „Attische Seuche“, die die Athener Bevölkerung binnen weniger Jahre um ca. 1/3 reduzierte. Genaueres dazu und zu anderen Epidemien findest du im Cosmiq-Artikel über die Geschichte der Seuchen.
  31. Diese soziale Interessenlage schildert Thukydides ausführlich im Kapitel über den späteren Sizilischen Feldzug [Thuk. VI]: von der Erwartung großen Gewinns der reichen Händler, die diese Expedition mit eigenen, privat finanzierten Schiffen und Mannschaften begleiteten, bis zur Hoffnung der Armen, als Söldner zu Wohlstand durch langjährigen Sold und durch allfällige Plünderung zu kommen.
  32. Formell nicht von Athen, sondern von seinen angeheuerten Söldnern, und nicht gegen Sparta, sondern gegen dessen Bündnispartner. Zu Melos und Mykalessos siehe den folgenden Abschnitt über Kriegsverbrechen.
  33. Getreide spielte im Altertum wirtschaftlich-strategisch eine ähnlich zentrale Rolle wie fossile Energieträger im Industrialismus. (Eine ausführliche Darstellung der gegensätzlichen Positionen in Athen zum Sizilien-Feldzug in Thuk. VI).
  34. Man warf ihm vor, nach einer seiner legendären Partys kurz vor der Abreise nach Sizilien zusammen mit seinen Kumpanen im Suff Götterstatuen beschädigt zu haben („Hermesfrevel“). – Eine antike Form von „Partygate“ sozusagen. Das sah man damals aber völlig humorlos als Frevel/ Hybris an bzw. als Angriff auf die moralischen Fundamente des Staates.
  35. Sizilien war für Athen seit jeher vor allem wirtschaftlich, als Kornlieferant interessant; daher war die Expedition auch in großem Stil eine wirtschaftliche Unternehmung privater Kaufleute. Die militärischen Grenzen Athens zeigten sich bereits auf Sizilien selbst: Dort hatten die athenischen Truppen schon mit der Belagerung der (ebenfalls mächtigen) Stadt Syrakus genug zu tun. Und sie erhielten auch nicht die erhoffte Unterstützung anderer Städte vor Ort. Die zuvor vom Kriegstreiber Alkibiades proklamierte Eroberung ganz Siziliens erscheint zu keinem Zeitpunkt realistisch. Schließlich bat die Athener „Expedition“ um Verstärkung aus der Heimat, wo es aber kaum noch Reserven gab. Mit Spartas Eingreifen wurde Athen in Sizilien vom Jäger zum Gejagten. Aus Belagerungsplänen einzelner Städte wurde eine zunehmend verzweifelte Flucht über die fremde Insel. „War man gekommen, um andere zu knechten, so geschah es nun, dass man abziehen musste, um das nicht selbst zu erleiden“ [Thuk.VII] Viele der Überlebenden aber gerieten schließlich dennoch in Gefangenschaft und Sklaverei unter den üblichen brutalen Bedingungen.
  36. Es spricht für die gebotene Distanz des Historikers, dass der Athener Thukydides dabei athenische Taten schildert, die ihm vermutlich auch genauer verbürgt waren als die der Spartaner. Schon vor dem Peloponnesischen Krieg gab es allerdings Grausamkeiten sowohl in Griechenland als auch bei seinen Nachbarn. Ein Bild von dem Ausmaß und den Arten von Gewalt in der Antike mit verstörenden Beispielen findest du im Interview mit Martin Zimmermann in der taz (Warnung, der Text macht fiese Bilder im Kopf!). Und schon Herodot (ca. 490 – ca 430 v. Chr.) schildert detailliert, wie etwa die kriegerisch nomadisierenden Skythen im Norden ihre Feinde skalpierten. (Durch neuzeitliche Funde von Schädeln bestätigt). [Herodot, Historien, 4, 64: „περιταμὼν κύκλῳ περὶ τὰ ὦτα καὶ λαβόμενος τῆς κεφαλῆς ἐκσείει“]
  37. [Thuk. VII] Bis dahin verlangte das Gesetz, wie auch heutzutage in zivilisierten Demokratien, jeden Fall und jeden Angeklagten individuell zu beurteilen.
  38. Teils wurden sie auf den Schiffen und an Land zusammengetrieben und ermordet. Viele von ihnen hatten sich auch in das Tempelheiligtum in Sicherheit gebracht. Etwa 50 von ihnen ließen sich dort überreden, sich einem Gericht zu stellen, und wurden umgehend zum Tode verurteilt. Die anderen begingen Selbstmord oder wurden gegen alle religiösen Regeln auch auf den Stufen und Altären des Tempels getötet, zum Teil auch lebendig in die Tempel eingemauert.
  39. Noch nach Kriegsende bestätigte sich Thukydides‘ Bewertung, dass es sich um eine allgemeine Verrohung der sozialen Konflikte durch den Krieg handelte, und nicht etwa um einen Einzelfall oder um eine Besonderheit einer einzelnen Kriegspartei: Die blutigen Säuberungen unter der Athener „Herrschaft der Dreißig Tyrannen“ richteten sich diesmal gegen die demokratischen Strukturen in Athen. (siehe unten, im Abschnitt Kriegsfolgen).
  40. [Thuk. V, 84 -116] Der Dialog war damals ein gängiges literarisches Mittel, um Ansichten und verschiedene Standpunkte herauszuarbeiten. Als Vorbild gelten die von Platon verfassten Dialoge des Sokrates. Der hatte zuvor tatsächlich seine Philosophie dadurch entwickelt und verbreitet, dass er auf dem Markt z.B. populäre politische Influenzer auf ihre Reden ansprach, nachfasste und in Diskussionen verwickelte – um in These und Gegenthese zur Erkenntnis der Wahrheit zu gelangen.
    Der Überfall auf Melos geschah 416 v. Chr. Das Verbrechen wurde zuerst von dem reisenden Sophisten Diagoras von Melos angeprangert. Daraufhin verarbeitete Thukydides die Schilderung in seinem berühmt gewordenen „Melierdialog“.
  41. Das war im Sommer 413 v.Chr., gegen Ende des formell noch bestehenden „Nikiasfriedens“, als die Athener den Krieg auf Sizilien erweitert hatten. Böotien gehörte zu Spartas Peloponnesischem Bund. Viele der thrakischen Söldner wurden dann allerdings von den zur Hilfe gerufenen Thebanern getötet, zumal einige bei deren Eintreffen immer noch mit Plündern beschäftigt waren. [Thuk. VII] Die Stadt Mykalessos war bereits zuvor in der Ilias des Homer erwähnt worden. Sie hatte also vor ihrer Zerstörung mindestens ein halbes Jahrtausend existiert.
  42. Eine Ausnahme bildete das Seuchen-Jahr 430. Laut Thukydides waren bis 413 v.Chr. bis zu 20.000 athenische Sklaven zu den peloponnesischen Truppen übergelaufen, die in Attika umherstreiften.
  43. Zu Beginn des Krieges, in seiner Rede für den Krieg, hatte der Athener Führer Perikles eine nennenswerte Flotte Spartas noch als unrealistische, lächerliche Vorstellung abgetan [siehe oben den Abschnitt„Anlass des Krieges“ ].
  44. Sozusagen die Säuberungen von Kerkyra unter umgekehrten Vorzeichen. Der Hergang im einzelnen: In den Friedensbedingungen der Spartaner gab es, so weit wir wissen, zwar keine direkten Vorgaben über die künftige Staatsverfassung Athens (und im übrigen auch keine umfangreichen Reparationszahlungen). Aber nach der Niederlage entbrannte in Athen ein Kampf um die neuen Machtverhältnisse. Dabei setzten sich die Anhänger der Oligarchen gegen die Demokraten durch. Schließlich rief eine – aus Athenern bestehende – oligarchische Junta, die so genannten „Dreißig Tyrannen“ (οἱ Τριάκοντα Τύραννοι / hoi Triakonta Tyrannoi) eine 700-köpfige Besatzungstruppe der Spartaner zur Hilfe. Aber schon vor deren Ankunft und dann unter deren Schutz schaffte sie die demokratischen Einrichtungen durch Einschüchterungen und Gewalttaten schrittweise ab und zerschlug demokratische Zusammenschlüsse. Binnen 6 bis 8 Monaten wurden ca. 1.500 Menschen, insbesondere die führenden Demokraten, bei den Säuberungen umgebracht bzw. hingerichtet. [Davon berichten, unterschiedlich, vor allem die Zeitgenossen Xenophon und Aristoteles.] Die „Tyrannis der 30“ konnte dann zwar in einem weiteren Aufstand gestürzt werden. Aber die Zeit stabiler demokratischer Verhältnisse war ein für allemal vorbei. [Zu den Zahlenverhältnissen: Die Bevölkerung des antiken Athens dürfte allgemein so um die 300.000 Einwohner betragen haben. Übertragen auf die Einwohnerzahl z.B. der Ukraine (ca. 44 Mio.) entspräche das also hypothetisch ca. 220.000 Opfern der Säuberung.; auf Deutschland (bei ca. 80 Mio.) ca. 400.000 Opfern.]
  45. siehe wikipedia/Thukydides-Falle. Der ehemalige Diplomat Shi Jiangtao erörtert das Thema aktuell in der in Hong Kong erscheinenden South China Morning Post, aus der auch die Illustration von Henry Wong stammt. In dem aktuellen Konflikt geht es unter anderem um die aufstrebende VR China auf dem Festland und die sie umgebenden, wirtschaftlich erstarkenden Inselstaaten und Halbinselstaaten im Pazifik, für die sich die USA als konfliktbereiter „Bündnispartner“ empfehlen.
  46. Beide Seiten sehen sich augenscheinlich durch die Ausdehnung der jeweils anderen Macht bedroht und daher direkt oder indirekt zur kriegerischen Konfrontation gedrängt; beide verteidigen (angeblich) die Freiheit zur Selbstbestimmung und zur Bündnisfreiheit der ihnen nahe stehenden Staaten bzw. separatistischen Formationen; beide Seiten sehen aktuell beim Ukrainischen (Teil-)Krieg keine realistische Alternative zu seiner Fortsetzung bis zur Unterwerfung des Gegners, den sie für nicht friedenswillig und -fähig halten usw.
  47. Der Hintergrund dieser „Demokratisierung“ war auch damals kriegerisch: Mit dem städtischen Bürgertum sollte die anti-aristokratische Grundhaltung gestärkt werden, die in Athen gegen die adlige Tendenz einer Unterwerfung unter die persischen Ambitionen in den Perserkriegen [siehe auch oben, Anm. 2] stand. Zu diesem Zweck wurden auch zahlreiche Sklaven freigelassen, um die Schlachtreihe (φάλαγξ /Phálanx, siehe im folgenden) der Athener zur Verteidigung der neuen Freiheiten zu stärken.
  48. Sokrates wurde 399 v.Chr. wegen Verführung der Jugend und Missachtung der Götter zum Tode verurteilt.
  49. Ein sehr anschauliches Bild von den verschiedenen sozialen Schichtungen und ihrer Stellung zum Krieg bietet Thukydides in seiner Schilderung der Vorbereitung des sizilianischen Feldzugs [Thuk. Buch VI und VII.].
  50. [siehe den Abschnitt „Anlass des Krieges“ und Anm. 25].
  51. [Thuk. VI], siehe den Abschnitt über die Sizilianische „Expedition“
  52. „Denn einem Staate, in welchem das Gesetz unter der Willkür der Herrscher steht und [wo das Gesetz selbst] ohne Gewalt ist, sehe ich den Untergang bevorstehen; wo es [= das Gesetz] dagegen Herr ist über die Herrscher und sie [= die Herrscher] Diener des Gesetzes sind, da sehe ich Wohlstand und alle die Güter erblühen, welche die Götter Staaten verleihen.“ [Platon, Die Gesetze / Νόμοι/Nomoi, Buch IV]. Dort schlägt Platon auch nicht mehr die Herrschaft herangezüchteter „Wächter“ als Führer des Staates vor, sondern ein recht kompliziertes, mehrstufiges System aus Wahlen und Losverfahren, das sozial und ideologisch ausgleichend die Bildung von Cliquen und Interessengruppen vermeiden sollte. Im Prinzip handelte es sich nunmehr um eine sehr ausgearbeitete und umfangreiche Art ständisch-demokratischer Verwaltungs- und Entscheidungsstrukturen für männliche Stadtbürger. Als größten materiellen Feind für den inneren Frieden sah er nun allzu große soziale Unterschiede und daraus resultierenden Hochmut an.[Buch V u.a.]
  53. Alexander ließ seinerzeit verbreiten, dass bei seiner Zeugung eine als göttlich verehrte Schlange mit im Spiel bzw. im Bett gewesen sei. So taten es dann auch die Römischen Kaiser. Ob die Kaiser-Mütter und andere Frauen mit derlei Unterstellungen über ihren Umgang einverstanden waren, wissen wir nicht. In der damaligen, männlich dominierten Gesellschaft wurden sie vermutlich nicht gefragt [Über den göttlichen Mythos der Schlange im Altertum siehe den Cosmiq-Artikel „Schlange am Kreuz“]. Das Amt des Volkstribun war ursprünglich eine mit Macht ausgestattete Instanz, die, „von unten nach oben“ gewählt, als Gegengewicht gegen die in Stufen eher „von oben nach unten“ gewählten Consuln auftreten sollte. Beide „Ämter“ in einer Person verlieh dieser faktisch unbegrenzte Macht. Auch in der Römischen Republik handelte es sich zuvor um eine Mischverfassung, um Kompromisse zwischen Adel, ihren Gefolgschaften und einer wachsenden städtischen Bevölkerung bzw. Plebejern.
  54. Papier war als „Wahlzettel“ viel zu teuer. Aber auch das „Scherbengericht“ ließ sich natürlich, bei mangelnder Wachsamkeit, durch demagogische Meinungsmache gegen politische Gegner missbrauchen. Im Athener Museum kann man sogar Beweise für eine damalige „Wahlfälschung“ besichtigen (viele gleiche Namen in gleicher Handschrift).
  55. Vor allem war, so weit wir wissen, die Volksverammlung nun eine Delegiertenversammlung statt einer Vollversammlung. Zur alten Volksversammlung konnten theoretisch alle Stadtbürger kommen, aber offenbar kamen bei weitem nicht alle. Es kam bei der vorangehenden Volksversammlung also auch immer darauf an, wer seine Parteigänger am besten mobilisieren konnte, ähnlich wie bei heutigen Volksabstimmungen oder auch vielen Betriebsversammlungen (wo allerdings Abstimmungen formell gesetzlich verboten sind). Auf der anderen Seite musste für eine solche Mobilisierung im Vorfeld prinzipiell jeder über die anstehenden Fragen informiert werden, in welcher Form auch immer. Nun aber beschränkte sich das Erfordernis der Information und der Überzeugung eher auf die Delegierten.
  56. Zitat in [Thuk. II]. Das geschah nach Abschluss des Berichts von Thukydides. Zu den Einzelheiten der „Tyrannis der 30“ siehe oben, den Abschnitt Kriegsfolgen, detailliert in Anm. 44.
  57. Hintergrund war die Erstarkung und Expansion Spartas nach seinem Sieg im Peloponnesischen Krieg. Eine differenzierte Auseinandersetzung mit dem Mythos Sparta als Militärgesellschaft findet sich in academia.edu. Einen umfassenden Einstieg in das gängige Sparta-Bild bietet Wikipedia/Sparta.
  58. ausführlich dargestellt im Beitrag zu Aristophanes‘ Komödie „Lysistrata“
  59. Die Bezeichnung „König“ entstammt, wie das gesamte Bild von Sparta, dem Athener Wording: Βασιλεύς /Basileús = „König“ ist ein Negativ-Kampfbegriff aus dem Geschichtsnarrativ der Athener von der Vertreibung der Könige (frühgeschichtlicher Herrscher) bis zur Einführung der Volksherrschaft. Insbesondere wurde dann der Herrscher des Persischen Reiches als „König“ betitelt. Das Persische Reich war der Angst- und Hassgegner aller Griechen aus den gemeinsam bestrittenen und schon damals zum Mythos gewordenen „Perserkriegen“. Geschichtlich (und auch in bezug auf Sparta) ist die Funktion eines Βασιλεύς /Basileús unklar, das Wort hat ursprünglich auch die Nebenbedeutung eines „Staatsbeamten“.[Einzelheiten bei Wikipedia/Basileus]. Die Athener Propagandisten belegten dann mit „König“(s-Herrschaft) feindliche Regimes, insbesondere natürlich das von Sparta. Ein wenig wie heutzutage die historisch gruselig entstandenen Begriffe „Diktatur“ und „faschistisch“ allseits recht freigiebig-inflationär gebraucht werden. Aus ähnlichen propagandistischen Gründen wie die Athener Meinungsmacher hat später auch der Römer Caesar an alle möglichen Namen der Gallier ein „-rix“ angehängt: eine gallisch klingen sollende Endung als Assoziation an das verhasste Wort „rex“=König, den man in Rom vor urlanger Zeit mittels Revolution zum Teufel gejagt hatte. Caesars Gallischer Krieg gegen all die „rixe“ erschien um so einleuchtender.
  60. Laut Platon hatten diese nicht absetzbaren Aufsichtsbeamten geradezu „tyrannische“ Macht im für ihn positiven Sinne, nämlich für die Bewahrung der Verfassungsgrundsätze.[Platon, Die Gesetze / Νόμοι/Nomoi]
  61. siehe in Anhang I zur sozialen Staffelung der Ämter