Eine Schlange am Kreuz oder einem Pfahl in einer christlichen Kirche? Normalerweise erwartet man in der Kirche doch einen Jesus am Kreuz, aber keine gekreuzigte Schlange. Dennoch gibt es Bilder von einer riesigen Schlange am Kreuz in einigen christlichen Kirchen. Genauer: meist an einem hohen Pfahl mit Querstange. Wie kommt das und was soll das? Hatte der Künstler eine Schlangenphobie? Wollte man lehren, dass auch fiese Schlangen Geschöpfe Gottes seien? Nichts von alledem. Die Schlange am Kreuz oder Pfahl kommt tatsächlich ganz offiziell in der Bibel vor. Sowohl im Alten Testament als auch im Neuen Testament. Aber was soll die Schlange am Kreuz oder kreuzähnlichem Pfahl bedeuten? Bei genauerer Betrachtung kann man Interessantes auch über das Funktionieren von Religion, die Geschichte und die Erziehung erfahren.

Wo man die Schlange am Kreuz besichtigen kann

Zunächst: Ja, es gibt sie, ganz offiziell: Bilder oder Reliefs mit einer Schlange am Kreuz – meist an einem Pfahl mit Querstange. Sie finden sich zum Beispiel in der Kirche von Odense (Altarbild). Als Teil des Chorgestühls der Kathedrale von Roskilde. In der evangelischen Kirche in Ehningen (Böblingen). Auch in der Schlosskapelle von Schwerin. Die Kirche von Taubenheim (Kreis Meißen) hat sie sogar groß unter der Kanzel, von der gepredigt wird. In Köln und Reims sowie in vielen alten Bibelillustrationen. Recht bekannt ist auch das Gemälde von P.P. Rubens von ca. 1635 mit diesem Thema. Meist hängen die Schlangen dort an einem Pfahl mit Querstange, einem Gabelholz oder T-Kreuz. Diese gelten jedoch in der Tradition der christlichen Symbolik erweitert ebenfalls als Rettungszeichen.1 Die „Schlange am Pfahl“ ist mit Recht übertragen als „Schlange am Kreuz“ anzusehen. Auch das wird der folgende Text zeigen.

Erhöhung der Schlange im Alten Testament

Die erste Hälfte der Erklärung für die Schlange am Kreuz oder Pfahl findet sich im Alten Testament der Bibel. Dort2 wird berichtet, wie das Volk Gottes in seinem Zug durch die Wüste maulig wurde und nörgelte: über den langen Weg, über die schlechte Versorgungslage: kein Brot, kein Wasser, das Essen sei eklig mager… Deshalb wurde es zur Strafe von vielen giftigen Schlangen befallen, und viele wurden getötet. Ihr Anführer Moses, der das Privileg hatte, direkt mit Gott zu reden, sollte diesen fragen, was zu tun sei. Seine Antwort war, dass er eine eherne (bronzene) Schlange hoch an einem Pfahl errichten solle. Die Gebissenen sollten die Schlange am Kreuz „anblicken“ , dann würden sie nicht sterben. Was man dann natürlich auch tat.3 Immerhin also sollten sie die Schlange nicht anbeten – das würde ja auch gegen das Erste Gebot verstoßen4 –, aber doch immerhin zu ihr aufblicken. Der Anblick dieses abstoßenden Tieres hoch am Pfahl in Kreuzform war offenbar als Sühne für die Auflehnung gemeint. Zur Strafe für Auflehnung wird man mit dem Tod – hier: tödlichem Schlangenbiss – bedroht. Als Sühne muss man sich unterwerfen und – statt zu Gott? – zur Schlange emporschauen.

Kritik und Nörgelei: Schlangen befallen das Volk - Schlange am Kreuz befreit vom Tod
Altarbild St. Knuds Kirche, Odense (Dänemark): Bestrafung durch Schlangen und Erlösung durch die Schlange am kreuzförmigen Pfahl

Das Erziehungs- und Herrschaftsprinzip

Unglück und Plagen als göttliche Strafe anzusehen, war und ist seit jeher Grundstroff jeglicher Religion. Sie hat ihren Ursprung in der Angst vor nicht beherrschten Gefahren der Natur und der Umwelt. Der beschriebene Mechanismus war Jahrhunderte lang Grundlage herkömmlicher christlicher Erziehung: Auf falsches Verhalten folgt die Strafe. An ihr erkennt man, dass man falsch gehandelt habe und sich künftig anders verhalten müsse.

Das Prinzip dieser Erziehung ist als „Aktion-Reaktion“ bekannt. Die Lehre im vorliegenden Fall scheint klar: Man nörgelt nicht, wenn es einem mal nicht so gut geht, schon gar nicht gegen den göttlichen Ratschluss, sondern hält den Mund. Auch wenn man ihn nicht versteht, so wird er doch immer zum eigenen Besten sein. Denn vor und nach dieser Szene lässt Gott in der Bibel, wie oft im Alten Testament, sein Volk dessen Feinde besiegen und erschlagen, ihr Land erobern. Entbehrung soll demnach durch Überleben und Sieg belohnt werden, lautet die Schlussfolgerung.

Dass Moses als Führer seines Volkes zugleich als Vermittler zu deren Gott erscheint, ist sozusagen ebenfalls der religiöse Normalfall. Nicht nur die damaligen Pharaonen und fernöstliche Kaiser, sondern auch später der Papst als Oberhaupt der Kirche und von ihm eingesetzte Kaiser, Könige usw. begründeten ihre Herrschaft gegenüber ihrem Volk damit, dass sie Träger, Vermittler und Verkünder eines göttlichen Willens seien. Gegen ihn dürfe das Volk sich nicht auflehnen und folglich auch nicht gegen seine Übermittler. Beiden gegenüber ist Gehorsam geschuldet. Abbild dieser Gesellschaftsordnung im Großen ist nach herkömmlicher kirchlicher Auffassung im Kleinen letztlich die Stellung des Vaters in der Familie. Demnach scheint der Sinn solcher Schlangen-Abbildungen in den Kirchen recht klar: Die Kirche fordert Gehorsam und Duldsamkeit gegenüber der (gesellschaftlichen und familiären) Obrigkeit ein und droht widrigenfalls drastisch mit göttlicher Strafe. So weit ist die Story von der Schlange am Kreuz sozusagen ein normaler Vorfall zum Thema Religion. Genauer: in ihrer Funktion als Herrschaftsinstrument – im Gegensatz zur Funktion der Religion als Medium der Erkenntnis und Sinngebung5.

Unterwerfung unter die Schlange im Königsdom von Roskilde
Schlangenstrafe und Schlangenanbetung im Dom von Roskilde (Chorgestühl), wo die dänischen Könige als weltliche Obrigkeit in ihren prachtvollen Grabstätten verehrt werden. 6

Wiederaufnahme im Neuen Testament: Jesus und die Schlange am Kreuz

Aber das ist eben nur die eine Hälfte der Erklärung von der Schlange am Kreuz. Die andere Hälfte findet sich im Neuen Testament der Bibel. Also in der ausdrücklichen und ausschließlichen Lehre Christi und der christlichen Kirche. Und dort wird es richtig befremdlich. Da heißt es nämlich im Evangelium des Johannes7, „Und wie Mose in der Wüste die Schlange erhöht hat, so muss der Menschensohn [Jesus] erhöht werden, auf dass alle, die an ihn glauben, das ewige Leben haben.“

Wie bitte, nochmal genau lesen: Die Schlange, im christlichen Schrifttum Sinnbild der Arglist und Sünde, wird mit Jesus, dem Sohn Gottes, nicht nur verglichen, sondern Jesus soll gleichermaßen wie die Schlange „erhöht“ werden? Will im letzten Halbsatz sagen, „Wer zur Schlange aufblickt, entgeht dem Tode, und ebenso auch, wer zu Jesus aufsieht, erhält das ewige Leben“? Und nebenbei: Beim Teilsatz davor muss man sich auch schon mal fragen, ob die Todesfolter durch Kreuzigung für den Betroffenen wirklich als Erhöhung zu verstehen ist. Und nicht als – wenn auch möglicherweise religiös notwendiges – Erleiden.

Uuhps, ist die christliche Religion vielleicht doch Vielgötterei?

Am einfachsten scheint die Sache auf den ersten Blick für den naiv gläubigen braven Moslem zu sein. Ihm schwante schon lange, dass diese Christen eigentlich doch keine richtig Gläubigen sind, die nur einen Gott haben. Sondern insgeheim, sozusagen verdeckt, mehrere anbeten wie andere Ungläubige auch: Vater, Sohn, Heiliger Geist (keiner weiß genau, wer oder was das sein soll), Jungfrau Maria, diverse Heilige… und jetzt eben auch noch eine Schlange. Kein Wunder! Diese merkwürdigen Christen schrecken doch noch nicht einmal davor zurück, ein blutiges, fast nacktes Folteropfer riesengroß öffentlich zur Schau zu stellen und anzubeten. Und zwar ausgerechnet in ihrer Kirche, dem Ort, wo sie zum innigen, unabgelenkten Zwiegespräch mit dem Allmächtigen Gott finden sollen!

Achtung, liebe/r Leser/in, das war eine klischeehafte Überzeichnung zur Veranschaulichung. Nicht nur gebildete Christen, sondern auch viele kluge Moslems über dem Niveau einer bayrischen Dorfkirche des vorigen Jahrhunderts (sorry, nochmal Klischee/Überzeichnung) wissen jene Dreifaltigkeit sehr wohl zu deuten und zu erklären. Andere weisen darauf hin, dass es sich dabei – und beim Marienkult – vermutlich wirklich um eine versöhnende Angleichung an die populären göttlichen Dreifaltigkeiten in vorchristlichen Religionen handeln könnte. Diese verkörperten die Grundelemente vieler Religionen: Entstehen, Vergehen und Ewigkeit. Bis etwa zum 12. Jh. wurde die Schlangen-Legende und ihre bildhafte Darstellung im Christentum auch eher vermieden.8 – Diese „Erhöhung“ einer nicht-göttlichen Figur, einer Schlange gar, schien im frühen Christentum eher befremdlich. Und man wollte sich bei Freund und Feind eben nicht dem Missverständnis der Schlangen-Anbetung aussetzen.

Schwierigkeiten bei der Erklärung der erhöhten Schlange

Für Christen, die ihren Glauben genau erforschen wollen, ist die Deutung der am Kreuz oder am kreuzförmigen Pfahl erhöhten Schlange analog zu Jesus in der Tat nicht ganz so einfach. Im christlichen Schrifttum hat die Schlange bekanntlich einen ziemlich schlechten Ruf.9 Sie ist in der christlichen Lehre zwar klug, mitunter gar das klügste Tier überhaupt, aber auch listig und gar ungehorsam. Die Schlange verführt im Paradies die Menschen dazu, vom Baum der Erkenntnis zu essen, was Gott aber ausdrücklich verboten hat. Der verflucht sie daher zur ewigen Feindschaft mit dem Menschen und dazu, fortan im Staub zu kriechen. In der Tat kann man in einigen Kirchen auch Bilder finden, wo die Schlange vor bzw. während der Verführung noch vier Füße hat. Die Strafreaktion erfolgt ja erst nach der Tat.

Schlang vor dem Sündenfall: Klug, aber ungehorsam. Noch hat sie Beine, bis sie von Gott verdammt wird.
Schlange vor Sündenfall und Verfluchung
(Hugo van der Goes, ca. 1470)

Um so spannender die Frage, warum jener Vergleich mit der Erhöhung von Schlange und Jesus am Kreuz im Neuen Testament ausgesprochen wurde. In einem per Google leider nicht mehr auffindbaren Chat im Umkreis der katholischen Kirche stellt ein offenbar junger Christ fast verzweifelt diese Frage: Wie kann man Gottes Sohn mit der sündigen Schlange vergleichen? Wenn es ein „frommes“ Tier gewesen wäre, etwa ein Lamm, könne er das vielleicht nachvollziehen, aber eine eklige, von Gott verfluchte Schlange?

Die kirchenväterliche Antwort beginnt mit dem Satz „Deine Frage zeigt, dass Du nicht genügend nachgedacht hast“. Das ist die Allzweckwaffe aller Autoritäten: Wenn du an meiner/unserer Wahrheit zu zweifeln wagst, kann das nur an dir liegen, nicht an meiner/unserer Verkündung. Du warst nicht willens oder nicht fähig, um genügend klug, richtig usw. zu denken. Mithin liegt das Problem bei dir, nicht bei mir und meiner Lehre. Wir haben hier sozusagen eine subtilere Form von Aktion-Reaktion vorliegen: Zweifelnde Fragen sind grundsätzlich zu unterlassen, sonst folgt Tadel.

Im Chat kommt gibt es dann aber etwas umständlich eine Variante der in den christlichen Äußerungen allgemein vorherrschenden Deutung. Jesus habe bei seiner Kreuzigung bekanntlich die Sünden der Menschheit auf sich genommen und sei daher für sie büßend gestorben. Die Schlange versinnbildliche jene Sünde, die durch die Übernahme von Jesus gleichsam gereinigt und damit erhöht werde.

Weiterführende Fragen

Offene Fragen zur Sünde

Auch diese Deutung lässt noch etliche Fragen offen, wenn sie denn gestattet sind. Der vorliegende Artikel kann natürlich keine vollständige Interpretation des christlichen Glaubens in allen seinen Varianten bieten. Hier ist selber weiterforschen angesagt. Interessante Fragen dabei könnten im theologischen Sinne sein:

  • Wieso der Tod – der eigene oder der stellvertretende von Jesus – eine Sünde ausgleichen soll, statt zum Beispiel Wiedergutmachung durch gute Taten.
  • Inwieweit die Menschen ihre zu sühnenden Sünden selbst und selbstverantwortlich verschuldet haben. Das heißt auch inwieweit sie in der christlichen Religion überhaupt die Chance hätten, nicht zu sündigen.
  • Warum es – trotz eventueller Erbsünde oder von Gott vorgesehener Sünde – nötig ist, dass Jesus sich opfert, um die Sünde gegenüber Gott zu tilgen. Braucht Gott das? Er hat auch diese Schuldentilgungsaktion mittels seines Sohnes ja selbst geplant und umgesetzt. Oder brauchen seine Kirche und die sie vertretenden Obrigkeiten das ewigwährende Schuldgefühl, das permanent schlechte Gewissen, zum Gehorsam?
Moses erhöht die Schlange, das Volk soll zu ihr aufblicken, um dem Tod - Gottes Strafe - zu entkommen
Der Anführer Moses erhöht seine eherne Schlange: Das Volk soll zu ihr aufblicken, um der Strafe zu entgehen. Hier ohne Kreuz-Symbolik, aber politisch um so gruseliger10

Die Kritik von Giordano Bruno

Der außerordentlich scharfsinnige Theologe, Philosoph und Wissenschaftler Giordano Bruno hat im 16. Jahrhundert eine Szene geschrieben11, in der die (griechischen) Götter sich darüber beraten, dass die Menschen mal wieder herzlich schlecht geworden seien. Einer von ihnen schlägt vor, einen Sohn von ihnen auf die Erde zu schicken. Die anderen Götter wenden ein: „Ach ja, und weil der dann ein paar Kunststückchen vollbringt wie Wasser in Wein verwandeln, Blinde sehend machen, Lahme gehend usw. und sagt, was wir schon immer gesagt haben – davon sollen die Menschen dann besser werden?“ Und sie verwerfen die Idee nach kurzer Diskussion als untauglich. Giordano Bruno meinte, dass derlei Wundergeschichten nur von den wirklich wichtigen Fragen des Glaubens ablenkten. Nicht zuletzt wegen dieser Szene wurde er 1600 von der katholischen Kirche lebendig auf dem Scheiterhaufen verbrannt.12 – Aktion-Reaktion halt.

Alttestamentarisches Erziehungsprinzip im Wandel

Klassisches Erziehungsideal

Zur Zeit der Entstehung des Christentums war das alttestamentarische Prinzip Aktion-Reaktion, Gehorsam und Strafe, keineswegs vorherrschend. Die Erziehung der griechischen Jugendlichen etwa setzte in den verschiedenen Schulen Athens eher auf personale Bindung mit Vorbildwirkung, Belehrung über das Gute-Wahre-Schöne, dialektische Durcharbeitung von Widersprüchen und auf die Ermutigung, Fragen zu stellen.13 Diese Prinzipien wurden im Römischen Reich übernommen, das zur Zeit von Jesus Westeuropa und den Orient beherrschte. Allerdings beruhte die Gesellschaftsordnung in Griechenland und dem Römischen Reich auf Sklavenwirtschaft. In ihr bezog sich jene Erziehung faktisch nur auf die männlichen Sprösslinge der herrschenden Klassen (Adlige, reiche Kaufleute und aus ihren Reihen stammende Politiker)14, die frei von jeglicher Notwendigkeit zur Arbeitsdisziplinierung waren.

Erziehung durch Strafe und Gehorsam in der geschichtlichen Entwicklung

In späteren Jahrhunderten, als das Christentum Staatsreligion in den europäischen Reichen geworden war, galt hingegen das alttestamentarische Ideal von Folgsamkeit und Strafe uneingeschränkt. Insbesondere im aufkommenden Industrialismus wurde es zum herrschenden, die gesamte Gesellschaft durchdringenden Prinzip. Damals mussten zunächst auch Erwachsene mittels Arbeitshäusern an die Disziplin durchstrukturierter, arbeitsteiliger Fertigungsprozesse gewöhnt werden. Und nachfolgend bestimmten in den europäischen Nationalstaaten die maschinendominierte Industriefertigung und allgemeine militärische Mobilisierung die Produktion und die Staatsstrukturen.

Die Abbildung der ehernen Schlange hat geschichtlich eine analoge Entwicklung genommen: Zunächst vorherrschend die ablehnende Haltung zum Schlangensymbol durch das Frühchristentum. Dann aber nahm die Darstellung der erhöhten Schlange mit der Erstarkung mittelalterlicher, christlich begründeter Herrschaftsstrukturen im 12. bis 14. Jahrhundert zu. Etwa im 16. Jahrhundert, am Vorabend der Industriegesellschaft und des Kampfes der europäischen Königreiche um die Vorherrschaft, wurde dann die explizite Symbolik des T-Kreuzes oder Gabelkreuzes mit Schlange vorherrschend.15

Erst im ausgehenden 19. und im 20. Jahrhundert wurde dieses Erziehungs- und Lenkungsprinzip von Gehorsam und Strafe durch verschiedene reformpädagogische Bestrebungen in Frage gestellt.16 Erst sie stellten wieder das individuelle Fördern von Neigungen und Interessen in den Vordergrund. Und erst über 100 Jahre später, mit dem Beginn der postindustriellen Informationsgesellschaft, wird die bis Ende des 20. Jahrhunderts allgegenwärtige, als notwendig angesehene Prügelstrafe zu einem Straftatbestand17.

Erhöhung der Schlange im Krieg
Reliefbild in der evangelischen Kirche Ehningen,18 entstanden vermutlich während des Dreißigjährigen Krieges. In ihm ging es vorgeblich um die richtige (christliche) Religion. Dabei wurde der Krieg als Geschäftsmodell systematisiert.19 Im Hintergrund sieht man links Zelte (Heerlager?), rechts eine Burg/Festungsanlage.

Kontext: Realgeschichtliche Entstehungsbedingungen des Christentums

Jesus lebte in Judäa, einer wie üblich teilautonom regierten Provinz des Römischen Reichs im heutigen Nahen Osten, vertreten durch dessen „Statthalter“. Etwas weniger religiös verklärt kann man die Kreuzigung Christi auch als Hinrichtung eines Rebellen verstehen, der die staatliche Ordnung in Frage stellte, beginnend mit der Autorität der regional herrschenden Priesterkaste. Der gegen soziale Hierarchie, für die Gleichheit aller Menschen aus allen sozialen Stellungen – von Paulus bis zur Prostituierten – auftrat. Er wies darauf hin, dass Gewalt (das Schwert) wieder Gewalt hervorbringt20, und trat für eine pazifistische Grundhaltung ein. Das reichte. Insbesondere für die regionalen Herrschaftsstrukturen und ihre Vertreter, die sich ernsthaft bedroht fühlten. Sie wussten, im Gegensatz zur religiös eher pragmatisch-oberflächlichen römischen Herangehensweise, um die potenzielle Kraft der Religion. Schließlich hatte auch die Macht der ägyptischen Pharaonen auf religiöser Grundlage beruht und war mit ihr gebröckelt.

Zudem forderte die Lehre des Jesus nicht nur die Einhaltung von Regeln ein, sondern eine empathische, von Mitgefühl geleitete Grundhaltung zu allen Menschen, unabhängig von Stand, Stammesherkunft oder Sprache. Sie richtete sich damit auch nicht begrenzt an eine bestimmte Volksgruppe oder ein bestimmtes Staatsvolk. Damit war das Christentum – vom ursprünglichen Grundgedanken her – die erste Religion21, die die innere Einheit ihrer Religionsgemeinschaft oder auch der eigenen staatlichen Organisation nicht durch Abgrenzung herstellen sollte. Nicht dadurch, dass sie sich feindlich zu einer Außenwelt der anderen, Nichtzugehörigen bzw. Nichtgläubigen definierte, sondern durch alle Grenzen überschreitende Liebe. Mithin kann man diesen Aramäer Jesus (in dessen Muttersprache das Wort für Gott übrigens „Allah“ lautet) in unserem Kulturkreis als ersten Stifter einer vom Anspruch her völkerübergreifenden Weltreligion ansehen.

Das ist kein Zufall, sondern gründet sich auf gesellschaftlichen Wandel, genauer auf die Herausbildung großer, zentralisierter, einheitlich verwalteter Reiche. Zum einen im alten Ägypten mit der Stärkung des Pharao gegenüber der Priesterkaste und entsprechender Tendenz zum Monotheismus (Glaube an nur einen Gott), auch über die jüdische Glaubensgemeinschaft hinaus.

Zum anderen im nachfolgenden Römischen Reich. Das Römische Reich ist in unserem Kulturkreis wohl der erste gelungene Versuch, nicht nur mehrere Stämme zu einem Verbund zusammenzuschließen, sondern (natürlich, wie üblich, auch unter Gewaltanwendung) sogar eine völker-, kultur- und sprachübergreifende Staatsorganisation mit regionaler Differenzierung zu schaffen. Von Britannien über Germanien und Spanien bis nach Nordafrika und den Nahen Osten! In heutigen Kategorien (besser gesagt denen des 18. bis 20. Jahrhunderts) ausgedrückt: so etwas wie einen internationalen Staat. Auch Paulus berief sich bekanntlich bei seiner Verhaftung darauf, römischer Bürger zu sein und wollte damit, unabhängig von seiner „Nationalität“, nach einheitlich römischem Recht behandelt werden.22

Vertane Chance?

Zunächst fand die christliche Lehre mit ihrer Botschaft der herkunfts-unabhängigen, übergreifenden Gleichheit und Nächstenliebe (ähnlich dem Buddhismus) Zulauf vor allem bei den sozial Benachteiligten. Überregional verbreitete sie sich besonders stark unter Sklaven, aber auch freien Frauen. Entsprechend wurde sie im Reich bekämpft, ihre Anhänger verfolgt und getötet. Erst Jahrhunderte später entdeckte man den Nutzen, wenn man jene Religion als Staatsreligion vereinnahmte. In der Folge setzte sich nicht nur das Prinzip Aktion-Reaktion in Erziehung und Umgang mit der Bevölkerung entfesselt durch. Vielmehr wurden im Namen Christi bekanntlich unzählige Kriege gegen den jeweils äußeren, selbstverständlich ungläubigen Feind geführt und so die Welt erobert. Zur dazu notwendigen Disziplinierung der Eroberer und Eroberten mag die Drohung mit der Schlange einen Beitrag geleistet haben.

Königsdom Roskilde: Eine Frau wird erschlagen. Bekämpft die Midianiter!
Noch einmal aus der Königsgrab-Kirche Roskilde (Chorgestühl): Pinehas erschlägt eine Midianiterin wegen Verführung.23 Der dazu gehörige Gottesbefehl: „Bekämpft die Midianiter und schlagt sie!“24

Erläuterungen, Quellen und weiterführende Links

  1. Siehe unten. Dabei bleibt das christliche Kreuz in seiner „Originalversion“ natürlich stets ehrfürchtig Christus selbst vorbehalten
  2. Fundstelle im Alten Testament (Fassung Lutherbibel): 4. Mose 21, 14-15: https://www.bibleserver.com/LUT/4.Mose21
  3. Die offizielle Interpretation dieser Bibelstelle im Alten Testament findest du hier: https://www.die-bibel-verstehen.de/zentrale-bibelgeschichten/altes-testament/mose-richtet-die-eherne-schlange-auf.html
  4. Die Zehn Gebote in angemessen modernem Wortlaut findest du auf der Website „Jugendopposition in der DDR“: https://www.jugendopposition.de/lexikon/sachbegriffe/148501/die-zehn-gebote-des-alten-testaments#:~:text=des%20Alten%20Testaments-,Die%20zehn%20Gebote%20des%20Alten%20Testaments,1.
  5. Zur Funktion der Religion für Erkenntnis und Sinngebung gibt es hier auf COSMIQ mehrere Artikel. Z.B. Warum gibt es Religionen: https://www.cosmiq.de/qa/show/1652541/Warum-gibt-es-Religionen/. Und zum Thema Religion und Weltanschauung: https://www.cosmiq.de/qa/show/3634142/Der-Islam-ist-unserer-Weltanschauung-sehr-aehnlich/
  6. Roskilde ist die ehemalige Hauptstadt Dänemarks. In seiner Kirche befinden sich die aufwändigen Grabstätten der dänischen Könige, die bei ihren Besuchern auch heute noch häufig mehr Bewunderung erheischen als die religiösen Kunstwerke um sie herum.
  7. Joh 3, 14.15; Fundstelle: https://www.die-bibel.de/bibelstelle/Jh3,14-15/
  8. Zur Umgehung der Schlangelegende und des Schlangen-Gleichnisses im frühen Christentum: Ursula Diehl, Diss. 1956. https://d-nb.info/1023206099/34
  9. Zur Rolle der Schlange in der Bibel: https://www.bibelwissenschaft.de/wibilex/das-bibellexikon/lexikon/sachwort/anzeigen/details/schlange-1/ch/999994afe4902dbe51e469939be5cc03/#h3
  10. Die Herkunft des Bildes ist unbekannt
  11. Diese Szene von Giordano Bruno findet man in der spannenden Rowohlt-Monografie von Jochen Kirchhoff, Giordano Bruno, Reinbek 1980. Einen Einstieg zu diesem Buch und zu der noch immer unterschätzten, weil zu allen Autoritäten querdenkenden historischen Person bietet ein Artikel seines Autors unter https://www.spiegel.de/spiegel/print/d-15680697.html
  12. Die mildere Variante dieser Strafe war, dass der Henker das Opfer kurz vor dem Anzünden der Flammen erwürgte. Diese „Gnade“ erhielt Giordano Bruno ausdrücklich nicht
  13. Das klassisch griechische Erziehungsideal wird deutlich in den von Platon aufgezeichneten Dialogen des Sokrates und bei Platons Schüler Aristoteles. Deren umfassende Darstellung findest du z.B. erhellend im Buch von Bertrand Russell, Philosophie des Abendlandes, 2. Auflage Zürich 2009
  14. Der römische Patrizier ließ dabei seine Sprösslinge bevorzugt von gebildeten griechischen Sklaven unterrichten
  15. Ausführlich dargestellt in der bereits angeführten Dissertation von Ursula Diehl, Die Darstellung der ehernen Schlange von ihren Anfängen bis zum Ende des Mittelalters, Diss. 1956. https://d-nb.info/1023206099/34. Hier findet sich auch eine differenzierte Darstellung der verschiedenen kreuzähnlichen „Pfähle“ und ihr jeweiliger Bezug zur christlichen Symbolik
  16. Eine wunderschöne Auseinandersetzung mit dem Erziehungsprinzip „Aktion-Reaktion“ bietet unter anderem der französische Spielfilm „Die Kinder des Monsieur Mathieu“.
  17. Zum Verbot der Prügelstrafe im November 2000 siehe https://www.juraforum.de/lexikon/elterliches-zuechtigungsrecht
  18. Das Reliefbild findet sich mit Erläuterung auf einer auch sonst kirchenhistorisch interessanten Website jener Kirche von Ehningen: https://www.kirchebb.de/fileadmin/mediapool/gemeinden/KB_boeblingen/Kirchen_und_Kunst/Entdeckungen/Reliefbilder_Ev_Kirche_Ehningen.pdf[
  19. Unter dem Mantel des Religionsstreits ging es im Dreißigjährigen Krieg zwischen den verschiedenen Königshäusern realiter eher um die Vorherrschaft in Europa, bzw. im Ergebnis um dessen Aufteilung in Einflusszonen. Dabei wurde der Krieg als Geschäftsmodell systematisiert: Refinanzierung des Krieges durch Eroberung und Plünderung. Systematisch pressten die Truppen den örtlichen Einwohnern Geld/Wertgegenstände für die Ausrüstung sowie Nahrungsmittel/Ernte-Erträge für die Truppen-Ernährung ab. Gewalt gegen die Zivilbevölkerung wurde so zum unabdingbaren Bestandteil der Kriegsstrategie. Als Protagonist dieses Systems kann Wallenstein gelten. Das Modell findet auch heutzutage wieder vielerlei Anwendung. Denn dadurch können auch regionale Kriege mit geringem Anfangskapital länger und mit größeren materiellen und menschlichen Ressourcen geführt werden – bis nichts mehr zum Plündern da ist. Zugleich bietet das Modell ein materielles Anreizsystem vor allem für Warlords bzw. Armeeführer (ehedem „Feldherren“). Damit können die Herrscher und Nutznießer selbst im Hintergrund bleiben und jenen Truppenführern die Durchführung und das Risiko des Kriegs überlassen. Zuvor, im Mittelalter hingegen, war der Tod auf dem Schlachtfeld für Könige noch ein statistisch relevantes Berufsrisiko.
  20. Matthäus 26 : 52: „Wer das Schwert nimmt, wird durch das Schwert umkommen“. Aktuelle Bezugnahmen dazu findest du u. a. hier:http://www.sprichwort-plattform.org/sp/Wer%20das%20Schwert%20nimmt%2C%20wird%20durch%20das%20Schwert%20umkommen
  21. Genauer: zusammen mit dem ideengeschichtlich verwandten Buddhismus
  22. „civis Romanus sum“/ „Ich bin römischer Bürger“. Das brachte dem jüdischen Organisator der christlichen Kirche letztlich immerhin die relativ humane Todesstrafe durch das Schwert ein, statt wie Jesus qualvoll gekreuzigt zu werden. Später wurden Christen – unabhängig von ihrer „Nation“ – im Rahmen ihrer Verfolgung in Rom auch bevorzugt im Zirkus von Löwen zerrissen. Oder sie dienten, wie unter Nero, dem Kaiser als lebende Fackel. Weiterführend zum Römischen Bürgerrecht siehe https://de.wikipedia.org/wiki/Civis_romanus_sum
  23. Das Totschlagen ausgerechnet mit einem Schweinekiefer gilt im Alten Testament als besonders herabwürdigend
  24. Nein, diese göttliche Kriegsaufforderung stammt nicht aus dem Koran, sondern aus dem Alten Testament: 4. Mose 25. Den Frauen des Volksstammes der Midianiter wurde unterstellt, dass sie durch sexuelle Annäherung die Kampfmoral des Gottesvolkes untergraben wollten. Eine solche Fraternisierung konnte natürlich nicht zugelassen werden.