Was können Frauen tun, wenn Männer mal wieder Krieg führen wollen? Wie können „schwache“ Frauen die „starken“ Männer dazu bekommen, einen Krieg zu beenden? Eine planvolle, regelrechte Anti-Kriegs-Strategie der Frauen ist uns aus dem antiken Athen überliefert, genauer: aus der Komödie „Lysistrata“ des populären Schriftstellers Aristophanes. Augenzwinkernd krass in der Darstellung, aber ernst im Anliegen. Lysistrata erhitzte die Gemüter nicht nur vor zweieinhalb tausend Jahren, sondern bis in die Gegenwart der Bundesrepublik. Ihre Strategie: sexueller Generalstreik. Ihr Ziel: ein umfassender, nachhaltiger Friede für die griechische Welt.

Die antike Komödie Lysistrata

Die Situation: Ein Dauerkonflikt

Bei den jährlichen Festspielen wurde 411 v. Chr. in Athen die Komödie „Lysistrata“ aufgeführt. Ihr Thema: Frauen stellen sich gegen den Krieg. Das war im zwanzigsten(!) Jahr des Peloponnesischen Krieges. In ihm kämpfte die Großmacht Athen mit ihren Bundesgenossen gegen die Großmacht Sparta mit ihren Verbündeten um die Vorherrschaft in Griechenland. Vereinzelt gibt es Friedensverträge einzelner Bündnispartner. Aber selbst die halten nie lange. Besonders die beiden „Supermächte“ befinden sich faktisch durchweg im keineswegs „kalten“ Kriegszustand. Immer wieder zerschlägt sich die Hoffnung auf einen dauerhaften, umfassenden Frieden.

Die Strategie der Frauen

Das Theaterstück1 beginnt mit einer Anti-Kriegs-Agitation durch die Athenerin Lysistrata. Die Frauen, nicht nur in Athen, haben die Nase gestrichen voll vom Krieg. Lysistrata (zu deutsch: die „Heeresauflöserin“2) hat die Frauen aus den Ländern beider Kriegsbündnisse zusammengerufen. Aus Athen und Sparta, aber auch aus Böotien, Korinth und den anderen, kleineren griechischen Kommunen sind sie gekommen. Sie muss nicht sagen, was nach 20 Kriegsjahren jede*r weiß: dass der Krieg für alle nur Tod, Zerstörung und wirtschaftlichen Niedergang bringt.3 Lysistrata denkt, dass jetzt nur noch die Frauen das gesamte Griechenland retten können. Aber nicht jede für sich, sondern nur zusammen aus allen Kriegsparteien und Ländern.4 Ihr Hauptargument zielt – agitatorisch klug – auf ein gemeinsames und zugleich individuell grundlegendes Interesse: Wenn Krieg ist, bleiben die Familienväter weg, und die Männer bleiben als Liebhaber aus.5 Und sie stellt ihren todsicheren Plan vor: Ehelicher (und unehelicher) Generalstreik der Frauen, bis die Männer mit dem Quatsch des Kriegmachens aufhören und Frieden schließen.

Ende der Versammlung der Frauen:
Pakt zum sexuellen Generalstreik gegen den Krieg

Es gibt – ganz demokratisch – eine Diskussion; überwiegend sind die Frauen anfangs über die bevorstehende Enthaltsamkeit alles andere als begeistert. Dieses Opfer scheint ihnen dann doch zu groß. Und sie zweifeln an der Frauenpower: Was können wir schwachen Frauen schon ausrichten? Aber Lysistrata argumentiert und überzeugt: mit solidarischer Bindung, mit dem Stolz, mit guten Beispielen. Und vor allem, sehr explizit, mit der so offensichtlichen Schwachstelle der Männer, ihrer Triebsteuerung.6 Zudem wirkt das Beispiel der Lampito aus der anderen Supermacht Sparta.7 Sie spricht zwar einen saukomischen Dialekt, aber sie stellt sich als erste entschieden hinter die Athenerin. Hin und her – am Ende sind sich alle Frauen einig. Sie schließen einen Pakt, der da lautet: sexuelle Totalverweigerung in allen Varianten bis zum Frieden. Der Schwur wird nicht mit dem dafür üblichen Schlachtopfer besiegelt, sondern mit einem riesigen Schlauch Wein. (Die athenischen Frauen galten damals in Griechenland als enorm trinkfest).

Der Kampf der Frauen gegen die Männer

Frauen-Power! Der Chor der alten Männer ist entsetzt

Die Folgen sind absehbar. Es kommt zu Zusammenstößen mit den Herren der Schöpfung. Der Chor der alten Männer8 grummelt und brubbelt, man erwähnt seine Veteranenzeit aus der Schlacht von Marathon und noch früher.9

Die Frauen haben inzwischen die Athener Akropolis10 besetzt. Die Männer versuchen, den Festungshügel mit Brandfackeln zu stürmen. Aber der Chor der Frauen empfängt sie mit einer nass-kalten Dusche, die die Fackeln und den Kampfeswillen löscht. Nicht besser ergeht es anschließend den Herren des Senats (Politik war in Athen den Männern vorbehalten). Obwohl sie unter Polizeischutz anrücken, werden sie von den Frauen – welch Schande für die Patriarchen! – in Weiberkleider gesteckt und zurückgeschickt. Dem Chor der alten Männer bleibt nur Rückzugs-Gekeife.

Kampf gegen und mit der Versuchung

Dann aber droht größere Gefahr! Die Frauen halten es, so ganz ohne Männer, im selbstgewählten Zölibat auf dem Berg, nicht mehr aus. Sie versuchen, eine nach der anderen, sich unter Vorwänden zu verpieseln: Der Haushalt muss versorgt werden…, die Wäsche…, ich muss nur nochmal schnell… usw., all die weiblichen Pflichten halt.11 Eine Mitstreiterin täuscht gar ausgerechnet mittels Helm unter der Kleidung eine Schwangerschaft vor. Lysistrata und ihre Kampfgenossinnen haben alle Hände voll zu tun. Schließlich greift sie zum Orakelspruch. Der hilft, die Reihen wieder zu schließen.12

Athener Akropolis, Ausschnitt: Frauen-Figuren (Koren) am Erechteion-Tempel

Das Highlight der entstehenden Nöte, aber auch ausgeklügelter Verführungskunst, bildet die Szene zwischen Kinesias und Myrrhine. Er, fast blind vor Verlangen, deutlich nicht mehr kopf-, sondern unterleibsgesteuert, stolpert gleichsam Myrrhine hinterher, die ihn mit immer gewagteren Versprechungen und Verzögerungen bis zum äußersten aufreizt13 – um ihn dann schließlich mit erwartungsvoll geschlossenen Augen auf dem sorgsam hergerichteten Lager unverrichteter Dinge sitzen zu lassen. Auch Myrrhine kämpft dabei offensichtlich mit dem Begehren, weiß es aber um der Solidarität der Frauen willen zu beherrschen.

Ende gut

Damit scheint das Schlimmste überstanden. Die ersten Unterhändler kommen aus Sparta, wo Lampitos Aufruf offenbar Erfolg hatte und Einsicht bei den Kriegern erzeugt hat. Die von ihnen geschilderte Triebnot der Männer schafft Gemeinsamkeit mit den Athenern. Die Chöre der Frauen und Männer sinnieren gar über das Verhältnis der Geschlechter. Dann trifft auch die offizielle Gesandtschaft der spartanischen Regierung ein.

Lysistrata liest den Spartanern und Athenern (und dem Publikum) unverblümt die Leviten über den Unsinn des Krieges. In ihrer glasklaren Argumentation erinnert sie daran, wie oft sich beide Seiten gegenseitig erfolgreich beistanden, statt sich dumpf zu bekämpfen. Während allerdings Lysistrata politisch Klartext redet, tauschen sich die Männer frontübergreifend flach feixend über ihre weiblichen Reize aus. Schließlich ergreift Lysistrata die noch immer denkgehemmten Männer mittig, führt sie zusammen und stiftet mit Hilfe der Göttin der Versöhnung Frieden. Die Schluss-Szene erinnert an Asterix: üppiger Schmaus und Tanz – aber eben nicht für sich, sondern versöhnlich multikulti und in Paaren zusammen.

Lysistrata in ihrer Zeit

Theaterzuschauer waren damals in Athen vorwiegend männlich. Denn Athen war in bezug auf das öffentliche Leben radikal patriarchalisch.14 Aristophanes aber nimmt mit Lysistrata eindeutig Partei für das überlegene Handeln der Frauen gegen die Beschränktheit männlicher Handlungsmuster. Weil die Männer dazu augenscheinlich unfähig sind, übernehmen die Frauen die Verantwortung und führen die Lösung herbei. Seine politischen Argumentationen und Mahnungen zur Vernunft lässt Aristophanes ganz direkt Lysistrata in ihren Reden aussprechen. Die Männer kommen mit ihrer eher nahbereichsfokussierten Mentalität nicht gut weg. Von ihnen ist eigentlich kein einziger zusammenhängend vernünftiger Satz zu hören. Und auch der Chor der alten Männer – traditionell im antiken Schauspiel kluger Erklärer und Kommentator der Handlung15 – hat nichts Sinnhaftes zur Lage und zur Lösung beizutragen.

Männliches Krieger-Vorbild Achill

Der entscheidende Schritt zur Umsetzung der politischen Vernunft – Aufnahme des Dialogs durch eine Delegation – erfolgt vom Gegner Sparta. In Athen blühte der Argwohn oder das Vorurteil, dass in Sparta eher undurchschaubar irrationale, den Riten entsprungene Handlungsmotive herrschten, verbunden mit kultureller Rückständigkeit. Die Rückständigkeit drücke sich schon in deren komischem, fremd klingenden Dialekt aus. Dagegen wähnten sich die Athener durchweg selbst als Spitze des rationalen Denkens und der Weisheit.16

Lysistratas Wirkung im Theater

Trotz – oder auch wegen? – der zentralen Angriffe auf das männliche Ego sind die Zuschauer vermutlich vor Lachen von ihren Sitzen gerutscht. Dafür sorgte schon das Hauptrequisit einer Komödie, riesige Phallen aus Leder. Obligatorisch den männlichen Figuren leibesmittig vorgeschnallt, baumelten sie ihnen ziemlich unverhüllt mächtig vor den Bäuchen und kündeten von ihrer Primärsteuerung.17 Im antiken Theater wurden im übrigen generell alle Rollen von Männern dargestellt, also auch die der verschwörenden und verführenden Frauen.18 Erheiternd für das athenische Publikum dürfte auch der breite dorische „Dialekt“ der spartanischen Vertreter*innen einschließlich der Kampfgenossin Lampito gewesen sein.19 Aber es sind eben die Spartaner, die dann – entgegen aller herablassenden Vorurteile – die entscheidende Initiative zu Vernunft und Frieden ergreifen.

Aktualität: Lysistrata in der Bundesrepublik

Aristophanes war seinerzeit der beliebteste Komödien-Schreiber, populärer als etwa die Marx Brothers, Woody Allan und Monty Python zusammen zur Hoch-Zeit des Kinofilms. Aber er bekam nur höchstselten den ersten Preis bei den jährlichen Theaterfestspielen, obwohl seine Mitbewerber aus heutiger Sicht als belanglos bis unbekannt anzusehen sind. Oft musste er sogar mit Verunglimpfungen in der Volksversammlung oder gar gerichtlichen Klagen rechnen: Es gab immer zu viele wichtige Leute, die sich angegriffen fühlten und seine Stücke überhaupt nicht witzig fanden.
Und das war selbst noch 1960/1961 der Fall, also über 2 Jahrtausende nach Entstehung der Komödie.

Die umstrittene Fernseh-Aufführung

Damals schrieb Fritz Kortner eine aktualisierte Film-Fassung der Lysistrata für das Deutsche Fernsehen. Deren TV-Ausstrahlung wurde aber zunächst von mehreren CDU-geführten Bundesländern verhindert. Die Begründung ist bemerkenswert: Das Jahrtausende alte Stück verletze „das sittliche Empfinden der Bevölkerung“. 20 Ist das wirklich alles? Oder steht hinter der sittlichen Empörung noch etwas anderes?

Insbesondere die Szene der Myrrhine (hier eher das Kopfkino) soll Anlass zu Anstoß geliefert haben

Im TV-Film bedienen sich alle Darsteller einer durchweg jugendfreien Sprache. Man ist züchtig gekleidet, von Phallen ist selbstverständlich nichts zu sehen. Das antike Stück selbst wird im Film in einem Fernsehapparat abgespielt. In der Kortner’schen Rahmenhandlung sitzen davor vier Ehepaare samt der Hauptdarstellerin, die das Geschehen mit aktuellen Bezügen erörtern. Das allerdings betreiben vorherrschend hornbebrillte Männer. Die weibliche Hauptdarstellerin hat ihr Themenfeld eher im traditionell Weiblich-Emotionalen.

Schließlich, nach vielen Diskussionen und Bearbeitungen, wurde der Film dann doch in fast allen Dritten Programmen der ARD gesendet, vom Bayrischen Rundfunk (BR) jedoch standhaft nicht.21

Streit um Bewaffnung und Aufrüstung

Das Fernsehspiel thematisiert in seiner Rahmenhandlung auch ausdrücklich seinen aktuellen politischen Hintergrund. Dieser dürfte zum Streit um die Aufführung beigetragen haben. Gerade waren nämlich Bestrebungen der Regierung Adenauer bekannt geworden, die Bundesrepublik Deutschland gar mit Atomwaffen aufzurüsten. Nach dem verdrängt-traumatischen Ende des 2. Weltkriegs war zunächst noch nicht einmal daran zu denken gewesen, dass es überhaupt je wieder deutsche Soldaten geben könne. „Wer noch einmal eine Waffe in die Hand nimmt, dem soll die Hand abfallen“, lautete der berühmte Schwur von Franz Joseph Strauß.22

Die „Wiederbewaffnung“ der Bundesrepublik wurde in den Jahren vor 1955 zunächst, verborgen vor der Öffentlichkeit, in einem ominösen „Amt Blank“ betrieben. Das sollte vorgeblich nur für die alliierten (Besatzungs-)Streitkräfte in Deutschland zuständig sein.23 Erst 1955, gut 4 Jahre vor dem TV-Film Die Sendung der Lysistrata, war die Bundeswehr gegründet und die allgemeine Wehrpflicht wieder eingeführt worden. Damals ein hochsensibles Thema. Die Debatte um die „atomare Bewaffnung“ rief dann die erste große Anti-Kriegs-Bewegung in der jungen Bundesrepublik hervor.

Anti-Kriegs-Bewegung in den Folgejahren

1962, ein Jahr nach der Sendung der Lysistrata im Fernsehen, wurde eine Ausgabe der Wochenzeitung „Der Spiegel“ beschlagnahmt, die Verlagsräume durchsucht und der Herausgeber in Untersuchungshaft genommen. Grund war ein Artikel über die Bewaffnung der Bundeswehr und deren Beschaffung. Der Vorwurf: Landesverrat. Betreiber der Aktion war jener F.J. Strauß, mittlerweile Verteidigungsminister. Für viele Beteiligte und Beobachter war diese Aktion des Staates mit ursächlich für die Entstehung eines grundsätzlichen Misstrauens gegen den jungen deutschen Staat, das sich dann in der 1968er-Bewegung fortsetzte. Diese war unter anderem gegen den Indochina-Krieg („Vietnam-Krieg“) des NATO-Bündnispartners USA gerichtet.24

Der bisherige Höhepunkt der bundesrepublikanischen Anti-Kriegs-Bewegung dürfte in den 1980er Jahren in den großen Demonstrationen und Bündnissen gegen den „Nato-Doppelbeschluss“ zur atomaren Aufrüstung in Europa25 gelegen haben. Diese Eskalation markiert allerdings auch einen Höhepunkt des „Kalten Krieges“. „Kalter Krieg“ wurde die Jahrzehnte andauernde Konfrontation samt periodisch wiederkehrender Bedrohungs- und Krisenszenarien zwischen den beiden damaligen Supermächten und den von ihnen dominierten Militärblöcken (NATO und WTO/“Warschauer Pakt“) seinerzeit genannt.

Lysistrata und Lampito im Jahr 2022? Zwei Frauen – die eine Ukrainerin, die andere Russin – tragen mitten im Krieg gemeinsam das Kreuz bei der Karfreitags-Prozession in Rom: „Lehre uns, Frieden zu schließen, Brüder und Schwestern zu sein“. – Und wieder waren die Herren Politiker und Würdenträger empört.26

Seit der Gründung der Bundeswehr dauerte es dann allerdings noch über 40 Jahre, bis es 1999 tatsächlich zum ersten kriegerischen Auslandseinsatz der Bundeswehr im ehemaligen Jugoslawien kam. Die Bundeswehr war zwischenzeitlich zur Berufsarmee geworden. Insbesondere die Bombardierungen Serbiens27 verursachten in der damals jungen Regierungskoalition aus SPD und Grünen noch heftige innerparteiliche Auseinandersetzungen. Europa-politisch waren die Kriege im zerfallenden Jugoslawien für viele Zeitzeugen rückblickend das Ende der Bestrebungen, die noch frische russische Demokratie politisch und gar militärisch in die europäische Gemeinschaft einzubinden.28

Wofür Aristophanes steht

Die Schwäche der Mächtigen zeigen

Ein Jahrzehnt vor Lysistrata war der Friede schon fast greifbar gewesen, es gab Verhandlungen, Waffenstillstands- und andere Vereinbarungen, und sogar eine Kriegspause zwischen den Großmächten.29 Aber zur Zeit der Aufführung der Komödie, 411 v. Chr., war der Friede wieder in hoffnungslos weite Ferne gerückt. Aristophanes sorgte mit Lysistrata für Aufregung und Amusement, fand aber praktisch, jedenfalls bei den politischen Entscheidern der Stadt, kein Gehör. An sie wendet sich der Autor aber auch augenscheinlich gar nicht mehr. Vielmehr lässt er sie vor der Akropolis lächerlich versagen und abtreten. Ein Jahrzehnte andauernder Krieg brachte unübersehbar für beide Seiten Tod, wirtschaftlichen Ruin und außerdem noch eine verheerende Seuche.30 Dennoch wurde er unbeirrt fortgeführt, immer auf den nahe liegenden eigenen Sieg hoffend. Aristophanes hatte also genug Grund zu der Annahme, dass die politischen Entscheidungsträger und gesellschaftlich Mächtigen nicht willens oder in der Lage waren, einen vernünftigen Schluss des Dauerkonflikts herbeizuführen.

Bauern und Frauen als Hoffnungsträger

In seinen Schauspielen zum Thema Frieden konzentrierte Aristophanes daher seine Argumentation und Hoffnung auf die gesellschaftlich Schwächeren, zumal sie offiziell bei den staatlichen Entscheidungen nicht vertreten waren. In vorangehenden Komödien waren es die vom Krieg betroffenen armen Bauern in und um Athen, in Lysistrata und weiteren Komödien die Frauen. Im Stück Lysistrata sind sie es, die selbst in der abschließenden Verhandlungsphase die inhaltliche Verantwortung übernehmen und den Konflikt mit Hilfe einer Göttin zu einem guten Ende bringen. Der Appell an die Schwachen in der Gesellschaft und die eigene Meinung ist auch als Ausdruck der Stärkung des Prinzips der Demokratie in Athen zu sehen. Im Gegensatz zu konservativen Skeptikern wie etwa Platon setzt Aristophanes seine Hoffnung, wenn überhaupt, eher in dieses Prinzip der Demokratie, sogar in ihre Ausweitung auf die Meinungsbildung der (Noch-)Nicht-Mächtigen, auch wenn er die damit einhergehenden Gefahren der Meinungsmanipulation bereits scharfsinnig anprangerte.31

Komödie in der Demokratie

Konsequent wird der Chor von seiner traditionell angestammten Position als Rat der weisen Alten zur einfältigen Versammlung Ewiggestriger degradiert. Ja, Aristophanes stellt dem herkömmlichen Chor der alten Männer sogar einen zweifachen Chor der Frauen gegenüber. Das markiert die Position und Hoffnung des Autors: In den Prinzipien der Demokratie Athens soll sich der Zuschauer, unabhängig von Autoritäten und den einflussreichen Meinungsführern, selbst einen Standpunkt bilden und dabei Vorurteile und Klischees in Frage stellen.32 Über die Fähigkeiten der Frauen zur Politik ebenso wie über das gegnerische Sparta.

Altmeister Aristophanes zeigt mit Lysistrata einmal mehr, was eine gute Komödie ausmacht: Sie lenkt nicht seicht von wichtigen Themen ab, sondern nimmt sie ins Visier. Indem der Zuschauer nicht über andere, sondern über sich selbst lachen muss, erkennt er sich selbst. So kann er seine Haltung angstfrei überprüfen und ändern.

Was bleibt

Der Peloponnesische Krieg dauerte 27 Jahre. Er endete mit einem Sieg Spartas und der zeitweiligen Besetzung Athens mit Wiedereinsetzung des Adels in seine alten Machtpositionen. Für Athen bedeutete das letztlich das Ende seiner Existenz als Stadtstaat samt seiner beispielgebenden Demokratie. Aber auch für Sparta war mit dem Ende des kräftezehrenden Krieges die Zeit als eigenständiger Stadtstaat bald vorbei.

Aus Athen sind von über 300 Tragödien der drei bedeutendsten Autoren ganze 31 erhalten. Von Aristophanes‘ über 40 Komödien sind 11 geblieben. Der überwiegende Teil der schriftlichen Zeugnisse Athens ist verschwunden. Vieles kennen wir nur indirekt aus späteren Wiedergaben und Zitaten, aus Sekundär- und Tertiärschriften. Über das siegreiche Sparta haben wir heute nur noch wenige, meist indirekt überlieferte Informationsbrocken. Sie stammen zudem allesamt nicht aus Sparta selbst, sondern aus dem Lager seiner Feinde und sind in ihrem Wahrheitsgehalt zweifelhaft.

Es ist anzunehmen, dass der große Spötter Aristophanes sein Modell einer Anti-Kriegs-Strategie nicht wörtlich verstanden wissen wollte. Aber er stellt die Frage, wer wirklich willens ist, Verantwortung zu übernehmen, und was die vermeintlich Nicht-Mächtigen tun könnten, um einen Kriegszustand zu beenden.

Anhang 1: Der Krieg

Der Peloponnesische Krieg dauerte – mit kurzen, erschöpfungsbedingten Unterbrechungen – von 431 v. bis 404 v. Chr. Seine Beschreibung durch den Zeitgenossen Thukydides ist berühmt. Als Athener im Exil betrachtete er beide Seiten des Konflikts und entdeckte den Unterschied zwischen Ursache und Anlass eines Krieges.33 Viele von Thukydides‘ Aussagen über Ursachen und Handlungslogik von Kriegen sind (leider) noch immer brandaktuell. Kernpunkte seiner Darstellung sind in etwa:34

Die Ursache des Krieges

Das Bündnissystem Athens, der „Attische Seebund“, wurde immer größer und mächtiger. 50 Jahre zuvor noch ein freiwilliges Verteidigungsbündnis freier griechische Städte gegen die Perser, war es nun ein System, das vor allem der wirtschaftlichen und politischen Vormachtstellung Athens in der griechischen Welt diente. Neue Bündnispartner traten prinzipiell freiwillig bei, aber es gab auch erzwungene Mitgliedschaften und gewaltsam verhinderte Austrittsversuche.

Dadurch sah sich Sparta – die andere Großmacht in Griechenland – zunehmend bedroht. Das Wachstum Athens und seines Bundes schien grenzenlos. Um die weitere Ausdehnung zu stoppen, hielt Sparta letztlich einen Krieg für unvermeidlich. Athen wiederum sah sich gezwungen, die politische und wirtschaftliche Grundlage seiner Existenz und seines Wohlstands zu verteidigen.

Thukydides im Original: Über die Ursache des Krieges vor 2 1/2 tausend Jahren

Nicht etwa Boshaftigkeit, Wahnsinn oder Dummheit waren für Thukydides ursächlich für den Krieg, sondern die Angst: die Angst Spartas vor der wachsenden Macht Athens – auch wenn niemand das aussprach.35 Sparta stand in dem legendären Ruf, alltäglich in fest zusammen lebenden Kohorten für den Kampf zu trainieren und die härtesten Krieger heranzuziehen: In diesem so männlichen (Selbst-)Bildnis war für Erschrecken und Angst kein Platz.

Aus dieser ursächlichen Konstellation entwickelt Thukydides die nahezu unerbittliche Logik des Krieges in seinem Verlauf. Zugleich zeigt er die Wendepunkte auf, an denen die Handelnden beider Seiten sich anders hätten entscheiden können. Und er lässt uns die Gründe erkennen, warum sie es dennoch nicht taten.

Die Frontstellung

Sparta forderte ultimativ von Athen, es solle seinen Bündnispartnern ihre Autonomie (Eigenständigkeit) zurückgeben. Das aber wäre faktisch das Ende der politisch-wirtschaftlichen Vorherrschaft Athens und seiner Lebensgrundlagen gewesen. Durch die Abgaben (Steuern/Tribute) und die vorteilhaften Handelsbeziehungen im Bündnis wuchs der Wohlstand vieler Athener Bürger. Und so wurde laut Thukydides in Athen Geldgewinn zum Antrieb des Einzelnen, von Gruppen und von der Bevölkerung insgesamt. Im Handel reich geworden, gewannen neue Personen und Gruppierungen soziales Gewicht gegenüber dem alten Landadel. Demokratisch besetzte Ratsversammlungen, Gerichte und Verwaltungen ermöglichten prinzipiell allen wehrfähigen Männern der Stadt die politische Teilnahme. Dadurch wurde das Streben nach Reichtum auch für die staatliche Politik zu einem handlungsleitenden Motiv.36

Spartas Wohlstand hingegen beruhte wesentlich nicht auf Ausdehnung und Außenhandel, sondern auf der Unterdrückung und Ausbeutung von einer Art Staats-Sklaven (Heloten). An ihren Ort gebunden, sorgten sie vor allem in der Landwirtschaft für den Unterhalt ihres Herrscher-Volks. Es gab in Sparta also weniger Anreiz, die demokratische Teilnahme auszuweiten. Sparta hatte weiterhin eine komplizierte, aber eher oligarchisch geprägte Mischverfassung für seine freien Bürger.37 Das Sicherheitsinteresse Spartas lag vor allem darin, die Staatssklaven /Heloten weiter gefügig zu halten. Soziale Änderungen, Unruhen oder gar eine handelspolitische Zwangsöffnung wären da eher gefährlich gewesen.38

Ideologie und Narrative der Kriegsparteien

Athen sah sich so: Wir verteidigen unsere demokratische Lebensart. In ihr wird nämlich erst in Rede und Gegenrede abgewogen, bevor der Staat demokratisch seine Maßnahmen beschließt. Im Gegensatz dazu steht ein oligarchisches System in Sparta, das seine Entscheidungen nicht rational begründet und bestimmt. Unsere kulturelle Vielfalt und die Freiheit, ja der Ansporn, persönlichen Wohlstand anzustreben, steht gegen den Geist der Unterordnung und des Kollektivismus Spartas.39 Zur Freiheit gehört auch die Freiheit jedes kleinen Stadtstaats, sich einem großen Bündnis anzuschließen.

Das eher oligarchische Sparta wiederum hatte ein hoch entwickeltes, in festen Gemeinschaften strukturiertes Gemeinwesen. Für Sparta sah es so aus: Wir haben eine reiche, traditionsbewusste Kultur mit ganz eigenen sozialen Strukturen. Wir sind die Verteidiger der Bündnisfreiheit, vor allem der Freiheit, sich einem Bündnis nicht anzuschließen. Wir sind die Bewahrer der althergebrachten Handlungsautonomie und Unabhängigkeit freier griechischer Stadtstaaten. Wir stellen uns mit unserem Peloponnesischen Bund gegen die grenzenlose, aggressive Ausdehnung der Macht Athens, das unter der Flagge des „Bündnisses“ ganz Griechenland unterwerfen will.

So ergab sich eine merkwürdige Gegenüberstellung: das oligarchische Sparta als Freiheitsbewahrer gegen das demokratische Athen! Im Hintergrund stand unausgesprochen auch: die Macht des Ackerbaus mit alt-adliger Grundherrschaft gegen die neue Macht des Handels; Dynamik gegen Bewahrung.40 Beide Seiten sahen sich selbstredend als Kämpfer für die Freiheit – im gerechten Kampf gegen die (jeweils andere) finstere Macht, die die gesamte griechische Welt ihrem Willen und ihrer Willkür unterwerfen wolle.

Der Anlass des Krieges

Konflikte zwischen einzelnen Stadtstaaten gab es schon vorher. Und innerhalb vieler Städte gab es vermehrt Kämpfe zwischen einem neu entstehenden Handelsbürgertum und altem Adel. Für beide Arten von Konflikten suchte man nun Unterstützung bei einem der beiden mächtigen Bündnissysteme. Wenn die eine Stadt sich an das eine Bündnis wandte bzw. dem Bündnis beitrat, dann drängte die andere Stadt das andere Bündnis zur Unterstützung und zum kriegerischen Eingreifen in den Konflikt. Gleiches gab es für soziale Gruppierungen in den Städten: Athen wurde für demokratische Bewegungen zu Hilfe gerufen, Sparta im Gegenzug für oligarchische Bestrebungen.41 Beide Großmächte nutzten diesen Mechanismus, um ihr Bündnissystem zu erweitern, indem sie als Garanten für kleinere Staaten auftraten und auch für ihnen genehme Gruppierungen innerhalb der Stadtstaaten. In dieser Entwicklungslogik hatten die „Kleinen“ in allen Konflikten kaum eine Chance, wenn sie nicht einem Bündnis der „Großen“ beitraten. Und innerstaatliche Auseinandersetzungen um eine demokratischere Verfassung wurden durch „Hilfe“ der Großmächte zum Krieg.

Vor Beginn des Konflikts zwischen den Großmächten gab es viele Resolutionen, schärfer werdende Drohungen und Erklärungen in bezug auf solche Konflikte und auch einzelne militärische Aktionen von Bündnispartnern beider Seiten.

Ausgerechnet ein Handelsembargo aber wird Anlass für die direkte Konfrontation der beiden Großmächte. Das Embargo erließ Athen gegen den Stadtstaat Megara, mit dem es seit längerem im kalten Krieg stand. Megara wandte sich an Sparta um Hilfe. Das geriet aufgrund der entstandenen Konflikt-Landkarte der Städtebündnisse nun endgültig in Zugzwang. Zuvor hatte man dort gezögert: Ein Krieg der beiden Supermächte sei etwas anderes, schlechter vorhersehbar und viel schwerer zu stoppen als „normale“ Konflikte zwischen einzelnen Städten.42

Der Embargo-Beschluss gegen Megara wurde in Athen vom faktischen Staatschef Perikles betrieben. Damit löste Perikles bewusst den Krieg aus. Innenpolitisch sah Perikles damals gerade seine führende Stellung bedroht. Er fürchtete nämlich, in eine Untersuchung wegen Unterschlagung von Staatsgeldern hineingezogen, entmachtet oder/und gar selbst angeklagt zu werden. Angesichts des nun losgetretenen Krieges kam es dazu nicht mehr; Perikles wurde als Stratege und Staatslenker gebraucht.43

Friedensverhandlungen als Chance

Relativ bald, 425 v. Chr., bot Sparta den Athenern Friedensgespräche an. Seine Abgesandten argumentierten: Noch könnten beide Parteien einen ausgewogenen Frieden aushandeln, der beider vitale Interessen berücksichtigt, mit dem sie beide gut leben könnten und mit dem beide das Gesicht wahren. Ein solcher Friedensvertrag aus freien Stücken zum beiderseitigen Vorteil wäre dauerhaft, weil ihn beide wollen. Je länger aber der Krieg dauert, desto mehr wird der Hass zunehmen und einen vernünftigen Frieden unmöglich machen. Denn dann wird das Motiv des Handelns zunehmend nur noch Rache sein und die Vernichtung des Gegners. Wenn die eine Seite schließlich der anderen einen Friedenvertrag durch Niederlage militärisch aufzwingt, wird ein solcher Friede nicht von Dauer sein: Vor allem die unterlegene Seite wird die andere hassen und bei der nächstbesten Gelegenheit versuchen, den Frieden und seine Bedingungen wieder rückgängig zu machen. Sparta gab noch zu bedenken, dass sich das Kriegsglück unvermutet schnell wenden kann.

Athen schlug dieses Angebot Spartas aus, weil es selbst gerade ein wenig überraschend eine Schlacht gewonnen hatte und hoffte, den Krieg bald siegreich zu beenden.44 Thukydides sah darin Hochmut45 und ein Beispiel für eine vertane Chance durch kurzsichtiges politisches Handeln. Die unerwartete Niederlage Athens bestätigte diese Einschätzung am Ende dann unwiderlegbar.

Verträge als taktische Mittel

Der Krieg wurde durch mehrere Waffenstillstands- und Friedens-Verträge unterbrochen. Jedoch, so stellt Thukydides fest, schlossen beide Seiten solche Verträge eigentlich nur, wenn sie beide gerade kriegerisch nicht mehr weiter konnten. Und sie brachen diese Vereinbarungen, sobald sich eine Seite wieder ein wenig gerüstet und im Vorteil sah. Für Lüge und Vertragsbruch schäme sich keine der beiden Parteien; man sei sogar noch stolz auf seine List: Lieber wolle man ein Schurke, aber clever sein, als naiv, wenn auch hochanständig. Als Gutmensch zu gelten sei einem peinlich; mit Lug und Betrug aber gebe man öffentlich an.46

Brutalisierung im Krieg und Kriegsverbrechen

Der Krieg zersetzt bekanntlich die Moral aller Beteiligten. Bei allem Gebot zur objektiven Distanz des Historikers schildert Thukydides eindringlich mehrere Grausamkeiten, die auch damals gegen Sitten und Gesetze verstießen:

● In Athen kam es kriegsbedingt zu ungesetzlichen Massenprozessen47. Und man gewöhnte sich schon bald nach Kriegsausbruch auch an Massenhinrichtungen und andere Auflösungen althergebrachter Gesetze und religiöser Grundsätze.

● In Kerkyra (Korfu) zog das Peloponnesische Bündnis ab und das Attische heran. Die einen waren von den Anhängern der Oligarchen, die anderen von den Verfechtern einer demokratischen Verfassung zu Hilfe gerufen worden. Letztere ergriffen die Gelegenheit, alle erreichbaren Parteigänger der Oligarchen zu erschlagen, sogar im geheiligten Tempelbezirk.48 Sieben Tage brauchten die Parteigänger der Demokratie, um alle ihre wirklichen und vermeintlichen (oft auch eher persönlichen) Gegner abzuschlachten. Eine solche Verrohung des sozialen Kampfes um die Verfassung hatte es laut Thukydides zuvor in Griechenland noch nie gegeben.

Schmerz im und durch den Krieg ist zeitlos

● Mitten im zwischenzeitlichen Nikias-Frieden unterwarf Athen in einer „Strafaktion“ die Insel Melos (heute Milos), weil sie im schwelenden Konflikt der Großmächte neutral bleiben und nicht tributpflichtig dem Attischen Seebund beitreten wollte. Sämtliche Männer der Insel wurden hingerichtet, alle Frauen und Kinder versklavt. Anschließend wurde die Insel Melos, südlich des Peloponnes gelegen, von Athen mit „eigenen“ Leuten besiedelt. Zuvor hatten die Melier noch zu bedenken gegeben: Natürlich könnt ihr uns platt machen. Aber damit würdet ihr die anderen „Kleinen“ in das Bündnis eurer Gegner treiben, weil sie dann eine gleiche Behandlung für sich fürchten. Damit hättet ihr all die neutralen Staaten dann auch noch gegen euch. Damit würde dann also euer gegnerisches Bündnis noch größer.49

● Auch das Massaker von Mykalessos ist überliefert: Als den Athenern langsam das Geld knapp wurde, entließen sie eine thrakische Söldnertruppe und führten sie nach Hause. Auf dem Rückweg sollte sie dem Feind noch möglichst viel Schaden zufügen. Und so überfielen die Söldner das ahnungs- und wehrlose Städtchen Mykalessos in Böotien. Dort metzelten sie alle Einwohner nieder, die sie finden konnten – Männer, Frauen und Kinder. Beim allgemeinen Plündern drangen sie auch in die größte Schule des Ortes ein und ermordeten alle Schulkinder, die sich dort gerade zum Unterricht versammelt hatten.50

Das Ende des Krieges und der Stadtstaaten

Nach 27 Jahren endete der Krieg schließlich mit einem Sieg Spartas.51 Neben Auflagen zur „Abrüstung“, z.B. Entfernung der Mauern, wurden demokratische Einrichtungen abgeschafft, Adel und Oligarchie wieder in ihre ehemaligen Machtpositionen eingesetzt, die demokratischen Kräfte durch interne Säuberungen reduziert.52 Das sollte Stabilität begründen und den emporgekommenen Agitatoren des expansiven Bereicherungsdrangs den Boden entziehen.

Für Athen bedeutete der verlorene Krieg letztlich das Ende seiner Existenz als Stadtstaat samt seiner beispielgebenden Demokratie. Aber auch für Sparta und die anderen Städte war die Zeit als unabhängige Stadtstaaten bald vorbei. Das Königreich Makedonien übernahm die Herrschaft über das gesamte, ausgelaugte Griechenland.

Die aktuelle Lehre des Krieges: Die „Thukydides-Falle“

In den 2010er Jahren warnte der Politologe Graham Allison vor der „Thukydides-Falle“, die er so beschreibt: Eine etablierte Großmacht (Sparta) hält den Krieg für unvermeidlich, weil sie Furcht vor dem Machtzuwachs einer anderen, aufkommenden Großmacht (Athen) hat. Daher beginnt sie den vermeintlich unvermeidlichen Krieg. Allison richtete seine Warnung an die bisherige Weltmacht USA im Hinblick auf die aufkommende Großmacht China. Die jüngste Parallele in bezug auf Russland und Europa/Nato liegt auf der Hand.

Thukydides analysiert die Ursachen und die Handlungslogik des Krieges. Er hielt ihn und seinen Verlauf aber nicht für unvermeidlich. Denn Menschen können in jeder Situation Folgen abschätzen und klug oder weniger klug handeln. Entsprechend stellt er die handelnden, einflussreichen und entscheidenden Menschen in den Mittelpunkt seiner Darstellung, auch wenn er die Umstände und die Logik der Abläufe samt handlungsleitender Interessen klarsichtig analysiert. Großen Raum nimmt dabei die Wiedergabe der verschiedenen Reden und Debatten bei allen beteiligten Staaten ein: für oder gegen den Kriegseintritt, Abwägung der einzelnen Unternehmungen und Reaktionen; Argumente, Bedenken, Demagogie, Verblendung und vertane Friedensmöglichkeiten.

Erläuterungen, Quellen und weiterführende Links

  1. Zum Einstieg Drei Anmerkungen zu Textausgaben und Übersetzungen (Warnung! Viel zu lang zum Lesen!):

    (1) Wie immer bei antiken Texten, sind neuere Prosa-Übersetzungen zu bevorzugen. Ältere Ausgaben eifern eher dem Versmaß und dem Gebot einer sittsamen Erziehung des vorletzten Jahrhunderts nach. Dabei bleibt der Sinn oft dunkel. Und gerade bei Lysistrata kommen die mitunter saftigen Passagen recht verschwurbelt daher. Als Kurzform zu empfehlen ist etwa die Übersetzung von Peter Krumme von 1993 bei Schultheatertexte.de [dem entstammen hier auch die direkten, kursiv geschriebenen Zitate] und, mitunter noch expliziter, die Übersetzung von Niclas Holzberg von 2012 bei Reclam.

    (2) In dieser zweisprachigen Reclam-Ausgabe kann man sich, Sprachkenntnis vorausgesetzt, auch davon überzeugen, dass der Originaltext tatsächlich so krass, prall und gespickt mit Doppeldeutigkeiten war. Allerdings lassen sich solche Wörter und Wendungen naturgemäß nur schwerlich 1:1 vom Griechischen derart ins Deutsche übertragen, dass der Doppelsinn erhalten bleibt. Oft muss man sich für eine der beiden Deutungen entscheiden oder neue Bilder finden. Wo etwa Lysistrata in der Krumme-Übersetzung von „Bananen“ als Ersatz für die ausbleibenden Männer spricht, sind es im Original eher „böotische Aale“ (siehe Anm. 5). Die Anspielung bezieht sich auch darauf, dass Böotien zum gegnerischen Lager gehörte. In der Reclam/Holzberg-Ausgabe sind derlei Wortspiele im Anhang erklärt. Auch das Deutsche hält besonders für den erotischen Bereich eine Unmenge von Bildern und Doppelsinnigkeiten vor, die sich so kaum in eine andere Sprache übersetzen lassen. Z.B. „besorgen“ oder manchmal auch „bedienen“ – von den unzähligen Umschreibungen für den geschlechtlichen Vorgang selbst und Praktiken sowie bildhaften Bezeichnungen der daran beteiligten Körperteile ganz zu schweigen. Dagegen wirkt auch im Deutschen eine blanke, etwa medizinische oder radikalvulgäre Benennung meist eher reizlos. Was zum Beispiel mag die bei der Verschwörung unter den Don’ts katalogisierte „Löwin auf der Käseraspel“ sein? Jede Vereindeutigung oder Vulgärbeschreibung wäre da arm.
    Insgesamt aber ist die griechische Antike augenscheinlich sehr viel offener mit dem Thema Sexualität umgegangen als unsere von repressiv kirchlicher Moralvorstellung geprägte abendländische Gesellschaft in den vergangenen Jahrhunderten.

    (3) Die Frage der Textvarianten und der Vollständigkeit der Ausgaben lassen wir hier mal außen vor. Ein wenig findet sich themenbezogen unten in den Anmerkungen zum Chor. Natürlich gibt es keine authentische „Urfassung“ des Autors. Der griechische Text, den wir kennen und der den diversen Übersetzungen ins Deutsche zugrunde liegt, entstammt einer handschriftlichen Abschrift aus dem klösterlichen Mittelalter und ist auch nicht ganz vollständig. Eine gute und zudem sprachlich unanstößige Zusammenfassung der Handlung und Interpretation bietet Kindlers Neues Literatur-Lexikon, Studienausgabe München 1988, mittlerweile auch digital verfügbar, dem viele Informationen und auch einige heikle Formulierungen entnommen wurden.]

  2. griechisch Λυσιστράτη / Lysistrátē, aus griech. λύσις/lysis „Auflösung“ (daher auch die deutschen Ableitungen griechischer Komposita wie „Ana-lyse“, „Dia-lyse“) und στρατός/stratós „Heer“ (daher deutsch „Strategie“)
  3. „Leiden wurden über Griechenland gehäuft wie niemals sonst in einem gleichen Zeitraum. Nie wurden so viele Städte genommen und verwüstet…Nie wurden so viele Menschen aus der Heimat vertrieben und entweder bei den Kämpfen selbst oder bei den inneren Unruhen umgebracht.“ So der zeitgenössische Historiker Thukydides [siehe Anhang 1: Der Krieg].
  4. Während die Athenerinnen noch auf die Ankunft der anderen warten, sagt sie: „Athen: darüber sag ich nichts, du kannst es dir schon selber denken! Doch alle Frauen, wenn sie nur kämen, die aus Böotien, die aus Sparta, und wir: gemeinsam retten wir Griechenland!“ (Böotien war mit Sparta ein Hauptgegner Athens.)
  5. „Sehnt ihr euch nicht nach den Vätern eurer Kinder, die im Krieg sind draußen? Weiß ich doch genau: keine hat ihren Mann bei sich zuhause!“ Und expliziter und vertraulich: „Kein Liebhaber mehr da. Und da es keine Einfuhr gibt, sind auch noch die Bananen ausgeblieben! Ersatz nur, aber immerhin! Wollt ihr, wenn ich ein Mittel wüsste, mit mir zusammen, dem Krieg ein Ende machen?“
  6. „Gewiss doch! Wenn wir im Haus frisch geschminkt herumsitzen, an ihnen im durchsichtigen Hemdchen vorüberstreichen, halb nackt, das Delta schön geformt, und ihnen wird ganz anders, den Männern, sie möchten gern – wir wollen aber nicht, sondern weisen sie zurück – dann werden sie schnell Frieden schließen, glaubt es mir!“ (Übersetzung Krumme, immerhin für die Schulaufführung gedacht. Die Holzberg-Übersetzung benennt da gar ausdrücklich das physische Anzeichen der Erregung und sein Ziel).
  7. Ganz zufällig ;-) hieß auch die erste Frau des Staatschefs von Sparta, Archidamos, „Lampito“. Archidamos war anfangs eher gegen den Krieg gewesen. Als „König“/Feldherr Spartas gegen Athen fiel er dann allerdings schon 427 v.Chr., also vor der„Lysistrata“-Aufführung. Inwieweit die Zuschauer diese Anspielungen verstanden, wissen wir nicht.
  8. In vielen aktuellen Fassungen antiker Stücke wird der Chor-Part gerne gekürzt, weil er oft unverständlich erscheint und kaum Handlung enthält. Aber dadurch geht einiges verloren. Im antiken Schauspiel ist die Handlung als Action eher eingeschränkt (kreisrund offene Bühne, keine Kamerafahrten). Es lebt mehr vom Wort, von der Deklamation und dem Dialog. Der Chor war Ursprung und dann fester Bestandteil des griechischen Schauspiels. Denn das Theater entstand historisch aus einer religiösen Prozessions- und Gesangs-Zeremonie. Das Wort „Chor“ stammt von χορεύειν /choreúeïn = „(Reigen) tanzen“, so auch noch im Neugriechischen. Daher war der Chor im Theater anfänglich sozusagen die Basis der Darstellung, aus der sich zunächst einzelne Rollenträger herauslösten. Anfangs im Wechselgesang mit dem Chor, später in Interaktion/Dialog untereinander. Im Schauspiel mit verteilten Rollen dann erklärt und kommentiert der Chor ursprünglich die Handlung. Er leitet den Zuschauer gleichsam durch das Geschehen wie ein Fernseh-Moderator durch die Spielshow. Traditionell also die Instanz der Wahrheit, wird der Chor bei den späteren Autoren wie Aristophanes, Euripides und Sophokles dann aber zu einer durchaus fehlbaren Stimme, fast wie der „unzuverlässige Erzähler“ in einigen modernen Romanen. Diese Entwicklung der Rolle des Chors verläuft parallel zum Erstarken der demokratischen Einrichtungen im athenischen Staatswesen.
  9. So die vollständigere Fassung. Marathon wäre 490 v. Chr. gewesen, also 79 Jahre vor der Aufführung der Lysistrata. So um die 100 Jahre alt wurde man damals aber auch bei atypisch gesunder Lebensführung nicht. Wir haben es hier also mit ironischer Übertreibung zu tun. Als wenn Opa heute mit seinen Kriegserlebnissen bei Stalingrad oder in Nordafrika unter Rommel angeben und von „Leipzig-einundleipzig“ salbadern würde.
  10. Akropolis (deutsch etwa: „Gipfelstadt“): innerstädtischer, zentraler Festungshügel, auf dem auch heute noch die Tempel für die Göttinnen und Götter stehen
  11. Schon im Prolog (Eingangsszene) weiß Kalonike (deutsch etwa „Schön(e)/gut(e) Sieg(erin)“), warum Frauen sich seit jeher so schwer tun, zu gemeinsamer Aktion zusammenzufinden: „Von zu Hause wegzukommen, ist für Frauen schwierig. Die eine muss es dem Mann besorgen [ältere Übersetzung: ihn „bedienen“], die zweite den Sklaven wecken, die dritte sich um ihr Kind kümmern, … es waschen, … es füttern…“
  12. Im Orakel von Delphi empfing und stammelte eine Priesterin in Trance göttliche Weissagungen. Diese wurden dann „übersetzt“ und verkündet von den (männlichen) Priestern des Heiligtums – nach (und je nach!) den Spenden der Fragenden. Das Orakel hatte daher schon damals einen nicht unbezweifelten Ruf, aber niemand wagte, die Zweifel laut zu äußern. Das Orakel wurde immer wieder gerne politisch-taktisch zur Vereinheitlichung des Vorgehens eingesetzt und war immerhin überörtlich anerkannt.
  13. So verspricht sie ihm eine Salben-Massage; Oh, das war die falsche Salbe, ich hole schnell noch die gute… dann, im O-Ton: „…Leg dich hin und schließ die Augen. Ich zieh mich aus. – Es fehlt was Weiches! Die Unterlage!…“ [so die noch recht brave 1960er Film-Fassung von Kortner, siehe unten im Abschnitt „Die umstrittene Fernseh-Aufführung“.]
  14. Frauen durften bestenfalls nur in kleinen Gruppen in den oberen Rängen ganz hinten im Theater sitzen. Im Bereich der Religion und auch in anderen griechischen Staaten und Traditionen sah das, sofern wir wissen, teilweise durchaus etwas anders aus. [Die wohl umfangreichste Darstellung des Themas Patriarchat in der Antike, heiß umstritten im aufkommenden Feminismus der 1970er Jahre, befindet sich in Ernest Bornemann, Das Patriarchat, Frankfurt/M. 1975]
  15. In Lysistrata ist der Chor streckenweise sogar in mehrere Parteien – Männer und 2x Frauen – geteilt. Das Publikum kann sich jedenfalls auf den Chor oder eine andere Autorität nicht mehr verlassen; es muss sich seine Meinung selbst bilden. [Zur Rolle des Chors siehe auch die Anmerkung 8, im Abschnitt „Kampf gegen die Männer“.]
  16. Darauf wird in der Schluss-Szene auch kurz angespielt. Zu Aristophanes‘ Zeiten schrieb man insbesondere der bessergestellten Jugend den typisch Athener Gesichtsausdruck zu: ein hochmütiges, skeptisch überlegenes Lächeln, etwa im Sinne von „mir kann niemand etwas weismachen“ [siehe den Kommentar von 1861 zu Aristophanes, Die Wolken, in wikisource]. Nicht von ungefähr hatten die Athener als Schutzpatronin Athene, die Göttin des Verstandes und der Vernunft, Kopfgeburt des Zeus (sie entstand also ohne weibliche Beteiligung). Auf offiziellen Siegeln und Münzen Athens bildete man gerne die Eule ab, das antike Symbol der Weisheit.
  17. Ansonsten waren die Männer in der Komödie in hautfarbene Trikots mit prägnant ausgestopftem Gesäß gekleidet, darüber ein kurzes Tuch-Hemdchen. Die Frauen-Gestalten hingegen hatten traditionell ein langes Gewand. Alle Schauspieler trugen Masken, die ihre jeweilige Rolle kennzeichneten. Es gab mithin auch keine Mimik, sondern nur Sprache und Bewegung.
  18. Zugelassen als Schauspieler waren von Staats wegen nur Männer. Dabei handelte es sich um Laien-Darsteller. In seiner früheren Komödie „Die Ritter“ brach Aristophanes allerdings bewusst diese Regel: In der Schluss-Szene ließ er überraschend dreißig Straßendirnen als Friedensnymphen über die Bühne tanzen. Ausgerechnet sie waren in dem Stück die Garantinnen für den „Dreißigjährigen Frieden“ – ein gelungener, bis heute überlieferter Theater-Skandal. Der „Dreißigjährige Friede“ war 445 v.Chr. geschlossen worden und wurde mit Beginn des Peloponnesischen Krieges gebrochen. [Über Geschichte, Regeln, Konzeption und Abläufe des antiken griechischen Theaters findet sich eine etwas pauschal geratene Zusammenfassung auf Superprof, leider mit penetranter Nachhilfe-Reklame.]
  19. Diese unüberhörbar nicht-attische Variante des Griechischen wird in deutschen Übersetzungen gern mit Bayrisch wiedergegeben. [Gerechterweise könnte das attische Griechisch der Athener dann eigentlich auch mit Ohnsorg-Plattdeutsch dargestellt werden, aber das hat noch kein*e Übersetzer*in gewagt.] Zuvor, geprägt vom Nationalismus des 19. Jahrhunderts, sprachen die Spartaner auch in Schwyzerdütsch.
  20. „Die Sendung der Lysistrata“, Fernsehfilm von Fritz Kortner, mit Barbara Rütting (Lysistrata), Romy Schneider (Myrrhine) und anderen, auch als DVD erhältlich. Der WDR-Fernsehdirektor Dr. Lange sagte damals laut Spiegel: „Mit meiner Frau zusammen würde ich den Fernsehfilm nicht sehen wollen. Auch nicht mit meinem 19jährigen Sohn.“
  21. Damals gab es keinen Kabel- oder SAT-Empfang, keine Mediatheken und kein Internet. Das heißt ganz schlicht, die Bürger von Bayern konnten diesen Film nicht sehen. Die Dritten Programme waren damals ohnehin schon jenseits des Mainstreams eher für die intellektuelle, kritische Minderheit konzipiert, etwa wie heutzutage die TV-Sender alpha oder Phoenix.
  22. [Dieses und andere Anti-Kriegs-Zitate findest du hier.] Zur verschlungenen und verzweigten Biografie von Franz Joseph Strauß, der, zusammen mit seinem (rhetorisch ebenbürtigen und ähnlichen) Gegenpol Herbert Wehner, als Politiker die Nachkriegszeit der Bundesrepublik entscheidend prägte, gibt es einen politgeschichtlich einschlägigen Wikipedia-Artikel.
  23. „Unbewaffnet wie das Amt Blank“ höhnt der wortbrüchige Gauner mit Knarre in der Hand im damals viralen Comic „Nick Knatterton“.
    Der offizielle Name des Amts lautete „Dienststelle des Bevollmächtigten des Bundeskanzlers für die mit der Vermehrung der alliierten Truppen zusammenhängenden Fragen“. Sein Leiter, Theodor Blank, wurde dann 1955 erster Verteidigungsminister der BRD, gefolgt von dem CSU-Politiker Franz Joseph Strauß.
  24. Dass auf der anderen Seite des indochinesischen Befreiungskriegs auch die Großmächte Sowjetunion und China ihre eigenen jeweiligen Interessen verfolgten, lag lange Zeit eher am Rande des Blicks der Bewegung. Die für den amerikanischen Rückzug entscheidenden Verhandlungen wurden schließlich, ganz in kolonialistischer Tradition, weitgehend ohne Beteiligung der betroffenen indochinesischen Staaten in Gang gesetzt.
  25. Der „NATO-Doppelbeschluss“ sah eine Aufrüstung auch mit (kleinen) „taktischen Atomwaffen“, ergänzend zu den (großen) „Strategischen Atomwaffen“, vor – konzeptionell analog zu entsprechenden Aufrüstungen des sowjetischen Gegners. Angestrebt bzw. befürchtet wurde, dass „taktische Atomwaffen“ eher, eben auch „taktisch“, eingesetzt werden könnten – in der (vermeintlichen) Hoffnung, dadurch einen „finalen Atomschlag“ (mit Auslöschung der menschlichen Zivilisation) nicht auslösen, sondern eindämmen zu können. Nicht so ausgesprochen wurde die – letztlich erfolgreiche – Bestrebung, durch erhöhte Rüstungsaufwendungen den finanziellen Ruin der Sowjetunion zu beschleunigen. [Eine Zusammenfassung zum Nato-Doppelbeschluss über die Aufrüstung mit „taktischen Atomwaffen“ findet sich u.a. in Planet Wissen, hier.]
    Der Plan einer eigenen atomaren Aufrüstung der Bundesrepublik war zwischenzeitlich ersetzt worden durch das Konzept der „Nuklearen Teilhabe“. Das heißt verkürzt: Auf dem Gebiet der Bundesrepublik befinden sich Atomraketen der USA (die u.a. auch von kompatiblen deutschen Kampfflugzeugen abgefeuert werden können) – aber den Schlüssel dazu haben die USA.
    Zeitlich mittig zwischen dem Protest um die atomare Aufrüstung der Bundesrepublik (1950er) und der Bewegung gegen die Stationierung auch „taktischer Atomwaffen“ durch die USA (1980er) hatte sich dann übrigens auch der Bayrische Rundfunk, sittliche Bedenken nunmehr überwindend, zur Ausstrahlung der „Sendung der Lysistrata“ durchgerungen. Das war 1975, deutlich nach dem Ende des „Vietnam-Kriegs“ und der diesbezüglichen Proteste.
    Weitere Lysistrata-Bearbeitungen begleiteten die politische Debatte in der Bundesrepublik. So 1973 von dem streitbaren Dramatiker Rolf Hochhuth („Lysistrate und die Nato“) und 1986 von dem renommierten Philologen und Autor Walter Jens („Die Friedensfrau“).
  26. Die Freundinnen Irina und Albina, Russin und Ukrainerin, beide Krankenpflegerinnen, trugen beim traditionellen Kreuzweg des Vatikans zu Karfreitag 2022 in einer Etappe gemeinsam das Kreuz [im Text ein Symbolbild, ein Original-Bild findest du hier]. An der 13. Station des Kreuzwegs wollten sie für Versöhnung meditieren. Dagegen hatten schon im Vorfeld Vertreter des ukrainischen Staates und der ukrainischen katholischen Kirche protestiert. Und mehrere ukrainische Medien boykottierten deswegen die traditionelle Live-Übertragung der Prozession. In ihrem Prozessions-Gebet/Meditation beließen es die Frauen schließlich bei einer allgemeinen Friedensbitte; im übrigen sage „Stille mehr als Worte“. Im ursprünglich geplanten Text ihres Meditations-Gebets heißt es hingegen: „Sprich in die Stille des Todes und der Trennung und lehre uns, Frieden zu schließen, Brüder und Schwestern zu sein.“ [Dass die Führung der christlichen Kirche in ihrer langen Geschichte bei weitem nicht immer so konsequent friedensorientiert war, findest du ausführlich im Cosmiq-Artikel über die Symbolik der Schlange am Kreuz in der Kirche und ihre geschichtliche Bedeutung.]
  27. [Eingriff der Nato im Jugoslawien-Konflikt, namentlich in den Kosovo-Krieg und Bombardement Serbiens: Einen kurzen Rückblick bieten die Stuttgarter Nachrichten .] Die Bombardierung Serbiens wurde vor allem mit bekannt gewordenen Kriegsverbrechen Serbiens begründet. Heute weiß man, dass die Schilderungen der Grausamkeiten seitens Serbiens kaum übertrieben waren, dass aber Kriegsverbrechen, wie in allen Kriegen, sich parteiübergreifend fortschreitend ausbreiten und alle Beteiligten, in unterschiedlichem Maße, zu Schuldigen werden lässt.
  28. [Hier findest du einen Einblick in die Auseinandersetzungen in der rot-grünen Regierungskoalition]. Bei den Grünen war es noch nicht sehr lange her, dass man, zumal nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion 1989/1990, gegen die Mitgliedschaft in der NATO gewesen war. Die Grünen hatten die NATO damals als überholt für eine europäische Sicherheitsarchitektur angesehen. Die NATO wirke nun, nach der Auflösung des sowjetischen „Warschauer Pakts“ (WTO) nur mehr bedrohlich und tendenziell expansiv-aggressiv.
    Jener Einsatz der Bundeswehr im jugoslawischen Kosovo-Krieg ohne UNO-Mandat war auch völkerrechtlich umstritten. In der UNO hatte sich federführend Russland gegen die Bombardierung Serbiens gewandt. Man sah sich im Jugoslawien-Konflikt an eine alte Frontstellung erinnert: Serbien als Bündnispartner des zaristischen und dann des sowjetischen Russlands, Kroatien als der des deutschen Kaiserreichs und des deutschen Faschismus. Aber das post-sowjetische Russland, durch seinen eigenen Umbruch geschwächt und auch wirtschaftlich angeschlagen, fand bei der internationalen und europäischen Entscheidungsfindung auch hier keine Beachtung. Russland war erst wenige Jahre vor dem Krieg in Jugoslawien in die Marktwirtschaft zurückgekehrt. Und es war in hohem Maße abhängig von der Unterstützung durch den IWF (Internationaler Währungsfonds, der Kredite an Staaten vergibt). Dabei gab es damals durchaus die beiderseitige Hoffnung, Erklärungen und auch Absprachen, Russland, wie andere osteuropäische Staaten auch, in ein europäisches, marktwirtschaftliches Bündnis einzubinden und sogar in die Nato. Spätestens mit der Bombardierung Serbiens aber wurde der Jugoslawien-Konflikt zur Konfrontation auch zwischen der Nato und Russland. Damit war für viele Historiker und Zeitzeugen das Projekt der Einbindung Russlands in eine europäische Gemeinschaft gescheitert, und die Konfrontation wurde für das Verhältnis Russland – Nato/EU (wieder) vorherrschend.
  29. Der so genannte Nikiasfrieden von 421 v.Chr., siehe Anhang 1. Aristophanes lebte 450 oder 444 bis 380 v. Chr.
  30. Die „Attische Seuche“, vielleicht eine Pest, brach 430 v.Chr., nach Beginn des Krieges, in Athen aus und dezimierte seine Bevölkerung um ca. ein Drittel. Unter anderem starb der Staatschef Perikles an der Seuche, unter dessen Führung der Krieg begonnen hatte. Genaueres dazu findest du hier bei Cosmiq im Artikel zur Geschichte der Seuchen vor Corona.
  31. Verfassung und Wirklichkeit, Chancen und Gefahren der athenischen Demokratie waren (und sind bis heute) immer wieder umkämpft und umstritten. Als Hintergrund-Info folgt ein Kurzer Abriss in 8 Essentials über die damalige athenische Verfassung in Theorie und Praxis (Warnung! Viel zu lang zum Lesen!):

    (1) In Athen wurden die Sitze in der gesetzgebenden Volksversammlung, die auch über Krieg und Frieden entschied, unter den von den Stadtteilen geschickten, freiwilligen Kandidaten ausgelost. Gleiches galt im Prinzip für deren geschäftsführende, ständige Ratsversammlung/ Senat. Hier fanden die politisch wichtigen Entscheidungen und Beschlüsse statt.
    Auch die vorherrschenden Organe der Rechtsprechung (Volksgerichtshöfe und Appellationsgericht) wurden per Los besetzt.
    Los oder Wahl entschied über die Besetzung der meisten (kleinteilig differenzierten) Verwaltungsämter. Diese waren jedoch nach Wichtigkeit gestaffelt und weiter „oben“ nur für höhere Einkommensklassen zugänglich. 
    Diäten sorgten dafür, dass sich jedermann die Freistellung zur öffentlichen Aufgabe leisten konnte. Die Versammlungs-, Rats- und Justiz-Posten waren auf ein Jahr begrenzt, Ämter oft kürzer, z.T. gar auf einen Tag (z.B. die Marktaufsicht). Eine Wiederwahl war nur bei den höchsten Ämtern möglich, in den Senat konnte man immerhin zweimal gelost werden. Zusammen mit den stadtteilbezogenen Selbstverwaltungen waren so außerordentlich viele Staatsbürger aktiv in das Gemeinwesen einbezogen. Dennoch gab es nie einen Mangel an Kandidaten, die diese Verantwortung übernehmen wollten.

    (2) Diese Regelungen wurden durch zahlreiche Reformen etappenweise entwickelt. Genauer: Sie wurden schrittweise dem alten, auf Landbesitz sich gründenden Adel von einem aufsteigenden Bürgertum abgerungen. Das gelangte durch Athens „Attischen Seebund“ mit seinen ausgedehnten, vorteilhaften Handelsbeziehungen zu Wohlstand und Reichtum. Seine Vertreter orientierten sich persönlich auf sozialen Aufstieg und politisch eher auf Expansion als auf Bewahrung der Verhältnisse. Wesentliche Grundlage für die Durchsetzung der demokratischen Veränderungen war, dass sich Athen meist im kalten oder heißen Krieg befand, wo man letztlich – neben allen Söldnern und bezahlten Hilfskräften – auf die Beteiligung aller männlichen waffenfähigen Stadtbürger angewiesen war.  

    (3) Soziale Trennungen und Unterschiede sorgten hinter der beschriebenen formellen Gleichheit der männlichen Stadtbürger für starke inhaltliche Ungleichgewichtigkeiten. In wichtige Ämter konnten nur Angehörige höherer Klassen gewählt werden, in die wichtigsten nur die der vermögendsten Klassen. Das betraf zum einen das oberste Finanzamt (Schatzverwalter). (Allerdings haftete dieser „Finanzminister“ bei Fehlern auch mit seinem persönlichen Vermögen.) Insbesondere aber war das höchst einflussreiche Amt eines Strategen (Heerführer bis Oberbefehlshaber) den obersten Klassen vorbehalten. Formell wurden davon jeweils 10 gleichzeitig gewählt mit unbegrenzter Möglichkeit zur Wiederwahl. Mit zunehmender Erfahrung und Vernetzung konnte man dort an politischem Einfluss zulegen und bis hin zum langjährigen faktischen Staatschef avancieren (in der Zeit des Peloponnesischen Krieges zum Beispiel Kleon und Alkibiades mit ihrem gemäßigten Gegenspieler Nikias, zuvor Perikles). Es liegt auf der Hand, dass Bewerber und vor allem Wiederbewerber für dieses Amt des Strategen in ihren Positionen und Reden nicht gerade von tiefem Pazifismus durchdrungen waren; nur im Kriegszustand hatten sie ein Höchstmaß an Bedeutung und Karrieremöglichkeit. Sie konnten sich vor allem auf das emporgekommene Handelsbürgertum stützen, das seinen Reichtum durch Expansion vermehren konnte.

    (4) Die verfassungsmäßig festgelegten politischen Klassen gliederten sich wesentlich entsprechend den Ständen im Krieg:
    – Die Reiter/ Ritter, die reich genug waren, zur Schlacht ein Pferd samt entsprechender Rüstung beizubringen,
    – die so genannten Schwerbewaffneten (Hopliten), die sich eine Rüstung mit Schwert und Schild leisten konnten, für den Kampf in der infanteristischen, strategisch zentralen Formation der Schlachtreihe (φάλαγξ /Phálanx),
    – und schließlich die eher besitzlosen Leichtbewaffneten (Theten), die staatlich oder privat ausgerüstet, notfalls auch mit Steinen, Stöckern und Ackergeräten in den Kampf zogen, aber von den Verwaltungsämtern ausgeschlossen waren.

    (5) In diesem System hatten der Adel und die im Handel erstarkten, begüterten Athener Familien ungleich größere Steuerungs- und Einflussmöglichkeiten. Ihr Reichtum beruhte auf Ländereien, auch dem Besitz z.B. von Silberminen, kam aus Fertigungsbetrieben und/oder dem Handel. Aus ihren politischen Klassen stammten (herkömmlich und auch vereinzelt wirtschaftlich und politisch emporkommend, wie z.B. Kleon) nicht nur die Amtsträger und Entscheider in den Spitzenpositionen, sondern auch die weiteren politischen Influenzer in den Gremien und in der Öffentlichkeit der Volksversammlung und des Marktplatzes. Denn sie und deren Söhne hatten eine umfangreiche Ausbildung und Bildung durchlaufen, namentlich in angewandter Logik und der hoch angesehenen „Rhetorik“ (Redekunst). Sie hatten das Wissen und die Zeit,  politische Prozesse zu gestalten. Zunehmend gelang es vermögenden Athenern auch durch Wahlgeschenke oder Wohltätigkeits-Kampagnen die Meinung der Ärmeren zu ihren Gunsten zu beeinflussen.
    So genannte Sophisten, oft gelehrte Reisende in Sachen Bildungsgeschäft, boten auf dem athenischen Markt Proben ihrer Denk-Kunst. Sie rühmten sich, zu jedem möglichen Thema sowohl die eine Position als Wahrheit als auch die entgegengesetzte These alternativ jeweils schlüssig beweisen zu können. Damit warben sie für ihre hochbezahlten Seminare und Schulen für die Söhne der Bessergestellten. So entstand die Herrschaft der „Sophistik“ und „Rhetorik“ in der neuartigen öffentlichen Meinungsbildung – heute würde man sagen: die professionelle Entwicklung von Kommunikationsstrategien, Narrativen, Framings, Wordings und mehr oder minder alternativen Wahrheiten. Dagegen war die noch junge Demokratie recht hilflos. Es gab kaum Erfahrung, Mechanismen und institutionalisierte Medien des öffentlichen Diskurses, ihr zu begegnen (keine Zeitungsredaktionen, keine Nachrichten- und Feature-Sender, keine digitalen Foren und Social Media). In seiner Komödie „Die Wolken“ unterzog Aristophanes schon vor „Lysistrata“ derlei Wahrheits-Akrobatiker und Begriffs-Jongleure samt deren „sophistischen“ Lehrmeistern einer ätzenden Kritik – bekanntermaßen unter Einbeziehung des ortsansässigen Philosophen Sokrates, der allerdings gerade jene Sophisten und Rethoriker selbst im Visier hatte. (Ein anderes, spannendes Thema.)

    (6) Das Verhältnis von Demokratie und Führerschaft ist hochumstritten. Der damalige, dem Adel entstammende Geschichtsschreiber Thukydides sah es so: „Die Masse ist in ihren Auffassungen unstet und wetterwendisch, für ihre Fehlleistungen macht sie andere verantwortlich, vor allem die Politiker, mitunter die Wahrsager. So sind vernünftige Beschlüsse nicht zu erwarten, wenn das Volk den Entscheidungsprozess beherrscht und die Politiker in Furcht vor ihm leben. Da dies aber oft genug der Fall ist, geben nicht sachgerechte Kriterien immer wieder den Ausschlag.“ Es sei daher die Aufgabe der führenden Männer, das Volk durch Überzeugung zum Richtigen und Besseren zu bewegen. So schrieb er bewundernd über den Staatschef Perikles (lebte um 490 v. Chr. bis 422 v. Chr.) und seine Zeit: „Es war dem Namen nach eine Demokratie, in Wirklichkeit die Herrschaft des Ersten Mannes.“ – Darin sah er ebenfalls sowohl Chancen als auch Gefahren [siehe Anhang 1: Der Krieg]. Dem gegenüber stand ein tief sitzendes Misstrauen des einfacheren Volkes gegenüber Großmannssucht und Machtkonzentration bei seinen politischen Führern (siehe beispielsweise den Konflikt um Phidias und die aus dem Ruder geratenen staatlichen Baukosten in Anhang 1, Der Anlass des Krieges, Anm. 43). Und in der Tat gab es des öfteren Initiativen mächtiger Männer und Bündnisse zur Wiedereinführung einer oligarchischen (Adels-)Verfassung oder zur Einführung einer diktatorischen „Tyrannis“. Dieses Misstrauen des Volkes wird – nicht nur von Thukydides, sondern auch von anderen Geschichtsschreibern aus den oligarchischen Kreisen – bei jeder Gelegenheit als unangebracht, politisch irreführend oder zumindest übertrieben angeprangert. Gleichwohl ist eine misstrauische Wachsamkeit nach heutiger Erkenntnis grundlegender Bestandteil der Demokratie und ihrer Fähigkeit, Fehlentwicklungen zu korrigieren. Nach dem Tod des Perikles und einer bürgerkriegs-ähnlichen Rebellion der Oligarchen kam es schließlich 411. v.Chr. (also dem Jahr der Lysistrata-Aufführung) zu einer reformierten demokratischen Verfassung. Diese war für den adligen Thukydides „ein vernünftiger Ausgleich zwischen den Wenigen [Adligen / Oligarchie] und den Vielen [(freien) Bürgern / Demokratie] und hat aus misslich gewordener Lage die Stadt zuerst wieder hochgebracht.“ [Thukydides, Der Peloponnesische Krieg]. In Perikles‘ faktische Staatsführerschaft fielen die Vorgeschichte und der Beginn des Krieges [siehe in Anhang 1, Der Anlass des Krieges]. „Oligarchie“ heißt übersetzt „Herrschaft der Wenigen“ (gemeint sind die Adligen und/oder Reichen); „Demokratie“ meint hingegen die Herrschaft des (verfassten) Volkes, also der „Vielen“.

    ((Begriffsklärung für Nerds im einzelnen: ὀλίγοι /oligoi) heißt „wenige“; ἀρχή (Arche) zu „-archie“ ist die ursprüngliche, hergebrachte „Herrschaft“/Führung (eigentlich „der Ursprung„/ „Urgrund“); ὀλιγαρχία / „Oligarchie“ bedeutet also genauer die hergebrachte Herrschaft von Wenigen. „-kratie“ aus κρατία kratía = „Kraft, Stärke, Herrschaft“, meint die verfasste, institutionalisierte Herrschaft. Als δῆμος/“Demos“ bezeichnet man das in Institutionen verfasste Volk, ursprünglich die verfasste Gemeinde; das Volk als Masse / Bevölkerung hingegen wäre λαός / „Laos“.))

    (7) Auf der anderen Seite des Machtgefälles standen nicht nur die schon erwähnten nicht-vermögenden Bürger (Theten) mit ihrem Ausschluss von den meisten Verwaltungsämtern. Vielmehr war die Mehrheit der Bewohner*innen Athens auch formell überhaupt nicht beteiligt. Zu Wahl und Ämtern waren nämlich grundsätzlich nur freie männliche Stadtbürger berechtigt.
    Mithin waren von den demokratischen Einrichtungen und Willensbildungsprozessen ausgeschlossen:
    – alle Frauen
    – die zahlreichen Sklaven in den Haushalten, Bauernhöfen und Fertigungsstätten,
    – alle „Fremdstämmigen“ (das waren meist Griechen, aber ohne athenische Eltern)
    – die Bewohner des Umlands. Das betraf also in der Regel auch alle Bauern, sofern sie (noch) auf dem von ihnen bewirtschafteten Land wohnten. Viele durch Krieg und Getreide-Import verarmte Bauern zogen auch in die Stadt in der Hoffnung auf Gelegenheitsarbeiten oder Kleinhandel. Während das wohlhabende Handelsbürgertum eher der Gewinner einer expansiven Kriegspolitik war, so waren die Bauern von vornherein eher die Verlierer: Jahr für Jahr wurden ihre Felder vor der Stadt systematisch durch Spartas Truppen verwüstet. Und zunehmender Nahrungsmittel-Import verschlechterte ihre Chancen und Preise am heimischen Markt. So füllte sich die Stadt mit verarmten Bauern als Gelegenheits-Jobber und Kleinsthändler.
    Fremdstämmige und Umlandbewohner nahmen an Kriegszügen oft als staatlich oder auch privat finanzierte Söldner teil. Wenn es gut lief, konnten sie sich dabei Hoffnung auf Bereicherung durch Sold und Plünderung machen.

    (8) Unser Wissen über die Gesellschaft Athens und vor allem ihr Funktionieren ist allerdings deutlich begrenzt. Die Quellen sind unvollständig, oft aus späteren Jahrhunderten und – insbesondere bezüglich der revolutionär neuen Demokratie – alles andere als unparteiisch. Geschrieben haben fast ausschließlich Angehörige der obersten Klassen, die nicht dem täglichen Broterwerb nachgehen mussten. Zudem war natürlich auch die athenische Verfassung nicht Jahrhunderte lang statisch, sondern immer wieder Reformen und sozialen Machtkämpfen unterworfen. [Eine ausführliche, Gewissheit verkündende Darstellung der Entwicklung und Normen der attischen Demokratie findet sich bei Wikipedia (sorry, aber Wikipedia gehört auch in diesem Fall noch immer (oder mittlerweile) zum Solidesten, was zumindest das Netz zum Thema so bietet – in Büchern findet man natürlich auch Fundierteres).]

  32. In den demokratischen Versammlungen und Entscheidungen wurde von allen Beteiligten erwartet, dass sie eindeutig Position beziehen: dafür oder dagegen. Abwartendes Schweigen oder unbestimmtes Herumgeeiere waren verpönt und wurden mitunter in Gremien gar bestraft.
  33. Der unmittelbare Anlass eines Krieges empört meist als Skandal oder Schandtat die Gemüter und löst den Krieg aus. Die tiefer liegenden Ursachen hingegen sind oft gar nicht bewusst und müssen analytisch herausgearbeitet werden.
  34. Viele Infos und die ungekennzeichneten wörtlichen Zitate dieses Anhangs stammen aus den Wikipedia-Artikeln „Peloponnesischer Krieg“ und „Thukydides“. Andere Details und Zusammenfassungen beruhen auf dem Originaltext von Thukydides. Eine pointiert zusammengefasste Darstellung des Krieges nach Thukydides, die die übergreifenden Probleme und Fragestellungen deutlich herausarbeitet, bietet auch die Online Universität Hamburg. Der vorliegende Artikel über Lysistrata entstand vor dem Einmarsch Russlands in die Ukraine (24.02.2022), der Anhang (und natürlich Bild und Text zur Karfreitagsprozession 2022) jedoch aus den ersten Wochen danach: Der Autor hat nochmal den Thukydides-Text gelesen, und die Parallelen erschienen ihm allzu schlagend, manchmal fast unheimlich.
  35. „Den wahrsten Grund freilich, zugleich den meistbeschwiegenen, sehe ich im Wachstum Athens, das die erschreckten Spartaner zum Krieg zwang.“
  36. Vor allem das erstarkende Handelsbürgertum profitierte von einer Ausdehnung der Bündnis- und Handelspartner. Für die kleineren Bauern hingegen bedeutete eine Ausdehnung des athenischen Bündnis-Systems zunehmende Konkurrenz durch importierte Nahrungsmittel. Zwangsabgaben und Zwangsbedingungen der „Bündnispartner“ ließen die Importe zusätzlich steigen und die Preise sinken. Im Krieg litten dann die Bauern außerdem unter der alljährlichen und systematischen Verwüstung ihrer Felder. Damit wollte Sparta die Versorgungslage Athens gefährden; zumindest wollte es den Preis des Kriegs für den Gegner nach oben treiben. Dies wiederum führte bei Athen zu vermehrten Nahrungsmittel-Importen. In seiner Rede für den Kriegseintritt (wiedergegeben bei Thukydides) hatte Perikles diese Entwicklung klar gesehen und als Kriegsvorteil Athens dargestellt: Sie (Spartas Bund) werden natürlich unsere Felder verwüsten. Aber das trifft uns weniger hart als sie: Wir können den Ernteausfall durch Importe ersetzen, weil wir reich sind, weite Handelsbeziehungen und Schiffe haben, Sparta hingegen nicht. [Siehe auch Anmerkung 31 zum Zusammenhang von demokratischer Verfassung und der Orientierung an Reichtums-Vermehrung sowie allgemein zur politisch-sozialen Gliederung Athens.]
  37. Jedenfalls soviel wir wissen. Aber alles, was wir über Sparta wissen, ist bruchstückhaft und entstammt feindlichen und/oder verklärend vereinnahmenden Quellen. [Einen Einstieg bietet auch hier Wikipedia/Sparta.] Vorsicht! Weil so wenig und oft Krasses und interessiert Falsches überliefert wurde, eignet sich Sparta hervorragend sowohl als Negativ-Abschreckung (das angeblich „kommunistische“ Sparta) als auch als Urbild und Vorbild für alles Mögliche (etwa wie anderweitig „die Naturvölker“, die alles richtig gemacht haben). Schon Aristophanes spielt gekonnt mit den blühenden Mythen und Vorurteilen um das rätselhafte, unzugängliche Sparta: vom perfekten Body Shape Lampitos über undurchschaubare Entscheidungsprozesse bis zum befremdlichen Dialekt. Und noch heute dient Sparta als ideologische Projektionsfläche für viele: für Aristokratie-Nostalgiker, die eigentlich Kaiser Wilhelm wiederhaben wollen (und die anderen, die „nicht einheimischen“ Mitbewohner und die Sklaven, die Arbeit machen lassen wollen), über Endzeit-Preppies, Hardcore-Militaristen und Päderasten bis hin zu Fans maoistischer und nordkoreanischer Kindergärten.
    Das tut den Spartanern dann doch Unrecht: Es gab zwar jeweils gleichzeitig sogar zwei „Könige“, deren Stand vererbt wurde. In Wirklichkeit aber hatten sie vor allem rituelle Aufgaben und waren Heerführer im Krieg, mehr nicht. Sie mussten sich gegenüber unanfechtbaren Aufsichtsbeamten rechtfertigen, gegenüber Ratsversammlungen und auch bei Volksversammlungen, und dort für ihre Politik Mehrheiten bekommen. Dabei setzte sich oft einer von beiden als faktischer Staatschef durch, wie bei den Strategen in Athen [siehe Anm. 31]. Könige konnten – z.B. wegen Bestechlichkeit – auch von der Ratsversammlung verurteilt und aus dem Land verbannt werden. Zustandekommen und Gestaltungs-Rechte der Rats- und Volks-Versammlungen waren allerdings bei weitem nicht so demokratisch wie in Athen.
    Beide Großmächte waren von „Periöken“ bzw. „Metöken“ (d.h. Bei- bzw. Mitbewohnern) umgeben. Als „Fremdstämmige“/Nicht-Einheimische hatten diese etwa so viele Rechte wie Frauen im extremistischen Islamismus. Aber sie bildeten als abhängige und tributpflichtige Bauern, Handwerker und Händler die wirtschaftliche Basis in beiden Staaten. In Sparta war es den Vollbürgern sogar offiziell verboten, einer Berufstätigkeit nachzugehen.
  38. Private Sklaven hingegen waren in beiden Machtblöcken wirtschaftlich grundlegend und zahlreich in Unternehmen und Haushalten vorhanden. Als Dienerschaft für die Reiter und Schwerbewaffneten zogen sie auch mit in den Krieg. In zugespitzten, bedrohlichen Kriegssituationen liefen die Sklaven der einen Partei auch schon mal zum „Feind“ über, um ihr Leben zu retten: Laut Thukydides waren bis 413 v.Chr. bis zu 20.000 athenische Sklaven zu den peloponnesischen Truppen übergelaufen, die in Attika umherstreiften. Gleiches geschah beim Feldzug Athens gegen Sizilien. Aristophanes spielt zu Beginn von „Die Wolken“ darauf an, dass man seit Kriegsbeginn die Sklaven nachsichtiger behandeln müsse, damit sie nicht wegliefen. Und so wären sie mittlerweile morgens angeblich schwer aus dem Bett zu kriegen [siehe auch Anm. 11].
  39. Anschaulich und eindringlich findet sich dieses Narrativ in der von Thukydides wiedergegebenen „Rede des Perikles für die Gefallenen“. Sie gilt als Beispiel vorbildlich vollendeter Redekunst und patriotischer Gesinnung. Seit Jahrhunderten wird sie deshalb in unzähligen Ausgaben verbreitet – nicht zuletzt allerdings auch im Nationalsozialismus in der Übersetzung von R.G. Binding 1937.
  40. Vor allem die Seemacht Athen hatte Bündnispartner auf den zahlreichen griechischen Inseln, aber auch auf dem Festland. Darüber hinaus verfügte Athen deutlich mehr als andere über weit verstreute Kolonien und Handelspartner: von Unteritalien über Sizilien bis zur kleinasiatischen Küste (heutige Türkei). Das Gebiet der heutigen Ukraine war übrigens der wichtigste Getreide-Lieferant Athens auf dem Landweg.
  41. Bei Thukydides findet sich als Beispiel ausführlich der Konflikt um Kerkyra (Korfu) [siehe unten, im Abschnitt Brutalisierung und Kriegsverbrechen]. Deutlich wird diese soziale Frontstellung aber auch bezüglich Mytilini (Lesbos) und als Argument von Argos und dessen Verbündeten. Vor dem Feldzug Athens gegen Sizilien argumentiert sein Stratege Alkibiades, dass es in vielen sizilischen Städten umkämpfte Verfassungen gebe. Das sei eine Chance, dort Bündnispartner zu gewinnen, um ganz Sizilien zu unterwerfen. Nachträglich nennt Thukydides als einen Grund für die Niederlage der Athener in Sizilien die Tatsache, dass dort schon viele Städte demokratisch verfasst gewesen seien; daher seien sie nicht mehr für einen Krieg und ein Bündnis mit Athen zu gewinnen gewesen. Die Bedeutung von sozialem Umbruch und Kampf um demokratisch verfasste Rechte für den Krieg wird in der Geschichtsschreibung oft vernachlässigt: Auch heutige Altphilologen und Altertumsforscher sehen die antike Welt lieber modellhaft-statisch. Dabei bevorzugen sie eher die konservative Brille der damaligen, meist adligen Geschichtsbeschreiber und der überlieferten Philosophen. Dagegen weist Thukydides sogar schon in seinem Vorwort auf die Bedeutung der internen sozialen Konflikte für den Krieg und auch für dessen Elend hin [siehe Zitat in Anm. 3].
  42. Noch 432 v.Chr. riet ihr Staatschef Archidamos (einer der beiden „Könige“, siehe Anm. 37) trotz des Drängens der Bündnispartner gegen überstürzte Entscheidungen: Ein Krieg der beiden Supermächte samt ihren Bündnissen sei nochmal etwas ganz anderes als die Konflikte zwischen einzelnen Städten. Sein Verlauf und Ende seien kaum absehbar. Archidamos wurde jedoch nun von den Kriegsbefürwortern Spartas überstimmt. Diese hielten den „unabwendbaren“ Krieg gegen Athens Expansionismus für unaufschiebbar, bevor Athen seinen Einflussbereich noch weiter ausdehne, noch mächtiger und unbezwingbar werde. (Gleichwohl war Archidamos dann standesgemäß als „König“ Stratege des Krieges und fiel 427 v.Chr.) In Athen hingegen drängte Perikles zum Krieg, weil Athen den Spartanern an Reichtum, Rüstung und politischer Kultur weit überlegen sei. Die absehbaren Verwüstungen der Felder könne Athen als überlegene Handelsmacht durch Importe leicht ausgleichen. Sparta wäre hingegen nie in der Lage, eine Kriegs- und Handelsflotte aufzubauen, die es mit dem Attischen Seebund aufnehmen könnte. [Thukydides stellt in seinem ersten Kapitel die beiden Reden gegenüber].
  43. Das Embargo wurde wohl noch 433 v. Chr beschlossen. Jener politische Skandal in Athen drehte sich um ein monumentales, staatliches Bauvorhaben auf der Akropolis, das Perikles federführend betrieb. Der Bau wurde teurer als geplant. Perikles‘ Baumeister Phidias wurde der Unterschlagung verdächtigt und angeklagt. Schließlich kam er wegen frevelhaften Hochmuts („Hybris„, siehe Anm. 45) in Haft. Das Volk misstraute dem Gigantismus und argwöhnte (wieder einmal) Größenwahn bei seinem mächtigsten Politiker. Aristophanes drückt das so aus: „Die Quelle des Unheils [des Kriegsbeginns] war der Skandal um Phidias [den Baumeister, wegen Unterschlagung] / daraufhin steckte Perikles, weil er fürchtete, ihn träfe das gleiche Unheil /weil er sich vor eurem [des Volkes] Zorn fürchtete, eurem bissigen Charakter / nur um sich abzusichern, unsere Stadt in Brand / warf hinein den kleinen Funken, das megarische Edikt“ (also den Erlass des Embargos gegen Megara als Zündfunke für den Flächenbrand des Krieges). [Zitat aus Aristophanes, Der Friede, 421 v. Chr. aufgeführt, in älterer Vers-Übersetzung].
  44. Aristophanes beschreibt diese Ablehnung gegenüber Sparta als Folge populistischer Meinungsmanipulation. Ein Mittel dazu war: günstige Lebensmittel-Preise und gelegentliche -spenden, um die Bevölkerung bei Laune zu halten, die durch den Krieg mehr und mehr in wirtschaftliche Schwierigkeiten gerät. Und so lässt Aristophanes sarkastisch einen ultra-skrupellosen Kandidaten für die Staatsführung dem Volk von neuerdings supergünstigen Sardellen-Preisen künden. Wie gewünscht, reagiert die Volksversammlung daraufhin auf den Friedensboten aus Sparta, den der bisherige Staatschef mitgebracht hat: „Was, Frieden jetzt? Du Spinner! Jetzt, wo sie merken, dass die Sardellen billig sind bei uns? Nichts da von Frieden, lasst dem Krieg seinen Lauf!“ ‚Großzügig‘ spendet der Kandidat dann noch Kräuter für die Armen dazu. [Aristophanes, „Die Ritter“, 2. Szene, 424 v.Chr.]
  45. Hochmut, in der antiken Form der „Hybris“, namentlich gegenüber Göttern und Schicksal, ist ein handlungsleitendes Motiv in der Mythologie und der Ethik im klassischen Griechenland. Genaueres zur „Hybris“ erfährst du hier bei Cosmiq im Artikel über Phaeton und Volkswagen, Mythologie und Umweltschutz.
  46. Im O-Ton: „Eide, falls noch irgendein Vergleich auf die Art bekräftigt wurde, waren geleistet in der Not, wenn beide [Kriegsparteien] sich nicht mehr zu helfen wußten, und galten für den Augenblick; wer aber bei günstiger Gelegenheit zuerst wieder Mut faßte, wenn er eine Blöße entdeckte, der nahm seine Rache lieber durch Verrat als in offenem Kampf, einmal zu seiner Sicherheit und dann, weil der ertrogene Triumph ihm noch den Siegespreis der Schlauheit hinzugewann. Denn im allgemeinen heißt der Mensch lieber ein Bösewicht, aber gescheit, als ein Dummkopf, wenn auch anständig; des einen schämt er, mit dem andern brüstet er sich.“
  47. Bis dahin verlangte das Gesetz, wie auch heutzutage in zivilisierten Demokratien, jeden Fall und jeden Angeklagten individuell zu beurteilen.
  48. Teils wurden sie auf den Schiffen und an Land zusammengetrieben und ermordet. Viele von ihnen hatten sich auch in das Tempelheiligtum in Sicherheit gebracht. Etwa 50 von ihnen ließen sich dort überreden, sich einem Gericht zu stellen, und wurden zum Tode verurteilt. Die anderen begingen Selbstmord oder wurden gegen alle religiösen Regeln auch auf den Stufen und Altären des Tempels getötet, zum Teil auch lebendig in die Tempel eingemauert.
  49. Das geschah 416 v. Chr. Das Verbrechen wurde zuerst von dem Sophisten (= reisendem Gelehrten/Lehrer) Diagoras von Melos angeprangert und später von Thukydides in seinem berühmten „Melierdialog“ verarbeitet. Dort lässt er die athenische Rechtfertigung schwach aussehen: Athen berief sich letztlich schlicht auf das Recht des Stärkeren. Die Melier argumentierten dort unter anderem: Natürlich seid ihr stärker. Aber wenn ihr uns unterwerft, werden alle anderen kleinen Länder Angst haben, dass ihr es mit ihnen genauso macht. Damit macht ihr die kleinen, schwachen Staaten zu euren Feinden und damit zu Verbündeten eures Gegners Sparta. Außerdem, kann man hinzufügen, dürfte sich auch die unausgesprochene, grundlegende Furcht Spartas weiter bestätigen, dass Athen sein Bündnis immer weiter ausdehne. Die Athener aber meinten und sagten, dass Sparta den Meliern nicht helfen werde: Auch die Großmacht Sparta würde nur das tun und richtig finden, was nützlich für sie selbst wäre.
  50. Das war im Sommer 413 v.Chr., als die Athener den Krieg auf Sizilien erweitert hatten. Böotien gehörte zu Spartas Peloponnesischem Bund. Viele der thrakischen Söldner wurden dann allerdings von den zur Hilfe gerufenen Thebanern getötet, zumal einige bei deren Eintreffen immer noch mit Plündern beschäftigt waren. Die Stadt Mykalessos war bereits zuvor bei Homer erwähnt worden, sie hatte also vor ihrer Zerstörung mindestens ein halbes Jahrtausend existiert.
  51. Das geschah nicht unwesentlich mit Hilfe einer dritten Großmacht, die zu diesem Zeitpunkt niemand (mehr) so richtig auf dem Zettel hatte: Persien verschaffte Sparta die Mittel für eine mächtige Kriegsflotte. Nach seiner Niederlage gegen die vereinten griechischen Kräfte sah Persien nun seine ehemaligen Gegner durch den langen Krieg entkräftet. Es versprach sich insbesondere von einer weiteren Schwächung des Attischen Bundes und seiner Seemacht Vorteile im Dauerkonflikt um die griechischen Kolonien in Kleinasien. Zu Beginn des Krieges, in seiner Rede für den Krieg, hatte der Athener Führer Perikles eine nennenswerte Flotte Spartas noch als unrealistische, lächerliche Vorstellung abgetan [siehe Anmerkungen 40 und 42].
  52. Genauer: In den Friedensbedingungen der Spartaner gab es, so weit wir wissen, zwar keine direkten Vorgaben über die künftige Staatsverfassung Athens. Aber im Kampf um die neuen Machtverhältnisse setzten sich die Anhänger der Oligarchen mit Gewalt und Einschüchterung gegen die Demokraten durch. Schließlich rief eine – aus Athenern bestehende – oligarchische Junta, die so genannten „Dreißig Tyrannen“ (οἱ Τριάκοντα Τύραννοι / hoi Triakonta Tyrannoi) eine 700-köpfige Besatzungstruppe der Spartaner zur Hilfe. Schon vor deren Ankunft und unter deren Schutz schaffte sie Schritt für Schritt die demokratischen Einrichtungen ab und zerschlug demokratische Zusammenschlüsse. Binnen 6 bis 8 Monaten wurden ca. 1.500 Menschen, insbesondere die führenden Demokraten, bei den Säuberungen beseitigt. [Davon berichten, unterschiedlich, vor allem die Zeitgenossen Xenophon und Aristoteles.] Die „Tyrannis der 30“ konnte dann zwar gestürzt werden, aber die Zeit stabiler demokratischer Verhältnisse war ein für allemal vorbei. [Zu den Zahlenverhältnissen: Die Bevölkerung des antiken Athens dürfte allgemein so um die 300.000 Einwohner betragen haben.]