Ein luxuriöses Auto-Modell von Volkswagen (VW) wurde Phaeton genannt. Es soll das Lieblingskind des damaligen VW-Chefs Piëch gewesen sein. Schon bald haben einige Menschen auf die komische, unfreiwillige Selbstkritik dieses Namens hingewiesen. Denn Phaeton, eine Figur aus der griechischen Mythologie, hat dort einen Wagen geschrottet und dabei noch die halbe Umwelt vernichtet. Nicht gerade ein gelungenes Vorbild für die Benutzung eines Autos.

Was genau besagt die mythologische Sage von Phaeton und seiner Wagenfahrt? Was davon ist aktuell, auch in bezug auf das Thema Umwelt und Klimawandel? Und was, in aller Teufels Namen, hat Volkswagen veranlasst, trotzdem sein Flaggschiff-Auto so zu nennen? In der Tat kann man erstaunlich vieles aus der Phaeton-Mythologie auf das Automodell und den VW-Konzern beziehen. Das ist so lustig wie lehrreich. Lass dir im folgenden die alte Geschichte erzählen und die vielen Bezüge zur Gegenwart vor Augen führen.

Die mythologische Sage von Phaeton

Die mythologische Erzählung von Phaeton stammt aus der griechischen Antike und ist in mehreren Varianten, meist Bruchstücken, überliefert. Am ausführlichsten und bekanntesten ist die vollständig erhaltene Darstellung des Römers Ovid1. Demnach geht die Kurzfassung des Mythos von Phaeton in etwa so:

Phaetons Abstammung

Phaeton war das Resultat einer Liebesnacht zwischen dem Sonnengott Helios und Klymene2, die wiederum mit dem ägyptischen König Merops verheiratet war. Als er heranwächst, bestreitet sein Gefährte Epaphus, dass Phaeton einen göttlichen Vater habe. In heutigen Worten ungefähr so: „Ach ja? ‚Göttlicher Vater‘, klar, hätte ich jetzt an Stelle deiner Mutter auch gesagt. Du glaubst deiner Mami aber auch alles“. Phaeton reagiert wie beabsichtigt. Er schämt sich und bittet seine Mutter verunsichert um einen Hinweis für seine Abstammung. Hatte Klymene Mitleid mit ihrem Sohn, oder war sie nur über ihre eigene Beleidigung empört? Jedenfalls eröffnet und schwört Klymene dem Phaeton, dass Helios persönlich sein Vater sei. Und sie rät ihm, zum Sonnengott zu gehen und sich von ihm die Vaterschaft bestätigen zu lassen.

Klymene (Herkunft unbekannt)

Phaeton zieht also los und trifft Helios in seinem Palast an, wo er gemütlich mit den zahlreichen Göttern der Zeiten und der Jahreszeiten zusammen sitzt. Nach einer Variante der Story soll der heimliche Papa anfangs not amused gewesen sein; über seine nächtliche Ausschweifung sollte besser nicht getratscht werden. Aber bald habe der Vaterstolz gesiegt. Vielleicht so: „Ist er nicht hübsch? Und was für ein intelligentes Kerlchen! – Ganz der Vater halt!“.3 Jedenfalls beweist er dem Phaeton seine väterliche Gunst, indem er sagt, dass er einen Wunsch frei habe, egal was. Und er schwört einen göttlichen Schwur, den auch die Götter nicht brechen und nicht zurücknehmen können. Denn selbst die Götter unterliegen den allgemeinen, göttlichen Gesetzen.

Phaetons Wunsch

Phaeton weiß sofort, was er sich wünscht: einmal den Wagen des Vaters lenken dürfen! Dabei handelt es sich natürlich nicht um ein Auto, sondern um einen von Pferden gezogenen, prachtvollen Wagen. Auf ihm wurde Tag für Tag die Sonne in ihrem Lauf über den Himmel transportiert: aufgehend im Osten, steil aufsteigend im Süden, untergehend im Westen. Diesen Wagen zu lenken war der tägliche Job von Papa Helios, die prächtige Karosse sozusagen sein Dienstwagen. Psychoanalytiker wundert das nicht: Welcher Sohn will nicht so werden wie sein Vater, der Wagen als psychisches Symbol des Ichs, der Persönlichkeit… alles klar. Aber hier ist noch etwas Anderes, Besonderes: Phaeton will göttlich sein! Denn nur ein Gott darf diesen Wagen lenken (okay, das ist jetzt beim VW-Modell trotz des stolzen Preises nicht ganz so).

Helios erschrickt und versucht, seinen Sohn davon abzubringen. Er weiß, wie schwierig es auch für ihn als Unsterblichen ist, den Wagen mit den vier unbändigen Pferdestärken im Griff zu haben. Selbst Zeus, der Präsident der Götter, kann das vermutlich nicht. Ein Sterblicher aber wie Phaeton schon mal gar nicht, beschwört er ihn. Wenn er glaube, der Himmel sei voller schöner, göttlicher Orte, so irre er. Der Himmel ist voller Bestien und Gefahren. Und selbst ihn, Helios, überkomme immer noch manchmal die Angst bei der rasanten Fahrt und der schwindelerregenden Höhe. Er fleht Phaeton an, seinen Wunsch noch einmal zu überdenken und abzuändern.

Aber Phaeton beruft sich gnadenlos auf das Gesetz von der Unverbrüchlichkeit des göttlichen Schwurs. So ergibt sich eine merkwürdige Über-Kreuz-Konstellation: Aufgrund dieses göttlich-kosmischen Gesetzes ist sogar ein Gott in die Handlung eines Menschen eingebunden und in der Folge von ihm abhängig4. Außerdem naht schon der Morgen, und selbst ein Gott Helios darf nicht einfach gegen den kosmischen Lauf der Zeit verstoßen: Die Sonne muss pünktlich aufgehen.

Phaetons Katastrophenfahrt

Also ermahnt der göttliche Vater seinen Sohn Phaeton: Er soll nicht zu viel Gas geben, also den Pferden nicht zu viel Peitsche und „Stachel“. Er soll das Lenkrad, also die Zügel festhalten und nicht aus der Spur geraten. Er soll nicht zu hoch und nicht zu tief steuern, nicht zu weit nach links und nicht zu weit nach rechts abkommen. Das ist sozusagen nicht nur eine Sammlung guter Regeln für Fahranfänger und Möchtergern-Hamiltons. Der Rat Helios‘ verkörpert vielmehr über die Situation hinaus das übergreifende antike Ideal, die Richtschnur des Handelns: allgemeine Mäßigung in jeder Situation, Vermeidung von Extremen schon im Vorfeld, bei Zielen und Planung.

Hören heranwachsende Kinder hin, wenn sie elterlich besorgt ermahnt werden? Eben. Phaeton rast also los bzw. die Pferde. Die folgende Fahrt wird von Ovid ausführlich und anschaulich beschrieben.5 Schon bald merken die Pferde, dass sie nicht von göttlicher Hand gelenkt werden, und machen, was sie wollen. Phaeton verliert schnell die Orientierung und die Kontrolle über das Fahrzeug. Er bereut nun seinen Wunsch nach Göttlichkeit; gerne wäre er jetzt nur der menschliche Sohn seines Stiefvaters Merops.

Phaeton – P.P. Rubens, Anfang 17. Jh. (Ausschnitt)

Aber zu spät. Phaeton gerät zwischen den unbekannten Gestirnen und ihren gruseligen Sternbildern in Panik. In Todesangst lässt er jede Lenkung fahren, das Gefährt befindet sich im ungesteuerten Selbstlauf der Kräfte. Einige Bilder Ovids lassen an Szenen aus Astronauten-Fiction denken. Andere, etwa vom spiralförmigen Absturz, erinnern an Hitchcocks „Vertigo“. Der Wagen schleudert zwischen Höhe und Tiefe, Wolken verdampfen in der Hitze. Und „der Erdboden durchzieht sich mit Rissen und verdorrt…, aschgrau werden die Wiesen“. Bäume und Kornfelder verbrennen. Im Vergleich zu dieser Gefährdung von Kosmos, Erde und Ozeanen nennt Ovid das Schicksal der Menschen und ihrer Kultur etwas „Kleines“, einen Kollateralschaden sozusagen: „Große Städte gehen samt ihren Mauern zugrunde, ja, es verwandelt das Feuer ganze Länder und Völker in Asche. Wälder mit ihren Bergen brennen…“.

Das Ende der Spritztour

Diese Umweltkatastrophe wird zwar nur von einem Sterblichen, Phaeton, entfesselt. Aber ihr gegenüber sind selbst die alten Gottheiten des Meeres, Poseidon, und der Erde, Gaia, machtlos. Die Erdgöttin beklagt sich beim vergleichsweise jungen Zeus: Sie habe doch stets die Menschheit friedlich ernährt! Daher sei ihre Zerstörung unverdient! Gaia bittet daher ihn, als formal höchste göttliche Instanz, einzugreifen. Das aber betreibt sogar Zeus nicht selbstherrlich im Alleingang, wie etwa der damalige Römische Kaiser oder so mancher heutige populistische Präsident. Vielmehr ruft er vorher den Rat aller Götter zusammen, einschließlich des an der Katastrophe ja nicht ganz unbeteiligten Helios, und lässt sich von ihnen die Notwendigkeit seiner Handlung bestätigen. Dann schleudert er einen seiner berüchtigten Blitze, und Phaeton stürzt tödlich getroffen zur Erde. Das Fahrzeug selbst dürfte versicherungstechnisch ein Totalschaden gewesen sein: „weit umher verstreut, die Trümmer des zerschmetterten Wagens“.

Zeus und Phaeton (Schaetzler-Palais Augsburg, Bild bearbeitet)6

Folgen und Folgerungen

Reaktionen auf Phaetons Tod

Hier könnte man erwarten, dass Ovid den Zeigefinger erhebt und pauschal jeglichen jugendlichen Übermut verdammt. Der Grieche Euripides hatte Jahrhunderte zuvor eine Tragödie über Phaeton geschrieben, die uns aber nur noch in wenigen Zitaten überliefert ist. Thema solcher Tragödien im klassischen Griechenland war immer (auch) die sogenannte Hybris. Hybris bezeichnet die überhebliche oder gedankenlose Selbstüberschätzung bei gleichzeitiger Nichtachtung der göttlichen bzw. kosmischen Gesetze. Das führt in der Tragödie regelmäßig ins Verderben7.

So ist es natürlich auch bei Phaeton: Ein Sterblicher will sich in den Lauf der Zeit und der Natur einmischen, deren Betätigung den Unsterblichen vorbehalten ist, die sich ebenfalls an deren Gesetze zu halten haben. Und damit vernichtet er sich und andere. Ovid aber hält auch hier die Mitte, die Mäßigung: Auf Phaetons Grabstein lässt Ovid stehen: „Hier ruht Phaeton; er lenkte den Wagen des Vaters./ Meisterte er ihn auch nicht, fiel er doch bei gewaltigem Wagnis“. Lapidar ausgedrückt: Okay, er hat Grenzen überschritten und sich übernommen, aber er war immerhin mutig, hat sich getraut.

Und alle trauern, monatelang: seine Schwestern, deren Tränen zu Bernstein werden. Sein Geliebter (ja, mit -r, das hielt man damals, vor der Entstehung religiös-eifernder Sexualmoral, für Privatsache, und kein antiker Autor hielt diesbezüglich irgend einen Kommentar für angebracht) Kyknos, der darüber zum Schwan wird. Insbesondere trauern natürlich seine reuevolle Mutter und der Vater Helios.

Dieser quittiert erstmal seine Pflicht und geht in den Streik: Angenommen, kein anderer kommt als Fahrer des Sonnenwagens in Frage, dann soll doch Zeus selbst sehen, wie er mit dem Gespann klarkommt! So lange er die Zügel halten muss, kann er wenigstens keine tödlichen Blitze schleudern! Doch die anderen Götter flehen Helios an, die Welt nicht in Finsternis zu halten. Selbst ihr Chef Zeus entschuldigt sich für den tödlichen Blitz „und fügt nach Königsbrauch zu den Bitten noch drohende Worte“ – die normale politische Diplomatie der Mächtigen eben. Man weiß nicht, welche Vertragswerkstatt den Wagen vielleicht doch noch wieder zusammengeflickt hat; jedenfalls nimmt Helios dann seine Fahrten wieder auf, auch wenn die Pferde unter seiner Wut bös zu leiden haben.

Warum VW sein Automodell dennoch Phaeton genannt hat

Bevor wir uns der Frage zuwenden, was vom Phaeton-Mythos auf Volkswagen und sein Auto-Modell anzuwenden ist, wollen wir erklären, warum VW trotz der Katastrophe diesen Namen gewählt hat.

Im Viktorianischen Zeitalter, im 19. Jahrhundert, wurde, namentlich in England, der Typ einer offenen Kutsche „Phaeton“ genannt, die nicht mehr von einem Kutscher, sondern vom Herrn selbst gesteuert wurde8. Trotzdem bleibt die Auswahl des Namens mit dem katastrophalen Schicksal erklärungsbedürftig. Dabei hilft wenig, dass „Phaeton“, aus dem Griechischen übersetzt, etwa „der Leuchtende“9 heißt, oder der Verweis auf andere Erzählvarianten10. Denn unbestritten und bei allen Narrativen zentral bleiben Anmaßung11, Kontrollverlust und Absturz. Warum hat man seinerzeit trotzdem eine Kutsche so benannt?

Der Grund dafür dürfte im Zeitgeist des 19. Jahrhunderts, vornehmlich in England, zu vermuten sein. Damals nämlich brachte dort eine atemberaubende Industrialisierung und technische Entwicklung einen ebenso rapiden Zuwachs an Reichtum, jedenfalls für die Oberschichten. Auf der Basis dampfgetriebener Maschinen in Massenproduktion, Verkehr und Energiegewinnung sowie Kolonien in der ganzen Welt schien es keine Grenzen für den menschlichen Schaffensdrang zu geben, keine Schranke für die Beherrschung und Nutzbarmachung der Naturkräfte (und der Arbeitskraft).

Die Kehrseite: Durch den intensiven Gebrauch von Kohle in der Industrie verdunkelte permanenter Smog die Hauptstadt London, selbst am Tage. Den Smog bezeichnete man gerne euphemistisch als typisch Londoner Nebel. Und man nahm diesen Boten des Klimawandels ebenso wenig zur Kenntnis wie lange Zeit die zunehmende Belastung der Gesundheit durch Umwelt- und Wasservergiftung, etwa in der Themse. Mit anderen Worten: Es war eine gute Zeit, um im Mythos Phaeton nur den prächtigen Sonnenwagen und sich selbst als Himmelsstürmer zu sehen. Und es war eine schlechte Zeit, die Hybris, namentlich die angemaßte Umweltzerstörung, in dieser Sage zu erkennen, statt sie einfach im ideologischen Nebel unsichtbar bleiben zu lassen.

Auf jene Kutsche des stürmischen Industriezeitalters bezieht sich Volkswagen, wenn es den Namen für sein Automodell begründet. Und seine Marketing-Kommunikatoren verweisen darauf, dass nach dieser Kutsche schon vor VW mehrere Autohersteller den Namen Phaeton für ihre Autotypen verwendet hätten. Die damaligen Automobilbauer setzten damit ungebrochen jene einseitige viktorianische Interpretation des Phaeton-Gefährts auf Grundlage der Verherrlichung einer schrankenlosen industriellen Expansion fort. Und ebenso einseitig formuliert wiederum rund 100 Jahre später, 2001, der Volkswagen-Konzern noch einmal seine Sichtweise der Phaeton-Tragödie und verkündet gar eine Fortsetzung der Handlung: „Der Name Phaeton nimmt ein Thema aus der Antike auf und projiziert dieses in die Zukunft des modernen Automobilbaus.“12 Da kann man Angst bekommen.

Fazit: Was lässt sich von der Phaeton-Sage auf das VW-Modell und den Volkswagen-Konzern beziehen?

Unfälle mit Ansage

Im Netz haben einige Autoren etwas hämisch auf die letztliche Erfolglosigkeit des Automodells Phaeton (gebaut von 2001 bis 2016) in der Typenpolitik von Volkswagen hingewiesen.13 Das ehrgeizige Oberklassen-Projekt sei im Markt gescheitert, verunfallt wie Phaetons himmelstürmende Fahrt. Zumal wenn man Ovid gelesen hat, scheint derlei Polemik etwas flach gegriffen. Ein erfolgloses Automodell und ein Flop am Markt sind nichts im Vergleich zu einer Umweltkatastrophe und ihre „Kollateralschäden“ für die Menschen. Parallelen und Unterscheidungen sind woanders zu suchen.

Phaeton wurde von seinem Vater gewarnt; er wusste um die möglichen Folgen seines Handelns. Im Diesel-Abgas-Skandal gaben Volkswagen-Manager vor, nichts von den betrügerischen Manipulationen der VW-Software gewusst zu haben. Das wäre bitter. Denn dann hätten zahlreiche Führungskräfte keine Ahnung gehabt, was in ihrem Laden läuft. Dann wären sie eine krasse Fehlbesetzung. Der Konzern jedenfalls hat wissentlich gegen Gesetze (in diesem Fall über Abgasgrenzen und -kontrolle) verstoßen. Ein Bruch der Gesetze wird im Phaeton-Mythos hingegen noch nicht einmal den Göttern zugestanden. Hier haben wir es also mit einem krasseren Fall von Hybris – Selbstüberheblichkeit – zu tun als bei Phaeton selbst.

Umweltkatastrophe in Mythos und Realität

Das Wesentliche und Grundsätzliche aber weiß auch der Volkswagen-Konzern spätestens seit dem „Club of Rome“ Mitte der 1970er Jahre14. Nämlich dass der Autoverkehr, unter anderem seine Verbrennungsmotoren, schädlich für die Umwelt und damit für die Menschheit sind. In den dafür zentralen, seit langem bekannten Stichworten finden sich die Bilder des Phaeton-Mythos wieder: Die Erwärmung des Klimas, in der Regenwolken zu verdampfen drohen, mal zu wenig, dann wieder zu geballt auftreten; in der Felder und Wälder verdorren, sich Dürren und Waldbrände häufen; in der eine Erdgöttin in der Tat fürchten müsste, die Menschheit nicht mehr ausreichend ernähren zu können…

„der Erdboden durchzieht sich mit Rissen und verdorrt…, aschgrau werden die Wiesen“ (Ovid)

Natürlich ist die von Phaeton angerichtete Katastrophe ungleich geballter und rapider. Und dort gibt es nur einen Verursacher. In der Umwelt- und Klima-Krise hingegen gibt es viele Ursachen und auch Verursacher – der VW-Konzern ist nur einer davon. Und auch die Folgen dieser Klimapolitik sind allmählicher und stehen erst in den Anfängen. Nichtsdestotrotz sind sie weitaus nachhaltiger und unumkehrbarer als im Phaeton-Mythos, der sie uns in Form einer Erzählung sozusagen konzentriert vor Augen führt. Und in der Mythologie gibt es einen ziemlich mächtigen Zeus, der das vom Menschen angerichtete Unheil dann doch wieder einigermaßen ausbügelt. Zumindest renoviert er erstmal das Herzland der Griechen, Arkadien. Darauf ist heutzutage nicht zu hoffen. – Und wir wollen hoffen, dass sich kein Mensch wieder einmal (erfolgreich) das trügerische Versprechen anmaßt, göttergleich alles für alle zu richten.

VW und die Unsterblichkeit

Sowohl Phaeton als auch der VW-Konzern verfolgen ursprünglich nachvollziehbare individuelle Ziele: Phaeton den Vaterschaftsbeweis, Volkswagen Markterfolg und Gewinn. Die Phaeton-Sage lehrt uns aber auch, dass unbelehrbare Anmaßung und Maßlosigkeit bei der Zielverfolgung nicht nur für einen selbst schädlich sind. Vielmehr haben auch andere die Folgen mit zu tragen. Analog zu Phaeton strebt der Volkswagen-Konzern gleichsam seine Unsterblichkeit an. Denn er macht sein unverändertes Fortbestehen zur Richtschnur des Handelns. Und zwar nicht nur für sich; alle sollen sich danach ausrichten, auch das Gemeinwesen. Nur so ist nämlich zu verstehen, dass die VW-Führung selbst noch angesichts der „Risse im Erdboden“, der “aschgrauen Wiesen“, der „brennenden Wälder“ und trotz Rekordgewinnen in den vorangegangenen Jahren noch im Jahr 2020 Subvention vom Staat erbat, dass er trotz aller Proklamation für E-Motoren noch einmal Kaufprämien sogar für seine traditionellen, besonders schädlichen Verbrennungsmotoren einforderte. „Und fügt nach Königsbrauch zu den Bitten noch drohende Worte“, wie Ovid formulierte. Nämlich dass, wenn der Konzern nicht unverändert und unsterblich weiterbestehe, Arbeitsplätze gefährdet seien. So wie die Götter allein Leben geben und nehmen können, maßt man sich an, als einziger allein Arbeitsplätze, Unterhalt und sinnvolle Betätigung für die Menschen gewähren zu können.

Aktuell hat dann allerdings zunächst ein Klimawandler mit Kerosin-Verbrennungs-Antrieb das Rennen um die Unsterblichkeit gemacht. Schon von Haus aus dem Himmel näher, haben die politischen Entscheider jene Flugzeug-Betreiber mit 9 Mrd. bei der Göttlichstellung bevorzugt. Phaeton hingegen war zwar uneinsichtig, aber er hat immerhin keine falschen Versprechungen gemacht.

Verkehrte Rollen, andere Aufgaben

Eventuell gibt es noch eine Parallele zwischen dem Phaeton-Mythos und der Welt der Auto- und Energiekonzerne. Oder wird es sich als entscheidender Unterschied herausstellen? Der heranwachsende Phaeton wird von seinem Vater gemahnt und gewarnt. Und er erkennt – wenn auch zu spät – dass die Warnung berechtigt war, dass er falsch gehandelt hat. Im Unterschied dazu scheinen in der heutigen Welt eher die Kinder ihre Eltern zu mahnen. Sie sind es zur Zeit in vorderer Linie, die den sich väterlich nachgiebig gebenden Konzernen und den Politikern, die deren Vergöttlichung teilen, Warnung und Widerworte entgegensetzen. Ob ihre Mahnungen ebenfalls, wie bei Phaeton, zu spät eingesehen werden, steht noch offen. In beiden Fällen dahingestellt ist natürlich auch, ob Mahnung ein geeignetes Mittel zur Katastrophenverhinderung darstellt. In der antiken Mythologie und ihren Tragödien ist dies regelmäßig nicht der Fall.

Erläuterungen, Quellen und weiterführende Links

  1. Ovid (Publius Ovidius Naso) lebte 43 v. Chr bis 17/18 n. Chr. Er war zu Augusteischer Zeit ein berühmter und beliebter Dichter. In seinen „Metamorphosen“ hat er eine Fülle klassisch griechischer Sagen in lateinischen Versen gefasst und gestaltet. Noch vor deren Erscheinen wurde er im Jahr 8 n. Chr. vom Kaiser nach Tomi/Constanza im heutigen Rumänien verbannt. Seine „Liebeselegien“ und „Liebeskunst“ trugen, auch durch die Rezeption des 19. Jahrhunderts, nicht unwesentlich zum Ruf Roms als Gesellschaft der lockeren Moral und Sitten bei.
  2. Über die Mutter Klymene und die Varianten ihrer Herkunft informiert die Reihe Griechische Mythologie:
    https://griechische-mythologie.wikia.org/wiki/Klymene. Von dort stammt auch ihr Bildnis unbekannter Herkunft.
  3. Das anzustrebende Persönlichkeitsbild des klassischen Griechenlands war καλοκἀγαθία /kalokagathía, eine Zusammenziehung von „schön“ und „gut“, und meinte das Ideal der Harmonie von äußerer und innerer Vollkommenheit, allseitige Vortrefflichkeit.
  4. Dieser und andere interpretatorische Gedanken im vorliegenden Text stammen aus dem ausgesprochen erhellenden Artikel von Hartmut Böhme: Phaeton, Prometheus und die Grenzen des Fliegens: https://www.hartmutboehme.de/static/archiv/volltexte/texte/phaeton.html
  5. Ovid, Metamorphosen. Der vorliegende Artikel und seine Ovid-Zitate (kursiv) richten sich nach der Ausgabe und Übersetzung von Gerhard Fink. Sie erschien im Artemis-Verlag und als Fischer Taschenbuch (April 1992). Generell sind bei antiken Texten neuere Prosa-Übersetzungen zu empfehlen. Zur Zeit der Romantik versuchte man in der Regel, das griechische Versmaß (i.e. Hexameter) ins Deutsche mitzunehmen. Die wohlklingende Form schien wichtiger als der dadurch oft dunkel bleibende Inhalt. Durch solche Verbiegungen der Texte – und die romantische Brille – litt die Bedeutung erheblich. Und gerade die anschaulichen, mitunter auch „saftigen“ Passagen wurden so häufig sehr kraftlos und jugendfrei. Letzteres gilt auch für die Texte von Gustav Schwab, die für Generationen von Jugendlichen auch in vordemokratischen Zeiten erziehend wirkten. Sie haben auch heute noch das Bild der antiken Sagenwelt entscheidend geprägt und gefärbt
  6. Das Bild von Zeus und Phaeton entstammt einer Supraporte (Bild über der Tür) des Schaetzler-Palais Augsburg und wurde zusammen mit einer kurzen Beschreibung durch das dortige Gymnasium bei St Stephan ins Netz gestellt:
    https://st-stephan.de/wp-content/uploads/2016/12/supraporten-phaeton.pdf
    Dort findet sich auch ein kleiner Wissenstest über Phaeton für die Jüngeren unter uns ;-)
  7. In der antiken Tragödie ist der Begriff „gewaltig“, griech. δεινός (deïnos), in seiner Doppelbedeutung ein zentrales Adjektiv für den Menschen. So z.B. im Eingangsvers des Prologs der „Antigone“ von Sophokles. In diesem Kontext ist δεινός/“gewaltig“ zu interpretieren mit seinen Konnotationen: mächtig, fähig, viel vermögend, aber auch gewalttätig, die Fähigkeit habend Unheil anzurichten. Eben daraus entstehen klassische Tragödien.
  8. Phaeton als englische Kutsche findet sich z.B. literarisch auch bei Charles Dickens, David Copperfield, erwähnt.
  9. Das Wort Phaeton leitet sich ab von griechisch φαíνoμαı (phainomai), (er)scheinen usw., wovon u.a. das deutsche Fremdwort „Phänomen“ abstammt.
  10. Die verschiedenen Varianten insbesondere über die Herkunft Phaetons finden sich in „Mythen näher betrachtet“ unter http://www.mauler.info/khaire/archiv/72060908.htm. Mit stärkerer Betonung der verschiedenen inhaltlichen Quellen und Varianten des Phaeton-Mythos: https://deacademic.com/dic.nsf/dewiki/1102109
  11. In seltenerer, aus vielen Textstellen kolportierter Variante (u. a. mit Bezug auf Hesiod) wäre die Mutter von Phaeton die Göttin der Morgenröte, Eos. Damit wäre der für das 19. Jahrhundert skandalöse Makel der Außerehelichkeit „getilgt“. Eos wiederum wird jedoch in der Mythologie als Schwester des Vaters Helios angesehen, und das macht uns dann stammbaumtechnisch auch nicht glücklicher. Mit einer rein göttlichen Abstammung könnte man ein wenig gegen die Interpretation der Tragik aus der menschlichen Hybris heraus argumentieren. Es bliebe aber die Anmaßung des Sohnes, den Sonnengott zu ersetzen oder ihm zu gleichen. Ohne Anmaßung und deren Scheitern hätte der gesamte Mythos nur noch den Sinn eines illustrativen Bilderbogens über Sonnenpalast, Kutsche, Sternbilder und Erwähnung von Landschaften und Flüssen. Als Tragödien-Stoff, etwa für Euripides, wäre dieses Zerrbild absolut ungeeignet gewesen.
  12. Das Zitat des VW-Konzerns zur Phaeton-Tradition stammt aus dem Spiegel vom 12.12.2001:
    https://www.spiegel.de/auto/aktuell/totalschaden-amokfahrt-in-die-mythologie-a-172306.html
  13. Auf die Analogie der gescheiterten Fahrt Phaetons mit dem Scheitern des Phaeton-Automodells hebt z.B. das Handelsblatt vom 12.03.2016 ab: https://www.handelsblatt.com/unternehmen/industrie/vw-phaeton-das-ende-eines-luxustraums/13309742.html?ticket=ST-3604446-e3dlcaND3c7FuAszHdsj-ap3
  14. Zum Thema Umwelt, Klimakrise bzw. Klimaerwärmung, deren Ursachen und Verursacher und deren Folgen ist so viel geschrieben worden, dass ich uns an dieser Stelle weiterführende Links erspare.