Ein Lesebericht über zwei Bücher aus den USA. Sie ermöglichen ein besseres Verständnis des Landes

Bald sind wieder Wahlen in den USA. Und noch immer hat Donald Trump gute Chancen bei vielen US-Wählern. Viele verfolgen diese Entwicklung und die Politik von Donald Trump seit Jahren eher kopfschüttelnd. Noch mehr verwundert sie, dass so viele US-Amerikaner ihm immer noch folgen. Dass sie ihn sogar trotz aller Loopings in seiner Politik und mit der Wahrheit aktiv unterstützen. Dass sie trotz kämpferischem „America first“ seine Spaltung der Nation mittragen. Sind sie alle einfach Opfer einer populistischen Demagogie? Sind seine Anhänger einfach dumm?

Wir wollen hier zwei Berichte aus dem Alltag der USA vorstellen, die vielleicht verstehen helfen, was da eigentlich geschieht: „Haus aus Glas“ von Jeanette Walls und „Fremd in ihrem Land“ (Strangers in Their Own Land) von Arlie Russell Hochschild. Von zwei ganz verschiedenen Seiten offenbaren sie die „Denke“ und seelische Verfasstheit, die der Entwicklung der Rechten in den USA zugrunde liegen. Nämlich einmal aus der Sicht und den Erlebnissen eines kleinen Mädchens und einmal aus der einer Soziologin, die die Betroffenen lange Zeit interviewt hat.

Nach der Lektüre sind die beiden oben gestellten Fragen mit „Nein“ zu beantworten. Aber das ist keine Beruhigung. Es ist viel ernster.

Vor der Vorstellung der beiden Bücher aber sei klargestellt:

  1. Nicht alle oder „die“ Amerikaner driften nach rechts. Es sind bestimmte Teile, soziale und geografische Gruppen. Andere Gruppen von Amerikanern sind mindestens ebenso entsetzt wie die meisten Europäer. Eine ideologische und kulturelle Grenzlinie verläuft jedenfalls auch hier nicht zwischen Nationen, sondern bestenfalls zwischen soziologisch beschreibbaren Gruppierungen in ihnen.
  2. Es gibt für uns Deutsche keinen Grund, auf dem hohen Ross zu sitzen; weder auf einem  nationalistischen noch auf einem kulturgeschichtlichen. Deutschland hat leider reichlich geschichtliche Erfahrung mit Populismus, Propagandalügen und Rassismus  in Vergangenheit und Gegenwart.

Jeanette Walls, Schloss aus Glas

Das erste Buch ist eine Tatsachenerzählung, obwohl es sich wie ein abgefahrener Roman liest. Es erschien 2005 in den USA und stand dort jahrelang auf der Bestseller-Liste. Es beinhaltet die Kindheits-Erinnerung eines Mädchens aus einer krassen Underdog-Familie. Im Auto, falls sie eins haben, ziehen sie von Ort zu Ort, oft auf der Flucht vor Gläubigern, immer auf der Suche nach neuen Chancen zum Geldmachen oder einfach nur nach Unterkunft und Nahrung.

Nach dem elften „Zuhause“ verlieren die Kinder den Überblick. Käffer am Rand der Wüste von Nevada, wo eigentlich niemand wohnen will, wechseln mit Las Vegas zum Glücksspiel, San Francisco mit Orten in der Mojave-Wüste in Arizona und so weiter. Schließlich landen sie in der ursprünglichen Heimat des Vaters, in einem ehemaligen Kohle-Bergbau-Ort in den Appalachen, West Virginia. Diese Gegend war für die USA in Zeiten des Industrialismus etwa so wie das Kohlerevier im Ruhrgebiet. Aber der Kohleabbau ist bei ihrer Ankunft lange vorbei, übrig geblieben sind verlassene Orte mit verfallenden Häusern.

Entindustrialisierung in den USA: Die Verlierer bleiben zurück
Ent-Industrialisierung prägt weite Landstriche in den USA

Die Begebenheiten im Buch sind leicht zu lesen, man schwankt zwischen Lachen, ungläubigem Staunen und Entsetzen. Alle Familienmitglieder haben was, sind in ihrer individuellen Besonderheit und Umgang mit zahllosen bedrohlichen Situationen durchaus sympathisch. Ideeller Reichtum sei wichtiger als materieller, predigen die Eltern. Und mangels Geld schenkt der Vater zu Weihnachten schonmal  jedem seiner Kinder einen Stern am Himmel.

Der Alltag der Kinder jedoch ist geprägt von Verwahrlosung, fast ständigem Hunger und der Suche nach Essbarem. Der Kopf des Vaters steckt voller hochfliegender Pläne, wie er zu Geld kommen könnte. Wozu er aber erst einmal Geld als Kapital brauche, das er hauptsächlich im Spiel zu beschaffen versucht. Diese Versuche enden regelmäßig im Alkohol und, zwecks dessen Beschaffung, im Betteln um Geld bei den anderen Familienmitgliedern. Die Mutter sieht ihre Bestimmung in ihrer Selbstverwirklichung als Künstlerin. Alle Mitglieder der Familie sind stolz auf ihre Härte und Lösungskreativität im täglichen Überlebenskampf. Damit können sie sich trotz Armut von der verachteten Masse abheben, als ganz besondere Individuen. Mit dieser Haltung stehen besonders die Kinder wiederum im Kampf mit der Verachtung des in der Regel ebenfalls armen sozialen Umfelds.

Die soziale Position

Intellektuelle Beschäftigung und der erlernte Beruf der Eltern deuten klar auf Mittelschicht. Sie ist gelernte Lehrerin mit hohem Kunstinteresse, er gelernter Elektriker mit Hang zur theoretischen Physik. Sie geflohen aus der kleinbürgerlich-provinziellen Enge in Phoenix/Arizona, aus (vermeintlich) verarmender kleinbürgerlicher Familie in die Arme des charmanten Hallodris. Er geflohen aus dem niedergegangenen Appalachen-Kaff Wells, aus einem ihm verhassten Familien-Milieu, das geprägt ist von Autoritarismus, Alkohol, physischer und sexueller Gewalt. Beide aber haben in ihren erlernten Berufen nicht Fuß gefasst. Der Vater augenscheinlich mangels Beständigkeit und Bereitschaft zur Unterordnung in eine betriebliche Hierarchie, die Mutter auf ihre Art ebenfalls. Sie weigert sich in der Schule, Kindern Beurteilungen oder Strafen zu erteilen, um sie dadurch anzupassen. Mag sein, dass beide damit die radikale Ablehnung der arbeitsdisziplinierten, sich unterordnenden und gleichwohl erfolglosen Lebensverläufe ihrer jeweiligen Elternhäuser praktizieren. Beiden gemeinsam ist jedenfalls der Stolz, dass man sich nicht durch Lohnabhängigkeit versklaven lasse. Schwer zu sagen, was hier Ursache und was Folge ist. Die beiden sehen sich als Menschen, die ihre Freiheit bewahren, auch um den Preis der periodischen Einkommenslosigkeit. Diese Freiheit ist der Stolz ihrer Armut.

Beim Vater geht dieser Stolz einher mit einem tiefen Hass gegen die Gewerkschaft, die ihm vorübergehend eine Anstellung verschafft hat. So kann er den Verlust des Jobs erklären: dass er einfach mit den „mafiösen“ Strukturen nicht leben könne, statt die alkoholtypischen Fehlzeiten als Grund in Betracht zu ziehen. Die Ablehnung des gesellschaftlichen Zwangs in abhängiger Beschäftigung  geht einher mit einer prinzipiellen Ablehnung des Staates. Der erscheint eigentlich nur in Form von schikanösen Bullen und Steuereintreibern. Obwohl die Kinder hungern und frieren, lehnen die Eltern es ab, staatliche oder soziale Hilfe Dritter anzunehmen. Denn niemand soll glauben, dass sie nicht in der Lage wären, ihre Kinder zu versorgen. Stolz lehnen sie einerseits staatliche Einmischung generell ab, andererseits die anderen Armen, die dies aus Schwäche, Dummheit oder Faulheit seien. Das führt zur Behauptung der (mittlerweile selbst obdachlosen) Eltern, Obdachlosenunterkünfte seien „menschliche Jauchegruben“.

Die Erhaltung des Selbstwertgefühls geht zu Lasten sozialer Solidarität und jeglichen Mitgefühls: Wer härter und cleverer  ist, gewinnt. Beim Geld-Beschaffen durch Glücksspiel gelten dem Vater die anderen als Deppen, die man leicht betrügerisch ausnehmen könne. Er schreckt auch nicht davor zurück, dabei seine halbwüchsige Tochter zur Verführung einzusetzen. Der Existenzkampf um Geld und Lebensmittel jeder gegen jeden setzt sich sogar zwischen den Familienmitgliedern fort. Der Vater plündert die Ausbildungs- Spardose der Kinder, die Mutter isst heimlich unter der Decke Schokolade, während ihre Kinder hungern. Armut macht bekanntlich nicht gut und edel, und der idealisierte Existenzkampf bzw. Konkurrenzkampf der Einzelnen schon gar nicht.

Traum geht vor Realität

Das Selbstwertgefühl der Eltern gründet sich auf ihren freiheitlichen Stolz. Und dieser beruht nicht auf realem, etwa beruflichem Erfolg, sondern auf dem Phantasierten, den Träumen und Plänen, denen man treu bleibt. Die Mutter lehnt Broterwerb ab und wartet stattdessen darauf, als Künstlerin erkannt zu werden. Der Vater entwickelt pausenlos unverwirklichte Pläne zum finanziellen Durchbruch. Er umgibt sich dazu mit dem Nimbus des Alles-Besiegers. Sein Credo: Man kann alles erreichen, wenn man, im Gegensatz zu den verachteten Durchschnittsmenschen, nur stark genug sei. Das mag ein wenig an Nietzsche erinnern. Nur aufgrund dieser Pläne kann er vor sich selbst seine traditionalistische Stellung als Mann behaupten. Dessen Aufgabe sei es nämlich, für seine Familie zu sorgen und sie in den Wohlstand zu führen. „Daddy hat noch immer für uns gesorgt“, glaubt er und will er immer wieder hören. Und so plant und verspricht er der Familie unter anderem jenes titelgebende „Schloss aus Glas“, das er ihr bauen wolle, wenn er erst den Plan zur Geldbeschaffung realisiert habe. Die dafür schon einmal ausgehobene Grube neben dem Haus im Kohle-Revier muss dann allerdings zur Entsorgung des Mülls herhalten, der der Familie zwischenzeitlich ganz real über den Kopf wächst. Aber für die eigene Identität ist der Traum, sind die Pläne wichtiger als die Realität und die Taten.

So bestätigt sich der Amerikanische Traum und somit die Ideologie der liberalen Marktwirtschaft selbst noch bei ihren Verlierern. Der Amerikanische Traum besteht bekanntlich wesentlich in der gedanklichen Figur, dass jeder seines Glückes Schmied sei. Dass es prinzipiell jeder schaffen könne (vom Tellerwäscher zum Millionär). Dass es nur auf ihn und nicht auf den Staat oder sonstige Umstände ankomme, ob er Erfolg hat. Und dass dieser wirtschaftlich-gesellschaftliche Erfolg  wesentlicher Lebensinhalt, Selbstverwirklichung des Individuums sei. Eine derart radikale Sichtweise erweist sich jedoch als absurd, jenseits der Realität. Das wird besonders deutlich in einer Zeit, wo der Wildverzehr in einer vordem unbekannten chinesischen Stadt eine Pandemie mit Hunderttausenden von Toten am anderen Ende der Welt auslöst. In einer globalisierten Wirtschaft, wo Grundstücksspekulationen in den USA ganze Banken und in der folgenden Rezession Firmen in Europa vernichten, Staaten in die Schuldenkrise stürzen. Wo dann wegen Niedrigzinsen vermehrt internationales Anlagekapital in Immobilien fließt, sich damit dort die Preise und folglich die Mieten erhöhen und Familien ihre Wohnung aufgeben müssen. Wo finanztechnische Portfolio-Bereinigungen internationaler Konzerne zu Schließungen von Betrieben und Arbeitsplatzverlusten in anderen Erdteilen führen. Wo durch interkontinentale Preis- und Warenbewegungen langjährige Mitarbeiter sich plötzlich als ungelernte Leiharbeiter oder Scheinselbstständige für Online-Firmen wiederfinden. Wo die Mächtigen der Welt mit gerunzelter Stirn „den Markt“ in dieser seiner Eigengesetzlichkeit beobachten und zu verstehen versuchen, ohne ihm Einhalt gebieten zu können und zu wollen.  

Aber dieses Denken vom autonomen Glücksschmied reicht natürlich weit über Amerika hinaus. Es ist, wenn auch häufig relativiert, eine ideelle Basis unserer Marktwirtschaft, idealisiert in der unternehmerischen Initiative und dem Narrativ vom Erfolg des Tüchtigen. Wenn demzufolge aber alles von einem selbst abhängt, ist der Erfolglose ein Versager, der selber Schuld hat. Wenn die Eltern des kleinen Mädchens in der Erzählung trotz Armut ihr Selbstwertgefühl behalten wollen, müssen sie darauf bestehen, dass sie nicht Opfer von Umständen sind. Dass  ihre Lage vielmehr frei selbst gewählt sei. Das vertreten sie sogar noch als Obdachlose in New York. Und in der Tat schlägt die Mutter heimlich gar ein spätes, unverhofftes Erbe aus, das die Lebensweise der Familie, aber eben auch ihre gemeinsame ideelle Basis durchaus – zumindest zeitweilig – hätte ändern können.

Lonesome Cowboy: gut für die Seele der Verlierer, aber nie real
Ein Ideal, das es in Wirklichkeit nie gab

Die Forderung etwa nach staatlicher Unterstützung  oder staatlichem Eingreifen in wirtschaftliche oder soziale Entwicklungen wäre demnach gleichbedeutend mit dem Aufgeben des Stolzes, der idealisierten Unabhängigkeit. Sie wäre die gedankliche „sklavenhafte“ Unterwerfung unter den Staat oder zumindest die Gesellschaft. Deshalb tun sich die Verlierer der wirtschaftlichen Entwicklung und der sozialen Strukturen vielleicht auch so schwer, deren Änderung anzustreben. Da sie die Perspektive einer gesellschaftlichen Änderung nicht haben, sehen sie sich folglich nur vor der Wahl: Unterwerfung unter zunehmend prekäre Lohnabhängigkeit oder Freiheitsbewahrung im Geiste. Dabei wollen sich viele Betroffene zur Wahrung ihrer Selbstachtung eher für letzteres entscheiden. Tendenziell mehr, je prekärer die Alternative erscheint. Der Ruf nach wirtschafts- und sozialpolitischer Abhilfe wäre ein Eingeständnis des Scheiterns im eigenen, selbstgeschmiedeten Erfolgsstreben. Es wäre auch ein Versagen in der traditionellen Rolle des männlichen Versorgers der Familie. Und es wäre auch das Eingeständnis der Nichtigkeit aller Träume. Gleiches gälte für die schlichte Anerkennung sozialer und wirtschaftlicher Tatsachen. Hier könnte ein Grund dafür liegen, dass man vielen Menschen mit rationalen Argumenten so schlecht beikommen kann. Für ihr Selbstwertgefühl, den Kern ihrer Persönlichkeit, ist schon lange der Traum entscheidend, nicht die Realität, die diesen Traum so unbarmherzig in Frage stellt.

Der gesellschaftliche Hintergrund

Die Erzählerin ist 1960 geboren. Sie hat ihre geschilderte Kindheit also in den 1960er und 1970er Jahren erlebt. Wirtschaftlich wird diese Nachkriegszeit bis in die Mitte der 60er Jahre in den USA gerne als die „Goldenen Jahre“ bezeichnet: Jahrzehnte des wachsenden Industrialismus mit entsprechendem Bedarf an Kohle und Öl. Die US-amerikanische Industrie dominierte die Weltwirtschaft. Traumhafte Wachstumsraten, steigende Einkommen und Wohlstand für die meisten – jedenfalls die weißen – Amerikaner. Kurz: eine „‘satte Zufriedenheit’ und eine kontinuierliche Steigerung des materiellen Lebensstandards“ bestimmten das wirtschaftliche Leben. Aber mit Ende der 1960er Jahre änderte sich das weltwirtschaftliche Klima, die USA verloren in vielen Bereichen ihre internationale Vormachtstellung. Ein sinnfälliges Fanal waren die Autos: Erst kamen diese kleinen „Volkswaggons“ auf. Und dann gar die japanischen Importe (verächtlich „Reisschüsseln“ genannt). Und das im Mutterland der Straßenkreuzer mit mindestens zwei Metern Blech vor der Windschutzscheibe! Die Arbeitslosenzahlen stiegen, also wurden die  Arbeitsvertragsbedingungen schlechter. Löhne und Lebensstandard waren für viele bedroht.

Gerade auch in der Schwerindustrie samt Kohlebergbau kam es zur Ent-Industrialisierung. Neues, internationales und bewegliches Anlagekapital wanderte in neue Wirtschaftszonen und mit ihm viele Arbeitskräfte. Die, die in den alten Regionen blieben, wurden zunehmend von der Entwicklung abgehängt. Seit Anfang der 1980er Jahre wurde diese Ent-Industrialisierung im Zuge der Globalisierung dramatisch. Der Auslagerung ganzer Industriezweige in Billiglohnländer stand eine zunehmend rasante Entwicklung des Dienstleistungssektors gegenüber. Der aber verlangte völlig andere Qualifikationen und Tugenden, gleichsam andere Menschen. Der Anteil der Arbeitskräfte stieg hier bis zum Jahr 2000 auf 74%, im Industriesektor verblieben gerade noch 23%. Heute steht die US-Wirtschaft kaum noch für Stahl und Autos und die größten Flugzeugträger der Welt. Sie steht vielmehr für Google, Microsoft und andere Unternehmen der postindustriellen Informationsgesellschaft.

Diese Entwicklung fand aber regional sehr unterschiedlich statt. Die heutige moderne Informationstechnologie und ihre Dienstleister konzentrieren sich auf wenige Metropolregionen wie New York, Boston, San Francisco oder Los Angeles. Dieser wirtschaftliche Wandel war und ist viel dramatischer als etwa seinerzeit in Deutschland. Und mangels durchgreifender staatlicher Maßnahmen und sozialer Sicherungen traf er die Verlierer, die Abgehängten, weitaus zahlreicher und härter als etwa der Strukturwandel das Ruhrgebiet oder die ehemaligen Schifffahrtsmetropolen im Norden Deutschlands. Ungleich krasser war dann in den 1990ern allerdings in Deutschland die Erfahrung mit dem Ende der DDR: Eine Wirtschaftsstruktur, die auf Industriekombinaten beruhte und fast keinen Dienstleistungssektor entwickelt hatte, wurde binnen weniger Jahre flächendeckend entindustrialisiert. Hinzu kam dann die Agenda 2020 (Hartz-Reformen) mit der erklärten Absicht, die Unterordnung unter neue, oft prekäre Arbeitsverhältnisse zu betreiben. Diese – wenn auch im Vergleich zu den USA materiell milde – soziale Bedrohung wirkte bundesweit zurück. Auch hier sind die sozialen und politischen Folgen unübersehbar.

Bedeutung und Erfolg des Buches

Die im „Schloss aus Glas“ beschriebene Familie ist weit davon entfernt, den „typischen“ Trump-Wähler abzugeben. Aber in extremer Form werden hier Denkmuster erkennbar, die diejenigen Schichten umtreibt, die sich durch die wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Verhältnisse bedroht oder schon abgehängt sehen. Man kann beim Lesen nachvollziehen, wie vielleicht viele den Strukturwandel und damit die Bedingungen ihres Lebens verarbeiten. Traum und Plan gehen im Selbstbild vor Realität und Tat.

Den Allmachts-Erfolgstraum des Vaters kann man gut in einer Gestalt wie Donald Trump realisiert sehen. Und so kann er für das stehen, was man selbst immer wollte. Nämlich den anderen, den Angepassten und den etablierten, klugscheißenden Vertretern der modernen Informationsgesellschaft mit ihren Bankern, den Schuldzinshaien, den smarten Rentenpapier-Händlern und Wertpapierderivat-Jongleuren stellvertretend den Mittelfinger zu zeigen. Die Härte des Existenzkampfs anzunehmen statt sich in Mitleid mit den Schwachen und Selbstmitleid zu verlieren. Gegenüber dieser Verkörperung des Traums ist die Realität zweitrangig. Zum Beispiel dass das Idol Trump selbst Teil jener verhassten sozialen Kaste ist und seine Taten seine Versprechen Lügen strafen.

Das Buch „Schloss aus Glas“ hielt sich über 5 Jahre lang als Bestseller in den USA. Es war weit verbreitet, als 2007 an den US-Börsen die Immobilienblase platzte. Als in der folgenden Rezession Tausende ihre Häuser, ihre Jobs und ihre Renten verloren. Als die Kirchen in den USA ihre Plätze für die zahllosen durchs Land vagabundierenden Trailer und gar PKW der wohnungslos gewordenen Wirtschaftsopfer öffneten. Für sie vermag die Erzählung Stolz und Würde zu bewahren. Sie hilft die Lebenshaltung derjenigen zu respektieren, die in jener Krise ihr Haus, zumindest ihre wirtschaftliche Zukunft, oft samt ihrer Rentenversorgung, verloren haben.

Die Erzählung  schafft Empathie für Einzelkämpfer, die, wie ehedem der Lonesome Cowboy, gegen den Rest der Welt kämpfen und sich selbst treu bleiben. Die ihre Träume nicht aufgeben, auch wenn diese völlig unrealistisch geworden sind. Der Text berührt, ohne dass er einen Ausweg  zeigt. Er führt noch nicht einmal die Notwendigkeit einer Änderung der wirtschaftlichen und sozialen Verhältnisse vor Augen. Im Gegenteil, in der dargestellten Welt kann alles für alle bleiben, wie es ist. Jeder ist nur für sich selbst verantwortlich. In diesem Sinne ist das Buch für seine Leser einfach –  und vielleicht auch deshalb so erfolgreich.

Ist diese Interpretation einer Kindheits-Schilderung vielleicht allzu spekulativ? Sind die sozialpsychologischen Folgerungen jenseits der Realität? Hier kann ein Abgleich mit dem nächsten Buch zur Klärung beitragen.

Arlie Russell Hochschild, Fremd in ihrem Land (Strangers in Their Own Land)

Das zweite Buch ist ein jüngerer Bestseller von 2016 (deutsch 2017). Es trägt den Untertitel „Eine Reise ins Herz der amerikanischen Rechten“. Im Gegensatz zum „Schloss aus Glas“ hat es also ausdrücklich ein politisches Interesse. Ebenfalls leicht zu lesen, schildert eine Soziologin ihre Auseinandersetzung mit sechs beispielhaften Menschen in Louisiana, einer von der Erdölindustrie geprägten und mittlerweile hoffnungslos zurückgelassenen Region. Die Professorin aus Kalifornien begibt sich über fünf  Jahre lang vor Ort und in den Dialog. Sie lässt sich die Auffassungen der Bewohner erzählen und geht ihren Geschichten nach. Resultat ist eine verdichtete psychische oder mentale Landkarte mit prägenden Denk-  und Interpretationsmustern in dieser Region und dieser sozialen Schicht.

Der materielle Hintergrund

Ausgangspunkt ihres Interesses ist der seit dreißig Jahren andauernde Niedergang der Lebensbedingungen für eine Mehrheit der amerikanischen Bevölkerung. Dies betrifft insbesondere den tiefen Süden der Staaten. Aber gerade hier und allgemein in den armen Staaten der USA wird republikanisch gewählt, stellte die Autorin verwundert fest. Man wählt also die Vertreter eines radikal freien Marktes ohne soziale Modifizierung, die durch Abbau von sozialen und Umweltauflagen das radikale Vorgehen der Industriefirmen in der Region erleichtern.

Louisiana steht an 49. Stelle der 52 Staaten in bezug auf Einkommen, Gesundheit und Bildung. Es ist durch und durch republikanisch. Einerseits hatte eine entfesselte Öl- und Gasindustie ganz offensichtlich die Umwelt zerstört. Die Männer, für die Jagen und Fischen zu grundlegenden Lebensbetätigungen zählen, können in den vergifteten Gewässern noch nicht einmal mehr baden. Die Krebsrate in der Region ist dramatisch gestiegen. Die erhofften und versprochenen Arbeitsplätze wurden ihnen durch Auslagerung und Billiglöhner aus dem Ausland streitig gemacht. Für die verbleibenden Arbeitsplätze wurden die Löhne gesenkt. Die Gewerkschaften wurden dadurch geschwächt. Und dennoch bestehen andererseits die betroffenen Menschen stolz auf den radikalen Marktprinzipien , wie sie von der rechtspopulistischen Tea Party-Bewegung gegen die Sozialpolitik von Obama propagiert wurden. Staatliche Unterstützung  sehen die Einwohner auch bei der Bekämpfung von Umweltkatastrophen als problematische Einmischung an. Ein staatliches Gesundheitssystem lehnen sie ab, obwohl sie dessen am meisten bedürften.

Das zentrale Bild

Die untergründige Geschichte hinter dieser paradoxen Haltung verdichtet die Autorin zu einem Bild. Der Anfang dieser Erzählung ähnelt durchaus dem Klima in der jungen Bundesrepublik Deutschland während  Wiederaufbau- und Wirtschaftswunder:

Hart arbeitende Bürger (Männer) der weißen unteren Mittelklasse strebten in geschlossener Formation dem Amerikanischen Traum vom selbst errungenen Wohlstand zu. Den sah man zwar nicht, aber man wusste ihn hinter den Bergen. Sie blickten nicht hinter sich. Dort standen Schwarze und andere Minderheiten. Sie blickten nach vorne, zu Reichtum und Wohlstand. Aber irgendwann gewannen sie den Eindruck, dass die Reihe nicht vorankam, sie steckten fest. Und da sahen sie plötzlich Leute, die sich vor ihnen in die Schlange drängelten. Schwarze, Frauen, Immigranten, Flüchtlinge, Schwule und sogar Tiere, deren Aussterben durch Umweltschutzmaßnahmen verhindert werden sollte. Nun empfanden sie nicht nur Stillstand, sondern eine Rückwärtsbewegung, unter anderem signalisiert durch sinkende Reallöhne. Sie suchten nach Verantwortlichen für diese Vordrängelei und fanden sie in den Betreibern einer sozialen Integrationspolitik, in Staat und Regierung. Deren Politiker wiesen die Vordrängler, die Zerstörer der Ordnung, nicht in ihre Schranken. Im Gegenteil, sie ermutigten sie auch noch, allen voran der schwarze Obama, vermutlich selbst ein Vordrängler.  Die hart arbeitenden, ordnungsliebenden, gesetzestreuen Bürger sind die Dummen, statt dass sie belohnt werden.

Wenn das Ideal vom Aufbau des eigenen Glücks scheitert
Wir wollten nur unser eigenes Glück aufbauen…

Die Schuldigen

Das System ist kaputt, weil es von denen da oben manipuliert werde. Zitat:
“ »Als ich ein kleiner Junge war, hielt man am Straßenrand den Daumen raus und wurde mitgenommen. Hatte man einen Wagen, nahm man Anhalter mit. Wenn jemand Hunger hatte, gabst du ihm zu essen. Es existierte eine Gemeinschaft. Wissen Sie, was das alles untergraben hat?« Er machte eine Pause. »Der Staat«“. Staat und Politik werden demnach diffus als Establishment und Feinde einer ursprünglichen Gemeinschaft bekämpft. Die Autorin des Buches legt dar, dass offenbar nicht für eigene ökonomische Interessen gewählt wird, sondern in einem „emotionalen Eigennutz“. Hinter diesem Begriff steht folgender Zusammenhang: Aus der industriellen Arbeitsgesellschaft sind insbesondere Männer mit anerkannten Berufen darauf eingeübt, Selbstachtung und eigene Wertigkeit vor allem in der Arbeit zu suchen. Wenn sie dort infolge eines stecken gebliebenen Aufstiegs oder gar Abstiegs nicht mehr zu finden sind, gerät man verstärkt in „Aufwertungsnot“ und Anerkennungsbedarf. Beides sucht man dann woanders: in seinem Platz in einer als natürlich angesehenen sozialen Rangordnung und in einer ideellen Werteordnung, wo das als herkömmlich empfundene Weiß-Heterosexuell-Mann-ländlich-Religiös-Sein (wieder) Geltung habe.

Geborgenheit suchen diese Menschen in den unmittelbaren, als natürlich gesehenen sozialen Bezügen – analog übrigens auch in der Festung des oft teuren Traumhauses. Politisches und Soziales wird hingegen als äußerlich und bedrohlich erlebt und abgelehnt, ihre Vertreter als manipulierte Manipulateure. Die Autorin formuliert den Widerspruch im politischen Verhalten an anderer Stelle so: „Sie stimmen dafür, dass der Staat sie in Ruhe lässt – was sie kriegen, sind allgegenwärtige Kartelle und Monopole, von den Medien bis zur Fleischindustrie.“ Das heißt aber auch: Die Betroffenen einer radikalen Marktwirtschaft reagieren mit einer Hinwendung zum Ideellen, um ihre Identität zu wahren. Wer diese Ideale bietet, hat die Herzen und das Vertrauen dieser Leute gewonnen. Wirtschaftliche Auswege haben demgegenüber keine Bedeutung. Was nicht in dieses Ideal passt (z.B. die vergiftete Umwelt), wird ignoriert. Niemand lässt sich gerne die Basis seines ohnehin arg bedrohten seelischen Gleichgewichts nehmen.

Hier könnte sich aber auch ein weiterer, unbewusster Widerspruch verbergen. Obwohl man den Staat und seine Vertreter als fremde Macht verächtlich ablehnt, scheint man sich insgeheim doch zu wünschen, dass Papi Staat (oder auch Mami Merkel) einen lieb hat. Zumindest doch bitte mehr als die naturgeschützten braunen Pelikane in der Region oder die Kinder anderer, fremd erscheinender Familien. Mit dieser verleugneten, ebenfalls dem Wunsch nach Geborgenheit entstammenden Sehnsucht ließe sich teilweise die blanke Wut erklären, die den führenden Politikern so pauschal entgegenschlägt. Aber auch ihre umstandslose Verkehrung in die kritiklose Gefolgschaft für einen populistisch väterliche Allmacht demonstrierenden Präsidenten Trump.

Abgrenzung und Rassismus

Zugleich ist jene Abgrenzung auch sozialer und damit sehr politischer Natur. Nämlich gegen die Vordrängler verschiedener Herkunft, auch gegen die ganz Armen, die gar von staatlicher Wohlfahrt unterstützt werden. Zu ihnen will niemand gehören, auch sie werden folglich gemäß dem geordneten Weltbild bekämpft. Das Bild dazu: Der Staat nehme den hart Arbeitenden das Geld und gebe es den Müßiggängern. Also sei jegliche Sozialpolitik des Staates zu bekämpfen. Die Befreiung von den Armen und den aus der Reihe tanzenden Dränglern halten sie nicht für unmoralisch. Weil sie sich selbst zu den Unterdrückten zählen, wollen sie selbst reich werden. Reichtum bedeutet ihnen vor allem Unabhängigkeit, Freiheit von Gängelung. Sie sind bereit, denjenigen Reichen zu folgen, die ihnen durch ihr eigenes Beispiel und ihre Versprechen diese Perspektive des Amerikanischen Traums zu bieten scheinen. Ein Präsident Trump, der so reich und damit unabhängig ist, wie sie sein möchten, und der sich die Freiheit zur unverblümten Provokation nehmen kann, wird in den Medien – stellvertretend für sie – wahrgenommen. Je krasser, desto besser. Je lauter dann die verhassten Anderen schreien, desto mehr fühlen sie sich endlich gehört. Beharrlichkeit und Treue zu ihren Idealen machen die Identität dieser Menschen aus. Daher können einige vielleicht irritierende Äußerungen des Präsidenten oder Einzelheiten sie nur schwerlich davon abbringen.

Es liegt auf der Hand, dass die im Buch „Fremd im eigenen Land“ erkundete ideelle Sozialordnung einen fruchtbaren Boden auch für Rassismus bildet. Obwohl die Interviewten sich nicht als Rassisten sehen. Die anderen, die sozialen Drängler, waren ihnen eigentlich vorerst eher egal, so lange sie ihnen nicht in die Quere kamen. Diese Haltung aber kann bei dem geschilderten ideellen und materiellen Hintergrund schnell umschlagen.

Rassen gibt es bei Kaninchen und Hunden: Man kann sie gezielt nach Merkmalen züchten. Menschen haben das in der Geschichte noch nie getan. Ihr Merkmal ist die immer neue Kombination von Genen und die Vielfalt ihrer Fähigkeiten.
Rasseschau (Zuchtkaninchen)

Steckbrief Rassismus

Rassismus beruht bekanntlich auf dem Glauben, es gäbe gleichsam natürlich vorgegebene, eindeutig abgrenzbare Gruppen von Menschen, in die man die Gesellschaft oder gar die Menschheit einzuteilen habe. Da man hineingeboren werde, könne man sie nicht wechseln. Diesen Gruppen werden bestimmte Eigenschaften zugeschrieben, die sie bestimmen und ausmachen sollen. Dabei sind die Eigenschaften der eigenen Rasse meist individuell differenzierter – „da gibt es halt solche und solche Menschen“ – die der anderen Rassen dagegen wesentlich pauschal und mit Vorliebe abwertend – „die sind mehr oder weniger alle so“. Und oft angefügt: „ich kenne da ein Beispiel…“. Wobei das Beispiel als allgemeiner Beweis gelten soll.

Bestandteil des Rassismus ist mithin das Vorurteil. Ein Vorurteil besteht darin, jedem einzelnen Mitglied einer Gruppierung bestimmte Eigenschaften zuzusprechen, und zwar eben aufgrund seiner Gruppenzugehörigkeit. Da für Rassisten ganz zufällig zum Glück die Eigenschaften der eigenen Gruppe/“Rasse“ besser sind als die der anderen, darf man sich selbst als Rassemitglied stolz, wertig und überlegen fühlen und die anderen Rassen bekämpfen. Ein weiterer Bestandteil des Rassismus ist dabei häufig die personalisierte Trennung von Gut und Böse: Alles Schlechte der Welt ist die üble Absicht der anderen Rasse. Daher sind „wir“ pauschal die Guten. Das erspart schlichten Gemütern die jeweilige Erforschung von Ursachen und Zusammenhängen, also kritisches Denken. Logisch ist dann auch, dass die Angehörigen der anderen Rassen nicht die gleichen Rechte haben können wie die eigene; denn das würde ihre legitime Bekämpfung, zugleich den Kampf für die eigene Vormachtstellung, erschweren. Man hat jedenfalls noch nie von Rassisten gehört, die ihre eigene Rasse für leider ziemlich unbegabt und dumpfbackig halten und daher um Führung durch eine andere Rasse bitten.

Das theoretische Problem der Rassisten: Die Menschheit hat sich in ihrer Entwicklung einfach nicht gezielt und kontrolliert wie die Schäferhunde eines Züchters vermehrt und verbreitet. Daher gelingt es (bei Menschen) trotz vieler verbissener Bemühungen nicht, „Rassen“ eindeutig durch Merkmale – und neuerdings noch weniger durch Genetik – voneinander abzugrenzen. Nicht nur die Nazi-Forscher sind daran verzweifelt.

Rassismus definiert die eigene Gruppe als naturgegeben vorrangig, so wie in jenem Bild die voranschreitende Reihe der weißen Arbeitsmänner. Aufgrund dieser Vorrangigkeit sichert man sich ideologisch das „Recht“, sich der anderen, als bedrohlich empfundenen Gruppierungen zu erwehren. Insofern handelt es sich um die ideologische Basis für einen ungehemmten Verteilungskampf von „oben“ nach „unten“; als Verteidigung der bedrohten Weißen, die im  Kern heterosexuell, gläubig, fleißig usw. sind, gegen die sozialen Vordrängler, die eigentlich nicht dran sind, und die Armen, mit denen man nichts gemein haben und denen man auch nichts abgeben will.

Zur Illustration ein Beispiel aus der deutschen  Realität: Jahrzehnte lang waren die Kopftücher von (oft türkischen oder osteuropäischen) Putzfrauen etwa in den Schulen kein Problem. Jetzt, wo diese Kopftücher auch von Lehrerinnen – allgemeiner: von aufgestiegenen Frauen – getragen werden oder von Mädchen, die in den Konkurrenzkampf um die Abiturnoten einsteigen, werden sie zur unerträglichen religiösen Manifestation stilisiert und bekämpft.

Christliche Ordensschwestern vor ca. 60 Jahren in Deutschland: Als Krankenschwestern mit Achtzehn-Stunden-Tag waren sie im Gesundheitswesen unentbehrlich. Auch ihre Tracht galt als normal, niemand nahm daran Anstoß. (Quelle: Quick, Heft 41, Oktober 1957)

Diese Haltungsänderung verstärkte sich umso mehr, als sich Teile der Bevölkerung auch hier seit Jahrzehnten angesichts einer immer größer werdenden Schere zwischen Arm und Reich eher von sozialer Stagnation oder gar Abstieg in der beruflichen Tätigkeit und/oder ungesicherten Lebensverhältnissen bedroht sehen.

Eine Rassendefinition der weißen Arbeiterschaft einerseits und der diversen „Minderheiten“ in den USA andererseits ist zwar eigentlich keine, weil diese „Rassen“ gar nicht eindeutig abgrenzbar sind. Das macht aber nichts. Denn das hätte sie mit allen „Rassetheorien“ in der Geschichte und in allen Ländern gemeinsam. Auch hier besiegt der Ego-schmeichelnde Glaube locker die Fakten. Unter diesem Motiv fällt Rassisten auch der Widerspruch des Rassismus zur Ideologie vom Erfolg als ausschließlich selbst gemachtem nicht auf: Rassenzugehörigkeit ist per selbstgebastelter Definition kein individueller Verdienst, sondern unverdient angeboren.

Wo bleibt die Schlussfolgerung?

Zur Zeit der Entstehung des Buches von Arlie Russell Hochschild stand das Thema Rassismus gerade nicht im Vordergrund. Anlass war vielmehr der Erfolg der Tea Party, einer extrem rechten Sammlungsbewegung mit Einfluss auf große Teile der Republikaner. Man kann sagen, dass die politische Erfolgsgeschichte des Präsidenten Trump von Beginn an auf dem dargestellten Bild fußte, das in der Tea Party seinen Ausdruck fand. Dass seine entsprechende Ideologie und sein Auftreten gerade die gesellschaftlich Abgehängten und Bedrohten als Zielgruppe ansprach. Dies geschah zunächst in Form des Nationalismus („America first“). Wenn es dazu kommt, dass diese Zielgruppe und ihr Präsident sich selbst als das „eigentliche“ Amerika zu verstehen lernen, das gegen ein traditionell gerne als „unamerikansch“ diskriminiertes Amerika zu verteidigen sei, kann diese Parole und ihre Motivation  zur weiteren, rassistisch motivierten Spaltung des Landes beitragen.

Viele Leser von „Fremd in ihrem Land“ kritisieren, dass das Buch zwar ausführlich und anschaulich beschreibe, dass es aber es keine Schlussfolgerung oder gar Handlungsempfehlung enthalte. Das könnte schon an der Ausgangsfrage der Soziologin Hochschild liegen, dem Wahlverhalten, und damit auch an der Alternative zwischen Republikanern und Demokraten, die nur unzureichende Antworten bereithält. Immerhin geht es hier um eine Jahrzehnte lange wirtschaftliche und soziale Entwicklung. In ihr hat ein entfesselter globaler Kapitalismus eine wachsende Zahl von Verlierern und vergleichsweise wenige Gewinner an anderer Stelle hervorgebracht. Diese Entwicklung hat sich tief in die wirtschaftlichen und politischen Strukturen und auch in die Köpfe der Menschen eingegraben. So etwas lässt sich durch die Wahl der anderen Partei mittels Verschiebung der prozentualen Mehrheiten jedenfalls nicht einfach umdrehen oder gar korrigieren.

Als ersten Schritt legt das Buch und seine Autorin durch ihre Interviews nahe, den Dialog mit den jeweils Anderen zu führen, zu versuchen zu verstehen. Ausgangspunkt und Grundstimmung des radikalen mentalen Wandels der Abgehängten in Louisiana war und ist ihre Hoffnungslosigkeit. So lange die wirtschaftliche Grundlage und Entwicklung bleibt, wie sie ist, so lange sie – zumindest periodisch – soziale Strukturen und Existenzen gefährdet oder zerstört, wird sie vermutlich ähnliche Haltungen und Handlungen wie die beschriebenen immer wieder aufs Neue hervorbringen. Weil diese Haltungen im Kern des Selbstverständnisses ihrer Träger verankert sind, als letzte Bastion der Wert-Haftigkeit ihrer Persönlichkeit, ist ihnen mit rationalen Argumenten oder Appellen an die Vernunft – ohne Änderung der materiellen Lebensbedingungen – vermutlich leider nur begrenzt beizukommen.

Quellen und weiterführende Links