Eine Kurzgeschichte kennt mehrere literarische Merkmale. Einige von ihnen weichen seit ihrer Entstehung nach dem Zweiten Weltkrieg immer mehr auf. Jedoch ein Element ist charakterisierend für eine Kurzgeschichte – heute wie damals: der Wendepunkt.

Was ist der Wendepunkt?
Dies ist der Punkt, an dem die Geschichte bereits Illusionen darüber geweckt hat, wie es für die Protagonisten in der Kurzgeschichte weitergehen wird. Dies kann durch direkte Teilhabe sein, weil wörtliche Rede benutzt wird, es kann sein, weil kulturelle oder soziale Konsense verwendet werden wie etwa etwas bezahlen, was bestellt wurde, oder gemeinsam Wohnen, wenn geheiratet wird, oder aber der Leser wird gar direkt angesprochen. Auch das gibt es mittlerweile in Kurzgeschichten, ist aber unüblich.

Zurück zum Wendepunkt: Nun passiert also in der Erzählung etwas, was der Leser nach seinem Kenntnisstand nicht erwartet hat. Nicht selten befreit sich ein Protagonist der Kurzgeschichte aus einer misslichen Lage, indem er/sie/es einen neuen, ungewöhnlichen Weg einschlägt.

Dieser eingeschlagene Weg sowie die Vorgehensweise selber kann inhaltlich und gestalterisch so beschaffen sein, dass der Autor mit seiner Kurzgeschichte Kritik ausdrückt. Seine Intention könnte beispielsweise gesellschaftskritischer Natur sein oder aber politisch motiviert. Vielleicht will der Verfasser mit seinem Wendepunkt auch nur darauf aufmerksam machen, dass es niemals zu spät ist, etwas in seinem Leben zu ändern.

Die Analogie der Hauptpersonen zu den Lesern ist nicht zu leugnen. So ist es nicht selten, dass auch in Therapien Kurzgeschichten mit einem Wendepunkt zum Einsatz kommen, der andeutet, welche Wendung im eigenen Leben vollzogen werden müsste oder sich vollzogen hat. Wendepunkte in Kurzgeschichten müssen nicht per se positiv sein. Es gibt auch traurige Wandlungen. Diese sind nicht selten mit einem offenen Ende gepaart.

Noch etwas Wichtiges zum Wendepunkt in Kurzgeschichten:

  • Bei Parabeln ist der Wendepunkt genau auszumachen. Sie sind so konzipiert. Hier soll eine moralische Botschaft transportiert werden, der Leser soll lernen.
  • Eine Kurzgeschichte kann eine Parabel sein, muss es aber nicht. Der Wendepunkt muss also nicht direkt in der Mitte stattfinden oder nur punktuell sein. In einer Kurzgeschichte kann der Wendepunkt auch etwas länger behandelt werden. Ebenfalls denkbar: mehrere Wendepunkte!

Hier kommt es auf ein waches Auge des Interpreten an, denn manchmal liegt ein zweiter Wendepunkt in der Verwendung von Stilmitteln versteckt….