Zuweilen fällt in den Feuilletons von Zeitschriften, in gehobeneren Gesprächskreisen oder in öffentlichen Reden das Wort sibyllinisch. Die Bedeutung gibt Dir vielleicht ein Rätsel auf. Und damit bist Du der Lösung auch schon nahe. Denn sibyllinisch bedeutet im übertragenen Sinn nichts anderes als rätselhaft oder geheimnisvoll. Doch woher kommt dieser Begriff und hat er etwas mit dem Namen Sibylle zu tun?

Doppeldeutige Weissagungen für die Zukunft

Tatsächlich leitet sich das Wort sibyllinisch vom Namen Sibylle her. Ihr Ursprung ist bereits in der orientalischen und altgriechischen Mythologie begründet. Die Sibylle galt im Mythos als Prophetin, die ohne dass sie gefragt worden wäre die Zukunft weissagt. Ihre Vorausblicke waren jedoch alles andere als klar, sondern rätselhaft und doppeldeutig.

Die Figur der Sibylle spielte wahrscheinlich in Mysterienkulten, in denen verschiedenen Erdgottheiten gehuldigt wurde, eine entscheidende Rolle. Als Aufenthaltsort der Sibylle wurden Erdspalten oder Höhlen vermutet. An manchen geheimnisvollen Orten gab es sogenannte Sibyllengrotten. Auch aus römischer Zeit sind solche Grotten bekannt.

Wie im Mythos häufig könnte der Sibylle eine wahre Person zugrunde liegen. Vielleicht gab es tatsächlich eine historische Frau selbigen Namens, die wundersame, prophetische Blicke in die Zukunft warf. Gesichert ist das freilich nicht. Bis heute erheben gleich mehrere Orte den Anspruch, im Altertum Heimstatt der Sibylle gewesen zu sein. Dazu gehören die antiken griechischen Orte Cumae, Marpessos und Erythrai.

Sibylle wird zum allgemeinen Begriff für Seherin

Noch im Verlauf der Antike verfestigte sich der Name Sibylle immer mehr zum Synonym für eine Seherin oder weise Frau. Bereits im sechsten vorchristlichen Jahrhundert gab es eine Sammlung sibyllinischer Orakelsprüche, die auf die Sibylle von Marpessos zurückgehen sollten. In antiken Werken von Platon, Euripides, Aristophanes und Heraklit ist von Sibyllen im Plural die Rede. Deshalb kann davon ausgegangen werden, dass der geneigte Leser damals wusste was der Begriff meint.

Im alten Rom wurden die sogenannten Sibyllinischen Bücher befragt. Das war eine Sammlung von Orakeln, die in griechischen Hexametern verfasst waren. Immer wenn Rom in eine Krise geriet, zog man diese Bücher zu Rate. Die Sibyllinischen Bücher waren ebenfalls mit einem Mythos verknüpft. Der Etrusker Tarquinius soll sie einer alten Frau abgekauft haben. Bei der alten Wahrsagerin handelte es sich angeblich um Sibylle von Cumae. Die Weissagungen aus den Sibyllinischen Bücher wurden von den römischen Machthabern nicht selten missbraucht, um ihre eigenen Ziele durchzusetzen.

Sibyllinische Blicke in die ferne Zukunft werfen

Die Kunstgeschichte erzählt vom Mittelalter bis in die Renaissance und das Barockzeitalter von Frauen, die sibyllinische Blicke in die ferne Zukunft werfen. Michelangelo verewigte die Sibylle von Cumae in der Sixtinischen Kapelle. Auch in anderen Klöstern und Kirchen wie beispielsweise dem Ulmer Münster sind Sibyllendarstellungen zu finden. So hat sich der Begriff sibyllinisch bis in unsere Zeit für geheimnisvolle Frauen und rätselhafte Ausblicke in die Zukunft erhalten.