Es gibt Dinge, für die unsere Sprache keine Begriffe bereithält. Zumindest nicht die hochdeutsche Sprache. Ein Beispiel ist der Rest eines abgenagten Apfels. Wörter wie Kerngehäuse, Apfelrest oder Strunk treffen es nicht genau. Schauen wir dagegen „dem Volk aufs Maul“, wie schon Martin Luther riet: Wie wäre es mit Butzen, Griebs oder Grotzen? Anhand des kleinen Stück Abfalls offenbart sich eine unglaubliche sprachliche Vielfalt!

Mundarten genauer als Hochdeutsch?

Jeder, der schon einmal einen ganzen Apfel rundherum abgebissen hat, weiß: Am Ende bleibt ein Gebilde aus Kerngehäuse, Stiel und ehemaliger Blüte übrig. Die Online-Version des Dudens listet für dieses Gebilde mehrere regionale Varianten wie „Kitsch“, „Griebs“ oder „Butz“ auf, aber auch „Kerngehäuse“. Das Kerngehäuse ist laut Duden allerdings nur der „die Samenkerne enthaltende innere Teil beim Kernobst“. Die Sache ist klar: Unsere Sprache ist in dieser Hinsicht eindeutig den Mundarten unterlegen!

Eine Leserumfrage brachte Erstaunliches zutage

Zu dieser Erkenntnis kam vor einiger Zeit auch der Journalist und Autor Bastian Sick. In seiner beliebten Kolumne „Zwiebelfisch“ für die Online-Ausgabe des „Spiegel“-Magazins beantwortete er Leserbriefe zu kniffligen Zweifelsfällen der deutschen Sprache. Die Frage nach den regionalen Varianten für den Rest eines abgegessenen Apfels gab er an seine Leser weiter. Das Ergebnis war überwältigend: Hunderte von E-Mails mit einer Fülle unterschiedlicher regionaler Begriffe erreichten den Bestseller-Autor („Der Dativ ist dem Genitiv sein Tod“). Was aber am Erstaunlichsten war: Immer wieder meldeten sich Leser mit der felsenfesten Überzeugung, sie wüssten das allein gebräuchliche Wort für ihre Region. Gleichzeitig nannten andere Leser einen völlig abweichenden Begriff für dasselbe Gebiet. Die Bezeichnungen scheinen sich also buchstäblich von Dorf zu Dorf zu unterscheiden!

Kein wissenschaftlicher Anspruch, aber ein grober Überblick

Hier findest du eine Sammlung von Begriffen für die Reste eines gegessenen Apfels aufgrund von Leserzuschriften (Quelle: Spiegel-Online vom 09.12.2004, Kolumne „Zwiebelfisch“). So unerschöpflich ist die deutsche Sprache!

Schleswig-Holstein, Hamburg, Mecklenburg-Vorpommern, Brandenburg, Berlin: Griebsch, Gripsch, Grubsch, Apfelgnatsch, Krubber, Krubbs, Knust
Niedersachsen: Apfelkauz, Apfelstummel, Knutsch, Appelpietschen, Apfelpietsche, Appelpatsch, Apfelgnözel, Apfelnüsel, Bolle, Appelbolle, Hüske
Westfalen: Hünkel, Hunkepeil, Hunkepiel, Hünkelbein, Apfelhünksel, Hünkel, Apfelkinkel, Kröps, Appelnürsel, Nürsel, Strunk
Münsterland: Krose, Kröse, Krose, Apfelkippe, Apfelkitsche
Sauerland: Nüssel, Apfelnüssel, Apfelnürsel, Apfelschnüssel, Apfelpik
Siegerland: Maas, Grotze, Marzel, Masel, Mäsel, Nesel, Nösel, Gritze, Grütz, Grebs, Gäiz, Krotz, Krotze, Körschte, Stronk, Knotz, Grötz, Krömbel, Kröps, Gröbsch, Knost
Ruhrgebiet: Kitsche, Apfelkippe, Apfelnüssel, Apfelknössel, Krose
Rheinland, Bergisches Land: Kitsch, Appelkrotz, Apfelnürsel, Meubbes, Appelsknüsel
Hessen: Apfelkrips, Apfelgrips, Apfelgrütz, Knirbitz, Appelkriwwitz, Kitsch, Äbbelbutze, Äbbelkrotze
Trier: Apfelbatzen, Aapelbaaz, Ääpelbaazen, Appelkrutz
Saarland: Apfelgripsch, Grutze, Gnutze
Pfalz: Appelkrutze, Krutze, Abbelgrutze, Abbelgrutz, Appelgrotze
Baden-Württemberg: Abbelgrutze, Grutze, Apfelbutze, Öpfelbutzen
Sachsen-Anhalt: Apfelpuler, Strunks, Apfelstrunks
Thüringen: Krötsch, Apfelkrebs, Apfelgrebs, Apfelschnerps, Apfelschnirps, Krüpps
Sachsen: Griebs, Grieps
Franken: Butzen, Griebs, Knerzel
Bayern: Opfibutzn, Butzn, Apfebutzn, Apfelgruzl