Eine Schlange am Kreuz oder einem Pfahl in einer christlichen Kirche? Normalerweise erwartet man in der Kirche doch einen Jesus am Kreuz, aber keine gekreuzigte Schlange. Dennoch gibt es Bilder von einer riesigen Schlange am Kreuz in einigen christlichen Kirchen. Genauer: meist an einem hohen Pfahl mit Querstange. Wie kommt das und was soll das? Sollte die Schlange mit der Kreuzigung bestraft werden? Wollte man lehren, dass auch fiese Schlangen Geschöpfe Gottes seien? Nichts von alledem. Die Schlange am Kreuz oder Pfahl kommt tatsächlich ganz offiziell in der Bibel vor. Sowohl im Alten Testament als auch im Neuen Testament. Aber was soll die Schlange am Kreuz oder kreuzähnlichem Pfahl bedeuten? Bei genauerer Betrachtung kann man Interessantes auch über das Funktionieren von Religion, die Geschichte und die Erziehung erfahren.

Wo man die Schlange am Kreuz besichtigen kann

Zunächst: Ja, es gibt sie, ganz offiziell: Bilder oder Reliefs mit einer Schlange am Kreuz – meist an einem Pfahl mit Querstange. Sie finden sich zum Beispiel in der Kirche von Odense (Altarbild). Als Teil des Chorgestühls der Kathedrale von Roskilde. In der evangelischen Kirche in Ehningen (Böblingen). Auch in der Schlosskapelle von Schwerin. Die Kirche von Taubenheim (Kreis Meißen) hat sie sogar groß unter der Kanzel, von der gepredigt wird. In Köln und Reims sowie in vielen alten Bibelillustrationen. Recht bekannt ist auch das Gemälde von P.P. Rubens von ca. 1635 mit diesem Thema. Meist hängen die Schlangen dort an einem Pfahl mit Querstange, einem Gabelholz oder T-Kreuz. Diese gelten jedoch in der Tradition der christlichen Symbolik erweitert ebenfalls als Rettungszeichen.1 Die „Schlange am Pfahl“ ist durchaus übertragen als „Schlange am Kreuz“ anzusehen. Auch das möchte der folgende Text darlegen.

Erhöhung der Schlange im Alten Testament

Die erste Hälfte der Erklärung für die Schlange am Kreuz oder Pfahl findet sich im Alten Testament der Bibel. Dort2 wird berichtet, wie das Volk Gottes in seinem Zug durch die Wüste maulig wurde und nörgelte: über den langen Weg, über die schlechte Versorgungslage: kein Brot, kein Wasser, das Essen sei eklig mager… Daraufhin ließ Gott sein Volk von giftigen Schlangen befallen, und viele Leute wurden getötet. Da wurde den Menschen laut Bibel klar, dass sie gesündigt hatten. Einfach dadurch, dass sie sich gegen Gott und gegen ihren Anführer Moses geäußert hätten. Moses, der das Privileg hatte, direkt mit Gott zu reden, sollte diesen fragen, was zu tun sei. Dessen Antwort war, dass er eine eherne (bronzene) Schlange hoch an einem Pfahl errichten solle. Die Gebissenen sollten diese Schlange am Kreuz „anblicken“ , dann würden sie nicht sterben. Was man dann natürlich auch tat.3

Immerhin also sollten sie die Schlange nicht anbeten – das würde ja auch gegen das Erste Gebot verstoßen4 –, aber doch immerhin zu ihr aufblicken. Eine erste Hypothese könnte lauten: Der Anblick dieses abstoßenden Tieres hoch am Pfahl in Kreuzform war offenbar als Sühne gemeint. Zur Strafe für Widerrede gegen Gott und Moses wird man mit dem Tod – hier: tödlichem Schlangenbiss – bedroht. Als Sühne muss man sich unterwerfen und – statt zu Gott? – zur Schlange emporschauen. Das soll im folgenden näher beleuchtet werden.

Kritik und Nörgelei: Schlangen befallen das Volk - Schlange am Kreuz befreit vom Tod
Schlange am Kreuz als Altarbild in der Kathedrale von Odense (Dänemark): Bestrafung durch Schlangen und Erlösung durch die Schlange am kreuzförmigen Pfahl5

Das Erziehungs- und Herrschaftsprinzip

Unglück und Plagen als göttliche Strafe anzusehen, war und ist seit jeher Grundstroff jeglicher Religion. Sie hat ihren Ursprung in der Angst vor nicht beherrschten Gefahren der Natur und der Umwelt. Die giftigen Schlangen erscheinen als Gottesstrafe. Folglich fragen sich die Betroffenen sofort, wofür, und finden fix eine Antwort. Der beschriebene Mechanismus war Jahrhunderte lang Grundlage herkömmlicher christlicher Erziehung: Auf falsches Verhalten folgt die Strafe. An ihr erkennt man, dass man falsch gehandelt habe und sich künftig anders verhalten müsse.

Aktion-Reaktion: Erziehung durch Strafe

Das Prinzip dieser Erziehung ist auch als „Aktion-Reaktion“ bekannt. Die Lehre im vorliegenden Fall scheint klar: Man nörgelt nicht, wenn es einem mal nicht so gut geht, schon gar nicht gegen den göttlichen Ratschluss, sondern hält den Mund. Auch wenn man ihn nicht versteht, so wird Gottes Plan doch immer zum eigenen Besten sein. So war es auch hier: Vor und nach dieser Schlangen-Szene lässt Gott sein Volk wieder einmal dessen Feinde besiegen und erschlagen und ihr Land erobern.6 Entbehrung soll demnach durch Überleben und Sieg belohnt werden, lautet wohl die Schlussfolgerung.

Weltliche Herrschaft als göttliche Macht

Als Führer seines Volkes erscheint Moses zugleich als Vermittler zu dessen Gott. Auch den Widerspruch gegen ihn erkennt das Volk in der Bibelstelle als Sünde. Das ist ebenfalls sozusagen der religiöse Normalfall. Nicht nur die damaligen Pharaonen und fernöstliche Kaiser, sondern auch später der Papst als Oberhaupt der Kirche und von ihm eingesetzte Kaiser, Könige usw.: Sie alle begründeten ihre Herrschaft gegenüber ihrem Volk damit, dass sie Träger, Vermittler und Verkünder eines göttlichen Willens seien. Gegen ihn dürfe das Volk sich nicht auflehnen und folglich auch nicht gegen seine Übermittler. Beiden gegenüber ist Gehorsam geschuldet. Abbild dieser Gesellschaftsordnung im Großen ist nach herkömmlicher kirchlicher Auffassung im Kleinen letztlich die Stellung des Vaters in der Familie. Demnach erscheint der Sinn solcher Schlangen-Abbildungen in den Kirchen recht klar: Die Kirche fordert Gehorsam und Duldsamkeit gegenüber der (gesellschaftlichen und familiären) Obrigkeit ein und droht widrigenfalls drastisch mit göttlicher Strafe. So weit ist die Story von der Schlange am Kreuz sozusagen ein normaler Vorfall zum Thema Religion. Genauer: in ihrer Funktion als Herrschaftsinstrument – im Gegensatz zur Funktion der Religion als Medium der Erkenntnis und Sinngebung7.

Unterwerfung unter die Schlange im Königsdom von Roskilde
Schlangenstrafe und Schlangenanbetung im Dom von Roskilde, wo die dänischen Könige als weltliche Obrigkeit in ihren prachtvollen Grabstätten inszeniert und verehrt werden.8

Jesus und die Schlange am Kreuz (Neues Testament)

Aber das ist eben nur die eine Hälfte der Erklärung von der Schlange am Kreuz. Die andere Hälfte findet sich im Neuen Testament der Bibel. Also in der ausdrücklichen und ausschließlichen Lehre der christlichen Kirche. Und dort wird es richtig befremdlich. Da heißt es nämlich im Evangelium des Johannes9, „Und wie Mose in der Wüste die Schlange erhöht hat, so muss der Menschensohn [Jesus] erhöht werden, auf dass alle, die an ihn glauben, das ewige Leben haben.“

Wie bitte, nochmal genau lesen: Die Schlange, im christlichen Schrifttum Sinnbild der Arglist und Sünde, wird mit Jesus, dem Sohn Gottes, nicht nur verglichen, sondern Jesus soll gleichermaßen wie die Schlange „erhöht“ werden? Will im letzten Halbsatz sagen, „Wer zur Schlange aufblickt, entgeht dem Tode, und ebenso auch, wer zu Jesus aufsieht, erhält das ewige Leben“? Und nebenbei: Beim Teilsatz davor muss man sich auch schon mal fragen, ob die Todesfolter durch Kreuzigung für den Betroffenen wirklich als „Erhöhung“ zu verstehen ist. Und nicht als – wenn auch möglicherweise religiös notwendiges – Erleiden.

Spätestens hier, im neuen Testament, wird die Erlösung von einer bestimmten Plage, den Schlangen, ausdrücklich zum Sinnbild der allgemeinen, religiösen Erlösung von der Todesangst. Im Umkehrschluss erweist sich der Schlangenbefall eindeutig nicht mehr einfach als eine Plage der Natur oder auch begrenzte Strafaktion, wie sie manchmal halt so vorkommt, sondern als Sinnbild für göttliche Strafe. Todes-Strafe und Todes-Erlösung als Teile des göttlichen Vorgehens, dargestellt in der Verbindung von Schlange und Gottessohn.

Uuhps, ist die christliche Religion vielleicht doch Vielgötterei?

Eine wie Jesus erhöhte Schlange? Oder sogar Jesus erhöht wie die Schlange? Am einfachsten scheint die Sache auf den ersten Blick für den naiv gläubigen braven Moslem zu sein. Ihm schwante schon lange, dass diese Christen eigentlich doch keine richtig Gläubigen sind, die nur einen Gott haben. Sondern insgeheim, verdeckt, mehrere Gottheiten anbeten wie andere Ungläubige auch: Vater, Sohn, Heiliger Geist (keiner weiß genau, wer oder was das sein soll), Jungfrau Maria, diverse Heilige… und jetzt eben auch noch eine Schlange. Kein Wunder! Diese merkwürdigen Christen schrecken doch noch nicht einmal davor zurück, ein blutiges, fast nacktes Folteropfer riesengroß öffentlich zur Schau zu stellen und anzubeten. Und zwar ausgerechnet in ihrer Kirche, dem Ort, wo sie zum innigen, unabgelenkten Zwiegespräch mit dem Allmächtigen Gott finden sollen!

Achtung, liebe:r Leser:in, das war eine klischeehafte Überzeichnung zur Veranschaulichung. Nicht nur gebildete Christen, sondern auch viele kluge Moslems über dem Niveau einer bayrischen Dorfkirche des vorigen Jahrhunderts (sorry, nochmal Klischee/Überzeichnung) wissen jene Dreifaltigkeit sehr wohl zu deuten und zu erklären. Andere weisen darauf hin, dass es sich dabei – und beim Marienkult – vermutlich wirklich um eine versöhnende Angleichung an die populären göttlichen Dreifaltigkeiten in vorchristlichen Religionen handeln könnte. Diese verkörperten die Grundelemente vieler Religionen: Entstehen, Vergehen und Ewigkeit. Bis etwa zum 12. Jh. wurde die Schlangen-Legende und ihre bildhafte Darstellung im Christentum auch eher vermieden.10 – Diese „Erhöhung“ einer nicht-göttlichen Figur, einer Schlange gar, schien im frühen Christentum eher befremdlich. Und man wollte sich bei Freund und Feind eben nicht dem Missverständnis der Schlangen-Anbetung aussetzen.

Schwierigkeiten bei der Erklärung der am Kreuz erhöhten Schlange

Für Christen, die ihren Glauben genau erforschen wollen, ist die Deutung der am Kreuz oder am kreuzförmigen Pfahl erhöhten Schlange und vor allem ihre Verbindung zu Jesus wirklich nicht ganz so einfach. Im christlichen Schrifttum hat die Schlange bekanntlich einen ziemlich schlechten Ruf.11 Sie ist in der christlichen Lehre zwar klug, mitunter gar das klügste Tier überhaupt, aber auch listig und gar ungehorsam. Die Schlange verführt im Paradies die Menschen dazu, vom Baum der Erkenntnis über Gut und Böse zu essen. Das aber hatte Gott ausdrücklich verboten. Der verflucht die Schlange daher zur ewigen Feindschaft mit dem Menschen und dazu, fortan im Staub zu kriechen. Und wirklich kann man in einigen Kirchen auch Bilder finden, wo die Schlange vor bzw. während der Verführung noch vier Füße hat. Die Strafreaktion erfolgt ja erst nach der Tat.

Schlang vor dem Sündenfall: Klug, aber ungehorsam. Noch hat sie Beine, bis sie von Gott verdammt wird.
Schlange vor Sündenfall und Verfluchung
(Hugo van der Goes, ca. 1470)

Um so spannender bleibt die Frage, warum jene Parallele zwischen der Erhöhung der Schlange und der Erhöhung von Jesus am Kreuz im Neuen Testament gezogen wurde. In einem per Google leider nicht mehr auffindbaren Chat im Umkreis der katholischen Kirche stellt ein offenbar junger Christ fast verzweifelt diese Frage: Wie kann man Gottes Sohn mit der sündigen Schlange vergleichen? Wenn es ein „frommes“ Tier gewesen wäre, etwa ein Lamm, könne er das vielleicht nachvollziehen, aber eine eklige, von Gott verfluchte Schlange?

Die kirchenväterliche Antwort beginnt mit dem Satz „Deine Frage zeigt, dass Du nicht genügend nachgedacht hast“. Das ist die Allzweckwaffe aller Autoritäten: Wenn du an meiner/unserer Wahrheit zu zweifeln wagst, kann das nur an dir liegen; es liegt keinesfalls an meiner/unserer Verkündung. Du warst nicht willens oder nicht fähig genug, um ausreichend richtig, klug usw. zu denken. Mithin liegt das Problem bei dir, nicht bei mir und meiner Lehre. Wir haben hier sozusagen eine subtilere Form von Aktion-Reaktion vorliegen: Zweifelnde Fragen sind grundsätzlich zu unterlassen, sonst folgt Tadel.

Im Chat folgt sodann etwas umständlich eine Variante der in den christlichen Äußerungen allgemein vorherrschenden Deutung. Jesus habe bei seiner Kreuzigung bekanntlich die Sünden der Menschheit auf sich genommen und sei daher für sie büßend gestorben. Die Schlange versinnbildliche jene Sünde, die durch die Übernahme von Jesus gleichsam gereinigt und damit erhöht werde.

Weiterführende Fragen

Offene Fragen zur Sünde

Auch diese Deutung lässt natürlich noch etliche Fragen offen, wenn sie denn gestattet sind. Offen bleibt dabei z.B. weiterhin, warum die Erhöhung Jesu sich ausgerechnet die alttestamentarische Schlangen-Erhöhung zum Vorbild genommen hätte. Schließlich hätte es ja vielleicht auch noch andere Beispiele und Symbole für die Sünde gegeben. Zumindest rückt dadurch als exemplarisches Beispiel für „Sünde“ die murrend aufkommende Kritik gegen Gottes Ratschluss in den Mittelpunkt der Betrachtung, nicht aber handfeste Taten, wie etwa das Erschlagen von Feinden und anderen Menschen.

Der vorliegende Artikel kann keine vollständige Darlegung des christlichen Glaubens in allen seinen Varianten bieten und daher auch nicht allen sich daraus ergebenden Einzelfragen nachgehen.12 Hier ist selber weiterforschen angesagt. Interessante Leitfragen im theologischen Sinne könnten dabei sein:

  • Wieso der Tod – der eigene oder der stellvertretende von Jesus – eine Sünde ausgleichen soll, statt zum Beispiel Wiedergutmachung durch gute Taten. Der Sühne-Tod als solcher macht die Welt nicht besser.
  • Inwieweit die Menschen ihre zu sühnenden Sünden selbst und selbstverantwortlich verschuldet haben. Ob die Existenz der Sünde nicht vielmehr ebenfalls Teil des allumfassenden göttlichen Plans ist. Ohne Sünde wäre er ja nicht allumfassend, Gott nicht allmächtig. Das heißt auch, inwieweit die Menschen in der christlichen Religion überhaupt die Chance hätten, nicht zu sündigen.
  • Warum es – trotz eventueller „Erbsünde“ oder von Gott vorgesehener Sünde – nötig ist, dass Jesus sich opfert, um die Sünde gegenüber Gott zu tilgen. Braucht Gott das? Er hat auch diese Schuldentilgungsaktion mittels seines Sohnes ja selbst geplant und umgesetzt. Oder brauchen etwa nur seine Kirche und die sie vertretenden Obrigkeiten das ewig währende Schuldgefühl, das permanent schlechte Gewissen, zum Gehorsam?
Moses erhöht die Schlange, das Volk soll zu ihr aufblicken, um dem Tod - Gottes Strafe - zu entkommen
Schlange am Pfahl: Der Führer des Volkes, Moses, erhöht seine eherne Schlange. Das Volk soll zu ihr aufblicken, um der Strafe für seine Unbotmäßigkeit zu entgehen und erlöst zu werden. Hier ohne Kreuz-Symbolik, aber ansonsten politisch um so gruseliger13

Die Kritik von Giordano Bruno

Der außerordentlich scharfsinnige Theologe, Philosoph und Wissenschaftler Giordano Bruno hat im 16. Jahrhundert eine Szene geschrieben14, in der die (griechischen) Götter sich darüber beraten, dass die Menschen mal wieder herzlich schlecht, sündig, geworden seien. Einer aus der göttlichen Versammlung schlägt vor, einen Sohn von ihnen auf die Erde zu schicken. Die anderen Götter wenden ein: „Ach ja? Und weil der dann ein paar Kunststückchen vollbringt wie Wasser in Wein verwandeln, Blinde sehend machen, Lahme gehend usw. und sagt, was wir schon immer gesagt haben – davon sollen die Menschen dann besser werden?“ Und sie verwerfen die Idee nach kurzer Diskussion als untauglich. Giordano Bruno meinte, dass derlei Jesus-Wundergeschichten nur von den wirklich wichtigen Fragen des Glaubens ablenkten. Die katholische Kirche aber fand das nicht witzig. Nicht zuletzt wegen dieser Szene wurde Giordano Bruno im Jahr 1600 lebendig auf dem Scheiterhaufen verbrannt.15 – Aktion-Reaktion halt.

Religionskritik der Moderne: Ludwig Feuerbach

In der Moderne nimmt die Kritik an der Religion und ihren Normen grundsätzlichen Charakter an. Einer ihrer herausragenden Vertreter war Ludwig Feuerbach im 19. Jh.16 Für ihn ist der Mensch in Sachen Moral, richtiges und falsches Handeln auf sich selbst gestellt. Das ist für ihn nicht eine Frage der Sünde gegenüber einer Gottheit und deren Regeln, sondern der dem Menschen eigenen Humanität: „Wo aber der Mensch den Grund seiner Humanität außer sich hat in einem, wenigstens seiner Vorstellung nach, nicht menschlichen Wesen [also einem Gott], wo er also aus nicht menschlichen, [sondern] aus religiösen Gründen menschlich ist, da ist er eben auch noch kein wahrhaft menschliches, humanes Wesen.“ Mit anderen Worten: Feuerbach lehnt es ab, dass man die Richtschnur richtigen Handelns mittels Sünde, Strafe und schlechtem Gewissen an eine Gottheit outsourct. Zumal seiner Meinung nach der Mensch sich die göttliche Instanz eben wesentlich zu diesem Zweck selbst erdacht habe: Gott als gedankliches Konstrukt, in dem der Mensch seine menschliche Natur als gesonderte sich vorstellt, indem er sie zum göttlichen Wesen erhöht. Jene rätselhafte Erhöhung der Schlange und die Erhöhung des „Menschensohns“ erscheinen in diesem Licht als Elemente dieses ideellen Produkts. Wenn man eine solche Absonderung einer göttlichen Instanz als bloßes Konstrukt ablehnt, bezieht sich das natürlich auch auf göttliche Strafen (z.B. durch Schlangen), auf eine Unterwerfung unter einen göttlichen Willen (symbolisch z.B. unter eine eherne Schlange) und auf die Notwendigkeit einer Erlösung von der Sünde (etwa durch einen am Kreuz erhöhten Heiland).

Der Mensch ist selbst verantwortlich. – Nicht um moralisch beliebig ein Schwein zu sein, sondern um aus sich selbst heraus und in sich das Richtige zu finden: „Ich bin nur dann Mensch, wenn ich aus mir selbst das Menschliche tue, wenn ich die Humanität als die notwendige Bestimmung meiner Natur… erkenne und ausübe.“17 Feuerbach ist in seiner philosophischen Tradition überzeugt, dass die Humanität, das moralisch richtige Handeln, gleichsam in der Natur des Menschen selbst begründet sei.18 Jedenfalls lässt sich die Suche danach weder an eine Gottheit noch gar an eine Kirche delegieren. Das heißt auch: Eine Drohung durch göttliche Strafe und ein schlechtes Gewissen gegenüber einem Gott sind damit als Mittel der Lenkung und Erziehung hinfällig.

Alttestamentarisches Erziehungsprinzip im Wandel

Klassisches Erziehungsideal

Zur Zeit der Entstehung des Christentums war das alttestamentarische Prinzip Aktion-Reaktion, Gehorsam und Strafe, keineswegs vorherrschend. Die Erziehung der griechischen Jugendlichen etwa setzte in den verschiedenen Schulen Athens eher auf personale Bindung mit Vorbildwirkung, Belehrung über das Gute-Wahre-Schöne, dialektische Durcharbeitung von Widersprüchen und auf die Ermutigung, Fragen zu stellen.19 Diese Prinzipien wurden im Römischen Reich übernommen, das zur Zeit von Jesus Westeuropa und den Orient beherrschte. Allerdings beruhte die Gesellschaftsordnung in Griechenland und dem Römischen Reich auf Sklavenwirtschaft. In ihr bezog sich eine planvolle Erziehung faktisch nur auf die männlichen Sprösslinge der herrschenden Klassen (Adlige, reiche Kaufleute und aus ihren Reihen stammende Politiker)20, die frei von jeglicher Notwendigkeit zur Arbeitsdisziplinierung waren.

Schlangensymbol und Erziehung in der geschichtlichen Entwicklung

In späteren Jahrhunderten, als das Christentum Staatsreligion in den europäischen Reichen geworden war, galt hingegen das alttestamentarische Ideal von Folgsamkeit und Strafe zunehmend unbeschränkt. Insbesondere im aufkommenden Industrialismus wurde es zum herrschenden, die gesamte Gesellschaft durchdringenden Prinzip. Damals mussten zunächst auch Erwachsene mittels Arbeitshäusern an die Disziplin durchstrukturierter, arbeitsteiliger Fertigungsprozesse gewöhnt werden. Und nachfolgend bestimmten in den europäischen Nationalstaaten sowohl die maschinendominierte Industriefertigung die Produktion als auch die allgemeine militärische Mobilisierung die Staatsstrukturen und begründeten Befehl und Gehorsam als alles durchdringende Basis der Gesellschaft.

Durchsetzung der Schlange-Kreuz-Symbolik

Die Abbildung der ehernen Schlange hat geschichtlich eine analoge Entwicklung genommen: Zunächst, im Frühchristentum, herrschte generell eine ablehnende Haltung zur Abbildung des Schlangensymbols bzw. der Schlangen-Szene vor. Dann aber nahm die Darstellung der erhöhten Schlange mit dem Erstarken mittelalterlich feudaler, christlich begründeter Herrschaftsstrukturen im 12. bis 14. Jahrhundert zu. Etwa im 16. Jahrhundert, am Vorabend der Industriegesellschaft und des Kampfes der europäischen Königreiche um die Vorherrschaft, wurde dann auch die explizite Symbolik des T-Kreuzes oder Gabelkreuzes mit Schlange vorherrschend.21 Die Kombination von Unterwerfung mit Schrecken (durch Aufblicken zur Schlange) und allgemeiner Erlösung (durch die erweiterte Kreuz-Symbolik) verlor gleichsam ihre theologischen Skrupel.

Unterwerfung und Fortschritt im Widerstreit

Im ausgehenden 19. und im 20. Jahrhundert gewann in den führenden Industrienationen jedoch die Erkenntnis an Boden, dass technische Erfindungen, Innovation und Problemlösung zum entscheidenden Motor für wirtschaftliche Überlegenheit wurden. Auch die Kriege wurden zunehmend durch technische Mittel wie Panzer und Flugzeuge entschieden. Dieser technische Fortschritt wurde insbesondere durch das Bürgertum mit seinen Ingenieuren, Erfindern und globalen Kaufleuten vorangetrieben. Besonders in deren Gymnasien gab es seit dieser Zeit wiederholt reformpädagogische Ansätze. Sie stellten jenes Erziehungs- und Lenkungsprinzip von Gehorsam und Strafe immer wieder in Frage.22 Erst diese reformpädagogischen Ansätze stellten wieder das individuelle Fördern von Neigungen und Interessen in den Vordergrund. Wissen, Verstehen und Intelligenz gewannen an Gewicht gegenüber der Reproduktion von Fakten und Lehrsätzen und der Unterwerfung unter Autoritäten. Als harter Kern von „Aktion-Reaktion“ war jedoch die Prügelstrafe, die „körperliche Züchtigung“, weiterhin bis über die 1960er Jahre hinaus in allen Schichten gegenwärtig. Sie wurde in Haus, Schule und betrieblicher Ausbildung als Mittel der Erziehung für unumgänglich und notwendig angesehen.23 Erst vor 20 Jahren, mit dem Durchbruch der postindustriellen Informationsgesellschaft, fast 100 Jahre nach dem Aufkommen der Reformpädagogik, wird das Schlagen von Kindern zu einem Straftatbestand24.

Erhöhung der Schlange im Krieg
Reliefbild in der evangelischen Kirche Ehningen,25 entstanden vermutlich während des Dreißigjährigen Krieges. In ihm ging es vorgeblich um die richtige (christliche) Religion. Dabei wurde der Krieg als Geschäftsmodell systematisiert.26 Im Hintergrund sieht man links Zelte (Heerlager?), rechts eine Burg/Festungsanlage.

Entstehung des Christentums und historische Bedingungen

Jesus lebte in Judäa, einer wie üblich teilautonom regierten Provinz des Römischen Reichs im heutigen Nahen Osten, vertreten durch dessen „Statthalter“. Etwas weniger religiös verklärt kann man die Kreuzigung Christi auch als Hinrichtung eines Rebellen verstehen, der die staatliche Ordnung in Frage stellte, beginnend mit der Autorität der regional herrschenden Priesterkaste. Der gegen soziale Hierarchie, für die Gleichheit aller Menschen aus allen sozialen Stellungen – von Paulus bis zur Prostituierten – auftrat. Er wies darauf hin, dass Gewalt (das Schwert) wieder Gewalt hervorbringt27, und trat für eine pazifistische Grundhaltung ein. Das reichte. Insbesondere für die regionalen Herrschaftsstrukturen und ihre Vertreter, die „Priester und Schriftgelehrten“, die sich ernsthaft bedroht fühlten. Sie wussten, im Gegensatz zur religiös eher pragmatisch-oberflächlich ausgerichteten römischen Herangehensweise, um die potenzielle Kraft der Religion. Nicht nur ihre, sondern vordem auch die Macht der ägyptischen Pharaonen hatte auf religiöser Grundlage beruht und war mit ihr gebröckelt.

Kosmopolitische Grundgedanken…

Zudem forderte die Lehre des Jesus nicht nur die Einhaltung von oft formell gewordenen Regeln ein, sondern eine empathische, von Mitgefühl geleitete Grundhaltung zu allen Menschen. Und zwar unabhängig von Stand, Stammesherkunft oder Sprache. Sie richtete sich damit auch nicht begrenzt an eine bestimmte Volksgruppe oder ein bestimmtes Staatsvolk. Damit war das Christentum – vom ursprünglichen Grundgedanken her – die erste Religion28, die die innere Einheit ihrer Religionsgemeinschaft oder auch der eigenen staatlichen Organisation nicht durch Abgrenzung herstellen sollte. Nicht dadurch, dass sie sich feindlich zu einer Außenwelt der anderen, Nichtzugehörigen bzw. Nichtgläubigen definierte, sondern durch alle Grenzen überschreitende Liebe. Mithin kann man diesen Aramäer Jesus (in dessen Muttersprache das Wort für Gott übrigens „Allah“ lautet) in unserem Kulturkreis als ersten Stifter einer vom Anspruch her völkerübergreifenden Weltreligion ansehen.

… und ihr realgeschichtlicher Hintergrund

Das ist kein Zufall, sondern gründet sich auf gesellschaftlichen Wandel. Genauer: auf die Herausbildung großer, zentralisierter, einheitlich verwalteter Reiche. Zum einen gab es diese Entwicklung im alten Ägypten mit der Stärkung des Pharao gegenüber der Priesterkaste, die die verschiedenen Gottheiten im Lande behütete. Daraus entstand die Tendenz zum Monotheismus (Glaube an nur einen Gott), auch über die jüdische Glaubensgemeinschaft hinaus.

Zum anderen im nachfolgenden Römischen Reich. Das Römische Reich ist in unserem Kulturkreis wohl der erste gelungene Versuch, nicht nur mehrere Stämme zu einem Verbund zusammenzuschließen, sondern (natürlich, wie bis heute üblich, meist unter Gewaltanwendung) sogar eine völker-, kultur- und sprachübergreifende Staatsorganisation mit regionaler Differenzierung zu schaffen. Von Britannien über Germanien und Spanien bis nach Nordafrika und den Nahen Osten! In heutigen Kategorien 29 ausgedrückt: so etwas wie einen internationalen Staat. Auch Paulus berief sich bekanntlich bei seiner Verhaftung darauf, römischer Bürger zu sein und wollte damit, unabhängig von seiner „Nationalität“, nach einheitlich römischem Recht behandelt werden.30

Vertane Chance?

Zunächst fand die christliche Lehre mit ihrer Botschaft der herkunfts-unabhängigen, übergreifenden Gleichheit und Nächstenliebe (ähnlich dem Buddhismus) Zulauf vor allem bei den sozial Benachteiligten. Überregional verbreitete sie sich besonders stark unter Sklaven, aber auch freien Frauen. Entsprechend wurde sie im Reich bekämpft, ihre Anhänger verfolgt und getötet. Erst Jahrhunderte später entdeckte man den Nutzen, wenn man jene Religion als Staatsreligion vereinnahmte. In der Folge setzte sich nicht nur das Prinzip Aktion-Reaktion in Erziehung und Umgang mit der Bevölkerung entfesselt durch. Vielmehr wurden im Namen Christi bekanntlich unzählige Kriege gegen den jeweils äußeren, selbstverständlich ungläubigen Feind geführt und so die Welt erobert. Zur dazu notwendigen Disziplinierung der Eroberer und der Eroberten mag die Drohung mit der Schlange am Kreuz einen Beitrag geleistet haben.

Königsdom Roskilde: Eine Frau wird erschlagen. Bekämpft die Midianiter!
Noch einmal aus der Königs-Verehrungs-Kirche Roskilde (Chorgestühl): Pinehas erschlägt eine Midianiterin wegen Verführung. Der dazu gehörige Gottesbefehl lautet: „Bekämpft die Midianiter und schlagt sie!“31 Den Frauen des Volksstammes der Midianiter wurde unterstellt, dass sie durch sexuelle Annäherung die Kampfmoral des Gottesvolkes untergraben wollten. Eine solche pazifistische Fraternisierung konnte natürlich nicht zugelassen werden.32

Erläuterungen, Quellen und weiterführende Links

  1. Siehe unten. Dabei bleibt das christliche Kreuz in seiner „Originalversion“ natürlich stets ehrfürchtig Christus selbst vorbehalten
  2. Fundstelle im Alten Testament (Fassung Lutherbibel): 4. Mose 21, 14-15
  3. Die offizielle Interpretation dieser Bibelstelle im Alten Testament findest du unter anderem in „Bibel verstehen
  4. Die Zehn Gebote in angemessen modernem Wortlaut findest du auf der Website „Jugendopposition in der DDR“, Die zehn Gebote des Alten Testaments
  5. Eines von vier Bildern an der Frontseite (Stipes) des Hauptaltars, unter dem dreiflügeligen Altaraufsatz. Ort: St. Knuds-Kirche, Odense (Dänemark), .
  6. Solche Szenen gibt es zahlreich im Alten Testament. Viele dieser Kriegsschilderungen sind so brutal, dass sie, verfilmt, heutzutage umgehend auf dem Index für Jugendgefährdung landen dürften. Siehe als Beispiel auch das letzte Bild des vorliegenden Artikels, „Bekämpft die Midianiter und schlagt sie!“
  7. Zur Funktion der Religion für Erkenntnis und Sinngebung gibt es hier auf COSMIQ mehrere Artikel. Z.B. Warum gibt es Religionen: https://www.cosmiq.de/qa/show/1652541/Warum-gibt-es-Religionen/. Und zum Thema Religion und Weltanschauung: https://www.cosmiq.de/qa/show/3634142/Der-Islam-ist-unserer-Weltanschauung-sehr-aehnlich/
  8. Roskilde ist die ehemalige Hauptstadt Dänemarks. In seiner Kirche befinden sich die aufwändigen Grabstätten der dänischen Könige. Diese erheischen bei ihren Besuchern auch heute noch häufig mehr Aufmerksamkeit und Bewunderung als die religiösen Darstellungen um sie herum. Ein Beispiel dafür, wie Religion nachgerade zur Kulisse und Mittel der weltlichen Macht-Inszenierung werden kann. Das Bild ist dort Teil des Chorgestühls von 1420.
  9. Fundstelle: Joh 3, 14.15
  10. Mehr dazu im letzten Abschnitt. Zur Umgehung der Schlangen-Legende und des Schlangen-Gleichnisses im frühen Christentum siehe: Ursula Diehl, Diss. 1956.
  11. Zur Rolle der Schlange in der Bibel findet sich ein Überblick in „Bibelwissenschaft
  12. Es gibt eine Vielzahl von oft ähnlichen Auslegungen auch für die Schlangen-Erhöhung, die aber in bezug auf die Frage auch nicht durchweg erhellend sind. Ein fast willkürlich herausgegriffenes Beispiel für eine Auslegung mit aktuellem Bezug bietet etwa die Pfarrei der Erlöserkirche Bamberg, Mai 2020
  13. Die Herkunft des Bildes ist unbekannt. Unter anderem findet sie sich ausgerechnet in der offiziösen Website „Bibel verstehen
  14. Diese Szene von Giordano Bruno findet man in der spannenden Rowohlt-Monografie von Jochen Kirchhoff, Giordano Bruno, Reinbek 1980. Einen Einstieg zu diesem Buch und zu der noch immer unterschätzten, weil zu allen Autoritäten nicht-konformen historischen Person bietet ein Artikel von dessen Autor im Spiegel-Print-Archiv.
  15. Die mildere Variante dieser Strafe war, dass der Henker das Opfer kurz vor dem Anzünden der Flammen erwürgte. Diese „Gnade“ wurde Giordano Bruno ausdrücklich nicht gewährt
  16. Eine zusammenfassende Darstellung der Feuerbach’schen Philosophie und Religionskritik findest du z.B. auf der Philosophie-Plattform Narabo
  17. Die beiden letzten Zitate bilden eine zusammenhängende Passage bei: Ludwig Feuerbach, Vorlesungen über das Wesen der Religion, Berlin 1981, S. 240. Das Zitat ist aus dem Artikel „Menschenbilder der Moderne“ übernommen – einem außerordentlich klaren und klugen Text zu seinem und auch dem vorliegenden Thema: Aydın Süer, Menschenbilder der Moderne bei bpb.de, Lizenz CC BY-NC-ND 3.0 DE — sehr zu empfehlen!
  18. Die Überzeugung Feuerbachs, dass die Humanität in der menschlichen Natur selbst liege, entstammt seiner Verwurzelung in der idealistischen Philosophie von Platon bis Hegel. Der jungen Marx hat sie, um „mit seinem [eigenen] ehemaligen philosophischen Gewissen abzurechnen“ zur „Selbstverständigung“ (MEW 13, S.10) zusammen mit Engels einer umfassenden Kritik unterzogen (MEW 3, S. 9ff.). Zuvor hatte er 10 knackige Thesen über Feuerbach für sich selbst seinem Notizbuch anvertraut (MEW 3, S. 5ff. Link: Feuerbachthesen OF). Ein wie immer geartetes allgemein menschliches Wesen, eine allgemeine Natur des Menschen, „der Mensch“ als solcher, ist für Marx eine idealistische Fiktion. Für ihn gibt es nur konkrete Individuen, die aus jeweils konkreten historischen Situationen und sozialen Gegebenheiten heraus handeln.
  19. Das klassisch griechische Erziehungsideal wird deutlich in den von Platon aufgezeichneten Dialogen des Sokrates und bei Platons Schüler Aristoteles. Deren umfassende Darstellung findest du z.B. erhellend im Buch von Bertrand Russell, Philosophie des Abendlandes, 2. Auflage Zürich 2009
  20. Der römische Patrizier ließ dabei seine Sprösslinge bevorzugt von gebildeten griechischen Sklaven unterrichten
  21. Ausführlich dargestellt in der bereits angeführten Dissertation von Ursula Diehl, Die Darstellung der ehernen Schlange von ihren Anfängen bis zum Ende des Mittelalters, Diss. 1956. Hier findet sich auch eine differenzierte Beschreibung der verschiedenen kreuzähnlichen „Pfähle“ und ihr jeweiliger Bezug zur christlichen Symbolik
  22. Eine wunderschöne Auseinandersetzung mit dem Erziehungsprinzip „Aktion-Reaktion“ bietet unter anderem der französische Spielfilm „Die Kinder des Monsieur Mathieu“. Die Folgen dieses Prinzips in Familie und Gesellschaft veranschaulicht der vielfach preisgekrönte deutsche Spielfilm „Das weiße Band“ von Michael Hanecke
  23. Noch 1966 konnten Heranwachsende über ihre bevorstehende Ausbildungszeit lesen, „Man ist [als Lehrling] weitaus der Jüngste im Betrieb, und alle haben das Recht, (ihm zu befehlen). Und wenn er nicht sofort springt, gibt es unter Umständen sogar eine Ohrfeige.“– „Den … Lehrmädchen … geht es übrigens auch nicht viel besser. Höchstens im Hinblick auf die Ohrfeigen. Mädchen zu schlagen … geschieht … sehr viel seltener.“ Diese Einschränkung dient als Überleitung zur anschließenden Ermahnung an die Buben, keine Mädchen zu schlagen, weil dies „ja ausgesprochen unfein“ sei. Die Textpassage stammt aus dem damals mit 20 Auflagen maßgeblichen Aufklärungs-Buch für Jugendliche, „Woher kommen die kleinen Buben und Mädchen“ von Kurt Seelmann (S.18f.). Der Autor war anerkannter Erziehungsberater, Psychotherapeut und Lehrer/Schuldirektor. Er und sein Buch galten seinerzeit als ausgesprochen „progressiv“.
  24. Zum Verbot der „körperlichen Züchtigung“ im November 2000 siehe https://www.juraforum.de/lexikon/elterliches-zuechtigungsrecht
  25. Das Reliefbild findet sich mit Erläuterung auf einer auch sonst kirchenhistorisch interessanten Website jener Kirche von Ehningen
  26. Unter dem Mantel des Religionsstreits ging es im Dreißigjährigen Krieg zwischen den verschiedenen Königshäusern realiter eher um die Vorherrschaft in Europa, bzw. im Ergebnis um dessen Aufteilung in Einflusszonen. Dabei wurde der Krieg als Geschäftsmodell systematisiert: Refinanzierung des Krieges durch Eroberung und Plünderung. Die Truppe ernährte sich selbst. So konnten auch größere Söldnerheere über längere Zeit unterhalten werden. Systematisch pressten die Truppen den örtlichen Einwohnern Geld/Wertgegenstände für die Ausrüstung sowie Nahrungsmittel/Ernte-Erträge für die Truppen-Ernährung ab. Gewalt gegen die Zivilbevölkerung wurde so zum unabdingbaren Bestandteil der Kriegsstrategie. Als Protagonist dieses Systems kann Wallenstein gelten. Das Modell findet auch heutzutage wieder vielerlei Anwendung. Denn dadurch können auch regionale Kriege mit geringem Anfangskapital länger und mit größeren materiellen und menschlichen Ressourcen geführt werden – bis nichts mehr zum Plündern da ist. Zugleich bietet das Modell ein materielles Anreizsystem vor allem für Warlords bzw. Armeeführer (ehedem „Feldherren“). Damit können die Herrscher und Nutznießer selbst im Hintergrund bleiben und jenen Truppenführern die Durchführung und das Risiko des Kriegs überlassen. Zuvor, im Mittelalter hingegen, war der Tod auf dem Schlachtfeld für Könige noch ein statistisch relevantes Berufsrisiko.
  27. Matthäus 26 : 52: „Wer das Schwert nimmt, wird durch das Schwert umkommen“. Aktuelle Bezugnahmen dazu findest du u. a. auf der Sprichwort-Plattform.
  28. genauer: zusammen mit dem ideengeschichtlich verwandten Buddhismus
  29. besser gesagt, den Kategorien des 18. bis 20. Jahrhunderts: damals galt „Nation“ als Leitbegriff, entgegen aller Herkunft und Zusammensetzung der meisten Staaten.
  30. „civis Romanus sum“/ „Ich bin römischer Bürger“. Das brachte dem jüdischen Organisator der christlichen Kirche letztlich immerhin die relativ humane Todesstrafe durch das Schwert ein, statt wie Jesus qualvoll gekreuzigt zu werden. Später wurden Christen – unabhängig von ihrer „Nation“ – im Rahmen ihrer Verfolgung in Rom auch bevorzugt im Zirkus von Löwen zerrissen. Oder sie dienten, wie unter Nero, dem Kaiser als lebende Fackel. Weiterführend zum Römischen Bürgerrecht siehe https://de.wikipedia.org/wiki/Civis_romanus_sum
  31. Nein, diese göttliche Aufforderung zu Terror und Krieg stammt nicht aus dem Koran, sondern aus dem Alten Testament: 4. Mose 25. Dabei gilt das Totschlagen ausgerechnet mit einem Schweinekiefer im Alten Testament übrigens als besonders herabwürdigend für das Opfer. Dass die Männer des Gottesvolkes auch Frauen anderer Stämme im Krieg töteten, ist im Alten Testament nicht einzigartig oder besonders verachtenswert.
  32. ebenda. Dort wird das Vorgehen der midianitischen Frauen in Verallgemeinerung eines Einzelfalls als planvolles, anfänglich durchaus erfolgreiches Handeln dargestellt, das den kriegerischen Gegenschlag erforderlich mache.
    Das erinnert uns an die antike griechischen Komödie „Lysistrata“ von Aristophanes. Denn dort verfolgen die Frauen dasselbe Ziel, aber mit genau entgegengesetzter Taktik. Das Stück wurde 411 v.Chr. uraufgeführt. Das war im zwanzigsten(!) Jahr des Pelopponesischen Krieges zwischen Athen und Sparta um die Vorherrschaft in Griechenland. Nach entsprechender Agitation durch die Athenerin Lysistrata (zu Deutsch etwa: die „Heereslöserin“) verschwören sich die Frauen Athens und Spartas zu einem Ehe-Generalstreik – genauer: zur sexuellen Totalverweigerung. Trotz mitunter quälenden Verlangens ziehen sie solidarisch die Aktion durch, bis die ebenfalls triebgeplagten Männer schließlich einlenken und mit dem Quatsch des Kriegmachens aufhören. Aristophanes war damals, im 5. Jh. vor Chr., populärer als in den 1960ern etwa die Marx Brothers, Woody Allan und Monty Python zusammen. Seine (ausschließlich männlichen) Zuschauer sollen sich im Theater regelmäßig vor Lachen am Boden gewälzt haben. Aber er bekam nie den ersten Preis bei den jährlichen Theaterfestspielen: Es gab immer zu viele wichtige Leute, die sich angegriffen fühlten und seine Stücke überhaupt nicht witzig fanden.
    1961 gab es eine aktualisierte Film-Fassung der „Lysistrata“ für das Deutsche Fernsehen von Fritz Kortner. Deren TV-Ausstrahlung wurde aber zunächst von mehreren CDU-geführten Bundesländern abgelehnt, weil das Stück das „sittliche Empfinden der Bevölkerung“ verletze. Schließlich, nach vielen Diskussionen und Bearbeitungen, wurde die Komödie dann doch in fast allen Dritten Programmen der ARD gesendet, vom Bayrischen Rundfunk (BR) jedoch nicht. Den aktuellen politischen Hintergrund bildeten damals Bestrebungen der Regierung Adenauer, die Bundesrepublik Deutschland atomar aufzurüsten. Erst gut 4 Jahre zuvor war, entgegen allen Schwüren nach Ende des 2. Weltkriegs, die Bundeswehr gegründet und die allgemeine Wehrpflicht wieder eingeführt worden.