Der Begriff der Anspruchsgesellschaft ist vergleichsweise neu. Du wirst ihn wahrscheinlich nicht in historischen Beschreibungen oder Geschichtsbüchern finden. Die Anspruchsgesellschaft beschreibt das selbstsüchtige und rücksichtslose Verhalten Einzelner. Es werden Ansprüche und Rechte durchgesetzt – ohne dabei zu versuchen gemeinschaftlich gute Lösungen für alle Beteiligten zu finden. Der Begriff Ellbogengesellschaft ist nicht weit entfernt. Dieser beschreibt ein noch höheres Ausmaß der Entfremdung zwischen den Menschen.

Am deutlichsten wird die Anspruchsgesellschaft anhand jeweils eines Beispiels aus dem Bereich der Arbeitswelt, dem nachbarschaftlichen Zusammenleben und auch der Politik:

Die Schutzfunktion der Arbeitnehmerrechte kann zum Hemmschuh werden

In vielen Berufen im Einzelhandel, der Gastronomie, in Freizeiteinrichtungen oder dem medizinischen Sektor wird auch am Wochenende, nachts oder an Feiertagen gearbeitet. Nicht selten kommt es in Teams zu Streitigkeiten, wer diese Zusatzschichten übernimmt.

In manchen Betrieben gibt es Betriebsvereinbarungen die regeln, dass Mehrarbeit oder Überstunden rechtzeitig vorab angekündigt werden müssen. Und Mancher beruft sich alleine deshalb darauf, weil es diese Vereibarung gibt. Selbst wenn sie Zeit hätten, es einem Kollegen nützen würde und es Ihnen auch finanziell gut passen würde. Wirtschaftliche Schäden beim Arbeitgeber und grundlos lange Warteschlangen sind dabei noch harmlosere Folgen. In einer Anspruchsgesellschaft wird versucht vermeintlich berechtigte Ansprüche rücksichtslos durchzusetzen . Ohne darüber nachzudenken gemeinsam eine gute Lösung für alle Beteiligten zu suchen.

Es kommt in allen Varianten vor: Mitarbeiter setzen ihren Anspruch auf rechtzeitigen Feierabend so rigoros durch, dass Kunden schon vor 20 Uhr aus dem Laden „getrieben“ werden um keine Minute zu lange zu arbeiten. Kunden wiederum sind die „Könige“ und sehen nur ihren Anspruch auf den Einkauf, denken aber nicht darüber nach, dass der Verkäufer vielleicht einen wichtigen Termin nach Feierabend haben könnte.

Nachbarschaftliches Zusammenleben: Parties, Grillen oder Haustiere können zu unnötigem Streit führen

Ein weiteres Feld, in dem Dir unangenehme Anspruchshaltungen begegnen können, ist das nachbarschaftliche Zusammenleben. Manchmal ist es leider durch ein sinnfreies Gegeneinander geprägt. Anstatt sich des Lebens zu freuen werden künstliche Streitpunkte gesetzt. Ausgangspunkt ist dann oft eine vorhandene Hausordnung. Oder – noch schlimmer – ein völlig frei eingebildetes Recht werden mit allem Nachdruck, Unfreundlichkeit und weiteren „Repressalien“ versucht durchzusetzen.

Weil ein älterer Herr schon länger als Du hier wohnt, moniert jede Kleinigkeit. Kleine Kinder werden wegen lauten Spielens getadelt oder wenn sie – trotzdem sie es dort sollen – auf dem Gehweg Fahrrad fahren. Da wird eine einzige Party moniert, die vielleicht nach 22 Uhr noch läuft.

Kleine Interessengruppen mit zu großem Einfluss

Bei Thematik der gefälschten Abgaswerte bei Dieselfahrzeugen gibt sehr unterschiedliche Sichtweisen und Perspektiven. Du könntest etwa besonders entscheidend finden, dass Du von den Herstellern getäuscht worden bist und nun die Umrüstung bezahlt haben möchtest. Andere finden es wichtiger, dass Dein Auto nicht die nötigen Umweltstandards erfüllt und die gesundheitlichen Risiken im Mittelpunkt des Interesses sehen. Wiederum andere könnten die deutsche Wirtschaft und Arbeitnehmer in den Mittelpunkt stellen und betonen, dass der einfache Arbeiter nicht unter den Fehlern des Managements leiden sollte. Darüber kann durchaus lange und heftig diskutiert werden. Ein wirkliches „richtig“ und „falsch“ gibt es da nicht. Trotzdem müssen Gesellschaft, Wirtschaft, Verbände und Politik eine gemeinsame Vorgehensweise erarbeiten.

Schwierig wird es, wenn Interessensgruppen aggressiv eigene Ansprüche durchsetzen wollen. Immer wieder taucht beispielsweise im Diesel-Skandal die so genannte „Deutsche Umwelthilfe“ auf, die laut Presseberichten nicht einmal 300 Mitglieder hat. Ein erster Blick auf die Größe des Vereins und dessen (unserer Meinung nach) agressive, legalistische und kompromisslose Vorgehensweise zeigt eine schon erstaunliche Anspruchshaltung. Nicht einmal 300 Mitglieder wollen mit juristischen Mitteln die Geschäftsgrundlage von hunderttausenden Menschen und einen Kern der Volkswirtschaft den eigenen Ansprüchen unterwerfen.

Gerade im Wahlkampf und politischen Themen solltest Du deshalb genau darauf achten, wer Dich oder Deine Themen für eigene Zwecke vereinnahmt und ob die Anspruchshaltung für Dich gerechtfertigt ist.