Gibt es ein passendes Sprichwort für „Ein großer Teich war zugefroren“ von Wolfgang Goethe?

Die Anfrage an Cosmiq lautet wörtlich: „Ich bräuchte zu dem Text „Ein großer Teich war zugefroren“ von Wolfgang Goethe ein passendes Sprichwort dazu für meinen Sohn, danke!“ Unsere Antwort: Es ist nicht ganz einfach, ein passendes, umfassendes Sprichwort für dieses Gedicht von Goethe zu finden. Das liegt einerseits an der Natur von Sprichwörtern, unabänderlich allgemein zu sein. Andererseits liegt es an dem Gedicht, das nur auf den ersten Blick einfach ist. Wir sollten uns also erst einmal den Text von dem großen Froschteich und seine möglichen Aussagen ansehen. Andere Gedanken von Goethe und von anderen Autoren können uns bei der Interpretation helfen. Dann werden wir sehen, welche Sprichwörter für welche Deutungen zutreffen könnten. Da kommt nicht nur ein Sprichwort in Frage, sondern mehrere verschiedene.

Was sind Sprichwörter?

Unter Sprichwörtern versteht man allgemeine Volksweisheiten, die in einem feststehenden Satz ausgedrückt werden. Das geschieht häufig in Bildern. Meist sind die VerfasserInnen unbekannt. Das unterscheidet ein Sprichwort von einem Zitat einer berühmten Persönlichkeit. Die werden höchstens, wenn sie oft ausgesprochen werden, zu „geflügelten Worten“. Weil Sprichwörter unabänderlich formuliert sind und allgemeine Gültigkeit haben, ist bei ihnen für Einschränkungen wie „manchmal“, „in gewisser Hinsicht“, „einerseits-andererseits“ usw. kein Platz.

Bekannte Beispiele für bildhafte Sprichwörter sind: „Morgenstund‘ hat Gold im Mund“ (= Frühes Aufstehen oder früher Arbeitsbeginn lohnt sich, wenn man Geld verdienen will). Oder „Wer anderen eine Grube gräbt, fällt selbst hinein“ (= Wenn man versucht, heimlich einem anderen zu schaden, trägt man selbst den Schaden davon) – hier möchte man dann doch hinzufügen: „hoffentlich“ oder „meistens“, aber das widerspricht eben dem typischen Allgemeincharakter eines Sprichworts.

Das Gedicht „Ein großer Teich war zugefroren“ von Goethe

Auf den ersten Blick erscheint das Gedicht als eine kleine, harmlose Schmunzelgeschichte. Und in der Tat wird es in unserer Schulmeister-Tradition nicht selten im Unterricht als Bestandteil des Themas „Jahreszeiten“ verwurstet. Etwa: „Im Frühling schmilzt das Eis des Winters“ oder so ähnlich.1 Aber Vorsicht! Goethe war ein Meister darin, in einfach daherkommenden Texten und Bildern auch Komplizierteres zur Sprache zu bringen, gerade auch in seinen Gedichten. Der Verfasser des „Faust“ hatte es sozusagen mitunter faustdick hinter den Ohren.

Der Text des Gedichts

Hier also erst einmal das Gedicht:2

Eis auf dem Teich als Gleichnis für Erstarrung des Lebens
zugefrorener Teich

Ein großer Teich war zugefroren,
Die Fröschlein, in der Tiefe verloren,
Durften nicht ferner quaken noch springen,
Versprachen sich aber im halben Traum:
Fänden sie nur da oben Raum,
Wie Nachtigallen wollten sie singen.
Der Tauwind kam, das Eis zerschmolz,
Nun ruderten sie und landeten stolz
Und saßen am Ufer weit und breit
Und quakten wie vor alter Zeit.

Einstiegsfragen

Worüber lächeln wir hier eigentlich? Über die kindliche Naivität der „Fröschlein“, einen unrealistischen Wunsch zu haben? Darüber, dass sie ihr stolzes Vorhaben doch nicht umgesetzt haben? In beiden Fällen kann sich der Betrachter den Fröschlein überlegen fühlen. Bestätigt dieses Überlegenheitsgefühl gar das von Goethe kritisierte „radikale Übel: daß jeder gern sein möchte, was er sein könnte, und die übrigen nichts, ja nicht wären“?3 Oder unterstellt er eine ähnliche Art von Selbstgerechtigkeit (auch) den Fröschen? Immerhin wetteifern sie unangemessen mit den Nachtigallen, oder?

Sind die Frösche überheblich?

Betrachten wir zunächst den Aspekt, dass die Frösche sich etwas Unrealistisches vornehmen. Sie tun dies zu einem Zeitpunkt, wo sie den Beweis für ihre künstlerischen Ambitionen nicht antreten können und daher nicht müssen. Auf sie trifft also, spätestens mit dem Tauwetter, das geflügelte Wort4 zu: „hic Rhodus, hic salta!“ Es entstammt einer Fabel des legendären Äsop,5 wo sich ein Fünfkämpfer rühmt, auf der Insel Rhodos [wortgleich mit dem griechischen Wort für Rose] noch viiiel weiter gesprungen zu sein. Daraufhin fordert ihn sein Publikum auf: „Hier [ist oder sei] Rhodos [oder auch eine Rose], hier springe!“ Grob übersetzt: „Tritt hier und jetzt den Beweis für deine Behauptung an oder vergiss es und halt die Klappe“.

Der Dichter Goethe als Sportler…

Diese Forderung hat sich auch Goethe angeeignet: Ein guter Dichter könne sich bei jedem Thema als solcher beweisen, nicht nur in Helden-Epen und ländlicher Naturromantik. Und wir fügen hinzu: Das gilt sogar für ein Gedicht über einen banalen Froschteich:

Willst du dich als Dichter beweisen,
So musst du nicht Helden noch Hirten preisen.
Hier ist Rhodus! Tanze, du Wicht,
Und der Gelegenheit schaff ein Gedicht!

In diesem Sinne kann es Goethe also eigentlich nicht gutheißen, dass die Frösche gar nicht daran denken, sich zu beweisen, dass sie die Umsetzung des Nachtigallen-Gesangs nicht wenigstens versuchen.

Für den Schriftsteller Goethe bestätigen diese Verse allerdings auch, dass er seine Gedichte jeweils aus der konkreten Anschauung des Gegenstandes heraus entwickelt, und nicht aus irgendeiner schon vorher feststehenden „Gesamtaussage“ seines Schaffens, die dann in Lehrtexten verbreitet werden kann. Das hält das Werk und seinen Autor lebendig.

… und die Frösche als Schuster?

Andererseits: Wenn die Frösche sich anmaßen, etwas zu können, was sie gar nicht leisten oder erreichen können, trifft auf sie das Sprichwort zu, „Schuster, bleib bei deinem Leisten“.6 Übersetzt etwa: „Bleibe selbstbescheiden bei dem, was du wirklich kannst, und bei deinen Möglichkeiten.“ Das entspricht auch der Auffassung des römischen Schriftstellers Terenz:7
„Da ja nicht geschehen kann, was ihr euch wünscht, so wünscht euch, was möglich ist.“

Was darf man wünschen? Was darf man anstreben?

Lob der Mäßigung

Heraklit8 war da noch rigoroser: „Es ist nicht gut, wenn den Menschen alle ihre Wünsche erfüllt werden“. Das entspricht der philosophischen Grundhaltung im klassischen Altertum, nämlich allgemeine Mäßigung in Zielsetzungen und Lebensführung, im Planen und Handeln.9 Der Grieche Epikur10 etwa meinte: „Wenn du einen Menschen glücklich machen willst, dann füge nichts seinem Reichtum hinzu, sondern nimm ihm einige von seinen Wünschen“. Er hätte die Frösche vermutlich nicht für das Aufgeben ihres Vorhabens getadelt, sondern für das Aufstellen des Vorhabens. Gelobt hätte er sie für ihre – wenn auch späte – Einsicht. Und sein römischer Follower Seneca erläutert: „Nicht wer wenig hat, sondern wer viel wünscht, ist arm.“11

Frösche im Frühling, aus der Winterstarre erwacht
Frösche am großen Teich, nicht singend

Lob des Strebens nach Vervollkommnung

Allerdings stammt aus der griechischen Antike auch das Ideal der eigenen Selbstvervollkommnung. Das hat die deutsche Klassik übernommen, allen voran Goethe, etwa gefasst in seiner zum geflügelten Wort gewordenen Verszeile
„Edel sei der Mensch, hilfreich und gut“.12
Und auch ansonsten ist wunschloses Glück oder zumindest Bescheidenheit13 nicht durchweg seine Sache. So lässt er Faust sagen:
„Ich bin zu alt, um nur zu spielen,
Zu jung, um ohne Wunsch zu sein.“
14
Denn, um wieder mit Goethe zu sprechen,
„Unsere Wünsche sind Vorgefühle der Fähigkeiten, die in uns liegen, Vorboten desjenigen, was wir zu leisten imstande sein werden.“
Demnach wären die Frösche lächelnd dafür zu tadeln, dass sie ihren gefassten Entschluss zur Selbstvervollkommnung so umstandslos, ohne jeglichen Versuch, fallen lassen. Es gilt, seinen Vorsätzen treu zu bleiben. Ein etwas jüngerer Zeitgenosse Goethes aus Wien drückt es so aus:
„Laß schreien die Frösche, Raben und Narren,
In deinem Vorsatz sollst du beharren.“
15

Not hilft wünschen, wünschen hilft in der Not

Um einer Not zu entkommen, ersinnt man vieles, auf das man sonst nie käme. Oder wie das Sprichwort sagt, „Not verleiht Flügel“. Der Aufklärer Goethe drückte es bei Gelegenheit distanziert so aus: „Noth lernt beten, sagt man“16 Und im Volksmund gibt es auch das sprichwörtliche „Kapellen Bauen“. Das meint wörtlich das Versprechen, Gott eine Kapelle zu stiften, wenn man der Not entkomme, oder eben allgemeiner ein besserer Mensch zu werden oder etwas außergewöhnlich Gutes zu tun. Die Wendung enthält allerdings auch, dass dann nur äußerst selten wirklich eine weitere Kapelle die Landschaft ziert; fast alle „Kapellen“ sind vergessen, sobald die Not vorüber ist.

Auf der anderen Seite wissen wir, dass gerade in Notsituationen Wünsche und Hoffnungen, auch unrealistische, häufig das Überleben gesichert haben. Und oft entstand die beste Literatur gerade in sehr bedrängten und bedrohlichen Lebenslagen. Nicht selten stellt die Literatur gegen die harte Realität eine eher phantastische Perspektive der Hoffnung.17 In vielen Situationen und literarischen Verarbeitungen hat der mit Hoffnung verbundene Wunsch dabei geholfen, den Lebensmut nicht zu verlieren und sich neu auszurichten. Insofern hat der unrealistische Wunsch der durch das Eis bedrohten Frösche seine Berechtigung: als Mittel zur Erhaltung des Lebenswillens. Spott ist da unangebracht.

Über so genannte gute Vorsätze, besonders zum Jahreswechsel, gibt es im allgemeinen jede Menge mehr oder minder tiefsinniger geflügelter Worte, die sich auf Kalenderblättern tummeln. Sie beziehen sich meist schlicht auf verstrichene Zeit, die den Vorsatz verblassen lässt. Darunter auch das Sprichwort: „Der morgige Tag ist der Friedhof der guten Vorsätze von heute.“ Diese Ansicht aber kann Goethe, wie wir gesehen haben, nicht ungeteilt übernehmen. Jedenfalls nicht für sich und seinesgleichen.

Oder doch nur Jahreszeiten und Biologie?

Goethe war bekanntlich auch Naturforscher. Er wusste, dass sich seine „Fröschlein“ nicht wirklich in einer ausweglosen Situation befanden. In vorindustriellen klimatischen Verhältnissen war es vielmehr noch die Regel, dass Teiche im Winter zufroren. Als Kaltblütler fielen die Frösche in Winterstarre, um bei Tauwetter und warmem Frühling wieder quicklebendig zu werden. Wir wissen allerdings nicht, inwieweit Frösche das wissen. Immerhin sah auch Goethe sie im Gedicht mitfühlend „in der Tiefe verloren“. Träfe auf sie dann die fast schon sprichwörtlich gewordene Weisheit zu, „Wenn die Nacht am tiefsten ist, ist der Tag am nächsten“?18 Für eine Interpretation der vorliegenden Goethe’schen Verse wäre diese Sentenz aber doch eher unzutreffend, weil sie das zentrale Thema unberücksichtigt ließe, nämlich den guten Vorsatz der Frösche und seine realistische Umwandlung.

Noch viel mehr verfehlte eine christlich religiöse Formulierung das Thema, etwa das Sprichwort: „Wenn die Not am größten, ist Gottes Hilf‘ am nächsten“.19 Denn regelmäßig wiederkehrende Jahreszeiten sind nur schwerlich als Hilfe Gottes zu interpretieren, und von Zukunftsplänen ist auch hier keine Spur.

Sind Frösche Menschen?

Nach Ansicht der antiken und später dann der europäischen Klassik, namentlich auch der von Goethe, ist das Streben nach Vollkommenheit eine Eigenschaft des Menschen, die ihn vom Tier unterscheidet. So fährt Goethe in seinem zuvor erwähnten Gedicht fort:

Edel sei der Mensch,
Hilfreich und gut!
Denn das allein
Unterscheidet ihn
Von allen Wesen,
Die wir kennen
20

Entfernt kann man da eine Verbindung zu einem altrömischen Sprichwort herstellen: „Quod licet Iovi, non licet bovi“,21 sinngemäß etwa: „Was der Mächtige darf, darf der Normalsterbliche deswegen noch lange nicht.“ Wobei in unserem Zusammenhang „darf“ durch „kann“ zu ersetzen wäre – und der Gott Jupiter durch den nach Höherem strebenden Menschen.

Goethe gilt als Vertreter des Strebens nach edler Selbstvollkommenheit
Goethe: Den höheren Wesen gleiche der Mensch

Menschen und Genies

Denn bei Goethe überschreitet das Streben nach Vervollkommnung das verbreitete, normal menschliche Maß. Nicht die statistische Ottilie Normalverbraucher, sondern der nach seinem göttlichen Genius suchende Mensch ist seine Maßgabe. So fährt jenes Gedicht „Das Göttliche“ in der 2. Strophe fort:
Heil den unbekannten
Höhern Wesen,
Die wir ahnen!
Ihnen gleiche der Mensch;
Sein Beispiel lehr uns
Jene glauben.

Die Menschen sollen nicht nur hilfreich und gut sein, sondern göttergleich. Nicht mehr und nicht weniger. Da wären vielleicht nicht nur die Frösche, sondern auch „normale“ Menschen wie du und ich raus aus dem Spiel. Auch über sie und uns, die situativ Vorsätze fassen und fallen lassen, die Wünsche der Realität anpassen, könnte sich das Gedicht spöttisch erheben.

Hochmut im Auge des Betrachters

In unserer Interpretation des Textes fehlt noch das Sprichwort „Hochmut kommt vor dem Fall“.22 Das geht davon aus, dass jemand hochmütig ist, d.h. sich besser als andere dünkt. In dieser überheblichen Selbstüberschätzung werde er früher oder später einen Fehler machen und eine Niederlage erleben, sagt das Sprichwort in heutiger Auffassung. Der Misserfolg stelle ihn bloß: Alle merken, dass er doch nicht besser ist als die anderen. Auch er selbst erfährt es schmerzlich und schämt sich vielleicht sogar für seine Überheblichkeit. Trifft das alles auf die Frösche zu? Immerhin wollen sie doch den Nachtigallen gleichen, so wie Goethe den Göttern?

Für diese Ansicht braucht es schon ein sehr hierarchisches Weltbild: Frösche gehören quakend in den Teich und nicht singend auf die Bäume, welch eine Anmaßung! In dem Gedicht ist davon aber nicht die Rede. Die Frösche wollen nicht wie die Nachtigallen sein oder gar besser. Sie wollen auch keine Bewunderung. Sondern sie wollen offenbar einfach für sich selbst schön singen, wenn sie wieder die Luft dazu haben. Das mag Selbstüberschätzung sein, so wie man manchmal glaubt, „Bäume ausreißen zu können“, aber Lebensfreude ist kein Hochmut.

Daher erleben die Frösche auch keinen „Fall“ oder eine schmerzliche Niederlage, als sie feststellen, dass sie nicht singen können. Vielmehr sind sie mit ihrem vorherigen Leben samt Quaken geradezu beneidenswert zufrieden. Epikur würde vielleicht sagen: „Siehste? So geht’s!“23 Eine Niederlage gäbe es nur im Auge eines Betrachters, der schon den Wunsch, lebensfroh zu singen, als unverschämt anmaßend ansieht. Ein solch missgünstiger Beobachter würde dann den Misserfolg der Frösche mit hämischer Freude registrieren. Diese Sichtweise wäre auch keineswegs „edel“ in Goethes Sinne, sondern niedrig. Sie würde also eher den Betrachter entlarven als die grundlegend genügsamen Frösche.24

Menschen und Möglichkeiten

Inwiefern für den Menschen, gerade auch in Goethes „Faust“, genialisches, unmäßiges Streben – sei es nach Erkenntnis, sei es nach Erleben – wirklich ins Glück führt, ist Gegenstand vieler Interpretationen und ganzer Bücher über das Goethe’sche Schauspiel. Die Auseinandersetzung darüber findet im literarischen Bereich ihre Fortsetzung in der Diskussion um Hölderlin und folgend um Nietzsche. Um aus seiner Mittelmäßigkeit herauszukommen, schließt Goethes Faust immerhin einen Pakt mit dem Teufel für seine rast- und maßlose, tendenziell elitäre geistige Welteroberung.25 Und letztlich stürzt er sich – und kollateral Gretchen – damit ins Verderben. In Antithese dazu stünde eine Haltung der kontemplativen Freude und Selbstgenügsamkeit, wie sie der altersweise Goethe im Lied des Türmers Lynkeus zum Ausdruck bringen lässt.26

Es bleibt also die Überlegung, ob die Mahnungen der alten Philosophen nicht doch berechtigt sind. Der antike Dramatiker Sophokles warnt vor der Fähigkeit des Menschen, in seinem Planen und Handeln Großes, aber auch Schreckliches hervorbringen zu können. Er drückt das zentral mit dem vieldeutigen Adjektiv „δεινός“ aus: Dessen Bedeutung reicht von „großartig“ über „mächtig“, „viel vermögend“, „gewaltig“ bis zu „ungeheuerlich“ und „schrecklich“. So eben sei der Mensch: „Ungeheuerlich ist vieles, und nichts ist ungeheuerlicher als der Mensch“.27

Der Frosch, ein gewöhnliches Tier ohne Ambitionen
Frosch im Hier und Jetzt

Den Fröschen kann das egal sein. Sie kennen keinen Fortschritt durch Verfügbarmachung der Welt, sondern quaken „wie vor alter Zeit“. So verweisen sie auf eine andere Art von Glück.28

Anmerkungen, Quellen, Erläuterungen

  1. Etwa zusammen mit dem harmlos sich gebenden „Winter Ade“ von Hoffmann von Fallerleben, dessen politisch-kritische Schmuggelware traditionell regelmäßig übersehen wird.
  2. In der einschlägigen sechsbändigen Ausgabe der Goethe Werke, Frankfurt/M. (Insel-Verlag) 1965 [unter Literatur-Nerds auch „Insel-Goethe“ genannt], Erster Band, Gedichte und Versepen, erscheint das Gedicht übrigens ohne Überschrift als Teil einer größeren Sammlung von Versen, dort S. 191. Im Netz ist es oft mit der Überschrift „Die Frösche“ versehen, die aber nicht von Goethe stammt.
  3. Goethe, Maximen und Reflexionen. Aphorismen und Aufzeichnungen. Nach den Handschriften des Goethe- und Schiller-Archivs hg. von Max Hecker, 1907. Aus dem Nachlass. Über Literatur und Leben
  4. nicht Sprichwort, weil es als solches keine allgemeine Weisheit enthält
  5. Äsop war eher eine legendäre als eine reale Gestalt. Wenn, dann lebte er vermutlich im 6. Jahrhundert v.Chr. im griechischen Sprachraum. Viele vermuten in ihm einen ehemaligen Sklaven. Dem Äsop werden zahlreiche, auch heute noch beispielhafte und vielzitierte Fabeln und Gleichnisse zugeschrieben. (z.B. Der Fuchs und die Trauben, Der Fuchs und der Rabe, Stadtmaus und Landmaus u.v.a.m.) Zumindest einige Fabeln aus dieser Zeit dienten aber auch der Erziehung des persischen Königsnachwuchses und haben von dort auch ihren Weg nach Südostasien gefunden.
  6. Im alten Schuster-Handwerk wurden Schuhe um einen „Leisten“ herum zugeschnitten und zusammengenäht. Es handelte sich bei diesem zentralen Arbeitsmittel um ein längliches Stück Holz, das die (innere) Form und damit auch die Größe des Schuhs bestimmte. Der Schuster soll also bei dem Handwerk(szeug) bleiben, das er beherrscht, und bei seinem Maß.
  7. Terenz, eigentlich Publius Terentius Afer, lebte 195-159 v.Chr.
  8. Heraklit oder auch Herakleitos von Ephesos, Philosoph, 540-480 v Chr. Ihm wird das geflügelte Wort πάντα ῥεῖ  /panta rhei, alles fließt zugeschrieben.
  9. Genaueres zum Prinzip der Mäßigung im antiken Griechenland findest du anschaulich im Cosmiq-Artikel über Phaeton und Volkswagen.
  10. Epikur ist vielleicht der bis heute umstrittenste, aber auch interessanteste Philosoph der Antike. Vielen seiner Kritiker, namentlich seines „Lustprinzips“, könnte man die Lehrerweisheit entgegenhalten, „Wer lesen kann, ist schwer im Vorteil“, jedenfalls wenn er diese Fähigkeit dann auch anwendet.
  11. Lucius Annaeus Seneca, genannt der Jüngere. Im Grundsatz war Seneca allerdings Stoiker, weniger Epikureer. Der Machtmensch Caesar sah das Thema im übrigen genau umgekehrt: „Die Menschen glauben fest an das, was sie wünschen.“ Um voranzukommen und Menschen zu leiten, ist mithin der mächtige Wunsch Triebkraft und Mittel. In heutigen Schulungen von Vertretern, etwa für Versicherungen oder „erklärungsbedürftige Produkte“, wird die Vergegenwärtigung und Festigung von materiellen Wünschen mittels NLP als Mittel eingesetzt, durch alle Zweifel hindurch die Motivation zu immer größeren Umsatz- bzw. Abschlusszahlen zu stählen. Etwa so: „Stelle dir dein Traumauto genau vor! Welche Farbe hat es? Wie riecht es?“ usw. „Willst du dieses dein Traumauto unbedingt besitzen? Ja? Dann willst du alles dafür tun?“ usw.
  12. J.W Goethe, Anfangszeilen des Gedichts Das Göttliche in: Goethe Werke, Erster Band, Gedichte und Versepen, Frankfurt/M. (Insel-Verlag) 1965, S. 181
  13. Wie z.B. in seinem altersweisen Lied des Türmers. Der Türmer Lynkeus verkörpert in Goethes Alterswerk Faust II gleichsam das kontemplativ genügsame Gegenbild zum rastlos strebenden, die Natur bezwingen wollenden Faust. Er bleibt aber vergleichsweise marginal.
  14. Faust I (1808), Studierzimmer.
  15. Johann Nepomuk Vogl, 1802-1866. Das Zitat stammt aus J.N. Vogl, „Fruchtkörner“, Wien 1830
  16. „Noth lernt beten, sagt man; wer beten will lernen, der gehe/ Nach Italien; Noth findet der Fremde gewiß“ [Goethe, Venezianische Epigramme, Nr. 17]
  17. In fast willkürlicher Auswahl könnte man hier benennen: Den Roman von Jurek Becker, Jacob der Lügner, wo erfundene Radionachrichten im jüdischen Ghetto den Überlebenswillen aufrechterhalten; ähnlich, mit bewusster Lüge zum Überleben, die Kurzgeschichte von Wolfgang Borchert, Nachts schlafen die Ratten doch! Den frühen Roman von Franz Kafka, Amerika als allegorischer Zufluchtsort für alle Hoffnungslosen; bei Libuše Moníková, Die Fassade, findet die Suche nach Befreiung von einer bedrückenden gesellschaftlichen Realität erst in handwerklichen Phantasiegebilden statt und später in einer zunehmend phantastischer werdenden Reise zu Ursprünglichem; bei Maxim Gorki, Die Mutter, glaubt diese nicht wirklich daran, die ersehnte neue Gesellschaft noch zu erleben, strebt sie aber trotzdem an. Unwahrscheinliche Liebesgeschichten bilden oft den hoffnungsvollen Gegenpol zum mörderischen Krieg, etwa in Dschingis Aitmatow, Dshamilja (und zum nachfolgenden final paranoiden Terror Stalins), sowie, heroisierender, Ernest Hemingway, Wem die Stunde schlägt. Hannah Ahrend berichtet, dass ein einziges Brecht-Gedicht wie ein Lauffeuer durch die Flüchtlingslager ging, neuen Mut verbreitet habe wie eine „frohe Botschaft“ für die vor dem Faschismus Geflohenen „auf den Strohsäcken der Hoffnungslosigkeit“. Hoffmann von Fallersleben musste im damaligen „Winter“ der politischen Reaktion seine Hoffnung auf einen demokratischen Frühling gar in Kinderliedern verstecken; und auch Heine nennt sein Deutschlandlied nicht von ungefähr ein „Wintermärchen“, da auf den Winter bekanntlich unweigerlich der Frühling folgt. Auch bei Goethes Zeitgenossen war die Hoffnung, gerade die politische, immer wieder Thema, sei es eher bitter ironisch wie bei J.M.R. Lenz, Der Hofmeister, sei es rebellisch wie bei Schiller, Die Räuber. Im griechischen Altertum formulierte Aristophanes gegen die brutale Realität des Peloponnesischen Krieges in seinen Komödien phantastische Perspektiven der Hoffnung: etwa in Die Archaner, wo ein vom Krieg geschädigter kleiner Bauer für eine Handvoll Drachmen kurz entschlossen seinen Privatfrieden mit dem feindlichen Sparta schließt, materiell gegründet auf die jährliche Lieferung eines Fasses Wein, oder in der bekannteren Komödie Lysistrata, wo die Frauen durch einen frontübergreifenden sexuellen Generalstreik den Männern den Frieden aufzwingen. – Genug, wir wollen hier kein neues Literaturlexikon aufmachen.
  18. Diese Formulierung ist ursprünglich eine Gedichtzeile des vietnamesischen Revolutionärs und Staatsmanns Ho Chi Minh. Sie wurde so auch als Songtitel der Rockgruppe Ton Steine Scherben übernommen. Allerdings war Ho Chi Minh nicht der Erfinder des Gedankens. So formulierte ein Thomas Fuller in Pisgah Sight bereits 1650: „It is always darkest just before the day dawneth.“
  19. Eine ehedem populäre, der deutschen Romantik entstammende Version davon lautet: „Wenn die Not aufs Höchste steigt, Gott der Herr die Hand uns reicht“. So heißt es im Schluss-Quartett und -Chor einer Oper von Engelbert Humperdinck (1893). In ihr befreien sich, getreu dem Grimmm’schen Märchen, Hänsel und Gretel, indem sie die Hexe „klassisch“ im Ofen verbrennen (dazu kommentiert Gretel, in Retourkutsche auf vorherigen, nicht minder derben Hohn der Hexe: „Und bist du dann drin, schwaps!geht die Tür, klaps! Du bist dann statt Gretelchen… ein Brötelchen!“). Es sind dort die vielen „Kuchenkinder“, die, wie zuvor Gretel, nun durch Hänsels Beendigung des Hexenbanns ihre „Gliederstarre“ wieder verlieren. Die Schlusszeile mit Verweis auf Gottes Hilfe wirkt auch bei dieser eher gewaltgeneigten Handlung etwas angeklebt.
  20. Goethe, Das Göttliche, siehe oben Anm. 12
  21. wörtlich übersetzt: „Was Jupiter erlaubt ist, ist dem Rind nicht erlaubt.“ Es handelt sich übrigens um ein Lieblingszitat des mächtigen Nachkriegspolitikers Franz Joseph Strauß.
  22. Es stammt, wie viele Sprichwörter und geflügelte Worte, aus der Bibel: Sprüche Salomons, Kap. 16, Vers 18. Dort heißt es laut Lutherbibel: „Wer zu Grunde gehen soll, der wird zuvor stolz; und Hochmut kommt vor dem Fall.“
  23. „Denn besser ist es, wenn beim Handeln der rechte Entschluß nicht zur rechten Erfüllung kommt, als wenn ein unrechter Entschluß durch den Zufall zu rechter Erfüllung gelangt.“ [Epikur, Brief an Menoikeus]
  24. Eher noch ist die Beschreibung der „Fröschlein“ durch den Aufklärer Goethe geeignet, sie von ihrem aus dem Alten Testament der Bibel noch nachhallenden schlechten Ruf als „unrein und mit der Sünde verbunden“ sozusagen reinzuwaschen.
  25. Bei den Soldaten im 2. Weltkrieg war der Ausspruch aus einer Propaganda-Rede ihrer nationalsozialistischen Führung verbreitet, dass im Felde „jeder deutsche Soldat seinen ‚Faust‘ im Tornister“ bei sich trage. Das war physisch und in bezug auf das vorherrschende geistige Niveau bei den Truppen wohl kaum zutreffend, aber die Auswahl des propagierten Textes durch die Nazi-Ideologen war auch hier alles andere als zufällig.
  26. Sein Lied beginnt mit „Zum Sehen geboren/ Zum Schauen bestellt“. Da heißt es am Ende: „Ihr glücklichen Augen, was je ihr gesehn/ Es sei wie es wolle/ Es war doch so schön.“ [Lied des Türmers in Faust II, siehe Anm. 13]
  27. im Original: Πολλὰ τὰ δεινὰ, κοὐδὲν ἀνθρώπου δεινότερον πέλει [Sophokles, „Antigone“, Vers 332]. In einigen Übersetzungen wird δεινός [„deïnós“] mit „ungeheuerlich“ übersetzt, in anderen mit „gewaltig“.
  28. Anmerkung exklusiv für Lehrer*innen: Unterrichtsidee: Verteidigung der Frösche – in Gruppenarbeit oder als (Gruppen-)Rollenspiel. Die „Anklage“ in etwa: „Ihr Angeber! Erst große Töne spucken, und dann kommt null. Ihr kriegt anscheinend gar nichts auf die Kette, ihr Loser! Ihr seid voll peinlich für die gesamte Tierwelt …“ Schritt 1: Sammelt Argumente aus dem Gedicht und seinen möglichen Bedeutungen…