Es gibt Geschichten und Gerüchte, dass in früheren Zeiten manchmal Herrscher ein Kind isoliert vom Kontakt mit anderen Menschen aufwachsen ließen, um zu beobachten, wie es sich entwickeln würde. Derartige Experimente wurden als Kaspar-Hauser-Versuch bezeichnet.

Woher kommt der Name?

Im Jahr 1828 tauchte in Nürnberg auf der Straße ein ca. 16 Jahre alter Junge auf, der laut einem Zettel in seiner Tasche Kaspar Hauser hieß. Er schien geistig verwirrt zu sein und konnte kaum deutlich sprechen. Seinen Angaben zufolge wurde er jahrelang an einem unbekannten Ort in Gefangenschaft gehalten und kannte seine Eltern nicht. Seine Geschichte erregte damals großes Aufsehen und es gab wilde Spekulationen über seine Herkunft. Kaspar Hauser starb 1833 an den Folgen einer Stichverletzung. Seine Herkunft konnte nie geklärt werden.

Kaspar-Hauser-Versuche in der Geschichte

Als Kaspar-Hauser-Versuch wird ein (grausames) Experiment bezeichnet, bei dem ein Kind in völliger Isolation aufwächst und man seine Entwicklung beobachtet. Ob es solche Experimente wirklich gegeben hat, ist nicht belegt. Angeblich sollen es 2 Herrscher durchgeführt haben.

Pharao Psammetich I.

Der griechische Chronist Herodot, auch als Vater der Geschichtsschreibung bekannt, berichtet in seinen Werken, dass Pharao Psammetich I. (regierte von 664 – 610 v. Chr.) erfahren wollte, welche Sprache die Ursprache der Menschheit gewesen sei. Er gab einem Hirten 2 Säuglinge in Obhut und befahl ihm, für sie zu sorgen und sie aufzuziehen. Der Pharao gab aber den strikten Befehl, dass niemand zu den Kindern sprechen solle und sie niemals menschliche Sprache hören sollten. Dadurch wollte der Pharao herausfinden, in welcher Sprache die Kinder Worte äußern würden. Herodot zufolge hätten die Kinder im Alter von 2 Jahren bittend die Hände ausgestreckt und „Bekos“ gesagt. Nachforschungen hätten ergeben, dass dieses Wort in der Sprache der Phrygier (ein antikes Volk in Kleinasien) Brot bedeutet. Daraus schlussfolgerte Psammetich I., dass die Phrygier das älteste Volk der Welt seien. Die Geschichte wird dem Reich der Fabel zugeordnet.

Kaiser Friedrich II.

Friedrich II. war von 1220 – 1250 Kaiser des römisch-deutschen Reiches. Ein italienischer Mönch und Chronist aus dem Orden der Franziskaner schrieb Kaiser Friedrich II. dasselbe Experiment zu wie Psammetich I. im antiken Ägypten. In der Darstellung des Mönchs schlug der Versuch jedoch fehl, weil die beiden Säuglinge infolge Vernachlässigung bald starben. Spätere Chronisten werteten die Geschichte des Mönchs als einen Versuch, Friedrich II. zu diskreditieren. Es gibt keine Belege, dass so ein Versuch wirklich durchgeführt wurde.

Reale Kaspar-Hauser-Versuche

Versuche zum Aufwachsen in der Isolation wurden in der Realität an Tieren durchgeführt. Verhaltensforscher wollten dadurch herausfinden, welche Verhaltensweisen vererbt und welche im Lauf des Lebens erworben werden. Als Versuchstiere dienten vor allem Küken von Haushühnern, es gab jedoch auch Experimente mit Rhesusaffen. Aus ethischen Gründen werden solche Versuche schon seit Jahrzehnten nicht mehr durchgeführt.