Angesichts von CoViD-19 (Corona-Virus) stellt sich in der Tat die Frage, ob dies die bisher größte Epidemie bzw. Pandemie der Welt ist. Oder gab  es vorher andere, vielleicht viel größere Seuchen? Welche Krankheiten verursachten die größten Epidemien? Und wie weit haben sie sich ausgebreitet?

Kriterien: Wie bestimmt man die größte oder schlimmste Seuche?

 Die Frage ist nicht mit einem Satz zu beantworten. Erst einmal ist ja klar, dass wir nur von Seuchen wissen, wenn darüber geschrieben wurde. Damit scheiden die „graue Vorzeit“ und Gesellschaften ohne schriftliche Überlieferung schon einmal aus. Allerdings kann man annehmen, dass Epidemien erst eine Chance zur Verbreitung haben, wenn viele Menschen auf engen Räumen zusammenleben und mit vielen anderen entweder kriegerisch oder freundlich handelnd in Kontakt kommen.

Zweitens muss man natürlich fragen, woran man die Größe einer Seuche bemessen will: An der absoluten Zahl von Toten oder Erkrankten? Am prozentualen Anteil der Betroffenen an der Gesamtbevölkerung? An der geografischen Verbreitung? An den geschichtlich-kulturellen Auswirkungen auf die Überlebenden?

Gehen wir die Geschichte einmal nach möglichen „Kandidaten“ unter den zahlreichen dokumentierten Seuchen durch:

Große Epidemien im vorklassischen und klassischen  Altertum

Eine frühe Schrift über eine Seuche (vermutlich Beulenpest) stammt vom Herrscher der Hethiter (Kleinasien) im 14. Jahrhundert vor Chr. Er beklagt die zunehmende Ausbreitung der Epidemie, die Eltern steckten jetzt schon ihre Kinder an, und durch die Reduzierung der Bevölkerung gebe es nicht einmal  mehr genug Bäcker zum Brotbacken. Er versteht es nicht: Sein Vater sei zwar sehr unfromm gewesen, aber er selbst doch viel weniger. Daher müssten die Götter die Strafe doch jetzt mal beenden! Diese „Hethiterseuche“ nahm richtig Fahrt auf im Krieg gegen Ägypten. Hotspots der Verbreitung waren die Heerlager; dort dürfte es hygienisch wenig anders ausgesehen haben als in heutigen Flüchtlingslagern rund um das Mittelmeer. Und kriegsgefangene Sklaven verbreiteten die Epidemie dann auch in Ägypten. Alle religiösen Sündenbockrituale nützten nichts, die Seuche führte letztlich zum Untergang des Hethiterreiches.

Im antiken Athen brach  430 vor Chr. die „Attische Seuche“  aus. Das klassische Athen gilt als damaliges Zentrum und Wiege der europäischen Kultur. Mit ca. 100.000 Toten reduzierte die Epidemie binnen weniger Jahre die gesamte Bevölkerung des Stadtstaates um ca. ein Drittel.  Damals befand sich Athen mit seinen Verbündeten  im Krieg gegen seinen Erzrivalen Sparta und dessen Bündnispartner. Und schon damals fanden alle möglichen Verschwörungstheorien weite Verbreitung: Die Spartaner hätten die Brunnen vergiftet, ausländische Seeleute die Krankheit aus dem Orient eingeschleppt, und natürlich galt sie auch vielen als Strafe der Götter. Schließlich wurde gar der Staatschef Perikles bezichtigt, Schuld an der Seuche zu haben, obwohl er dann selbst ihr Opfer wurde. Man hatte einfach keine augenfällige Erklärung für die (vermutliche) Pest, deren Erreger sich unsichtbar in Rattenflöhen verstecken. Dennoch – oder gar durch die Fake News beflügelt –  dauerte der Krieg mit Unterbrechungen noch 26 Jahre an und führte  letztlich  zum Ende des klassischen Stadtstaates Athen samt seiner beispielgebenden attischen Demokratie. Welche Rolle für diesen politischen Niedergang die Seuche  bzw. der Umgang mit ihr spielte, lässt sich natürlich seriös nicht beziffern.

Das antike Rom verfügte über ein  vorher und nachher unerreicht effizientes,  weit verzweigtes Netz von Verkehrs- und Handelswegen. Es hatte durch die Jahrhunderte seines Bestehens mehrere Seuchen zu verzeichnen, vermutlich von Pocken. In den Jahren 165 bis ca. 180 forderte die „Antonionische Pest“  dabei 7 bis 10 Millionen Tote. Geht man von einer maximalen Gesamt-Einwohnerzahl in allen römischen Provinzen (von Britannien über Germanien bis Nordafrika, von Spanien bis Kleinasien) von geschätzten 65 Millionen aus, war das immerhin, grob gegriffen, ein Sechstel der Gesamtbevölkerung. 

Das Mittelalter und sein Ende: die Pest                                                                         

Im Nachgang  des Römischen Reiches trat über 200 Jahre lang (541-770) die „Justinianische Pest“  (diesmal wohl wirklich eine Spielart der Pest) in ca. 15 bis 17 Wellen im Abstand von 15 bis 25 Jahren auf.  Die Zahl der Opfer ist nicht ermittelbar, aber sie breitete sich in ganz Europa und Vorderasien aus und kann mithin für das damalige Weltbild als Pandemie angesehen werden.

Zum Ausgang des Mittelalters hatte die Welt wieder verstärkt mit einer Spielart der Pest zu tun, die 100 bis 125 Millionen Tote forderte und die sich in kleineren Ausbrüchen noch bis ins 19. Jh. hinein fortsetzte. Allein deren zweite Pest-Pandemie 1346 bis 1353 durchzog binnen 7 Jahren die ganze Alte Welt (also außer Amerika und Australien). Dadurch starben in Europa ca. 25 Millionen Menschen (also mehr als zum Beispiel die derzeitige Gesamtbevölkerung von Bayern und Baden-Württemberg). Bei einer damaligen europäischen Gesamtbevölkerung von 85 Millionen starb mithin fast jeder dritte Einwohner Europas. Auch hier blühten aus Angst oder Unwissenheit populistische Parolen. Die jüdische Bevölkerung wurde als „Brunnenvergifter“ verfolgt und ermordet, ganze Gemeinden ausgelöscht. Die Pest  entvölkerte und verödete wellenförmig ganze Landstriche. Dadurch  zerstörte sie die wirtschaftliche Basis der ländlichen Feudalstrukturen in Europa und schuf so mit die Voraussetzung für die Vorherrschaft zentralisierter Königreiche, die in den Folgejahrhunderten in zahllosen Kriegen um ihre Pole Position in Europa stritten. Dabei gab es allein im Großen Nordischen Krieg (Kampf der Königreiche um die Ostsee herum) 1708 bis 1714 noch einmal ca. 1 Million Pesttote in Nord- und Osteuropa.

Amerika: Das große Sterben der Ureinwohner

Während die Eroberer Amerikas als Souvenir wohl die Syphilis nach Europa brachten, schleppten sie dort die Pocken ein.  Diese trafen bei der einheimischen Bevölkerung auf völlig unvorbereitete Immunsysteme. Allein in Mexiko bei der Eroberung des Aztekenreichs durch Hernando Cortez forderten die Pocken in weniger als zwei Jahren (1519/20) ca. 5 bis 8 Millionen Tote. Bereits 25 Jahre später wurde Mexiko noch einmal durch eine unbekannte Epidemie mit wiederum mehr als 2 Millionen Toten heimgesucht. 

Seuchen dürften mithin hauptverantwortlich für die dramatische Dezimierung der indigenen Völker (Indianer) zu einer Minderheit im eigenen Land sein, bei einzelnen Volksstämmen für ihre totale Ausrottung.  An der Westküste Nordamerikas starb bei einer Pocken-Epidemie 1862, zu Beginn der massenhaften Eroberung des „Wilden Westens“, ca. die Hälfte der indigenen Gesamtbevölkerung, deren Immunsystem ebenfalls hilflos gegen die Ansteckung war. Ähnliches passierte 1780 auch in Australien.

Große Pandemien im Industriezeitalter

Pest, Pocken, Cholera, Typhus und andere Seuchen begleiten den Weg der Menschheit in die globalisierte moderne Welt hinein. Sie betreffen nicht nur die Kolonialländer, sondern immer wieder auch die Kolonialmächte, die ja schließlich mit ihnen in vielfältiger Verbindung standen.

Schuldzuweisungen sind den Krankheitserregern egal

Dabei sticht die so genannte Dritte Pest-Pandemie von 1849 bis 1912 hervor. Ausgehend von China/Honkong flutete die Infektionswelle über Asien, Indien, die USA und Großbritannien bis in die Karibik und nach Südamerika. Sie forderte ca. 12 Millionen Tote (damals gab es insgesamt ca. 1,6 Milliarden Menschen auf der Welt), also ungefähr so viele Menschen, wie Niedersachsen und Sachsen heute zusammen an Einwohnern haben. Heutige Forscher belegen genetisch, dass die Bakterien dieser  Pandemie dieselben waren, die ursprünglich im Mittelalter in Europa entstanden; andere behaupten, dass sie sich ursprünglich immer wieder  in Asien selbst entwickelten und von dort verbreiteten. Dabei stellt sich die Frage, was „ursprünglich“ bedeuten soll: der allererste Stammvater aller Bakterien? Diese entwickeln sich und ihr gefährliches Potenzial bekanntlich ortsübergreifend durch vielfältige Mutationen.  Und worauf soll die Diskussion hundert  Jahre danach hinauslaufen? Hatte im einen Fall dann nachträglich doch der schmuddelige Fischhändler einer mittelalterlichen mitteldeutschen Kleinstadt „Schuld“, im anderen sein Berufskollege in einem Kaff in Sichuan? Ziemlich genau zu Beginn der Dritten Pest-Pandemie fanden die „Opiumkriege“ statt. Durch sie wurde China gezwungen, das Land für den unbeschränkten Handel mit den Europäischen Mächten und den USA zu öffnen (unter anderem eben auch für die britische Einfuhr von Opium) und vermehrt Handelsniederlassungen zu dulden. Dies führte zu einem Zusammenbruch großer Teile der traditionellen chinesischen Wirtschaft, zu Massenarmut, Schwächung der staatlichen Verwaltungsstrukturen –  alles günstige Voraussetzungen für eine ungehinderte Verbreitung des Virus –  und mittelbar letztlich zum Untergang des Kaiserreichs.

Offenbar im ersten Weltkrieg entwickelte sich fast unbemerkt ein neues Grippe-Virus (A/H1N1), das sich danach, 1918 bis 1920, als „Spanische Grippe“ weltweit verbreitete. Zuerst berichtete nämlich die spanische Presse über die Ausbreitung  der Seuche unter den Truppentransporten nach Frankreich und Deutschland. In einem Klima des Nationalstolzes, der Militärzensur  und des internationalen Misstrauens  wurden aber vor allem in den kriegsführenden Ländern Berichte über diese Epidemie unterdrückt. Dadurch blieben Ursprung, Verbreitung und die genaue Bestimmung des Erregers für längere Zeit unklar. Zudem herrschten im Nachgang des Weltkriegs Bürgerkriege sowohl in Russland als auch in China – wie üblich unter Einmischung der internationalen Großmächte. Diese beiden destabilisierten Länder gelten als hauptsächlich betroffen, andererseits  gibt es gerade für sie keine verlässlichen Zahlen. Unter diesen Entstehungsbedingungen brachte es dieses Grippe-Virus binnen 2 Jahren auf geschätzt 27 bis 50 Millionen Tote (vergleichbar etwa mit der heutigen Gesamtbevölkerung Italiens). Dagegen nimmt sich das Grippe-Virus A/H3N2 (Hongkong-Grippe)  von 1968 bis 1970 mit stark unterschiedlich geschätzten ca. 1 Million Toten bescheidener aus. In Deutschland starben daran ca. 30.000 Menschen. Über das Ende der „spanischen Grippe“ hatte man sich hingegen  zu früh gefreut bzw. seine Bekämpfung wohl zu früh eingestellt.  Denn ihr Erreger A/H1N1 verbreitete sich 1977/1978 noch einmal, als „Russische Grippe“,  mit 700.000 Todesopfern weltweit (mehr als die heutige Gesamt-Einwohnerzahl Stuttgarts). Er traf diesmal aber auf relativ stabile, besser vorbereitete Strukturen in den Ländern.

Und dann gibt es noch seit 1980 das HIV-Virus. Es gehört ebenfalls zu den sich stark wandelnden und daher schwer bekämpfbaren Erregern und verursacht die Immunschwäche AIDS, die sich erst nach Jahrzehnten intensiver Forschung zumindest in ihren Auswirkungen besser eindämmen lässt. AIDS forderte bislang weltweit ca. 36 Millionen Todesopfer (das entspricht der Bevölkerungszahl von Nordrhein-Westfahlen, Bayern und Hessen zusammen). In Deutschland starben daran bis 2012 ca. 27.000 Menschen (das entspricht immerhin noch ungefähr der aktuellen Einwohnerzahl von Aschersleben oder Garmisch-Partenkirchen).

Jüngere Epidemien gibt es weiterhin auch im 21. Jahrhundert, darunter auch die Pandemie des Corona-Virus SARS in 2002/3, das dem derzeitigen  Corona-Virus sehr ähnlich sein soll und aufgrund schnellen Eingreifens „nur“ ca. 810 Tote forderte, allerdings überwiegend in asiatischen Ländern  und Kanada, so dass wir in Europa davon nicht so viel mitbekommen haben.

Und was ist nun das Ergebnis?

Lassen wir die aktuelle CoViD-19 mit (Stand Mitte Mai 2020) weltweit über 315.000 Toten einmal außen vor, schon weil die weitere Entwicklung nicht abzusehen ist. Bei den historischen Vorläufer-Pandemien stehen unter dem Kriterium der absoluten Zahl der Todesopfer wohl  HIV und Spanische Grippe ganz vorne. Dabei hat die Weltbevölkerung von ca. 1,65 Milliarden (zur Zeit der Spanischen Grippe) auf ca. 4,46 Milliarden (zu Beginn des HIV-Virus) zugenommen, so dass relativ zur Weltbevölkerung die Spanische Grippe an erster Stelle steht, nur auf Europa bezogen etwa gleichauf mit der zweiten Pest-Pandemie.

Als (beteiligte) Totengräber von Königreichen oder Gesellschaftsordnungen verdienen hingegen auch Hethiterseuche, attische Seuche und die Pest für das Mittelalter besondere Beachtung.

Als Vernichter ganzer Völker und deren Kultur stehen  im Kontext kolonialer Eroberungen der Neuen Welt die Pocken auf einem traurigen vorderen Platz.

Angesichts nicht nur der ansteigenden Weltbevölkerung, sondern auch der unaufhaltsamen Globalisierung von Produktion, Handel und Kultur ist es nicht verwunderlich, dass zahlenmäßig die größeren Epidemien trotz aller medizinischen Erkenntnisse und Vorkehrungen in der Neuzeit zu finden sind. Zumal neue oder mutierte Erreger  die medizinische Wissenschaft immer wieder vor neue Herausforderungen stellen. Es fällt auf, dass Epidemien und Pandemien immer dann besonders gute Verbreitungschancen hatten, wenn Kriege oder politische Krisen ihre Erkenntnis und Bekämpfung erschwerten. Anders herum: gut funktionierende staatliche Strukturen und freier, grenzübergreifender  Informationsfluss können bei der Bekämpfung von Pandemien augenscheinlich hilfreich sein.

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